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Martin Krenn

Martin Krenn, geb. 1970, ist Künstler und seit 2006 Universitätslektor an der Universität für angewandte Kunst Wien, Abteilung Kunst und kommunikative Praxis (KKP).
Er studierte Malerei an der Universität für Angewandte Kunst Wien von 1991 bis 1997 und elektronische Musik an der Universität für darstellende Kunst Wien von 1992 bis 1996. Er schloss beide Studien mit Diplom ab. Von 2006 – 2009 war er Vorsitzender der IG Bildende Kunst. Von 2011 bis 2015 erhielt er das Vice-Chancellor’s Research Scholarship (UK) und setzte sich im Rahmen eines Forschungsprojektes mit dem politischen Raum in sozial engagierten Kunstprojekten auseinander. 2016 wurde er an der Ulster University, Faculty of Art, Design and Built Environment, Belfast Campus mit der Arbeit „The Political Space In Social Art Practices“ zum Ph.D. promoviert.
Sein künstlerisches Werk wird von der Galerie Zimmermann Kratochwill, Graz repräsentiert.
Krenn verschränkt in seiner Praxis Kunst, soziales Engagement und politischen Aktivismus. Seine Projekte, Fotoarbeiten und Filme widmen sich schwerpunktmäßig der Rassismuskritik, der Erinnerungs- und Gedenkarbeit sowie verschiedenen Kampagnen zu Bleiberecht, Asylwesen und Migrationsfragen.
Zahlreiche Ausstellungen im In- und Ausland.

www.martinkrenn.net

Das Politische in sozialer Kunst

Intervenieren in soziale Verhältnisse

Dieser Text beschäftigt sich mit Kunst als soziale Praxis und wird dabei versuchen, das spezifische politische Potential dieser Kunstform herauszustreichen, und gleichzeitig untersuchen, wo die besondere ästhetische Qualität von sozialer Kunst liegt und welche Bedeutung für sie künstlerische Autonomie hat.*1 *(1)

Im ersten Teil wird ausgehend von der Frage, ob soziale Praxis überhaupt Kunst sein kann, der Dialog als eine ästhetische Methode der Kunst eingeführt. Das Problem der Definition von gesellschaftlicher Relevanz von sozialer Kunst wird anhand grundsätzlicher Überlegungen zu den Begriffen des Politischen, der Politik und deren Rolle in der Kunst erörtert. Der zweite Teil gibt Einblicke in meine künstlerische Praxis und beschreibt drei Kunstprojekte: „Die ganze Welt in Zürich“ (2015/2016), „Gedenktafel Hotel Metropol“ (2015), „Mahnmal Friedenskreuz St. Lorenz“ (2016). Anhand dieser Beispiele werden in der Schlussbemerkung die theoretischen Überlegungen des ersten Teils konkretisiert und weitergedacht.

Kunst und soziale Praxis

Das Feld der sozialen Kunst wurde in den letzten Jahrzehnten immer weiter ausdifferenziert. In den 1990er Jahren gab es noch eine intensive Grundsatzdebatte darüber, ob soziale Kunst*2 *(2) überhaupt als Kunst anerkannt werden dürfe.*3 *(3) Im Jahr 1997, an der Hochschule für angewandte Kunst, wurde meine geplante Diplomarbeit, ein dialogisches Projekt zu Machtstrukturen im Schulsystem, vom damaligen Meisterklassenleiter Adolf Frohner abgewiesen. Die Begründung lautete, dass es sich bei diesem Thema um Sozialarbeit handle und diese nichts an einer Kunstuniversität verloren hätte. Andere soziale Kunstprojekte, wie jene der WochenKlausur oder von Christine und Irene Hohenbüchler, waren im Wiener Universitätsumfeld ebenfalls umstritten. Schließlich verwies auch der Titel des Buches „But is it art?“ (Nina Felshin, 1995),star (*16) eine umfangreiche Anthologie aktivistischer und sozial engagierter Kunst, darauf, dass zu jener Zeit sozial engagierte Kunst weltweit noch nicht als Kunst anerkannt war.

Seit der Jahrtausendwende hat sich soziale Kunst jedoch in der Kunstwelt etabliert. Kunstwerke, Kunstaktionen und Kunstprojekte dieser Kunstsparte, allen voran die soziale Plastik Joseph Beuys‘, die bereits in den 1960er/1970er Jahren entstanden ist, sind heute nicht mehr aus dem Studium der Kunstgeschichte wegzudenken. Die Projekte und Werke der sozialen Kunst der 1990er Jahre sind ebenfalls Teil der Museumslandschaft geworden und werden an Kunstuniversitäten und -akademien gelehrt und beforscht. Dennoch und gerade weil soziale Kunst Teil des professionellen Mainstreams geworden ist, sollte man nicht aufhören, die Frage nach ihrer spezifischen ästhetischen Qualität und ihres ihr eigenen Kunstcharakters zu stellen. Einerseits um mehr Klarheit in Bezug auf die Vielfalt der Begriffe*4 *(4) des sich immer weiter ausdifferenzierenden Diskurses rund um soziale Kunst zu gewinnen, andererseits um auch die politische Dimension, welche in diesen Praxen liegt, besser erforschen zu können.

Die Definition „Socially Engaged Art“ von Nato Thompson, Chief Curator von Creative Time, fasst einige Hauptmerkmale sozialer Kunst zusammen.

