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Anita Moser

Anita Moser ist seit 2015 Senior Scientist am Programmbereich Zeitgenössische Kunst und Kulturproduktion mit den Schwerpunkten Kulturmanagement, Freie Kulturarbeit sowie zeitgenössische Kunst und Migration. Sie studierte Komparatistik und Spanisch in Innsbruck und Bilbao und war u.a. als wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Komparatistik Innsbruck, als leitende Angestellte beim Festival Neuer Musik „Klangspuren Schwaz“ und als Geschäftsführerin der Interessenvertretung „TKI – Tiroler Kulturinitiativen/IG Kultur Tirol“ tätig. Das Doktoratsstudium schloss sie mit einer Dissertation über Kunst im Kontext aktueller Migrationen ab, die unter dem Titel „Die Kunst der Grenzüberschreitung. Postkoloniale Kritik im Spannungsfeld von Ästhetik und Politik“ bei transcript publiziert wurde.

Wenn Kunst von der Realität eingeholt wird

Nicole Weniger im Gespräch mit Anita Moser

AM: Rettungsdecken spielen bei dir eine wichtige Rolle. Warum gerade dieses Material?

NW: 2012 begann ich die Rettungsdecken für mehrere meiner Arbeiten zu verwenden. Sie sind als Material aufgrund ihrer Eigenschaften sehr spannend, um damit skulptural und performativ zu arbeiten. Sie sind sehr leicht, haben diese glänzende Oberfläche und machen Geräusche, wenn sie bewegt werden. Aber auch inhaltlich finde ich sie interessant: Sie stehen für Katastrophen, die in den Medien – man kann fast sagen – inszeniert werden. Sie sind ein medialer Indikator für Katastrophen. Wenn sie auftauchen, weiß man sofort, da ist etwas passiert. Daraus ergibt sich eine besondere Spannung. Weiters bedeutend finde ich, dass Rettungsdecken auf Körpermaße zugeschnitten sind und somit – in meinen Fotografien und Videos – auf Menschen bzw. deren Körper verweisen, quasi den abwesenden Körper darstellen, wie in der in Südafrika entstandenen Arbeit ‚The Absence‘.

Seasonal Integration

Seasonal Integration

AM: Deine Kunst ist sehr vielfältig, sowohl formal als auch in Bezug auf die Inhalte. Gibt es bei all der Bandbreite zentrale Themen, zu denen du immer wieder zurückkehrst?

NW: Ja. Meine Arbeiten kreisen um die Themen Anwesenheit und Abwesenheit, Konstruktion von Erinnerung, Orientierungslosigkeit und Suche. Der Mensch steht dabei im Zentrum, meist unidentifizierbar, meist nicht anwesend. Der Mensch als Spur. Was bedeutet es, anwesend zu sein und wie kann ich mich an einem Ort verewigen? Braucht es wirklich einen Körper, um sich wo zu verewigen? Bin ich selbst wirklich anwesend oder nur die Erinnerung an mich? Der Bezug des Menschen zu seinem Umfeld, zur Landschaft, zum Stadtraum interessiert mich. In meiner Kunst geht es für mich darum, Dinge sichtbar zu machen, Verbindungen aufzuzeigen, das Unsichtbare sichtbar zu machen.

AM: Dazu gehört auch das Interesse an dem Zustand, in dem man sich zwischen dem irgendwo Ankommen und sich dort Verorten befindet. Das ist in ‚The Unknown‘ Thema, wo du eine Gruppe von Menschen in Rettungsdecken in einer unwirtlichen Landschaft am Meer in Szene setzt. Stellst du dabei bewusst Bezüge zu aktuellen Migrationsbewegungen und zu Flucht her?

NW: Bewusst intendiert sind diese Bezüge zuerst einmal nicht. Die Serie ‚The Unknown‘ ist ja im Herbst 2014 entstanden, als Weiterführung des Performanceprojektes ‚Seasonal Integration‘ aus dem Jahre 2012, also zeitlich vor der großen Fluchtbewegung des letzten Jahres. Ich wollte eine unidentifizierbare Gruppe darstellen, die sich zu orientieren versucht. Die in Rettungsfolie gepackten Figuren vermitteln in fast surrealistischer Weise eine Ankunft in der Schwebe zwischen Unsicherheit und Suche. Man weiß ja nicht, wer die Gruppe ist und was sie macht. Für mich ist Orientierungslosigkeit ein globales Phänomen. Ich habe den Eindruck, alle sind im Moment etwas verloren. Ich wollte die Verbindung der Menschheit zum Meer darstellen – wir kommen ja alle aus dem Wasser – in einer Landschaft, in der der Mensch eigentlich gar nichts mehr verloren hat, in einer unwegsamen Gegend, in Gebirgen oder Küstenstreifen, die ganz unmenschlich wirken. Mittlerweile ist diese Arbeit von der Realität eingeholt worden. In den Medien sind viele Bilder mit geflüchteten Menschen in Rettungsdecken zu sehen, und die Fotografien bekommen somit eine zusätzliche Bedeutung.

The Unknown

The Unknown

Anita Moser  (2016): Wenn Kunst von der Realität eingeholt wird.

Nicole Weniger im Gespräch mit Anita Moser

In: p/art/icipate – Kultur aktiv gestalten # 07 , http://www.p-art-icipate.net/cms/wenn-kunst-von-der-realitat-eingeholt-wird/