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Magdalena Marschütz

Magdalena Marschütz studierte Musikwissenschaft und Internationale Entwicklung an der Universität Wien sowie Angewandte Musikwissenschaft an der Alpen-Adria-Universität Klagenfurt. 2014 absolvierte sie das Master-Studium mit einer Arbeit über das Spannungsfeld von Zensur und Widerstand in der Populärmusik Südafrikas während der Apartheid. Seit 2015 arbeitet sie im Rahmen des interuniversitären und interdisziplinären Doktoratskollegs Die Künste und ihre öffentliche Wirkung (Paris Lodron Universität/Universität Mozarteum Salzburg) an einem Projekt zu musikalischen Aktivitäten im Kontext gegenwärtiger Phänomene der Fluchtmigration. In diesem Zusammenhang war sie 2016 Referentin auf der Tagung Musik und Migration der Österreichischen Gesellschaft für Musikwissenschaft. Seit 2016 ist sie Mitglied im Chor One Peace.


Rosemarie Demelmair

Rosemarie Demelmair studierte Musikerziehung und Instrumentalmusikerziehung an der Universität Mozarteum Salzburg und arbeitet als Musiklehrerin und Vokallehrerin an zwei Salzburger Gymnasien. Als Musikpädagogin wirkte sie bei diversen Projekten mit, u.a. mit Hubert von Goisern zu Volksmusik in der Schule. 2015 gründete sie den Chor One Peace für Asylsuchende und Studierende an der Universität Mozarteum, den sie seither leitet. Im Rahmen dieser Tätigkeit trat sie mit dem Chor bei verschiedenen Veranstaltungen auf, z.B. in der Alten und Neuen Residenz Salzburg. Darüber hinaus beschäftigt sie sich mit Themenstellungen des Singens im interkulturellen Kontext, so z.B. als Referentin bei der Tagung der Arbeitsgemeinschaft Musikerziehung Österreich im März 2017.

One Peace – ein Chorprojekt als musikalisch-kultureller Interaktionsraum

Rezente Fluchtbewegungen haben nicht nur großes soziales Engagement und Hilfsbereitschaft hervorgerufen, sondern sind auch Ausgangspunkt etlicher musikalischer Initiativen. Die junge Musikpädagogin Rosemarie Demelmair verbindet im Chorprojekt One Peace an der Universität Mozarteum Salzburg beides: Durch gemeinschaftliches Chorsingen möchte sie den Austausch von Studierenden und Geflüchteten fördern. Die Idee entstand im Sommer 2015, als sich Demelmair als Freiwillige am Salzburger Hauptbahnhof engagierte. Fortan wollte sie sich verstärkt gesellschaftspolitisch einbringen, weshalb sie im November 2015 den One Peace-Chor gründete. Der Chorname bleibt in seiner Aussprache doppeldeutig (‚peace‘/‚piece‘) und verweist derart auf zwei zentrale Anliegen des Projekts, nämlich einerseits durch Musik verbindend und friedensstiftend zu wirken und andererseits als „musikalisches Mosaikstückchen“ (Pouget 2016: 5)star (*4) zur Integration von Geflüchteten beizutragen (vgl. ebd.).star (*4)

In diesem Sinne bietet der Chor Raum für musikalisch-kulturellen Austausch und ein gegenseitiges Kennenlernen der aktuell rund zwanzig Mitglieder. Die „Freude am Singen und die dadurch bedingten Interaktionen“ (Demelmair 2016: 10)star (*3) stehen dabei im Fokus, so die Chorleiterin. Folglich steht der Chor allen Interessierten offen, unabhängig von (musikalischer Aus-)Bildung, Herkunft, Geschlecht und sozialem Status. Das Konzept musikalisch-kultureller Interaktionen zieht sich durch die gesamte Chorarbeit. Bereits das Einsingen zu Beginn jeder Chorprobe besteht aus gruppenbezogenen und interaktiven Übungen, die professionelles Chorsingen spielerisch einführen. Darüber hinaus ist das Repertoire des Chores bewusst international ausgerichtet. Neben Kanons und Popsongs in deutscher und englischer Sprache werden insbesondere Lieder aus den jeweiligen Heimatländern der Chormitglieder einstudiert – zum Beispiel das iranische Volkslied Mikham beram kuh, der libanesische Popsong Nasam Alayna El Hawa und das nigerianische Dankeslied Ibaché. Zudem standen bereits Stücke wie Es wird scho glei dumper und Edelweiß, unter anderem auf Persisch gesungen, auf dem Programm. Das Singen in verschiedenen (Fremd-)Sprachen ermöglicht ein von- und miteinander Lernen und sensibilisiert für die unterschiedlichen kulturellen Hintergründe der Chormitglieder. Nicht zuletzt wird dadurch ein Raum eröffnet, der die kritische Reflexion der jeweils eigenen kulturellen Prägung ermöglicht, wie Rosemarie Flotzinger im Folgenden anhand konkreter Beispiele aus ihrer Chorarbeit verdeutlicht. (Magdalena Marschütz)

