Wozu das Ganze?

Absichten, Zwecke und Wirkungen sozietärer künstlerischer Partizipationsprojekte

Wozu das Ganze?

Die vorgestellten Projekte zeigen: Sozietäre partizipative Kunst hat das Potenzial, Räume für sozialen Austausch, für kritischen und emanzipatorischen Diskurs sowie für kreatives Arbeiten zu eröffnen. Partizipative Verfahren, wie Stephan Kurr sie in der Grundschule umsetzte, das Leitsystem zum Neuen der Reinigungsgesellschaft und Frank Bölters Engagement in Sachsenberg zeigen, wie künstlerisches Arbeiten in gesellschaftliche und politische Strukturen hinein wirkt, wenn die Partizipierenden in ihren Bedürfnissen und Kompetenzen sowie vor allem als PartnerInnen in kollektiven Gestaltungsprozessen wahr- und ernstgenommen werden.

Partizipativ strukturierte und auf den Prozess eher denn auf ein Resultat hin orientierte Projekte, die konkrete demokratische Teilhabe, Mit- und Selbstbestimmung ermöglichen, vermitteln Alternativen zu Modellen eines den unkritischen, konsumistischen Rezipienten hervorbringenden Top-down-Wissenstransfers. So verstandene Partizipation vermag Identifikation und Identität zu stiften. Ihre Bedeutung lässt sich folgendermaßen umreißen: Sobald TeilnehmerInnen Verantwortung übernehmen, machen sie die Erfahrung, dass die gesellschaftlichen, politischen, baulichen und andere Strukturen Ergebnisse von Prozessen sind, in die sie eingreifen können, die sie ihren Bedürfnissen und Vorstellungenn entsprechend mitgestalten können. Das Motto des Hamburger Projektes Park Fiction „Die Stadt sind wir!“ spiegelt genau diese intendierte Verschiebung vom royalen Top-down „L’état c’est moi!“ hin zu einem demokratischen Bottom-up „Wir!“.

Eine solche politische Perspektive auf sozietär-partizipative künstlerische Projekte macht ihre Möglichkeiten ebenso wie ihre Grenzen deutlich. Idealerweise fallen die Absichten sozietär-partizipativ arbeitender KünstlerInnen und die Wirkungen partizipativer Projekte – Emanzipation, Demokratisierung, Selbstermächtigung – zusammen; in der Praxis allerdings gibt es zahlreiche Schwierigkeiten, die dem entgegenstehen.

Ein möglicher Fallstrick ist das Risiko einer politischen Instrumentalisierung partizipativer künstlerischer Projekte etwa zur Befriedung lokaler Konflikte, zur Förderung sozialer Kohäsion oder als Faktor der Wirtschaftsentwicklung. Eine andere Herausforderung ist das jedem partizipativen Projekt zumindest in seiner Initialphase strukturell inhärente Machtgefälle. Dieses in dem von Jacques Rancière geprägten Diskurs um einen agonalen Begriff des Politischen*7 *(7) herausgearbeitete Paradox, dass (Entscheidungs-/Gestaltungs-) Macht ausgeübt bzw. verteilt wird, lässt sich nicht auflösen. Indem KünstlerInnen, AuftraggeberInnen und Beteiligte es jedoch offen legen und an den neuralgischen strukturellen und politischen Punkten ansetzen, kann die Situation konstruktiv gewendet werden. Wenn man mit Ernesto Laclau und Chantal Mouffe Demokratie als Antagonismus widerstreitender Kräfte denkt, dann kommt solchen Konflikten die Rolle einer Initialzündung und/oder eines Katalysators produktiver Veränderungsprozesse zu. Diesen Punkt adressiert Mark Terkessidis in seiner Theorie der Kollaboration (Terkessidis 2015),star (*11) wenn er schreibt, dass eine Gesellschaft der Vielfalt nur funktionieren könne, wenn viele Stimmen gehört werden und unterschiedliche Menschen zusammenarbeiten. Wenn Menschen, in Terkessidis‘ Sinn, kollaborieren, wenn die AkteurInnen sozietär-partizipativer Projekt-Settings kritisch agieren, dann kann das Unerwartete, das Unvorhergesehene passieren. Dann kann sich die in sozietären künstlerischen Partizipationsprojekten eingeschriebene Absicht, Veränderung auszulösen, realisieren – Meinungs- und Bewusstseinsbildungsprozesse nehmen mitunter überraschende Wendungen, räumlich-strukturelle und auch politische Konstellationen werden neu verhandelt. Genau dann kann Kunst sensibilisieren und aktivieren, politisieren und emanzipieren. Und das ist nicht ein uneinlösbares Versprechen – es ist das, punktuell zwar aber dort nachhaltig, Realität gewordene Ideal, dass sozietär-partizipative künstlerische Projekte tatsächlich ganz konkrete Demokratisierungsprozesse anstoßen.

