Die Kunst liebt die Proleten … sie kann es ihnen nur nicht zeigen

1. Einleitung

Etwa bis zu meinem 15. Lebensjahr verbrachte ich etliche Wochenenden im Fußballstadion. Trotz Menschenmassen und meiner damals bereits immer wieder aufflackernden Soziophobie fühlte es sich an, als könne mir dort nie etwas passieren; als beständen alle meine Sorgen für eine Weile nur darin, ob der Schiri fair pfeifen würde. – Und alle waren auf meiner Seite.

Im Kontrast dazu verbrachte ich einen Teil meiner Sommerferien als Schülerin mehrmals auf Seminaren für klassische Konzertgitarrist:innen und Mandolinist:innen; letztere hoben den Altersdurchschnitt der Teilnehmer:innen deutlich an. Mein Gitarrenprofessor sagte über sie, halb im Scherz und halb ernst: „Technisch hervorragend sind sie nicht, aber es ist mir tausendmal lieber, wenn sich die alten Leute in der Pension mit so etwas beschäftigen, als wenn sie Bier trinken und Fußball schauen.“

Ich lachte. Aber gleichzeitig machte sich ein neuer Gedanke in meinem Bewusstsein breit: „Ich muss mich schämen, was ich mache, ist nicht gut.“

Das Interesse für Fußball wich irgendwann meinem Interesse für Kunst; und als Jahre später mein Wunsch in Erfüllung ging und ich meinen eigenen Atelierplatz an der Kunstuniversität Linz bezog, glaubte ich zu wissen, wo ich nun hingehörte: zu den Kunstschaffenden – in den erlesenen Klub der Individuellen, der kritischen Kunst- und Kulturrezipient:innen und -produzent:innen.

Das Gefühl hielt einen halben Tag lang an. Scheinbar niemand dort, außer mir, benutzte das Wort „Oida“, als wäre es ein Satzzeichen, niemand sonst vermisste es, mit seiner Familie abends RTL zu schauen und alle kannten Namen, vermutlich von Künstler:innen, die ich noch nie vorher gehört hatte: Baselitz, Hockney, Lassnig – während die anderen angeregt diskutierten, las ich am Smartphone nach, wer denn wer sei.

Maßnahmen, um zeitgenössische Kunst für Menschen außerhalb dieser Szene verträglicher zu machen, wurden strikt abgelehnt, belächelt, abgewertet, und ich versuchte mich anzupassen und auch so über Kunst zu sprechen, wie es „richtig“ war.

Nachdem ich unter meinen Studienkolleg:innen schließlich doch eine Hand voll Menschen gefunden hatte, bei denen ich das Gefühl hatte, so sein zu können, wie ich bin, wurden meine Wochenenden mit Theaterbesuchen gefüllt.

Im Theater fühlte es sich, wie einige Jahre zuvor im Fußballstadium, für die Dauer einer Vorstellung wieder so an, als könne mir nichts passieren; alle meine Probleme bestanden in Fragen, wie etwa, ob das Bühnenbild interessant sei oder ob der Text meiner Lieblingsschauspielerin mich mitzureißen vermochte.

Das Stück Stadium von Mohamed El Khatib, das ich mir zuerst skeptisch und ab der zweiten Halbzeit begeistert angesehen hatte, lieferte mir dann eine Erklärung dafür, warum mich der Kampf der Kultur- und Bildungsklassen im Inneren ständig so bewegt, warum mich die abgeneigte Haltung gegenüber zugänglicher zeitgenössischer Kunst so beschäftigt und warum ich mich nicht mehr schämen will:

Wir wollen von etwas mitgerissen werden, kurz unser Leben vergessen; ein Gefühl von wir wollen mehr, von Noradrenalin und Spannung. – Wir sind alle nur sensation seekers mit unterschiedlichen sensations.

