print Artikel drucken bibliography Literaturverzeichnis *X Zitiervorschlag

Rosa Reitsamer

Soziologin, arbeitet am Institut für Musiksoziologie an der Universität für Musik und darstellende Kunst Wien. Ihre aktuellen Forschungsschwerpunkte sind an der Schnittstelle von Musik-, Kunst- und Jugendsoziologie sowie der Cultural Studies und Gender Studies angesiedelt. Zuletzt erschienen ihre Monographie „Die Do-it-yourself-Karrieren der DJs. Über die Arbeit in elektronischen Musikszenen“ (transcript 2013), die Anthologie „They Say I‘m Different… Popularmusik, Szenen und ihre AkteurInnen“ (hg. gem. m. W. Fichna, Löcker 2011) und die Artikel „,Born in the Republic of Austria‘. The Invention of Rock Heritage in Austria“ (International Journal for Heritage Studies, 2013) und „Female Pressure: A translocal feminist youth-oriented cultural network“ (Continuum. Journal of Media and Cultural Studies, Vol. 26 (3), 2012).


Rainer Prokop

Soziologe, ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Wiener Institut Mediacult – Internationales Forschungsinstitut für Medien, Kommunikation und kulturelle Entwicklung und Doktorand an der Universität Wien. Seine Forschungsschwerpunkte liegen an der Schnittstelle von Musik- und Kunstsoziologie und kultureller Gedächtnisforschung. Er arbeitet derzeit am HERA-Forschungsprojekt „Popular music heritage, cultural memory, and cultural identity. Localised popular music histories and their significance for music audiences and music industries in Europe” (POPID).

HipHop Linguistics, Street Culture und Ghetto-Männlichkeit

Zur Bedeutung von postmigrantischem HipHop in Österreich

Dieser Artikel lotet die soziale und politische Bedeutung der translokalen kulturellen Praxis von jungen, in Österreich geborenen und aufgewachsenen männlichen Rappern der zweiten Generation türkischer MigrantInnen aus. Die Rapper eignen sich die globalisierte HipHop-Kultur an, sie vermischen und vermengen diese Elemente mit Traditionen und Quellen der Kultur des Herkunftslandes ihrer Eltern sowie mit jenen der österreichischen Popularkultur. Ihre erfolgreiche Verhandlung unterschiedlicher populärer Kulturen und deren fortwährende Vermischung, die etwa in türkisch- und deutschsprachige Rap-Songs mündet, stehen im Kontext der Auseinandersetzung mit Machtverhältnissen, hegemonialen Migrationsdiskursen und Repräsentationen von MigrantInnen. Die postmigrantischen Jugendlichen, also MigrantInnen der zweiten und dritten Generation, die selbst nicht eingewandert sind, stünden, so der dominante Diskurs, zwischen zwei Kulturen und würden sich weder der einen noch der anderen Kultur zugehörig fühlen. Sie seien orientierungslos, weil sie sich zwischen zwei gegensätzlichen und als starre Entitäten aufgefassten Kulturen gefangen sehen. Hinter dieser Vorstellung über postmigrantische Jugendliche als „zerrissene Generation“ verbirgt sich ein national und räumlich fixiertes Kulturverständnis, das nahelegt, sich für die eigene Verortung und identitäre Selbstdefinition geografisch und kulturell auf ein Gebiet festlegen zu müssen (Yildiz 2010)star (* 26 ).

Die für diesen Artikel interviewten Musikschaffenden, die beiden Rapper Esref Balkan und Nasihat Kartal und der Sänger iBos, zerstören dieses Kulturverständnis bzw. diese „Utopie der Sesshaftigkeit“ (Yildiz 2010)star (* 26 ), indem sie ihren eigenen (Lebens-)Raum – einen „dritten Raum“ (Bhabha 2000)star (* 5 ) – entwickeln, in dessen Mittelpunkt HipHop, eine ursprünglich afroamerikanische Jugendkultur, steht. Die translokale kulturelle Praxis des HipHop, bestehend aus den vier Elementen Rap, DJ-ing, Graffiti und Breakdance, ermöglicht, heterogene Bedeutungen unterschiedlicher Kulturen zu integrieren, neue Zugehörigkeiten zu Szenen und ihren Netzwerken zu produzieren und hybride Identitäten zu entwickeln. Die hybriden Identitäten stellen dominante Identitätskonzepte und nationalstaatliche Raumkonzeptionen infrage, weil sie eine „in-between“-Position (Hall 1995)star (* 11 ) darstellen. HipHop lässt sich somit als „Arena des symbolischen Widerstands gegen ein essentialistisches Verständnis sozialer Identität“ verstehen und steht in „Kontrast zu stereotypischen Darstellungen von Migrantenjugendlichen“ (Androutsopoulus 2003: 18)star (* 2 ).

