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Hildegund Amanshauser

Kunsthistorikerin, Kuratorin, Autorin
seit 2009 Direktorin der Internationalen Sommerakademie für Bildende Kunst Salzburg
2004 – 2009 Professur „Kunst und Öffentlichkeit” an der Kunstakademie Münster
1992 – 2004 Direktorin des Salzburger Kunstvereins
1991 bis 1993 Beiratsmitglied Generali Foundation
1991 Österreichische Kommissärin Biennale Sao Paulo
1987 bis 1992 Generalsekretärin Wiener Secession
1985 bis 1987 Kuratorin für Graphik und Photographie Museum moderner Kunst Wien
1981 bis 1985 freie Forschungs- und Vermittlungstätigkeit u.a. für die Wiener Festwochen, die Österreichische Gesellschaft für Architekturzahlreiche Publikationen zur modernen und zeitgenössischen Kunst

www.amanshauser.net

Von VALIE EXPORT zu Pussy Riot

Konfliktlinien und weibliche Sichtbarkeit im öffentlichen Raum

Zusammenfassung

Misst man die drei erwähnten Beispiele an den Begriffsbestimmungen von künstlerischer Intervention von Astrid Wege (2001)star (* 12 ) und Christian Höller (1995astar (* 4 ) und bstar (* 5 )) (s. Editorial des eJournals), so zeigt sich, dass diese weder der einen (Gegenbilder in die spätkapitalistischen Machtstrukturen einschleusen) noch der anderen (marginalisierte Gruppen unterstützen) eindeutig zugeordnet werden können.

VALIE EXPORT transferierte mit dem Tapp- und Tastkino den Kinoraum stark verkleinert in den öffentlichen Raum. Ihr Thema ist der – vorwiegend männliche – Blick auf den weiblichen Körper, den sie aus der Anonymität des dunklen Kinoraums direkt auf die Straße holt. Diese Arbeit lässt sich auch als interventionistische Praxis bezeichnen, weil sie unvorhergesehen in unterschiedlichen Städten auftrat und zeitlich auf ca. 30 Minuten beschränkt war. Das Setting der Aktion regelte die Teilhabe der PassantInnen klar, man kann davon ausgehen, dass den teilnehmenden Personen dieses zwar zunächst rätselhaft erschien, auf längere Sicht jedoch eine Veränderung bestimmter Wahrnehmungsmuster erzielt wurde.

Die Arbeit von Sanja Iveković Lady Rosa of Luxembourg provozierte eine bewusste Wahrnehmung des Nationaldenkmals durch seine Verdoppelung mit leichten Veränderungen und löste damit einen Diskussionsprozess um die ideologischen Grundlagen der luxemburgischen nationalen Identität aus. Auch hier geht es um das Bild und den Stellenwert der Frau im öffentlichen Raum, sowie um die Produktion divergenter Bilder, durch die die gewohnte Wahrnehmung in Frage gestellt wird. Die in Bezug auf den Kontext der Intervention in einen öffentlichen Raum mit Abstand radikalste Arbeit ist jene von Pussy Riot: Mit einer Punk-Performance im symbolischen Zentrum der russisch orthodoxen Kirche in Moskau, in der für die Befreiung der Herrschaft von Putin gebetet wurde, stellten die Künstlerinnen nicht nur den Staat und seine Repräsentanten, sondern ebenso die Hierarchien und die Gesetze der Kirche aufs Schärfste auf die Probe. Die drakonischen Strafen, die folgten, machten die Arbeit der Künstlerinnen weltweit publik, zeigen aber auch die Brutalität, mit der in Russland aktivistische KünstlerInnen verfolgt werden.

Die Grenzen zwischen künstlerischen Aktionen, Performances, Interventionen und politischen Aktivismus lösen sich heute zunehmend auf: Künstlerische Projekte sind aktivistische Projekte, wie z.B. Erdem Gündüz, Standing Man (Istanbul 2013), der acht Stunden lang im Gezi-Park regungslos auf ein Atatürk-Transparent blickte und in Folge von hunderten AktivistInnen nachgeahmt wurde, zeigt. Politischer Aktivismus wird in künstlerischen Arbeiten dokumentiert, kommentiert und multipliziert (z.B. Anna Jermolaewa: Methods of Social Resistance on Russian Examples, 2012, die die große Protestwelle in Russland im Jahr 2012 dokumentiert und das breite Spektrum an Methoden des sozialen Widerstands aufzeigt). Und manchmal kann Kunst auch als Schutzschirm für künstlerisch aktivistische Projekte/Interventionen fungieren, wie bei Pussy Riot.