 

2. Stadium

Stadium, das im Rahmen der Wiener Festwochen 2018 im Theater an der Wien aufgeführt worden war, bezeichnete Wolfgang Kralicek in der Süddeutschen als einen Treffer, den die Wiener Festwochen bitter notwendig gehabt hätten. (vgl. Kralicek 2018)star (*1)

Der französische Filmemacher Mohamed El Khatib holte um die 50 Fans des französischen Fußballklubs RC Lens auf eine Theaterbühne und ließ sie in Dialog mit Fans des FC Rapid Wien treten. Sie alle waren nicht nur bei der Aufführung anwesend, sondern Khatib hatte zuvor im Zuge seiner Recherchen auch vor Ort Interviews geführt und diese gefilmt. Ausschnitte daraus fügte er dann, gewissermaßen wie Dokumentarfilm-Schnipsel, während des Stücks ein. Ziel der Aktion war es, die Fans der beiden unterschiedlichen Lager nicht nur dazu anzuregen, miteinander in den Dialog zu treten, sondern auch mit den Zuschauer:innen. Was entstand, war eine Atmosphäre des Kontakt-Suchens. Dies geschah, indem dazu animiert wurde, nach dem Stück gemeinsam zu singen, indem Fußballfans sowie Theaterpublikum ironisch voneinander belächelt wurden und jeder in der Pause und nach dem Stück auf der Bühne Bier trinken durfte. (vgl. Petsch 2018)star (*3)

Mohamed El Khatib sagt darüber, was für ihn das Wichtigste an der Umsetzung des Stücks sei: „Leute anzusprechen, die sonst nicht ins Theater gehen, weil sie Schwellenangst haben. Mitspielen ist die beste Form, sich Theater anzueignen.“ (vgl. Petsch 2018)star (*3)

Ich selbst als Rezipientin merkte, wie in vielen Köpfen von gestandenen Theaterbesucher:innen in Anzug und Abendkleid etwas vorging: Das anfängliche Gefühl von stummem Voyeurismus, sich Interviews von Personen einer unteren Bildungsschicht über ein so banales Thema anzusehen, wich im Laufe der Zeit einer Art Verständnis für die Akteur:innen und einem Gefühl davon, dass wir gar nicht so unterschiedlich seien. Die Wirkung des Stücks schien beim Theaterpublikum stärker wahrnehmbar als bei den Laienschauspieler:innen, entgegen El Kahtibs eigentlicher Intention.

Die Fußballfans waren zunächst mindestens so skeptisch wie die Theaterbesucher:innen: Sie behaupteten am Anfang des Stücks, Theater wäre langweilig, nur etwas zum Sich-Berieseln-Lassen. – Warum denn wo hingehen, wo man nicht mitmachen kann? (vgl. Pesl 2018)star (*2)

Der Haken und gleichzeitig das Schöne an dem Stück lag aber genau in diesem Moment des Mitmachens, obwohl es einen plakativen Beigeschmack hatte: Hätte weniger Interaktion zwischen den Parteien stattgefunden, wäre eventuell trotzdem mehr Verständnis für andere Unterhaltungsformen seitens der Theaterbesucher:innen entstanden, doch diese Distanz zu „einfachen Menschen“, wie so oft gesagt wird, wäre gänzlich unverändert geblieben.

Kritiker:innen hatten ein paar Punkte zu bemängeln. Als problematisch wurde gesehen, dass die gesellschaftskritische Komponente, die bei dieser Thematik a priori vorhanden ist, durch die bekömmliche Aufbereitung des Stücks nicht ausreichend herausgestellt worden sei.(vgl. Pesl 2018)star (*2)

Die Fans des Fußballclubs Lens sind Einwohner:innen eines ehemaligen Industrieortes, dessen Arbeitsplätze durch die fortschreitende Postindustrialisierung nach und nach weniger wurden. Das wiederum führte zu höherer Arbeitslosigkeit und zu einem kompensatorischen Klammern an die Freizeitbeschäftigung Fußball als Ausweg und als Sicherheit. – Ein „Proletariat“, wie es im Buche steht und auf dessen Herkunft und Zukunft laut dem Kritiker Martin Thomas Pesl innerhalb des Stücks zu wenig Bezug genommen wird.(vgl. Pesl 2018)star (*2) Zwar erzählen die Menschen über ihr Leben und die Vergangenheit ihrer Kleinstadt, die sozioökonomischen Zusammenhänge muss man sich jedoch teilweise selbst erschließen. Insofern könnte das Stück durch die dokumentarischen Beiträge eher als eine Art Sittengemälde bezeichnet werden, da weniger Faktenvermittlung stattfindet als bei konventionellen dokumentarischen Elementen im Theater.

