print Artikel drucken bibliography Literaturverzeichnis *X Zitiervorschlag

Bettina Egger

Bettina Egger studierte bildende Künste und Russisch an verschiedenen Universitäten in Frankreich. 2006 schloss sie ihr Masterstudium der bildenden Künste an der Universität Rennes unter der Leitung von Philippe Marcelé über das Thema Fiktive Kartographie von russischen Zaubermärchen ab und arbeitete anschließend als freischaffende Künstlerin in Frankreich. Bisher hat sie sechs Comics in französischer Sprache publiziert, zuletzt À la recherche du monstre (2016, Mosquito). Des Weiteren hat sie verschiedene internationale Comicprojekte geleitet (Frank Zappa Comics Tribute).

Seit Oktober 2015 arbeitet sie an einem Dissertationsvorhaben am interuniversitären Schwerpunkt Wissenschaft und Kunst der Universität Salzburg zum Thema Erinnerung und Comics. Oral History im Werk von Emmanuel Guibert

Ein Comic über den kleinen Mozart: William Augels Le petit Mozart

Le petit Mozart (Der kleine Mozart),star (*1) geschrieben und gezeichnet von dem französischen Comicautor William Augel, ist eine Annäherung an Mozarts Kindheit in Form humoristischer Comicstrips. Die Anfänge des damals kleinen, doch bereits großen Salzburgers werden den LeserInnen über das Guckloch der historischen Anekdote serviert: Wir befinden uns am Rande der großen Geschichte, wo Mozart die frisch gewaschene Wäsche seiner Mutter mit Kompositionen bekritzelt und getadelt wird, weil er voreilig Marie-Antoinette um ihre Hand gebeten hat. Diese Lappalien geben den Stoff für vom Künstler frei interpretierte Episoden, die Mozarts Kindheit gekonnt nur berühren und umkreisen, aber nie erschöpfen. Vergeblich wird man hier nach Jahreszahlen oder einer Chronologie der Ereignisse suchen.

Stil und Form sind den berühmten peanuts von Charles Schulz nicht unähnlich. Comicstrips dieser Art besitzen ein regelmäßiges Muster von drei, vier oder auch mehr Panels, meist mit einem Gag am Ende. Dieses Layout definiert einen raschen Erzählrhythmus, der von Strip zu Strip wiederholt wird. So wird z.B. in Le petit Mozart der rhythmische Alltag eines Genies in seiner Familie und auf Reisen mit dem Vater geschildert. Gleichzeitig wird der Comicstrip an ein ebenso regelmäßiges, wöchentliches oder tägliches Erscheinen in einer Zeitung gekoppelt. Über die Stetigkeit solcher Strips schrieb einst Pierre Fresnault-Deruelle, einer der ersten französischen ComictheoretikerInnen, sie strahlen eine „beruhigende Dauerhaftigkeit im Angesicht einer unsicheren Epoche“ (Fresnault-Deruelle 1976: 8)star (*2) aus. Die Comicstrips in Le petit Mozart erzählen in einem Dreier-, Vierer- oder Fünfertakt der Panels, wobei die Linearität der kurzen Strips des Öfteren gebrochen und in die Räumlichkeit einer ganzen Comicseite überführt wird.*1 *(1) Augel zeigt hier, wie der Rhythmus des kurzen Comicstrips auch auf eine längere Geschichte angewandt werden kann. Ein- bis zweiseitige Episoden werden so pointiert durch kleine Gags, welche die LeserInnen zum schließenden Höhepunkt führen. Dieser befindet sich, der Idee einer chute*2 *(2) gemäß, meist am Ende der Seite.

Die Figur des Vaters ist, wie auch alle anderen Erwachsenen, immer nur indirekt zu sehen (wie beispielsweise bei Tom & Jerry): Die Beine sind auf Höhe der Schenkel abgeschnitten, nur die Arme, eine Silhouette oder eine Sprechblase von außerhalb der Rahmung sind sichtbar. Diese Welt, in der die Kinder im Zentrum stehen, ist jedoch nicht kindlich. Der kleine Mozart stellt sich zahlreiche Fragen, auf die es mitunter keine Antwort geben kann. Die Comicfigur des kleinen Mozart ist einerseits geprägt von kindlicher Unbeschwertheit, andererseits auch von einer gewissen Melancholie, die mit der Leichtigkeit bricht. Doch der kleine Mozart ist auch ein Schlingel, der die elterliche Geduld auf eine harte Probe stellen kann. Le petit Mozart positioniert sich so in der Tradition der kid-strips amerikanischer Prägung aus den Pionierjahre dieses eng mit der Presse verbundenen Genres, wie z.B. Yellow kid oder The Katzenjammer Kids. Schlussendlich ist der kleine Mozart nur ein Kind wie so viele andere.

Augel, William (2017): Le petit Mozart. Saint Avertin: Éditions la Boîte à Bulles.

star

Augel, William (2017): Le petit Mozart. Saint Avertin: Éditions la Boîte à Bulles.

star

Fresnault-Deruelle, Pierre (1976): „Du linéaire au tabulaire“. In: Communications, N° 24, 1976, S. 7-23.

Le tabulaire, das „Tafelförmige“, wie es Fresnault-Deruelle genannt hat (vgl. Fresnault-Deruelle 1976).

Die chute bezeichnet im Französischen sowohl den (physischen) Fall als auch einen sich am Ende einer Geschichte befindlichen und die Situation umkehrenden Gag und gehört zu einem weit verbreiteten Stilmittel, auch wenn die chute nicht immer ein Gag sein muss. Der Übergang vom letzten Panel einer Seite zum ersten der nächsten (möglichst durch das Umblättern getrennt) ist ein bevorzugter Ort für unerwartete Wendungen und Überraschungen.

Bettina Egger  (2017): Ein Comic über den kleinen Mozart: William Augels Le petit Mozart. In: p/art/icipate – Kultur aktiv gestalten # 08 , http://www.p-art-icipate.net/cms/ein-comic-uber-den-kleinen-mozart-william-augels-le-petit-mozart/