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Marina Belobrovaja

ist 1976 in Kiew (Ukraine) geboren. Nach ihrer Emigration nach Israel und der späteren Übersiedlung nach Deutschland studierte sie Bildende Kunst an der Universität der Künste in Berlin und an der Zürcher Hochschule der Künste. Seit mehreren Jahren ist sie als Aktionskünstlerin tätig. Ihre Projekte bewegen sich im Grenzbereich zwischen gesellschaftlicher Realität und künstlerischer Praxis und thematisieren auf provokative und zugleich spielerische Weise politische und soziale Phänomene. Neben Ihrer künstlerischen Arbeit ist sie in der Kunstforschung an der Hochschule Luzern Design & Kunst als wissenschaftliche Mitarbeiterin tätig und promoviert zurzeit an der Muthesius Kunsthochschule Kiel zur aktuellen politisch engagierten Aktionskunst in der Schweiz.

www.marinabelobrovaja.ch

„… so’n bisschen United Colors of Benetton“

Neben Aktionen einzelner KünstlerInnen und KünstlerInnengruppen regen vermehrt auch Kultur- und Ausbildungsinstitutionen Workshops, Ausstellungen, Aufführungen und Festivals an, die sich der Themen „Flüchtlinge“, „Sans Papiers“, „Asylsuchende“ oder „Refugees“ annehmen. Viele der Initiativen setzen dabei auf unmittelbare Partizipation der Betroffenen. So etwa wurde 2012 im Rahmen eines Hochschul-Dramaturgieseminars die Aufführung WG Babylon. Eine Performance sucht Asyl (vgl. Theaterprojekt WG Babylon 2013)star (* 14 ) als eine Zusammenarbeit von Studierenden der Zürcher Hochschule der Künste (ZHdK), der Eidgenössischen Technischen Hochschule (ETH) in Kooperation mit der Autonomen Schule Zürich*2 *( 2 )star (* 2 ) und dem Bleiberecht-Kollektiv*3 *( 3 )star (* 5 ) realisiert und die Publikation Bleibeführer Zürich (vgl. Projekt Bleibeführer Zürich 2013)star (* 12 ) in Kooperation zwischen dem Institute for Art Education der ZHdK, dem Museum für Gestaltung Zürich und der Autonomen Schule Zürich im Rahmen des Forschungsprojektes „Kunstvermittlung in Transformation“ im Jahr 2010 veröffentlicht. Die Hamburger Dramaturgin Sandra Strunz entwickelte 2012 in Kooperation mit dem Theaterhaus Gessnerallee in Zürich unter Beteiligung afrikanischer MigrantInnen ihr Stück Die Unsichtbaren (Freudiger 2012: o.S.)star (* 7 ), das u.a. beim Festival Verortung im März 2012 in der Gessnerallee zu sehen war (Aux Arts Etc… 2012: o.S.)star (* 3 ), in dessen Rahmen mehrere weitere Produktionen zum Thema Flucht, Krieg, Heimat und Identität gezeigt wurden – um nur einige der in den letzten Jahren stattgefundenen Projekte zu nennen.

Als Künstlerin, die sich in ihrer Arbeit ebenfalls mit dem Thema der Migration auseinandersetzt, werde ich immer wieder mit Stimmen konfrontiert, die den künstlerischen Zugriff auf diese Problematik kritisieren. Oft wird den ProjektinitiatorInnen vorgeworfen, dass sie sich über die wirklichen Schicksale der Betroffenen hinwegsetzen und sie lediglich zu StatistInnen ihrer vermeintlich engagierten Vorhaben machen würden. Vergleichbare Kritik wird nicht zuletzt auch von Flüchtlingen selbst formuliert (u.a. AntiKulti-Ateliergruppe 2012: 4f.)star (* 1 ).

In Gesprächen mit verschiedenen AkteurInnen der Polit- und Kulturszene der Schweiz, die sich als InitiantInnen, Teilnehmende oder RezipientInnen mit partizipativ angelegten Projekten zum Thema der irregulären Migration befasst haben, möchte ich in diesem Beitrag der Frage nachgehen, anhand welcher Merkmale die „eigentliche“ Motivation derartiger Kunstprojekte überprüft werden kann. Genießen ProjektmacherInnen, die – wie ich – selbst einen Migrationshintergrund aufweisen, eine Art „Glaubwürdigkeitsvorsprung“ im Vergleich zu all denjenigen, die keinen biografisch bedingten Bezug zu dieser Problematik haben? Und nicht zuletzt: In welchen Punkten ist die in der Kunstszene oft beklagte Kritik gegenüber künstlerischen Arbeiten, die sich politischer Themen wie Migration annehmen, begründet?

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AntiKulti-Ateliergruppe (2012): Flüchtlinge als Stoff für Kunstprojekte. Ein Gespräch der Antikulti Ateliergruppe. In: Papierlose Zeitung, Heft 4, S.4-5. Online unter www.papierlosezeitung.ch/wp-content/uploads/Papierlose-Zeitung-4-2012.pdf  (31.01.2013).