Performative Praktiken und der öffentliche Raum spielen dabei im Kontext dieser Grenzverschiebungen und -auflösungen zwischen Kunst und Aktivismus eine entscheidende Rolle: Performative Praktiken sind, um es mit den Worten von Erika Fischer-Lichte zu sagen, ästhetische, soziale und politische Äußerungen gleichermaßen und werden in dieser Kongruenz ästhetisch erfahrbar. Ebenso ist der öffentliche Raum ästhetisch, sozial und politisch lesbar, weil sich nur dort die sozialen Bewegungen der letzten Jahre erst konstituieren konnten (Moskau, Ägypten, Istanbul, Brasilien etc.) und weil, um noch einmal auf Hannah Arendt zu verweisen, nur im öffentlichen Raum weltliche Wirklichkeit zuverlässig in Erscheinung treten kann.

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Arendt, Hannah (2006): Vita activa oder Vom tätigen Leben. München, Zürich. 4. Auflage.

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Degot, Ekatarina (2012): Multiple Faces of Feminist Art Against a neoconservative Backlash Vortrag in Wien im Rahmen des Former West Symposiums am 20.4.2012: http://www.formerwest.org/ResearchCongresses/3rdFormerWestResearchCongressPartOne/Video/MultipleF
acesOfFeministArtAgainstaNeoconservativeBacklash

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Fischer-Lichte, Erika (2004): Ästhetik des Performativen. Frankfurt am Main: Suhrkamp.

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Höller, Christian (1995a): Fortbestand durch Auflösung. Aussichten interventionistischer Kunst, Texte zur Kunst Nr. 20 / 1995. Online unter http://eipcp.net/transversal/0102/hoeller/de

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Höller, Christian (1995b): Störungsdienste. In: springer: Hefte für Gegenwartskunst 1/1, Wien, S. 21-26, 1995.

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Kwon, Miwon (1997): Public Art und städtische Identitäten | eipcp.net. Zum ersten Mal 1997 publiziert, unter dem Titel: Für Hamburg: Public Art und städtische Identitäten. In: Christian Philipp Müller (Hg.): Kunst auf Schritt und Tritt, Hamburg, 1997, S. 94-109. Online unter http://eipcp.net/transversal/0102/kwon/de

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Marchart, Oliver (2004): Hegemonie und künstlerische Praxis. Vorbemerkungen zu einer Ästhetik des Öffentlichen. In: Kunst im Stadtraum – Hegemonie und Öffentlichkeit, Dresden 2004, S. 23ff.

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Pejić, Bojana (2013): Lady Rosa of Luxembourg, or, is the Age of Female Allegory Really a Bygone Era? Online unter http://www.moma.org/interactives/exhibitions/2011/sanjaivekovic/essays/BP Lady Rosa of Luxembourg.pdf. vom 29.9.2013, Ausdruck im Besitz der Autorin, Seite am 3.11.2013 nicht verfügbar.

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Pussy Riot (2012): Punk Gebet Christ-Erlöser-Kathedrale in Moskau am 21. Februar 2012, Videoclip. Online unter http://www.youtube.com/watch?v=lPDkJbTQRCY

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Ursprung, Philip (2013): Grenzen der Kunst, Allan Kaprow und das Happening, Robert Smithson und die Land Art. München:  Schreiber.

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Vogel, Sabine B. (1989): SITUATIONISTISCHE INTERNATIONALE, veröffentlicht in: ARTIS, Februar 1989, 41. Jahrgang. Online unter http://sabinebvogel.at/situationistische-internationale/

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Wege, Astrid (2001):. Eines Tages werden die Wünsche die Wohnung verlassen und auf die Straße gehen: Zu interventionistischer und aktivistischer Kunst. In: Schütz, H.(Hg.): Stadt.Kunst. Regensburg: Lindinger & Schmidt, S. 23–31.

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VALIE EXPORT: Tapp- und Tastkino. Online unter http://www.medienkunstnetz.de/werke/tapp-und-tastkino/

Dieser Text beruht auf dem Vortrag, den ich im Rahmen des Symposiums Künstlerische Interventionen, Kollaborative und selbstorganisierte Praxen am 25. Oktober 2013 mit einer Reihe von Beispielen (VALIE EXPORT, Adrian Piper, Mierle Laderman Ukeles, Sanja Iveković, Pussy Riot) gehalten habe. Der vorliegende Artikel fokussiert auf drei Beispiele.

Leider sind in den PDF-Versionen einige Sonderzeichen nicht richtig umgewandelt. Wir entschuldigen uns dafür!

Hildegund Amanshauser  (2014): Von VALIE EXPORT zu Pussy Riot.

Konfliktlinien und weibliche Sichtbarkeit im öffentlichen Raum

In: p/art/icipate – Kultur aktiv gestalten # 04 , http://www.p-art-icipate.net/cms/von-valie-export-zu-pussy-riot/