Auf die intellektuellen Anforderungen des Stücks (oder eben deren vermeintliche Abwesenheit) geht ein Artikel des TFMlog, einer Plattform für theoretische Kunstreflexion des Instituts für Theater-, Film- und Medienwissenschaften der Universität Wien ein: „Alles in allem – Hausmannskost. Liebevoll zubereitet und mit einer überschwänglichen Gastfreundschaft serviert.“ (Presse von Schrott)star (*4)

Alles in allem wird der Abend der Wiener Aufführung des Stücks als emotionsgeladen bezeichnet, als Erlebnis, als eine Erzählung über Klassenkampf und ein Grenzen-Lockern, genau durch diesen beschriebenen Dialog.(vgl. Presse von Schrott)star (*4)

In mir bleibt die Hoffnung, dass das Publikum den Abend in Erinnerung behält. Wenn manche Intellektuelle den Sportteil der Zeitung belächeln oder, weitergedacht, sich über Popkultur beschweren, „einfache“ Freuden im Leben herabstufen und unter ihre eigenen Interessen stellen; dann wünsche ich mir, dass sie vielleicht einen Moment innehalten und daran denken, dass in Wirklichkeit all das seine Berechtigung hat.

 

3. Proletariat, Klassen(kampf) und Kunst

Ein viel zu langes Thema für einen kurzen Text wie diesen, aber nicht unwesentlich für die Thematik: Warum ist denn diese Kluft da, zwischen dem, was wir als Kunst und Kultur bezeichnen, und dem, was „einfache Menschen“ tun, um ihre Freizeit zu genießen? Grundsätzlich spreche ich die ganze Zeit von zwei Klassen, von denen eine kaum bis keinen Kontakt zu zeitgenössischer Kunst hat, sei es nun bildende oder darstellende. Aber aus wem besteht diese Klasse und gibt es sie wirklich?

 

3.1. Der Prolet

 

Das Wort „Prolet“*1 *(1) fiel bereits. Obwohl mein persönlicher Idealfall wäre, dass es eine völlig neutrale Konnotation hat, ist es doch meist abwertend gemeint. Wikipedia verhilft zu einer knappen Definition dessen, worum es eigentlich geht:

„Prolet ist die umgangssprachliche Verkürzung des Begriffs ‚Proletarier‘ und bezeichnete seit dem 19. Jahrhundert auf abwertende Weise Angehörige vor allem der städtischen Unterschicht, besonders Industriearbeiter, seit Aufkommen des Marxismus aber auch positiv Arbeiter im Kontext des Klassenkampfes.“ (Wikipedia „Prolet“)star (*5)

Weiters weist Wikipedia auf die Konnotation „bildungsfrei“ hin und erklärt einige Arten des Proletariats: Bezug genommen wird damit nicht mehr nur auf Menschen der Arbeiterschicht, sondern auch auf Neureiche, die jedoch als ebenso kulturfern angesehen werden. (vgl. Wikipedia „Prolet“)star (*5)

Anekdotische Beobachtungen zu dem Proleten-Prototyp*2 *(2) besagen, dass der „Prolet“ mittlerweile zu Menschen im Kunst- und Kulturbereich vorgedrungen ist, jedoch als Stilmittel. Trashige Muster auf der Kleidung, glorifizierter Alkoholkonsum und zunehmendes Sich-Eingestehen von „guilty pleasures“ werden immer prägnanter unter Kunstschaffenden, sei es im sozialen Leben oder als Performance. Das Konzept steht und fällt jedoch mit den Kreisen, in denen man sich bewegt, das Proletentum ist ein ablegbares Kostüm. (Vgl. Jessen 2013)star (*6)

Natürlich, jede:r ist frei, zu tragen, was auch immer er:sie möchte, und sich zu verhalten, wie er:sie möchte, aber sind es nicht oft genau die Leute, die eigentlich auf untere Gesellschaftsschichten herabschauen und dann meinen, sie müssten sich aber doch so anziehen wie sie? Ist es eine Art von reclaimen? Aber funktioniert reclaimen nicht nur dann, wenn es auch etwas gibt, das man sich zurückholt, und sich nicht nur einfach von anderen nimmt? Oder ist das alles Mode und niemand denkt in Wirklichkeit über das „Proletariat“ nach?