Als translokale kulturelle Praxis ist HipHop zudem eine ethnische und nationale Grenzen überschreitende Alltagspraxis, die von lokalen und globalen Einflüssen gleichermaßen geprägt ist. Die Globalisierung des HipHop befördert regionale Dialekte und die Wiederentdeckung ethnischer Traditionen, gleichzeitig transportiert HipHop den Gedanken des Lokalen, des Dialekts und der Differenz in die global agierenden Kulturindustrien (Klein/Friedrich 2003)star (* 17 ). Die Texte der Rapper, der spezifische Einsatz von Sprache oder die Graffitis an Hauswänden verweisen auf die „Produktion von Lokalität“ (Appadurai 1995)star (* 4 ) unter den Bedingungen der kulturellen Globalisierung. Lokalität definiert sich folglich über die Beziehung zur „Global HipHop Nation“ – eine multilinguale, multiethnische „Nation“ mit weltweiter Verbreitung (vgl. Alim 2009)star (* 1 ) – sowie über eine geteilte Vorstellung von lokalem Raum. Tony Mitchell (2003)star (* 18 ) spricht im Kontext der Globalisierungs- und Lokalisierungsprozesse von HipHop von einem rhizomatischen, diasporischen Fluss der Rapmusik außerhalb der USA, der in die Formierung synkretischer „glokaler Subkulturen“ mündet. Richard A. Peterson und Andy Bennett (2004)star (* 20 ) referieren auf den Terminus der Translokalität für die Beschreibung von Musikszenen, die, wie lokale Szenen, auf ein Musikgenre spezialisiert sind und durch den regelmäßigen Austausch mit AkteurInnen in ähnlichen lokal verankerten Szenen und den Aufbau von Netzwerken zu translokalen Szenen werden. Wir beschreiben die kulturelle Praxis der postmigrantischen Rapper in Österreich als translokal, weil sie sich in Wechselwirkung zwischen dem Strom der global verfügbaren HipHop-Diskurse und deren lokaler Aneignung und Adaption entwickelt und von Interaktionen mit AkteurInnen, wie etwa musikalischen Kooperationen, in anderen lokal verankerten HipHop-Szenen geprägt ist.

Wie postmigrantische Rapper in Österreich die globalisierten HipHop-Diskurse in den lokalen Kontext einbetten und variieren und dabei eine eigene, zum Teil widerständige „agency“ entwickeln, die dominante Repräsentationen über postmigrantische Jugendliche zurückweist, illustrieren die folgenden Ausführungen. Im ersten Kapitel werden zunächst die Sprachpraktiken der Rapper anhand einzelner Songs analysiert und die Charakteristika der lokalisierten Variante der „HipHop Linguistics“ beschrieben. Das zweite Kapitel widmet sich der Frage, wie Vorstellungen über eine authentische urbane „street culture“ durch die Identifikation der HipHopper mit ihrem Wiener Heimatbezirk artikuliert werden und rekonstruiert die performative Darstellung einer „Ghetto-Männlichkeit“ in ausgewählten Musikvideos. „HipHop Linguistics“, „street culture“ und „Ghetto-Männlichkeit“ sind, so unsere These, wesentliche Elemente des „dritten Raums“, den die postmigrantischen HipHopper durch ihre translokale kulturelle Praxis produzieren.

Der Artikel basiert neben den erwähnten Interviews auf der Analyse von Rap-Songtexten und Musikvideos sowie Beobachtungen bei Szene-Events.

star

Alim, Samy H. (2009): Intro. Straight Outta Compton, Straight aus München: Global Linguistic Flows, Identities, and the Politics of Language in a Global Hip Hop Nation. In: Alim, Samy H./Awad, Ibrahim/Pennycook, Alastair (Hg.): Global Linguistic Flows. Hip Hop Cultures, Youth Identities, and the Politics of Language. New York: Routledge, S. 1–24.

star

Androutsopoulus, Janis (2003): Einleitung. In: ders. (Hg.): HipHop: Globale Kultur – Lokale Praktiken. Bielefeld: transcript, S. 9–24.

star

APA OTS-Presseaussendung “Höbart: Sogenannte ,Gangsta Rapper‘ aus dem Ausländermilieu sind Gefahr für unsere Jugend”, 2008. Quelle: www.ots.at/presseaussendung/OTS_20081117_OTS0084/hoebart-sogenannte-gangsta-rapper-aus-dem-auslaendermilieu-sind-gefahr-fuer-unsere-jugend (Einsicht 02/2013).

star

Appadurai, Arjun (1995): The Production of Locality. In: Fardon, Richard (Hg.): Counterworks. Managing the Diversity of Knowledge. London/New York: Routledge, S. 204–225.

star

Bhabha, Homi K. (2000): Die Verortung der Kultur. Tübingen: Stauffenburg.

