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Luise Reitstätter

Luise Reitstätter arbeitet als Kulturwissenschaftlerin an der Schnittstelle von Theorie und Praxis zeitgenössischer bildender Kunst, Tanz/Performance und Architektur/Urbanismus, u.a. als kuratorische Assistenz bei documenta 12, als Projektkoordinatorin des Österreich Pavillons – La Biennale di Venezia 2008 und 2009 sowie als Subkuratorin des Medienkunstfestivals Coded Cultures 2011. Von 2010 bis 2013 forschte Luise Reitstätter am Schwerpunkt Wissenschaft & Kunst im Doktoratskolleg Kunst und Öffentlichkeit in Salzburg und promovierte dort am Fachbereich Soziologie und Kulturwissenschaft mit einer empirischen Studie über Ausstellungen als potentielle Handlungsräume.

Der Widerstand der Faulheit oder warum der Connaisseur ein Mythos ist

Veranschaulicht man sich das Ideal einer Kunstrezipientin oder eines Kunstrezipienten, erscheint die Figur eines gebildeten, feinsinnigen Menschen, der sich bei voller Konzentration und weihevoller Stille der Kunst hingibt. Die Kunstbetrachtung selbst versteht sich als höchste Form des „Prozesses der Zivilisation“ und als außeralltägliches Erlebnis, dessen sakrale Ritualhaftigkeit sich im gereinigten und von Außeneinflüssen abgeschirmten Ausstellungsraum wiederfindet. Mag dieses Bild des Connaisseurs in den heiligen Hallen der Kunst etwas überzeichnet erscheinen, so steht es dennoch Pate für eine idealisierte Norm. Bis heute ist der Ausstellung eine bürgerliche Rezeptionskultur eingeschrieben, bei der die wertvollen (Kunst-)Objekte idealerweise in einer stillen und intensiven Auseinandersetzung erfahren werden.

Kontrastiert man dieses entworfene Idealbild von KunstrezipientInnen jedoch mit dem empirisch untersuchten Realbild von AusstellungsbesucherInnen, stellt sich die Lage etwas anders dar. BesucherInnen verwenden nicht nur eine verschwindend geringe Anzahl von Sekunden auf ein Kunstwerk*1 *( 1 ), sie bewegen sich in Ausstellungen auch grundsätzlich weniger andachtsvoll denn in einer Art flanierendem Gehmodus gleich einem kulturellen Window-Shopping. Und eines will der Großteil der BesucherInnen schon gar nicht: nämlich lernen.*2 *( 2 ) Auch von solitärer Kunstbetrachtung und Stille ist keine Spur, vielmehr geschieht die Mehrzahl aller Ausstellungsbesuche in der Gruppe;*3 *( 3 ) demnach wird im Ausstellungsraum auch weniger geschwiegen denn parliert.*4 *( 4 )  Kurz gefasst: KunstrezipientInnen bewegen sich mit einer limitierten Aufmerksamkeit, in einer eher oberflächlichen Weise sowie zumeist gesellig gruppiert und vielfach geschwätzig innerhalb der Ausstellung – so dass sich gar die Conclusio einer „selbstverschuldeten Unmündigkeit“ der BesucherInnen anbieten würde – zu faul, um der Ausstellung ernsthaft zu begegnen.

Doch ist das Attest der Faulheit gerechtfertigt? Wird die vielfach beklagte passive Rezeptionskultur von Massenmedien nun auch beim Besuch einer Ausstellung kultiviert? Oder sind diese empirisch nachweisbaren Verhaltensweisen von BesucherInnen gar Ausdruck eines kulturellen Widerstands gegen die bildungsbürgerliche Idealvorstellung des Connaisseurs? Im Folgenden werde ich jene erste empirische Bestandsaufnahme zum Realbild von BesucherInnen etwas differenzierter betrachten und das charakteristische Rezeptionsverhalten in Ausstellungen auf mögliche eigensinnige Momente hin untersuchen.

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Bei ihrer Untersuchung Spending Time on Art beziffern Jeffrey K. Smith und Lisa F. Smith (2001: 231) die durchschnittliche zeitliche Auseinandersetzung mit einem Bild (inklusive Lesen des Labels) mit 27,2 Sekunden, wobei der Medianwert bei 17,0 Sekunden liegt.

Dieses Faktum, an dem schon viele empirische Studien rekapitulieren mussten, fasst Heiner Treinen (1991) pointiert zusammen, indem er Museen als „Lernorte“ als eine irrige Annahme bezeichnet.  Das Verhalten der BesucherInnen in Ausstellungen ähnelt anstatt dem Lernen – im Sinne eines massenmedialen Konsums – eher einem „aktiven Dösen“ (ebd. 13) und dem Ausschauhalten nach neuen zusätzlichen Reizen.

Laut Friedrich Waidacher (1996: 223) finden 75 bis 95 Prozent aller Ausstellungsbesuche mit Familie und FreundInnen statt, dasselbe Attest findet sich auch bei George E. Hein (1998: 172), der die Anzahl der EinzelbesucherInnen mit einer Höhe von 5–20 Prozent bestimmt

Diese Feststellung stammt aus meiner eigenen Feldforschung zur Ausstellung als Handlungsraum. Mit einer Methodenkombination aus Raumanalyse, teilnehmender Beobachtung und Interviews untersuchte ich im Jahr 2010 drei ausgewählte Ausstellungen zeitgenössischer Kunst im Kunsthaus Bregenz, bei der 6. Berlin Biennale und im Salzburger Kunstverein. Gerade bei den teilnehmenden Beobachtungen im Ausstellungsraum wurde ich auf den großen Stellenwert des gesprochenen Wortes bei der Kunstrezeption aufmerksam.

Luise Reitstätter  (2013): Der Widerstand der Faulheit oder warum der Connaisseur ein Mythos ist. In: p/art/icipate – Kultur aktiv gestalten # 02 , http://www.p-art-icipate.net/cms/der-widerstand-der-faulheit-oder-warum-der-connaisseur-ein-mythos-ist/