Der Zwiespalt zwischen dem Ausstrahlen von „Wir sind einfache Leute, wie alle anderen“ und der so oft suggerierten Auffassung von „Wir machen Kunst für Intellektuelle, also für uns und nur für uns“ erscheint mir sehr deutlich. Dass dieser Austausch allerdings auch fruchtbare Seiten hat, erläutere ich in einem der nachfolgenden Abschnitte.

 

3.2. Clara Zetkin – Kunst und Proletariat

 

Clara Zetkin (1857 – 1933) war Frauenrechtlerin und Friedensaktivistin, die politisch in der sozialistisch-kommunistischen Richtung einzuordnen ist. (vgl. Landesarchiv Baden-Württemberg)star (*7)

Im Januar 1911 hielt sie eine Rede über die Bedeutung von Kunst in der Arbeiterklasse, auf die ich in einigen Punkten eingehen werde.

 

3.2.1.

„Die Lebensbedingungen, welche die kapitalistische Gesellschaftsordnung ihren Lohnsklaven schafft, sind kunstfeindlich, ja kunstmörderisch. Kunstgenießen und noch mehr Kunstschaffen hat zur Voraussetzung einen Spielraum materieller und kultureller Bewegungsfreiheit […].“ (Zetkin, 1911)star (*8)

 

Kunst ist anstrengend. Man muss sich hineinlesen, darüber reflektieren, Referenzen kennen, et cetera. Viele Menschen können sich nicht vorstellen, diese Welt nicht zu kennen, so schön und spannend wie sie ist. Gleichzeitig verstehe ich aber die Trägheit, die das Proletariat gegenüber intellektuellem Gut an den Tag legt, wenn sich etwa eine alleinerziehende Mutter nach dem Zu-Bett- Bringen ihrer Kinder leichte Unterhaltung wünscht.

Arbeiter:innen mit engem Zeitplan und Stress, der nichts mit Kunst zu tun hat, die sich aber trotzdem mit Kunst beschäftigen, haben eine gewisse Stärke und vermutlich gute Voraussetzungen aus dem Elternhaus; sie sind meiner Meinung nach das, was Helen Keller für gehörlos-blinde Menschen ist – eine Inspiration, aber sie bleiben die Ausnahme.

In Stadium sieht man, wie die Menschen das Event Fußballspiel auch nutzen, um zusammenzukommen und zu feiern. Es ist Familientreffen, Party und Spannung gleichzeitig. – Diese ungezwungene Atmosphäre sowie der Freizeit-Multitasking-Charakter der Treffen sind in einem Kunst- und Kulturmilieu schwer zu reproduzieren, wenn schlicht und einfach die Zeit fehlt, sich in eben dieses Milieu einzuarbeiten.

 

3.2.2.

„Es ist eine Tatsache, dass die Kunst eine alte, urwüchsige geistige Lebensäußerung der Menschheit ist. […] Kaum, dass der Mensch sich von der Tierheit loszulösen beginnt, dass geistiges Leben in ihm die Augen aufschlägt, regt sich in ihm der künstlerische Schöpfungsdrang und lässt eine ganz einfache, rohe Kunst entstehen.“ (Zetkin, 1911)star (*8)

 

Zu diesem Punkt kommt Zetkin, nachdem sie darüber gesprochen hat, dass jede wirtschaftlich/ideologisch schlechte Zeit der Menschheit eine neue Renaissance oder neue Strömungen der Kunst hervorbringt. (vgl. Zetkin 1911)star (*8)

Das leidige Thema Kunstbegriff: Um eine Etablierung des Proletariats als ebenbürtig zu erreichen, muss die Kunstwelt begreifen, dass nicht nur ihr Werk das einzig wahre ist. Der Kompromiss liegt nahe: mehrere Unterbegriffe etablieren, die über die Art von Kunst Auskunft geben – das ist bereits geschehen: Handwerkskunst, zeitgenössische Kunst und so weiter.

Aber es muss noch ein Umdenken geschehen: Kunst, die primär zu Unterhaltungszwecken existiert, ist nicht minderwertig. Nun kann mir widersprochen werden: der Arbeitsaufwand, der soziokulturelle Mehrwert, Konzepte, Ebenen, Bedeutung – ja, es gibt eine große Menge an Qualitäten in der Kunst, wegen derer wir sie überhaupt als Kunst bezeichnen.

