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Klub Zwei

Jo Schmeiser und Simone Bader arbeiten seit 1992 als Künstlerinnenkollektiv zu aktuellen gesellschaftspolitischen Themen. Neben der Reflexion medialer Darstellungsweisen geht es ihnen auch um eine egalitäre Zusammenarbeit mit politischen MigrantInnen und das gemeinsame Herstellen kritischer Öffentlichkeiten. Ihre Arbeit zu den Nachwirkungen des Nazismus in der Gegenwart findet sich z.B. in ihren Dokumentarfilmen.

Since 1992 Klub Zwei – Simone Bader and Jo Schmeiser – has been working at the interface of art, film and new media. Our main fields of interest are socio-political issues and how they are portrayed. Our work centres on critiquing dominant modes of representation and developing new ways of presenting them. The potential for social change also lies in its images. Our further interests are critically assessing structures and engaging in egalitarian co-operations among women with different backgrounds, histories and life concepts.

www.klubzwei.at
http://dok.at/person/klub-zwei-simone-bader-jo-schmeiser/
www.sixpackfilm.com/de/catalogue/filmmaker/3515

Arbeiten an der Öffentlichkeit

Radikalen „Eigensinn“ sichtbar machen

Anfang der 2000er Jahre führten Klub Zwei eine Reihe von Kunstprojekten im öffentlichen Raum durch, die wir in Zusammenarbeit mit politischen Migrantinnen*1 *(1) konzipiert hatten. Allen voran war und ist die feministische Organisation maiz, das autonome Zentrum von und für Migrantinnen in Linz, für uns ein wichtiger Bezugspunkt. Gegründet von Frauen mit unterschiedlichen Migrationsgeschichten, Arbeitsschwerpunkten und Berufsbiografien wandte und wendet maiz künstlerische Methoden in der politischen (Bildungs-, Beratungs- und Öffentlichkeits-)Arbeit an. So dienen etwa Methoden aus der Theaterarbeit dazu, reale gesellschaftliche Situationen nicht nur zu beschreiben, sondern diese auch zu kritisieren und Änderungen einzufordern. Als wir mit maiz zu arbeiten begannen, lernten wir vor allem eines von ihnen: dass wir alle, auch wenn wir dies nicht wollen, in rassistische und sexistische Strukturen eingebunden sind. Als weiße, westlich sozialisierte Mehrheitsangehörige, Simone mit deutschem Pass und Jo mit österreichischem, profitieren wir von diesen diskriminierenden Strukturen. Zur Illustration dessen brauchen wir uns nur einige kurze Fragen zu stellen: Warum sind in unserem Arbeitsfeld, dem Kunst-, Kultur- und Bildungsbereich, hauptsächlich Weiße (Männer) in entscheidenden Funktionen tätig? Wie viele MigrantInnen sind unter unseren KollegInnen und wie viele von ihnen sind politische MigrantInnen? Wer macht in unseren Arbeitsräumen sauber und wer renoviert unsere Wohnungen und Häuser? Wer hat diese Arbeiten historisch verrichtet und muss sie heute nicht mehr machen? Wer wird im öffentlichen Raum vielfach angestarrt und muss ständig auf einen unangenehmen Kommentar vorbereitet sein? Wer kann Staatsgrenzen und Gesichtskontrollen passieren, ohne auch nur einen Ausweis vorzeigen zu müssen? Wer darf wählen, wer nicht?

Wer macht wen oder was sichtbar?

Ausgehend von der Auseinandersetzung mit strukturellem Rassismus und Heterosexismus in Deutschland und Österreich, sowie unserer eigenen Teilhabe an der Fortführung von Diskriminierungen, setzten wir uns zunehmend mit dem Thema „Öffentlichkeit“ auseinander. Nancy Fraser (1992)star (*3) weist im Anschluss an Jürgen Habermas in ihren Arbeiten darauf hin, dass es nicht nur eine einzige Öffentlichkeit gibt, sondern mehrere, und untersucht die Rolle von Öffentlichkeit/en für die Durchsetzung politischer Rechte von minorisierten Gruppen. Die Verwendung des Plurals „Öffentlichkeiten“ erscheint uns wichtig, um auf Kontexte aufmerksam zu machen, deren Diskussionen nur allzu oft unsichtbar gemacht werden oder denen eine Wichtigkeit abgesprochen wird. Wir würden diese Öffentlichkeiten jedoch nicht als „Gegenöffentlichkeiten“ bezeichnen. Denn auch wenn sie sich gegen (Diskriminierungen durch) die dominante Öffentlichkeit wenden, so definieren sie sich nicht nur durch den Negativbezug auf etwas, sondern stellen auch radikalen „Eigensinn“ her, das heißt, sie setzen ihre Themen als öffentliche Belange, stellen politische Forderungen und schaffen im besten Fall antidiskriminatorische Strukturen und Kommunikationsformen, die uns ein paar Schritte weiter in Richtung der Utopie einer egalitären Gesellschaft ohne Rassismus, Sexismus und Antisemitismus bringen. Diese „eigensinnigen“ Öffentlichkeiten zeichnen sich vor allem dadurch aus, dass sie auf selbstkritischen Aushandlungsprozessen gründen, die eine strukturelle Gleichberechtigung aller AkteurInnen erreichen wollen und auch Widersprüche zulassen können, also ein öffentliches (Wider)Sprechen üben, das sich politische Asymmetrien bewusst macht und diesen auf allen Ebenen (die eigenen Kontexte miteingeschlossen) entgegenzutreten sucht.

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Auerbach, Anthony (2005): „Hallo Wien“, Wien . Online unter http://aauerbach.info/research/urban/hallo_wien.html

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Fanon, Frantz (1985): Schwarze Haut, weiße Masken, aus dem Französischen von Eva Moldenhauer. Frankfurt/M.: Suhrkamp.