star

Bratic, Ljubomir (2001): Selbstorganisation im migrantischen Widerstand. Ein Diskussionsanstoß. In: SWS-Rundschau, 41. Jg., Heft 4, S. 516–536.

star

Cohen, Stanley (2004): Folk Devils and Moral Panics. 3. Auflage. London [u.a.]: Routledge.

star

Connell, Raewyn (2000): Der gemachte Mann. Konstruktion und Krise von Männlichkeiten. 2. Auflage. Opladen: Leske + Budrich.

star

Connell, Raewyn/Messerschmidt, James W. (2005): Hegemonic Masculinity. Rethinking the Concept. In: Gender & Society 6, S. 829–859.

star

Gee, James Paul (2004): Situated Language and Learning: A Critique of Traditional Schooling. New York, NY [u.a.]: Routledge.

star

Hall, Stuart (1995): New Cultures for Old? In: Massey, Doreen/Jess, Pat (Hg.): A Place in the World? Places, Cultures and Globalization. Oxford [u.a.]: Oxford Univ. Press [u.a.], S. 175-213.

star

Heilmann, Andreas (2011): Normalität auf Bewährung. Outings in der Politik und die Konstruktion homosexueller Männlichkeit. Bielefeld: transcript.

star

Hitzler, Ronald/Bucher, Thomas/Niederbacher, Arne (2005): Leben in Szenen: Formen jugendlicher Vergemeinschaftung heute. Wiesbaden: VS, Verlag für Sozialwissenschaften.

star

hooks, bell (1994): Gangsta Culture – Sexism and Misogyny: Who will take the rap? In: dies.: Outlaw Culture: Resisting Representations. New York: Routledge, S. 134–144.

star

Horak, Roman (2003): Diaspora Experience, Music and Hybrid Cultures of Young Migrants in Vienna. In: Muggleton, David/Weinzierl, Rupert (Hg.): The Post-Subcultures Reader. Oxford/New York: Berg, S. 181–194.

star

Huq, Rupa (2003): Beyond Subculture. Pop, Youth and Identity in a Postcolonial World. New York: Routledge.

star

Klein, Gabriele/Friedrich, Malte (2003): Populäre Stadtsichten. Bildinszenierungen des Urbanen im HipHop. In: Androutsopoulus, Janis (Hg.): HipHop: Globale Kultur – Lokale Praktiken. Bielefeld: transcript, S. 85–101.

star

Mitchell, Tony (2003): Doin‘ Damage in My Native Language. The Use of „Resistance Vernaculars“ in Hip Hop in France, Italy and Aotearoa/New Zealand. In: Berger, Harris M./Carroll, Michael Thomas (Hg.): Global Pop. Local Language. Jackson, Miss. [u.a.]: University Press of Mississippi, S. 3–18.

star

Pennycook, Alastair/Mitchell, Tony (2009): Hip Hop as Dusty Foot Philosophy: Engaging Locality. In: Alim, Samy H./Awad, Ibrahim/Pennycook, Alastair (Hg.): Global Linguistic Flows. Hip Hop Cultures, Youth Identities, and the Politics of Language. New York: Routledge, S. 25–42.

star

Peterson, Richard A./Bennett, Andy (2004): Introducing Music Scenes. In: Bennett, Andy/Peterson, Richard A. (Hg.): Music Scenes. Local, Translocal, and Virtual. Nashville, Tenn. [u.a.]: Vanderbilt University Press, S. 1–15.

star

Pfadenhauer, Michaela (2011): Lernort Techno-Szene. Über Kompetenzentwicklung in Jugendszenen. In: Reitsamer, Rosa/Fichna, Wolfgang (Hg.): „They Say I‘m Different…“ Popularmusik, Szenen und ihre AkteurInnen. Wien: Löcker.

star

Potter, Russell A. (1995): Spectacular Vernaculars: Hip-Hop and the Politics of Postmodernism. Albany, NY: State University of New York Press.

star

Rommelspacher, Birgit (1995): Dominanzkultur: Texte zu Fremdheit und Macht. Berlin: Orlanda.

star

Rose, Tricia (1994): Black Noise: Rap Music and Black Culture in Contemporary America. Hanover, NH [u.a.]: Wesleyan Univ. Press.

star

Thornton, Sarah (1996): Club Cultures: Music, Media and Subcultural Capital. Hanover, NH [u.a.]: Wesleyan Univ. Press.

star

Yildiz, Erol (2010): Die Öffnung der Orte zur Welt und postmigrantische Lebensentwürfe. In: SWS-Rundschau 3, S. 318–339.

Rosa Reitsamer  Rainer Prokop  (2013): HipHop Linguistics, Street Culture und Ghetto-Männlichkeit.

Zur Bedeutung von postmigrantischem HipHop in Österreich

In: p/art/icipate – Kultur aktiv gestalten # 02 , http://www.p-art-icipate.net/cms/hiphop-linguistics-street-culture-und-ghetto-mannlichkeit/