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Marina Belobrovaja

ist 1976 in Kiew (Ukraine) geboren. Nach ihrer Emigration nach Israel und der späteren Übersiedlung nach Deutschland studierte sie Bildende Kunst an der Universität der Künste in Berlin und an der Zürcher Hochschule der Künste. Seit mehreren Jahren ist sie als Aktionskünstlerin tätig. Ihre Projekte bewegen sich im Grenzbereich zwischen gesellschaftlicher Realität und künstlerischer Praxis und thematisieren auf provokative und zugleich spielerische Weise politische und soziale Phänomene. Neben Ihrer künstlerischen Arbeit ist sie in der Kunstforschung an der Hochschule Luzern Design & Kunst als wissenschaftliche Mitarbeiterin tätig und promoviert zurzeit an der Muthesius Kunsthochschule Kiel zur aktuellen politisch engagierten Aktionskunst in der Schweiz.

www.marinabelobrovaja.ch

„… so’n bisschen United Colors of Benetton“

*1 *( 1 )Seit seinem Inkrafttreten im Jahr 1981 wird das schweizerische Asylgesetz laufend revidiert und die damit einhergehenden Verschärfungen werden stets von rechtspopulistischen Kampagnen der Schweizer Volkspartei SVP begleitet. Die SVP wendet hierfür enorm hohe finanzielle Mittel auf und setzt neben großflächiger Plakatierung im öffentlichen Raum auf eine starke Präsenz in den Schweizer Medien – nicht nur mit Kampagneninseraten, sondern auch mittels wirtschaftlicher Übernahme ganzer Verlage wie z.B. der Basler Zeitung (Wikipedia 2013: o.S.)star (* 16 ). Das Umwerben Stimmberechtigter findet zudem über die direkte Zustellung des Agitationsmaterials an alle Schweizer Haushalte statt. Die politische Stimmung im Land hat sich nach den vom Stimmvolk knapp abgelehnten SVP-Initiativen zur Begrenzung des Ausländeranteils auf achtzehn Prozent im Jahr 2000, „gegen den Asylmissbrauch“ zwei Jahre später sowie der 2004 angestrebten „Einbürgerungsinitiative“ dramatisch verschärft: Im Jahr 2009 konnten sich das Minarettverbot und im darauf folgenden Jahr die „Ausschaffungsinitiative“ – die darauf abzielt, wegen eines Delikts verurteilte AusländerInnen unabhängig vom jeweiligen Strafmaß automatisch des Landes zu verweisen – als Mehrheitsentscheide durchsetzen. Im September 2012 verabschiedete die Bundesversammlung per Dringlichkeitsklausel die jüngsten Verschärfungsmaßnahmen des Asylgesetzes. Darin ist u.a. festgeschrieben, dass Asylgesuche künftig nicht länger bei Schweizer Botschaften im Ausland eingereicht werden können. Außerdem werden Wehrdienstverweigerung und Desertion nicht mehr als legitime Asylgründe anerkannt – für MenschenrechtsaktivistInnen, Verfolgte aus totalitären Staaten und Kriegsgebieten kann dies gravierende Folgen haben. Somit setzt das schweizerische Asylrecht heute nicht länger bei der Hilfeleistung für Flüchtlinge an, sondern dient vielmehr ihrer gezielten Abschreckung.

Die zunehmende Salonfähigkeit xenophober Haltungen in der Schweizer Gesellschaft bewegt nun auch Kunst- und Kulturschaffende dazu, sich zu der Problematik zu äußern. Spätestens seit der Annahme der Antiminarett-Initiative lässt sich in der Schweizer Kunst- und Kulturszene eine gestiegene Aufmerksamkeit für die irreguläre Migration beobachten – etwa am Beispiel des im Jahr 2009 von einer Gruppe Kulturschaffender gegründeten Vereins Kunst+Politik (vgl. Kunst+Politik 2013)star (* 15 ). Seit seinen Anfängen hat der Verein bereits einige Projekte zum Thema der Migration lanciert, u.a. Aufruf der Hundert – eine Aktion gegen die „Ausschaffungsinitiative“ der SVP im Jahr 2010 –, Stimm-/Wahlrecht Basel – eine Kampagne zum Stimmrecht von MigrantInnen im Kanton Basel-Stadt im selben Jahr –, oder auch das Projekt an deiner statt, im Zuge dessen 29 Schweizer AutorInnen 2012 mit Nothilfe-BezieherInnen, Sans-Papiers und abgewiesenen AsylbewerberInnen Gespräche geführt haben, um ihnen in daraufhin verfassten Texten „eine Stimme zu geben“.

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AntiKulti-Ateliergruppe (2012): Flüchtlinge als Stoff für Kunstprojekte. Ein Gespräch der Antikulti Ateliergruppe. In: Papierlose Zeitung, Heft 4, S.4-5. Online unter www.papierlosezeitung.ch/wp-content/uploads/Papierlose-Zeitung-4-2012.pdf  (31.01.2013).