“Socially engaged art is on the rise, shaking up foundations of art discourse, and sharing techniques and intentions with fields far beyond the arts. But unlike its avant-garde predecessors such as Constructivism, Futurism, or Dadaism, socially engaged art is not an art movement. Instead, these cultural practices indicate new ways of life that emphasize participation, challenge power, and span disciplines ranging from urban planning and community work to theater and the visual arts.” (Thompson 2011)star (*13)

Um der Vielheit, auf welche Nato Thompson hinweist, gerecht zu werden, verwende ich neben dem Begriff „Soziale Kunst“ auch den Begriff „Soziale Kunstpraxen“. Der Plural verweist darauf, dass es sich hier nicht um eine Kunstströmung handelt, „sozial“ zeigt auf ein Miteinander, aber auch auf einen möglichen Konflikt, „Kunstpraxen“ verdeutlicht, dass das nicht mehr physische Werk im Vordergrund steht, sondern der Prozess des Gestaltens.

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APA, P.A., (2016): Antifaschistisches Mahnmal am Welterbe-Steig Wachau eröffnet [Homepage of Salzburger Nachrichten], Online unter: http://www.salzburg.com/nachrichten/oesterreich/kultur/sn/artikel/antifaschistisches-mahnmal-am-welterbe-steig-wachau-eroeffnet-190207 (4.11.2016).

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Bishop, Claire (2006): Participation. London: Whitechapel.

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Bourriaud, Nicolas (2002): Relational aesthetics. Paris: Les Presses du réel.

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Bürger, Peter (1995): Theorie der Avantgarde. 2. Aufl. Frankfurt am Main: Suhrkamp.

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Finkelpearl, Tom (2001): Dialogues in public art. Cambridge, Mass.; London: MIT Press.

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Jackson, Shannon (2011): Social works: performing art, supporting publics. New York: Routledge.

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Kester, Grant H. (2004): Conversation pieces: community and communication in modern art. Berkeley: University of California Press.

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Krenn, Martin (2016): The political space in social art practices. Unveröffentlichte Dissertation, Ulster University.

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Lacy, Suzanne (1995): Mapping the terrain: new genre public art. Seattle, Wash.: Bay Press.

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Marchart, Oliver (2010): Die politische Differenz: Zum Denken des Politischen bei Nancy, Lefort, Badiou, Laclau und Agamben. Berlin: Suhrkamp Verlag KG.

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Mouffe, Chantal (2013): Agonistics: Thinking the World Politically. London: Verso.

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Schleuning, Neala (2013): Artpolitik: Social Anarchist Aesthetics in an Age of Fragmentation. Minor Compositions.

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Thompson, Nato (2011): Living as Form. Online unter: http://creativetime.org/programs/archive/2011/livingasform/curator_statement.htm (4.9.2016)

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Zumdick, Wolfgang (2002): Joseph Beuys als Denker: Sozialphilosophie, Erkenntnistheorie, Anthropologie. PAN XXX ttt. Stuttgart, Berlin: Johannes M. Mayer.

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Adolphs, Stephan/ Karakayalı, Serhat (2007): Mikropolitik und Hegemonie. Wider die neuen Para-Universalismen: Für eine anti-passive Politik. Online unter: http://eipcp.net/transversal/0607/adolphs-karakayali/de

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Felshin, Nina (1994): But Is It Art? the Spirit of Art As Activism. Seattle, WA: Bay Press

Diese Artikel baut auf meiner Dissertation “The Political Space In Social Art Practices” (Ulster University, Belfast, 2016) auf.

In diesem Text werden die Sammel-Begriffe „Soziale Kunst“ bzw. „Soziale Kunstpraxen“ verwendet, da es um den sozialen Raum (welcher immer auch ein politischer ist) dieser Kunst geht. Andere für soziale Kunst gebräuchliche Begriffe werden im Verlauf des Textes noch angesprochen werden.

Eine Tagung, die sich der Kunst als sozialem Raum widmete und im März 2000 von Stella Rollig und Eva Sturm im O.K. Centrum für Gegenwartskunst in Linz veranstaltet wurde, trug sogar den Titel „Dürfen die das?“.

Ein Auszug aus der Begriffsvielfalt rund um soziale Kunst: “Soziale Skulptur” von Joseph Beuys, ein Begriff, den er 1967 zum ersten Mal öffentlich verwendete (Zumdick 2002: 17), “New Genre Public Art” von Susanne Lacy (1995), “Relationale Ästhetik” von Nicolas Bourriaud (1997, 2002), “Socially Cooperative Art” von Tom Finkelpearl (2001) “Dialogical Aesthetics” von Grant Kester (2004), “Participatory Art” geprägt von Claire Bishop (2006) aber auch von anderen TheoretikerInnen, “Social Works” von Shannon Jackson (2011), oder “Social Anarchist Aesthetics” von Neala Schleuning (2013).

Siehe zum Projekt ebenfalls Katharina Moraweks Beitrag in dieser e-journal-Ausgabe.

Laut dem österreichischen Dokumentationsarchiv waren 80 Prozent der BeamtInnen und Angestellten aus dem österreichischen Polizeidienst rekrutiert. Auf Führungsebene betrug der Anteil der ÖsterreicherInnen ebenfalls bis zu 80 Prozent. (http://www.doew.at/erkennen/ausstellung/gedenkstaette-salztorgasse/die-gestapo-leitstelle-wien)

Martin Krenn  (2016): Das Politische in sozialer Kunst.

Intervenieren in soziale Verhältnisse

In: p/art/icipate – Kultur aktiv gestalten # 07 , http://www.p-art-icipate.net/cms/das-politische-in-sozialer-kunst/