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Fraser, Nancy (1992): Rethinking the Public Sphere: A Contribution to a Critique of Actually Existing Democracy. In: Calhoun, Craig (Hg.): Habermas and the Public Sphere, Cambridge, Mass. / London. Siehe auch: http://eipcp.net/transversal/0605/fraser/de

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Godard, Jean Luc (1981):, Liebe Arbeit Kino: Rette sich wer kann (das Leben), Berlin: Merve Verlag.

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Gutiérrez Rodríguez, Encarnación (2000): Seiltänzerinnen und Jongleurinnen. Antirassistische Öffentlichkeit von Frauen im Kontext von Diaspora, Exil und Migration. In: Marth, Gabriele/Schmeiser, Jo (Hg.): Antirassistische Öffentlichkeiten. Feministische Perspektiven, Vor der Information Nr. 99/00, Wien 2000; Siehe: http://www.no-racism.net/literatur/15#03

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Gutiérrez Rodríguez, Encarnación, und Steyerl, Hito (Hg.) (2012): Spricht die Subalterne deutsch? Migration und postkoloniale Kritik. Münster: Unrast Verlag.

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Jain, Anil (2012): Differenzen der Differenz – Umbrüche in der Landschaft der Alterität.n: Gutiérrez Rodríguez, Encarnación/Steyerl, Hito (Hg.): Spricht die Subalterne deutsch? Migration und postkoloniale Kritik, Münster: Unrast Verlag. Siehe: http://www.power-xs.net/jain/

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Kazeem, Belinda (2012): Ich bin viele. In: Rohlf, Sabine/Schmeiser, Jo (Hg.): Conzepte. Neue Fassungen politischen Denkens. Wien und Berlin: Online unter http://www.conzepte.org/home.php?il=50&l=deu

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Kowalska, Anna (2011): Betrachtungen zu einer Performance der dritten Art In: Rohlf, Sabine/ Schmeiser, Jo (Hg.): Conzepte. Neue Fassungen politischen Denkens, Wien und Berlin. Online unter http://www.conzepte.org/home.php?il=54&l=deu

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Klub Zwei/Bader, Simone/Schmeiser, Jo (2005): In Zusammenarbeit mit. Katalog zur Ausstellung von Klub Zwei in der Wiener Secession. Wien: Wiener Secession.

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Klub Zwei/maiz (2008):Who asks the Questions? Who is asked? In: Grzinic, Marina/Reitsamer, Rosa, (Hg.): New Feminism. World of Feminism, Queer and Networking Conditions. Wien: Löcker.

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maiz/Caixeta, Luzenir/Salgado, Rúbia: Wege durch die Öffentlichkeit. Migrantinnen entwerfen Perspektiven. In: Marth, Gabriele/ Schmeiser, Jo (Hg.): Antirassistische Öffentlichkeiten. Feministische Perspektiven, Vor der Information Nr. 99/00. Wien 2000. Online unter http://no-racism.net/literatur/15#04

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Marth, Gabriele/ Schmeiser, Jo (Hg.) (2000): Antirassistische Öffentlichkeiten. Feministische Perspektiven, Vor der Information Nr. 99/00. Wien 2000.

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Patulova, Radostina (2010): Missverstehen Sie mich richtig. In: Achola, Agnes/Bobadilla, Carla/Dimitrova, Petja/Güres, Nilbar/Sordo, Stefania Del (Hg.): Migrationsskizzen: Postkoloniale Verstrickungen, antirassistische Baustellen. Wien: Löcker.

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Reitsamer, Rosa/ Schmeiser, Jo (Hg.) (2005): Born to be white. Rassismus und Antisemitismus in der weißen Mehrheitsgesellschaft. Wien.

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Steyerl, Hito (1979): Eliminatorischer Exotismus. Besserweißi Fuck off! In: Zweite Hilfe. München:

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Tate, Shirley (2012): Die Realität des Schwarzseins: Die Psychodynamik weißer Mythen. In: Rohlf, Sabine,/Schmeiser, Jo (Hg.): Conzepte. Neue Fassungen politischen Denkens, Wien und Berlin. Online unter http://www.conzepte.org/home.php?il=93&l=deu

Wir verwenden hier, Encarnación Gutierréz Rodríguez folgend, den Begriff der politischen Migrantin, um eine  politische Positionierung zu beschreiben, die unseres Erachtens für die Herstellung einer zukünftigen egalitären Gesellschaft nach wie vor zentral ist. Klub Zwei plädieren also für ein gemeinsames Denken, Streiten und Handeln von Personen, die ihre Geschichten und gesellschaftlichen Positionen kritisch reflektieren und diese Reflexionen zum Ausgangspunkt ihrer Politiken nehmen. Dies gilt für MigrantInnen ebenso wie für Mehrheitsangehörige, wenn auch in unterschiedlicher Weise.

In der zweiten Generation von maiz-Mitarbeiterinnen gibt es politische Migrantinnen, die Kunst studiert haben bzw. als Künstlerinnen arbeiten.

„Gefährliche Kreuzungen. Die Grammatik der Toleranz“. Kuratiert von Farida Heuck, Ralf Homann und Pia Lanzinger, Colloquium: Gerald Raunig, München 2006

Siehe: www.tid.nextroom.at

Klub Zwei  (2014): Arbeiten an der Öffentlichkeit.

Radikalen „Eigensinn“ sichtbar machen

In: p/art/icipate – Kultur aktiv gestalten # 04 , http://www.p-art-icipate.net/cms/arbeiten-an-der-offentlichkeit/