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Autonome Schule Zürich (ASZ). Online unter www.schuel.ch/index.php/ASZ_Hohlstrasse.html (31.01.2013).

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Aux Arts Etc… (2012): Tag der Verortung. Online unter www.auxartsetc.ch/agenda_detail.php?id=8569 (31.01.2013).

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bblackboxx. Online unter www.bblackboxx.ch (31.01.2013).

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Bleiberecht-Kollektiv. Online unter www.bleiberecht.ch (31.01.2013).

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Büro Haeberli. Online unter www.buerohaeberli.ch (31.01.2013).

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Freudiger, Corina (2012): Abstraktes Afrika. Sandra Strunz zeigt ein angenehm ethnokitschfreies Stück über afrikanische Migranten. In: Züritipp vom 8.03.2012. Online unter www.zueritipp.ch/buehne/buehne/Abstraktes-Afrika/story/21714622/ (31.01.2013).

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Karakayali, Jule/Tsianos, Vassilis S./Karakayali, Serhat/Ibrahim, Aida (2012): Decolorise it! In: ak – analyse & kritik – Zeitung für linke Debatte und Praxis, Nr. 575, S.11-13. Online unter www.akweb.de/ak_s/ak575/23.htm (31.01.2013).

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Kritnet (Kritische Migrations- und Grenzregimeforschung). Online unter www.kritnet.org (31.01.2013).

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Kunstkredit Basel Stadt. Online unter www.kunstkreditbasel.ch (31.01.2013).

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Papierlose Zeitung. Online unter www.papierlosezeitung.ch (31.01.2013).

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Spivak, Gayatri Chakravorty (2007): Can the Subaltern Speak? Postkolonialität und subalterne Artikulation, Wien: Turia + Kant.

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Theaterprojekt WG Babylon. Eine Performance sucht Asyl (2010). Online unter: www.zhdk.ch/?projektarchiv&id=803; (31.01.2013).

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Verein Kunst+Politik. Online unter www.kunst-und-politik.ch (31.01.2013).

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Wikipedia (2013): Neuorientierung 2010/2011. Online unter de.wikipedia.org/wiki/Basler_Zeitung#Neuorientierung_2010.2F2011 (31.01.2013).

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Zulauf, Tim. Online unter www.zulauf.it (31.01.2013).

Der Titel stammt aus dem Interview mit Almut Rembges am 24.09.2012 in Basel. Der vorliegende Text basiert auf Auszügen aus zwischen August und Dezember 2012 durchgeführten Interviews.

Autonome Schule Zürich (ASZ) und der Verein Bildung für Alle (BfA), sind ein selbstverwaltetes Bildungsprojekt, das ein vielfältiges Bildungs- und Kulturangebot für alle − sowohl für illegalisierte Flüchtlinge und sozial Marginalisierte als auch alle anderen interessierten und engagierten Menschen bietet. Kernteil des Kursangebotes bilden Deutschkurse für verschiedene Kenntnisstufen. (vgl. Autonome Schule Zürich 2013).

Bleiberecht-Kollektiv ist eine politische Bewegung, in der Sans-Papiers und Solidarische mit eigenen Mitteln für ihre Rechte und Autonomie kämpfen. Es  setzt sich für Bewegungsfreiheit und gleiche Rechte für alle ein und fordert u.a. eine kollektive Legalisierung aller Sans-Papiers, die Aufhebung des Nothilfe-Regimes sowie die sofortige Umsetzung des Härtefallartikels. Die Bleiberechtbewegung setzt sich momentan aus Kollektiven in Zürich, Basel, Bern, Fribourg und Lausanne zusammen. (vgl. Bleiberecht-Kollektiv 2013).

AntiKulti-Ateliergruppe trifft sich seit Februar 2010 wöchentlich in autonomen Räumen Zürichs, um mit künstlerischen Mitteln antirassistische Projekte zu entwickeln und umzusetzen (vgl. AntiKulti-Ateliergruppe 2013).

Der Kunstraum bblackboxx wurde von Almut Rembges ins Leben gerufen und bezieht seit rund sechs Jahren Position an der Stadtgrenze von Basel (vgl. bblackboxx 2013).

Im Sommer 2010 erhielt die bblackboxx einen Beitrag der Kulturabteilung des Kantons Basel Stadt für die Umsetzung einer künstlerisch-theoretischen Aktionsreihe (vgl. Kunstkredit Basel-Stadt 2013).

Kritische Whiteness-Forschung (Critical Whiteness Studies), die sich in den 1980er Jahren in der USA entwickelte, thematisiert den Ursprung des Rassismus anhand bestehender sozialer Konstruktionen, bei denen u.a. die verinnerlichte Norm des Weißseins als rassifizierende Perspektive auf das „Andere“ reflektiert wird.

Marina Belobrovaja  (2013): „… so’n bisschen United Colors of Benetton“. In: p/art/icipate – Kultur aktiv gestalten # 02 , http://www.p-art-icipate.net/cms/son-bisschen-united-colors-of-benetton/