Was für mich jedoch einen der wichtigsten Werte der Kunst ausmacht, ist, was sie den Menschen gibt: Kraft, Energie und manchmal das Gefühl, nicht allein zu sein. Das ist auf keine Weise nur für bestimmte Arten der Kunst zutreffend.

Sobald ein Umdenken in den Wertvorstellungen passiert, wird – so hoffe ich – ein veränderter Umgang zwischen den kulturellen Gesellschaftsschichten daraus resultieren: eine Atmosphäre der Wertschätzung.

 

3.2.3.

„Wir wissen, dass die soziale Revolution, welche mit der Arbeit auch die Kunst befreit*3 *(3), das Werk des kämpfenden Proletariats sein muss. Aber das kämpfende Proletariat reicht der Kunst mehr als diese Zukunftsverheißung. Sein Ringen, das Bresche auf Bresche in die bürgerliche Ordnung legt, bahnt neuen künstlerischen Entwicklungsmöglichkeiten die Wege und verjüngt die Kunst durch einen neuen Gedankeninhalt […].“ (Zetkin, 1911)star (*8)

 

Ad Wertschätzung: Das Entlehnen des Proletarier-Prototyps in die Kunstwelt ist manchmal nur leeres Heucheln, aber nicht immer. Hin und wieder ist zu erkennen, dass Inhalte, die manche Klassen beschäftigen, in die andere vordringen und in Kunst verarbeitet werden. Dadurch erhalten nicht nur die Kunstschaffenden Inspiration, sondern im Idealfall auch die Spender:innen der Inspiration neues Gehör.

Eigentlich ist dies der Idealfall eines Dialogs: Ein wechselseitiges Profitieren und Lernen. Denn alle große Kunst lebt von dem geistigen Herzblut einer großen Gemeinschaft. (vgl. Zetkin, 1911)star (*8)

 

4. Fazit

Der vorangegangene Text war eher eine Problemanalyse als eine Problemlösung. Khatibs Arbeit im Theater an der Wien und mit den französischen Fußballfans ist meiner Ansicht nach ein Ansatz, der weiter verfolgt werden könnte und sollte.

Es ist schwierig, zwei so verschiedene Milieus zusammenzuführen. Ich neige schnell dazu zu sagen, alles könne mit mehr gegenseitigem Verständnis und Akzeptanz gelöst werden. Aber erstens beschwere auch ich mich über betrunkene Fußballfans, zweitens beschwere auch ich mich über arrogante Galeristen und drittens kann die Rolle des Moralapostels nicht so leicht ausgeübt werden, wie ich gerne hätte. – Ich kann mit gutem Beispiel vorangehen, aber wird mir jemand folgen? Und sollte ich das überhaupt, als jemand, der derzeit gar nicht in der Kunstszene aktiv ist?

Die Lösung ist es wohl im Endeffekt, Projekte wie Khatibs und viele weitere ins Leben zu rufen; auch wenn der erste Gedanke über Partizipierende oft ist: „Ja, die machen eh nur mit, weil sie sowieso interessiert sind!“

Das trifft sicher manchmal zu, aber in Khatibs Stück war erst mal kein Grund-Interesse für Theater bei den Laiendarsteller:innen vorhanden und in vielen weiteren Projekten ist es ebenso, dass die Leiter:innen zuerst hart dafür arbeiten müssen, Akteur:innen anzuwerben.

Wichtig wäre dennoch, zu akzeptieren, dass nicht jede Person die Kapazitäten hat, sich mit Kunst zu beschäftigen. Wie viel will man Leuten aufdrängen? Die, die sich gerne in die Szene einleben würden, aber nicht können, würden sicherlich davon profitieren, wenn es öfter vereinfachte Erklärungen für Kunst gäbe: fachwörterarme Sprache, hergestellte Bezüge knapp zu erläutern und es zu etablieren, beispielsweise dem Museumspersonal Fragen stellen zu können.

