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Xenia Kopf

Kulturwissenschafterin mit Schwerpunkten in Stadtforschung, Kulturpolitik und Theaterwissenschaft. Dissertantin am interuniversitären Doktoratskolleg „Die Künste und ihre öffentliche Wirkung“ (Universität Salzburg und Mozarteum) seit Oktober 2015. Wissenschaftliche Mitarbeiterin der österreichischen kulturdokumentation seit 2010. Studium der Theater-, Film- und Medienwissenschaft, Publizistik und Kommunikationswissenschaft und Romanistik in Wien. (Ko-)Autorin zahlreicher Publikationen und Artikel zu: Kulturpolitik auf nationaler und europäischer Ebene, Regionalpolitik und Kultur, städtischer Kultur- und Kreativwirtschaftspolitik, Freiem Theater und Österreichischem Film. Diplomarbeit: „Coram Publico. Zur strategischen Inszenierung öffentlicher Räume“ (2015).


Anita Moser

Anita Moser ist seit 2015 Senior Scientist am Programmbereich Zeitgenössische Kunst und Kulturproduktion mit den Schwerpunkten Kulturmanagement, Freie Kulturarbeit sowie zeitgenössische Kunst und Migration. Sie studierte Komparatistik und Spanisch in Innsbruck und Bilbao und war u.a. als wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Komparatistik Innsbruck, als leitende Angestellte beim Festival Neuer Musik „Klangspuren Schwaz“ und als Geschäftsführerin der Interessenvertretung „TKI – Tiroler Kulturinitiativen/IG Kultur Tirol“ tätig. Das Doktoratsstudium schloss sie mit einer Dissertation über Kunst im Kontext aktueller Migrationen ab, die unter dem Titel „Die Kunst der Grenzüberschreitung. Postkoloniale Kritik im Spannungsfeld von Ästhetik und Politik“ bei transcript publiziert wurde.


Johanna Öttl

Literaturwissenschaftlerin und Literaturvermittlerin in Salzburg und Wien. Forschungsschwerpunkte: Literatur über die Shoah, Groteske, Literatur und Erinnerung, österreichische Gegenwartsliteratur.

Studium der Germanistik und Anglistik an den Universitäten Salzburg und Wien mit Auslandsaufenthalten in Liverpool und Berlin. Nach mehrjähriger Arbeit als ÖAD-Lektorin am Trinity College Dublin und darauf folgend im österreichischen Kulturbetrieb, lehrt sie am Fachbereich Germanistik der Universität Salzburg und promoviert am Doktoratskolleg Die Künste und ihre öffentliche Wirkung mit einer Arbeit zu Ästhetiken des Grotesken in der Literatur über die Shoah. Sie arbeitet außerdem für die Kulturzeitschrift wespennest, rezensiert für Die Presse und moderiert regelmäßig Buchpräsentationen in der Alten Schmiede Wien.

Zuletzt erschienen: Renaissancen des Kitsch (turia + kant, 2016; hg. gem. mit Christina Hoffmann)

Von Wissenssystemen und Experimentierräumen

In einem seiner Essays zu Literatur zitiert Jorge Luis Borges aus einer ‚chinesischen Enzyklopädie‘ folgendes Ordnungssystem für Tiere: „a) Tiere, die dem Kaiser gehören, b) einbalsamierte Tiere, c) gezähmte, d) Milchschweine, e) Sirenen, f) Fabeltiere, g) herrenlose Hunde, h) in diese Gruppierung gehörige, i) die sich wie Tolle gebärden, k) die mit einem ganz feinen Pinsel aus Kamelhaar gezeichnet sind, l) und so weiter, m) die den Wasserkrug zerbrochen haben, n) die von weitem wie Fliegen aussehen.“ (Borges 1966, zit. n. Foucault 1974: 17)star (*1)

Michel Foucault bezieht sich auf Borges’ Text in der Einleitung zu Die Ordnung der Dinge (1966), seiner diskursanalytischen Arbeit zur Herausbildung moderner Wissenssysteme. Damit verweist der Philosoph nicht nur auf diskursive Konstruktionen von Nomenklaturen und Ordnungssystemen, sondern auch auf die Irritation, die das unmittelbare Nebeneinander dieser Tierklassen hervorruft (vgl. Foucault 1974: 18).star (*2) Er verdeutlicht, dass ‚Wissen‘ an spezifische Kontexte gebunden ist, in denen gesellschaftliche und kulturelle Machtverhältnisse zum Ausdruck kommen; dabei sind aber immer auch andere Ordnungen möglich: Mit Fabeltieren, herrenlosen Hunden und Tieren, die von weitem wie Fliegen aussehen, stehen Kategorien nebeneinander, die unter den Bedingungen tradierter Klassifikationsschemata kaum miteinander in Beziehung gesetzt werden. In diesem Nebeneinander entsteht ein (diskursiver) Raum, der sie dennoch miteinander in Berührung bringt und so die Entwicklung neuer Perspektiven auf konventionalisierte Ordnungen sowie ein anderes, widerständiges ‚Wissen‘ zulässt.