Die Reflexion der vielfältigen Begegnungen und Interaktionen im Rahmen des Chorprojekts führte mich zu einer kritischen Auseinandersetzung mit dem Begriff ‚Kultur‘ und daran anschließend zu zwei für mich grundlegenden Einsichten: Zum einen wurde mir klar, dass in unserem Chor nicht zwei (oder mehrere) Kulturen einander begegnen, sondern Menschen unterschiedlicher kultureller Prägung. Dies kann als Basis dienen, soziales Verhalten nicht ausschließlich als kulturell begründet zu verstehen, ohne jedoch kulturelle Unterschiede zu negieren. Zum anderen stellte sich für mich die Frage nach der eigenen Kulturdeutung. Häufig passiert es, dass nicht-österreichische Chormitglieder vorschnell mit stereotypen Bildern verbunden werden, die verkürzte Vorstellungen von deren ‚Kultur‘ bewirken.  (vgl. Flechsig 1996: o.S.).star (*2)

Ein Beispiel aus der Chorarbeit verdeutlicht dies: Ein männliches Chormitglied wich in den Anfangsphasen unserer Chorproben immer wieder zurück, wenn ihm jemand körperlich nahe kam oder ich mich als Chorleiterin vor ihn stellte, um ihn zu motivieren. Meine gut gemeinte, vermeintlich tolerante Interpretation ging von einem Zusammenhang mit seinem ‚Kulturkreis‘ und einer möglicherweise damit verbundenen Ablehnung von Frauen in Führungspositionen aus. Mit meiner verkürzten „ethnisch-holistischen“ (Barth 2008: 116)star (*1) Kulturvorstellung versuchte ich, mir sein soziales Verhalten kulturell zu erklären. Als ich später erfuhr, dass dieser Chorsänger in seinem Heimatland aus politischen Gründen lange Zeit im Gefängnis war und daher traumatisiert ist, musste ich meine Interpretation überdenken.

Wenngleich derartige Missverständnisse und -interpretationen nicht vollständig vermieden werden   können, wird es in der gemeinsamen Begegnung möglich,  die jeweils eigene kulturelle Prägung und damit verbundene Selbstverständlichkeiten kritisch zu hinterfragen. Als europäisch sozialisierte Musikpädagogin ist für mich beispielsweise das Musizieren nach Noten gängige Praxis, wohingegen mich freies Musizieren nach Gehör rasch vor Herausforderungen stellt. Auch der Part des Einsingens kann mit der Genese ‚europäischer Kunstmusik‘ und daher mit meiner eigenen kulturellen Prägung in Verbindung gebracht werden. Schließlich stellt das gemischtgeschlechtliche, mehrstimmige Chorsingen für manche der Geflüchteten keineswegs eine Selbstverständlichkeit, sondern vielmehr Neuland dar. In diesem Sinne kann das Chorprojekt als musikalisch-kultureller Interaktionsraum fungieren, der letztendlich für alle Mitglieder – nicht nur für Geflüchtete – von Wert sein kann. (Rosemarie Demelmair)

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Barth, Dorothee (2008): Ethnie, Bildung oder Bedeutung? Zum Kulturbegriff in der interkulturell orientierten Musikpädagogik. Augsburg: Wießner.

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Flechsig, Karl Heinz (1996): Interkulturelles und kulturelles Lernen. Online unter http:// http://wwwuser.gwdg.de/~kflechs/iikdiaps1-97.htm (29.03.2017).

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Demelmair, Rosemarie (2016): „One Peace“. In: Programmheft zum Symposium „Salzburgs Hymnen von 1816 bis heute“. Universität Mozarteum: 09./10. 06. 2016, S. 10.

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Pouget, Sophie (2016): „One Peace“ – ein Mosaikstein der Flüchtlingsintegration. In: Salzburger Nachrichten/Uni-Nachrichten vom 12. 03. 2016, S. 5.

Magdalena Marschütz  Rosemarie Demelmair  (2017): One Peace – ein Chorprojekt als musikalisch-kultureller Interaktionsraum. In: p/art/icipate – Kultur aktiv gestalten # 08 , http://www.p-art-icipate.net/cms/one-peace-ein-chorprojekt-als-musikalisch-kultureller-interaktionsraum/