„Wir haben den Anspruch, in unserem Programm die Gesellschaft in all ihrer Vielfalt abzubilden“

Eva Schmidhuber im Gespräch mit Elke Zobl

Seit Anfang 2018 leitet Eva Schmidhuber als „Geschäftsführerin – Programm“ gemeinsam mit Alf Altendorf die Radiofabrik in Salzburg. Im folgenden Gespräch geht sie darauf ein, wie partizipative Medienarbeit in der Radiofabrik umgesetzt wird und welchen Herausforderungen und Schwierigkeiten dabei zu begegnen ist.

 

Könntest du zunächst kurz die Radiofabrik vorstellen?

Die Radiofabrik ist ein Freies Radio. Freies Radio heißt im Gegensatz zu öffentlich-rechtlichem, oder privat-kommerziellem, dass es bei uns erstens einen offenen Zugang gibt. Das heißt, bei uns können, sollen und dürfen alle, die Lust dazu haben, unter Einhaltung gewisser Richtlinien, eine eigene Sendung starten. Der zweite große Unterschied ist, dass wir nicht-kommerziell, also werbefrei sind. Man hört bei uns keine Werbung on Air. Wir versuchen, die Menschen, die bei uns aktiv werden, auch entsprechend auszubilden. Das macht einen großen Teil unserer Aktivitäten aus. Dieser Bereich wächst mehr und mehr, auch weil Medienkompetenzvermittlung immer wichtiger wird. Wir bieten nicht nur Formate für unsere aktiven Radiogestalter*innen, sondern auch für Jugendliche und Schulklassen an. Wir haben sehr viele Schulworkshops. Es geht uns darum, dass möglichst viele Menschen zumindest einmal eine eigene Radioproduktion machen können, weil man dadurch sehr viel darüber lernt, wie Medien funktionieren und was alles manipuliert werden kann. Darüber hinaus setzen wir uns als Medium und als Radiosender natürlich auch mit Qualität auseinander. Das heißt, wir versuchen, die Menschen, die bei uns aktiv sind, auch wirklich weiterzubringen. Wir versuchen, mit ihnen gemeinsam an ihren Formaten zu arbeiten. In diesem Bereich haben wir vor, zukünftig noch mehr zu machen.

 

Was bedeutet Teilhabe für dich oder für euch in der Radiofabrik grundsätzlich?

Teilhabe meint für mich im weitesten Sinne, dass man bei etwas mitmachen kann. Wenn wir von kultureller Teilhabe sprechen, geht es im etwas engeren Sinne auch um die Möglichkeit, seine eigene kulturelle Ausdrucksform zu finden. Aus meiner Sicht ist es dabei wichtig, dass es vielfältige Angebote gibt, die es jeder Person ermöglichen, in der Form teilzuhaben, wie sie oder er es gerne täte. Sei es als Mitglied in einem Volksliedchor, in einer türkischen Kulturvereinigung oder eben in der Radiofabrik, wo man, in welcher Art auch immer, Radio machen kann. Aber vielfach tun das die Leute nicht von sich aus. Es ist nicht allen klar, dass kulturelle Teilhabe überhaupt möglich ist, dass es interessant und lohnend sein kann, sich einzubringen. Deshalb denke ich, ist es wichtig, dass es Organisationen wie euch gibt, die sich mit dem Thema beschäftigen, oder auch solche wie die Radiofabrik und viele andere Einrichtungen und Initiativen, die vermitteln, dass Teilhabe eine Relevanz hat und auf Leute zugehen, die nicht von selbst auf die Idee kommen, um ihnen das Spannende daran näherzubringen.

 

Die partizipative Medienarbeit ist ja einer eurer Grundwerte. Könntest du anhand von konkreten Beispielen skizzieren, wie ihr den Rahmen schafft und auf Leute zugeht?