 

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Bölter, Frank (2015): E-Mail-Korrespondenz mit der Autorin, Oktober 2015.

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Deutsche Stiftung Kulturlandschaft (Hg.) (2014): Kunst fürs Dorf. Dörfer für Kunst. Deutschland 2013. Husum: Verlag der Kunst.

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Feldhoff, Silke (2009-1): Zwischen Spiel und Politik. Partizipation als Strategie und Praxis in der Kunst. (= Dissertation an der Universität der Künste Berlin), https://opus4.kobv.de/opus4-udk/files/26/Feldhoff_Silke.pdf.

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Feldhoff, Silke (2009-2): Formen partizipatorischer Praxis in der Kunst. Begriffe, Entwicklungen, Typen – eine Standortbestimmung. In: van den Berg, Jörg /Columbus Art Foundation (Hrsg.): Frank Bölter. Katalog. Leipzig: revolver verlag, S. 157-173.

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Informationsdienst des kulturwerkes des bbk berlin (Hrsg.) (2011): kunststadt | stadtkunst 58, Berlin.

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Informationsdienst des kulturwerkes des bbk berlin (Hrsg.) (2012): kunststadt | stadtkunst 59, Berlin.

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ith ZHdK (2007): Paradoxien der Partizipation. In: 31. Das Magazin des Instituts für Theorie der Zürcher Hochschule der Künste ZHdK Nr. 10/11.

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Kunstforum International (2012): Prozent Kunst. Kunst am Bau in Bewegung. Bd. 214.

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Reinigungsgesellschaft (2013): Reinigungsgesellschaft. 2-bändiger Katalog. Nürnberg: Verlag für moderne Kunst.

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Reinigungsgesellschaft (2015): E-Mail-Korrespondenz mit der Autorin, Oktober 2015.

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Terkessidis, Mark (2015): Kollaboration. edition Suhrkamp.

Vgl. aktuell Kunstforum International Bd. 240 (Juni-Juli 2016): Get Involved! Partizipation als künstlerische Strategie.

Vgl. die ausführlich entwickelte Typologisierung partizipatorischer Praxen in Silke Feldhoffs Dissertation „Zwischen Spiel und Politik. Partizipation als Strategie und Praxis in der Kunst“, Universität der Künste Berlin 2009, siehe Feldhoff 2009-1 und Feldhoff 2009-2.

Die Ausschreibung, die Wettbewerbsbeiträge und die Juryempfehlung finden Sie in Text und Bild  dokumentiert in: Informationsdienst 2011, S. 31-32.

Stephan Kurr im Gespräch mit Constanze Eckert, Berlin 2011, unveröffentlichtes Typoskript, kann bei der Autorin eingesehen werden.

Für die Schulleitung war es essentiell, dass als Ergebnis des partizipativen Prozesses eine manifeste, materielle Gestaltung realisiert wird, die über das Projektende hinaus im Außenraum der Schule verbleibt. Damit sollte eine nachhaltige Belebung des Schulaußenraums auch für folgende Generationen von SchülerInnen sichergestellt werden.

Der Film kann über dvd@kurr.org bezogen werden; weitere Informationen in: Informationsdienst 2012, S. 13f.

Vgl. hierzu ith ZHdK 2007.

Silke Feldhoff  : (2016) Wozu das Ganze?.

Absichten, Zwecke und Wirkungen sozietärer künstlerischer Partizipationsprojekte

In: p/art/icipate – Kultur aktiv gestalten # 10 , http://www.p-art-icipate.net/cms/wozu-das-ganze/