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Autonome Schule Zürich (ASZ). Online unter www.schuel.ch/index.php/ASZ_Hohlstrasse.html (31.01.2013).

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Aux Arts Etc… (2012): Tag der Verortung. Online unter www.auxartsetc.ch/agenda_detail.php?id=8569 (31.01.2013).

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bblackboxx. Online unter www.bblackboxx.ch (31.01.2013).

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Bleiberecht-Kollektiv. Online unter www.bleiberecht.ch (31.01.2013).

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Büro Haeberli. Online unter www.buerohaeberli.ch (31.01.2013).

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Freudiger, Corina (2012): Abstraktes Afrika. Sandra Strunz zeigt ein angenehm ethnokitschfreies Stück über afrikanische Migranten. In: Züritipp vom 8.03.2012. Online unter www.zueritipp.ch/buehne/buehne/Abstraktes-Afrika/story/21714622/ (31.01.2013).

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Karakayali, Jule/Tsianos, Vassilis S./Karakayali, Serhat/Ibrahim, Aida (2012): Decolorise it! In: ak – analyse & kritik – Zeitung für linke Debatte und Praxis, Nr. 575, S.11-13. Online unter www.akweb.de/ak_s/ak575/23.htm (31.01.2013).

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Kritnet (Kritische Migrations- und Grenzregimeforschung). Online unter www.kritnet.org (31.01.2013).

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Kunstkredit Basel Stadt. Online unter www.kunstkreditbasel.ch (31.01.2013).

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Papierlose Zeitung. Online unter www.papierlosezeitung.ch (31.01.2013).

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Spivak, Gayatri Chakravorty (2007): Can the Subaltern Speak? Postkolonialität und subalterne Artikulation, Wien: Turia + Kant.

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Theaterprojekt WG Babylon. Eine Performance sucht Asyl (2010). Online unter: www.zhdk.ch/?projektarchiv&id=803; (31.01.2013).

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Verein Kunst+Politik. Online unter www.kunst-und-politik.ch (31.01.2013).

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Wikipedia (2013): Neuorientierung 2010/2011. Online unter de.wikipedia.org/wiki/Basler_Zeitung#Neuorientierung_2010.2F2011 (31.01.2013).

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Zulauf, Tim. Online unter www.zulauf.it (31.01.2013).

Der Titel stammt aus dem Interview mit Almut Rembges am 24.09.2012 in Basel. Der vorliegende Text basiert auf Auszügen aus zwischen August und Dezember 2012 durchgeführten Interviews.

Autonome Schule Zürich (ASZ) und der Verein Bildung für Alle (BfA), sind ein selbstverwaltetes Bildungsprojekt, das ein vielfältiges Bildungs- und Kulturangebot für alle − sowohl für illegalisierte Flüchtlinge und sozial Marginalisierte als auch alle anderen interessierten und engagierten Menschen bietet. Kernteil des Kursangebotes bilden Deutschkurse für verschiedene Kenntnisstufen. (vgl. Autonome Schule Zürich 2013).

Bleiberecht-Kollektiv ist eine politische Bewegung, in der Sans-Papiers und Solidarische mit eigenen Mitteln für ihre Rechte und Autonomie kämpfen. Es  setzt sich für Bewegungsfreiheit und gleiche Rechte für alle ein und fordert u.a. eine kollektive Legalisierung aller Sans-Papiers, die Aufhebung des Nothilfe-Regimes sowie die sofortige Umsetzung des Härtefallartikels. Die Bleiberechtbewegung setzt sich momentan aus Kollektiven in Zürich, Basel, Bern, Fribourg und Lausanne zusammen. (vgl. Bleiberecht-Kollektiv 2013).

AntiKulti-Ateliergruppe trifft sich seit Februar 2010 wöchentlich in autonomen Räumen Zürichs, um mit künstlerischen Mitteln antirassistische Projekte zu entwickeln und umzusetzen (vgl. AntiKulti-Ateliergruppe 2013).

Der Kunstraum bblackboxx wurde von Almut Rembges ins Leben gerufen und bezieht seit rund sechs Jahren Position an der Stadtgrenze von Basel (vgl. bblackboxx 2013).

Im Sommer 2010 erhielt die bblackboxx einen Beitrag der Kulturabteilung des Kantons Basel Stadt für die Umsetzung einer künstlerisch-theoretischen Aktionsreihe (vgl. Kunstkredit Basel-Stadt 2013).

Kritische Whiteness-Forschung (Critical Whiteness Studies), die sich in den 1980er Jahren in der USA entwickelte, thematisiert den Ursprung des Rassismus anhand bestehender sozialer Konstruktionen, bei denen u.a. die verinnerlichte Norm des Weißseins als rassifizierende Perspektive auf das „Andere“ reflektiert wird.

Marina Belobrovaja  (2013): „… so’n bisschen United Colors of Benetton“. In: p/art/icipate – Kultur aktiv gestalten # 02 , http://www.p-art-icipate.net/cms/son-bisschen-united-colors-of-benetton/