Die Kunst wird ja nicht schlechter, nur weil man sie erklärt – viel eher gewinnt sie dadurch an neuen Arten, sie zu betrachten. *4 *(4) Eliten, die sich dagegen wehren, Kunst für alle zugänglich zu machen, verlieren dann vielleicht sogar irgendwann die Angst davor, sich mit dem „gemeinen Volk“ zu vermischen; zumindest hoffe ich sehr stark darauf.

Jetzt bleibt mir noch zu sagen, wie absurd es eigentlich ist, dass ich hier in einem Essay rätsle, wie erreicht werden kann, dass etwa Menschen, wie sie einen großen Teil meiner Familie ausmachen, doch bitte auch Kunst mögen sollen und ich mich dadurch praktisch wieder auf eine andere (Vermittlerinnen-)Ebene hebe. Die Zynikerin in mir hasst diesen seltsamen Fast-Widerspruch. Schreibt jetzt gerade irgendwo auf der Welt ein:eine Mathematiker:in einen Essay dazu, wie er:sie mich dazu kriegt, Differenzialgleichungen zu mögen?

Vielleicht wäre ein zielführender Ansatz für eine Gesellschaft, die offen gegenüber Neuem (sei es nun Kunst oder Mathe) ist, Kindern ihre zu Grunde liegende Neugier so lange es geht zu erhalten, damit sie auch später offen dafür bleiben, alles entdecken und erforschen zu wollen. Aber wie geht das am besten? Sollte ich jemals Kinder haben, komme ich auf diesen Punkt zurück.

Bis dahin versuche ich selbst offen für alles zu bleiben und hoffe, Kunst und Fußball helfen mir dabei.

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Kralicek, Wolfgang. Schwarzfresse, Blut und Gold. 2018. o.S. In Süddeutsche Zeitung, 03.06.2018. https://www.sueddeutsche.de/kultur/wiener-festwochen-schwarzfresse-blut-und-gold-1.3999853?reduced=true. Zugegriffen am 29.04.2020

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Petsch, Barbara. ‘Stadium‘: Bühne frei für Fußballfans!“. 2018. o.S. In Die Presse, Kulturmagazin, 13.04.2018. https://www.diepresse.com/5403352/stadium-buhne-frei-fur-fussballfans. Zugegriffen am 27.01.2020

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Presse von Schrott. Kevin, wie Mohammed in Marokko. 2018. o.S. In tfmlog, 30.05.2018. https://tfmlog.univie.ac.at/archiv/festwochen-campus-2018/stadium/. Zugegriffen am 28.04.2020

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Wikipedia, o.V. Proletariat. Zuletzt geändert 10.02.2020. o.S. https://de.wikipedia.org/wiki/Prolet. Zugegriffen am 28.04.2020

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Jessen, Jens. Die Liebe zum Vulgären. 2013. o.S. In Die Zeit Nr. 12/2013. https://www.zeit.de/2013/12/Vulgaritaet-Medien-Helden. Zugegriffen am 27.01.2020

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Landesarchiv Baden-Württemberg, o.V. Biografie Clara Zetkin. 2008. o.S. https://www2.landesarchiv-bw.de/ofs21/olf/einfueh.php?bestand=6760. Zugegriffen am 28.04.2020

Prolet bezieht sich hier nicht konkret auf männliche Proleten, ich belasse es aber bei der nicht-gegenderten Form, um das Konzept des Proleten-Prototyps deutlicher thematisieren zu können.

Jogginghose, Fäkalsprache, Alkohol, Autos, Fernsehen, einschlägige Persönlichkeit, auffällige oder billige Kleidung

Dadurch, dass dank der Freiheit Kunstschaffende nicht mehr den Zwang haben, ihre Kunst stark verändern zu müssen, um überleben zu können.

Natürlich kann es sein, dass der:die Kunstschaffende ein Konzept nicht erklären möchte, aber auch dann kann man immerhin darauf verweisen, warum nichts erklärt wird, und eventuell worauf man in der Arbeit achten könnte oder sollte.

Maria Schwarzmayr (2020): Die Kunst liebt die Proleten … sie kann es ihnen nur nicht zeigen. In: p/art/icipate – Kultur aktiv gestalten #11 , https://www.p-art-icipate.net/die-kunst-liebt-die-proleten-sie-kann-es-ihnen-nur-nicht-zeigen/