Wissenschaftlichen Konventionen entsprechend sind verschiedene Ordnungs- und Wissenssysteme institutionell oftmals voneinander getrennt, und zwar sowohl räumlich als auch epistemisch. Das Doktoratskolleg Die Künste und ihre öffentliche Wirkung: Konzepte – Transfer – Resonanz, angesiedelt am interuniversitären Forschungsschwerpunkt Wissenschaft und Kunst, einer Kooperation zwischen der Paris Lodron Universität und der Universität Mozarteum Salzburg, versucht – ebenso wie die vorliegende Ausgabe des eJournals p/art/icipate –, diesen Trennungen entgegenzutreten: Die sieben Doktorandinnen arbeiten nicht nur ausgehend von sehr verschiedenen Forschungsperspektiven nebeneinander, sondern auch mithilfe unterschiedlicher methodischer Zugriffe miteinander. In ihren Dissertationsprojekten, die an den Schnittstellen von Wissenschaft und Kunst angesiedelt sind, befassen sie sich mit Phänomenen, Konzepten und Prozessen der Wechselwirkung zwischen den Künsten und ihren Öffentlichkeiten. Dabei bewegen sich die Zugänge zwischen Kultur-, Literatur-, und Musikwissenschaft, Stadtforschung, forschender Kunst und künstlerischer Forschung. Somit wird ein Raum geschaffen, in dem verschiedene Wissenssysteme, deren Genese und Historizität, aber auch deren Repräsentationen reflektiert werden. Die Arbeit im Doktoratskolleg knüpft an einen erweiterten Wissensbegriff an, der auch ‚ästhetisches Wissen‘ einbezieht: Dabei wird davon ausgegangen, dass künstlerische Mittel (der Darstellung, der Forschung usw.) neue Perspektiven auf (alte) Wissensbestände ermöglichen und vermeintlich starre (Macht-)Verhältnisse veränderbar sind. Dass diese Wissensbestände nicht nur ihre jeweiligen Nomenklaturen und Ordnungen ausbilden, sondern auch bestimmte Darstellungsweisen privilegieren, hat Joseph Vogl anhand seiner Poetologie des Wissens gezeigt (Vogl 2011: 54f).star (*3) In Nachbarschaft mit neuen Wissens- und Ordnungssystemen begegnen einander im Doktoratskolleg daher auch unterschiedliche Repräsentationsweisen.

Während Foucault an Borges‘ ‚chinesischer Enzyklopädie‘ sowohl die Unmöglichkeit der Nachbarschaft dieser Tiergruppen als auch die Unmöglichkeit eines Raumes beschreibt, in dem sie nebeneinanderstehen können (vgl. Foucault 1974: 19),star (*2) versucht das Doktoratskolleg einen offenen Experimentierraum für die Begegnung zwischen Wissens- und Ordnungssystemen – konkret zwischen Wissenschaft und Kunst und ihren Repräsentationsformen – zu schaffen. Dieser Raum wurde im Rahmen einer Ringvorlesung der Doktorandinnen im Sommersemester 2017 am Schwerpunkt Wissenschaft und Kunst auch der Öffentlichkeit zugänglich gemacht: Dabei wurden Formate wie die Performance Lecture, künstlerisch-wissenschaftliche Dialogformate oder Raumerkundungen ausgetestet. Wenngleich schriftliche Formate in einem eJournal auf Grund technischer Einschränkungen weniger Spielraum lassen, soll auch dieses als Experimentierraum fungieren, in dem Heterogenes nebeneinandersteht und gegebenenfalls verschiedene Repräsentationsweisen abseits konventionalisierter wissenschaftlicher Formate ausprobiert werden können.

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Borges, Jorge Luis (1966): Die analytische Sprache John Wilkins. In: Ders. (1966): Das Eine und die Vielen. Essays zur Literatur, München: Hanser, S. 212. Zit. n. Foucault 1974, S. 17.

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Foucault, Michel (1974): Die Ordnung der Dinge. Frankfurt: Suhrkamp.

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Vogl, Joseph (2011): Poetologie des Wissens. In Maye, Harun/Scholz, Leander (Hg.): Einführung in die Kulturwissenschaften. München: Fink, S. 49–71.

Xenia Kopf  Anita Moser  Johanna Öttl  (2017): Von Wissenssystemen und Experimentierräumen. In: p/art/icipate – Kultur aktiv gestalten # 08 , http://www.p-art-icipate.net/cms/von-wissenssystemen-und-experimentierraumen/