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Anita Moser

Anita Moser ist seit 2015 Senior Scientist am Programmbereich Zeitgenössische Kunst und Kulturproduktion mit den Schwerpunkten Kulturmanagement, Freie Kulturarbeit sowie zeitgenössische Kunst und Migration. Sie studierte Komparatistik und Spanisch in Innsbruck und Bilbao und war u.a. als wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Komparatistik Innsbruck, als leitende Angestellte beim Festival Neuer Musik „Klangspuren Schwaz“ und als Geschäftsführerin der Interessenvertretung „TKI – Tiroler Kulturinitiativen/IG Kultur Tirol“ tätig. Das Doktoratsstudium schloss sie mit einer Dissertation über Kunst im Kontext aktueller Migrationen ab, die unter dem Titel „Die Kunst der Grenzüberschreitung. Postkoloniale Kritik im Spannungsfeld von Ästhetik und Politik“ bei transcript publiziert wurde.

Wenn Kunst von der Realität eingeholt wird

Nicole Weniger im Gespräch mit Anita Moser

AM: Hast du künstlerische Vorbilder? Gibt es theoretische Positionen, die dich stark beeinflussen beziehungsweise Auslöser waren, um in die Kunst zu gehen?

NW: Ólafur Elíassons Kunst finde ich sehr gut, also seinen Ansatz, raumübergreifend zu arbeiten. Er spielt sehr mit der Anwesenheit vom Betrachter und von der Betrachterin, zum Beispiel bei der ‚Sonne‘ (‚The Weather Project‘, Anm.) in der Tate Modern. Seine Arbeiten haben fast schon etwas Spirituelles, in dem Sinn, dass man völlig davon eingenommen werden kann und sich selbst vergisst. Stefanie Trojan, eine deutsche Künstlerin, hat mich am Beginn meines Kunststudiums sehr mit einer Arbeit inspiriert, bei der sie in New York hundert 1-Dollar-Scheine wie Flyer verteilt. Es ist interessant zu sehen, wie die Passant_innen darauf reagieren. Als sie merken, dass es sich um Geld handelt, bildet sich eine Menschentraube um die Künstlerin, die sich dann aber auch wieder auflöst. Diese Form der Intervention hat mich sehr angesprochen. Peter Weibels Auseinandersetzungen mit Medientheorie und der Frage nach dem Einfluss der Medien auf unser Handeln finde ich auch sehr inspirierend.

AM: Was ist der Hintergrund von ‚The last Wave‘? Die Installation zeigt ein leicht wogendes, goldenes Meers aus Rettungsdecken. Ein Bild für das seit Jahren im wahrsten Wortsinn katastrophale Mittelmeer?

NW: Bei der Arbeit wurde ein Raum mit einer Rettungsdecke überspannt – von oben konnte man die Welle sehen, die durch die Bewegung der Menschen, die unter der Welle durchgegangen sind, entstanden ist. Das artifizielle Meer, das Meer aus Rettungsdecken hat mich als Bild fasziniert, wobei das jetzt auch eine zusätzliche Bedeutung bekommen hat. Es ist fast unheimlich, wie sich die Lesart dieser Arbeit in letzter Zeit verändert hat. Rettungsdecken stehen auch in dieser Arbeit als Indikator für Katastrophen. In welchem Ausmaß diese Katastrophe nun Realität geworden ist, konnte ich vor vier Jahren noch nicht erahnen.

The last Wave

The last Wave

AM: Derzeit setzen sich sehr viele Künstler_innen in unterschiedlichen Formaten mit dem Thema Flucht auseinander. Wie nimmst du das wahr?

NW: Ich finde das gut und wichtig, das künstlerisch zu thematisieren. Ich glaube, es ist unumgänglich, dass man sich jetzt damit beschäftigt. Gerade mit Kunst kann man darauf reagieren und Meinungen formulieren. Ich finde schön, wenn Arbeiten offen für eigene Assoziationen bleiben, also nicht didaktisch werden und keine Moral vermitteln wollen. Es ist jedenfalls interessant, wie sich Kunst in so schwierigen Zeiten, wie wir sie derzeit erleben, verhält. Entweder mit völligem Eskapismus oder mit Engagement.

AM: ‚Reflections‘ ist eine akustische Installation aus dem Jahr 2015, in der eine männliche Stimme in melancholischem Ton von der eigenen Kindheit am Meer erzählt. Diese Erinnerung endet mit dem Satz „And now, hiding in a box, waiting“. Was hat es mit dieser Arbeit auf sich?

NW: Die Geschichte, die da gesprochen wird, ist bereits fünf Jahre alt. Der Erzähler erinnert sich an einen Ort – den Strand, das Meer, die Kindheit – und holt diesen Ort somit in das Hier und Jetzt. Ich habe mich gefragt, was entsteht, wenn ich mich erinnere? Wie konstruiere ich meine Erinnerung? Was bedeutet in diesem Zusammenhang Heimat? Die Tonspur ist für eine Installation entstanden, bei der jemand in einer Transportholzbox sitzt und sich an seine Kindheit erinnert. Das war in erster Linie nicht in Bezug auf Flüchtende gedacht, sondern viel abstrakter. Die Frage nach der Zugehörigkeit, danach, wo ich bin oder wo ich hinmöchte, beschäftigt mich schon seit Jahren. Die Vorstellung von Orten und das eigentliche Erleben stehen im Fokus dieser Überlegungen. Jetzt sind die Themen Heimat und Suche gerade auf sehr traurige Art aktuell …

AM: Danke für das Gespräch!

Nicole Weniger, geboren 1987 in Innsbruck. Medienkünstlerin. Lebt und arbeitet in Wien. Studium an der Universität für angewandte Kunst Wien. Zahlreiche Preise und Stipendien. Ausstellungen (Auswahl): Memento Mori, Space Between Gallery, Kapstadt (2015); XWRA, Video und Media Festival, Chora, Griechenland (2015); environmental scanning, St. Claude Gallery, New Orleans (2014); Seasonal Integration IV, platform arts, Belfast (2014); Saisonale Integration III, periscope, Sazlburg (2014); RLB Kunstpreis, RLB Kunstbrücke, Innsbruck (2014); Vrai ou Faux?, Nederlands Fotomuseum, Rotterdam (2013); Schreiraum, Landhausplatz, Innsbruck (2013); Inkognito, Galerie imAndechshof, Innsbruck (2012); Burka, Osztrák Kulturális Fórum, Budapest (2012). www.nicoleweniger.com

 

Anita Moser  (2016): Wenn Kunst von der Realität eingeholt wird.

Nicole Weniger im Gespräch mit Anita Moser

In: p/art/icipate – Kultur aktiv gestalten # 07 , http://www.p-art-icipate.net/cms/wenn-kunst-von-der-realitat-eingeholt-wird/