Es gibt eine Menge Menschen, die von selbst kommen und sagen: „Hallo! Ich will.“ Wir haben aber den Anspruch, in unserem Programm und in dem, was wir machen, die Gesellschaft, die es in Salzburg beziehungsweise in unserem Ausstrahlungsgebiet gibt, in all ihrer Vielfalt abzubilden. Bei uns soll jeder und jede eine Sendung machen können und das gilt nicht nur für deutschsprachige, sondern auch für nicht-deutschsprachige Leute. Wir haben momentan, glaube ich, 13 Sprachen im Programm. Das geht von Englisch, Französisch, Spanisch über Türkisch, Bosnisch, Kroatisch, Serbisch, bis hin zu Hindu, Urdu und Arabisch. Diese Vielfalt ist im Hinblick auf viele Bereiche sichtbar, zum Beispiel das Alter betreffend. Unsere jüngsten Sendungsmacher*innen sind im Volksschulalter, die ältesten sind gerade 80 geworden und auch die Altersgruppen dazwischen sind vertreten. Wir versuchen darüber hinaus, die Vielfalt im Sinne von Stadt und Land abzubilden. Mit dem Format Stadtteilradio wollen wir außerdem unterschiedliche soziale Gruppen aus verschiedenen Stadtgegenden einbeziehen. Wie gesagt, wir versuchen, die gesellschaftliche Vielfalt abzubilden. Ganz viele von den Menschen, von denen wir finden, dass sie zu Wort kommen sollten, kommen aber eben nicht von selbst. Da sehen wir es als unsere Aufgabe, sie ‚reinzuholen‘. Das ist nicht immer einfach, aber wir bemühen uns mittlerweile seit über 20 Jahren darum und haben verschiedene Ansätze. Wir versuchen es einerseits immer wieder über EU-Projekte, die wir auch ganz spezifisch so beantragen, dass die Gruppen, die uns fehlen, damit angesprochen werden. Ein konkretes Beispiel war die Initiative Willkommen in Salzburg. Wir hatten festgestellt, dass wir zwar relativ viele Menschen mit Migrationshintergrund im Programm haben, die auch in ihren eigenen Sprachen senden, dass diese aber fast ausschließlich männlich sind. Deshalb haben wir überlegt, wie es möglich ist, auch Frauen dazu zu animieren, als Sendungsmacherinnen aktiv zu werden, und haben vor diesem Hintergrund im Rahmen eines EU-Projekts eine Inforedaktion von Neosalzburgerinnen für Neosalzburgerinnen gegründet. Das Redaktionsteam dieses Infomagazins bestand aus Frauen, die schon länger in Salzburg lebten und war für Frauen, oder Menschen gedacht, die neu nach Salzburg kommen. Die schon erfahreneren Neosalzburgerinnen konnten also den neueren Neosalzburgerinnen ihre Erfahrungswerte, ihr Wissen und ihre Expertise mitgeben ‑ in sechs verschiedenen Sprachen. Dieses Format lief in Summe fünf Jahre und war ein tolles Projekt. Dadurch konnten wir auch sehr viele Frauen, die wir sonst wahrscheinlich nicht dazu motivieren hätten können, als Sendungsmacherinnen gewinnen. Das wäre so ein Beispiel. In den letzten Jahren versuchen wir außerdem, in den ländlichen Raum hinauszugehen, um die Idee des Radiomachens auch den Menschen dort näherzubringen. Wir waren ja eigentlich immer eher als städtisches Radio wahrgenommen worden. Ich glaube, dass Kunst- und Kulturangebote gerade auch am Land wichtig sind, da sie ja wesentlich dünner gestreut sind als in der Stadt. Einerseits sind sie deswegen wichtig, andererseits aber auch, weil am Land einfach oft wenig Infrastrukturangebot vorhanden ist. Ich glaube, dass diese Aktivitäten im Sinne einer Regionalentwicklung ganz viel leisten können.

 

Im Projekt [Kulturelle Teilhabe in Salzburg] beschäftigen wir uns auch viel mit Ausschlüssen und Zugängen, die diesen entgegenwirken. Du hast jetzt zwei Beispiele erwähnt. Aber bei euch gibt es ja noch andere Aspekte, mit denen ihr Ausschlüsse praktisch verändert, etwa was Barrierefreiheit betrifft. Vielleicht kannst du noch Beispiele dazu anführen?

Um bei dem Stichwort Barrierefreiheit zu bleiben: Wir sind räumlich barrierefrei. Das heißt, unsere Räumlichkeiten lassen sich auch mit einem Rollstuhl gut erreichen. Wir haben auch einige andere Dinge gemacht, wie beispielsweise Brailleschrift im Studio und dergleichen, sodass man bei uns auch als Mensch mit eingeschränkter Sehfähigkeit oder Blindheit alleine seine Sendung machen kann. Dazu hatten wir das Projekt Ohrenblicke, in dem wir mit dem Blindenverband und anderen Einrichtungen, auch im europäischen Ausland, zusammengearbeitet haben. Wie kann man Barrieren generell abbauen? Ich glaube, es geht ganz viel darum, Offenheit zu kommunizieren. Es muss klar transportiert und möglichst vielen Menschen bewusst sein, dass die Radiofabrik allen offen steht, für jede/jeden zugänglich ist, dass man sich einbringen kann, ohne komische Blicke befürchten zu müssen, und dass bei uns immer jemand da ist, der sagt: „Hallo! Was können wir tun?“. Diese Offenheit besteht sowohl im Netz als auch darin, dass zum Beispiel unsere Bürotür immer offen ist. Ich glaube, dass es sehr wichtig ist, dass jemand, der zu uns kommt, zuerst freundlich begrüßt wird und man dann gemeinsam schaut, worum es der jeweiligen Person geht, worin ihre Idee besteht und was man für sie tun kann. Ich glaube aber auch, dass es nicht nur wichtig ist, offen zu sein, für die, die kommen, sondern auch immer wieder hinauszugehen und Menschen einzuladen. Wie bereits angesprochen: Es kommen nicht alle, sondern man muss schauen, dass man sich vernetzt und diese Vernetzungen aufrechterhält und sich immer wieder in jene Bereiche begibt, wo man das Gefühl hat, dass da von selbst nichts kommen würde.

 

Und wie macht ihr das genau?

Wir versuchen, zu Veranstaltungen zu gehen und Kontakte zu knüpfen. Die Jugendzentren sind beispielsweise bei uns präsent, in Zusammenarbeit mit ihnen machen wir direkt vor Ort Projekte mit den Jugendlichen und sie machen dann bei uns Radio. Darüber bekommen wir beispielsweise auch Zugang zu den Jugendlichen in Lehen und Liefering, was für uns sonst schwierig wäre. Da arbeiten wir intensiv mit anderen Organisationen zusammen, die in den jeweiligen Bereichen aktiv sind, sei es Kinder- und Jugendeinrichtungen oder auch Kultur- und Sozialeinrichtungen wie Lebenshilfe, Toihaus Theater oder dergleichen. Teilweise ist auch noch eine vermittelnde Organisation dazwischengeschaltet. Zum Teil arbeiten wir aber auch direkt, indem wir Leute einfach ansprechen. Viel passiert auch über virale Kommunikation, weil Leute, die bei uns Sendungen machen, natürlich einen Freundes- und Hörer*innenkreis haben, die dann sagen: „Wenn die Elisabeth eine Sendung macht, dann kann und will ich das auch tun.“ Viel passiert auch über Mundpropaganda, glaube ich. Es ist aber schon ein permanentes Dranbleiben notwendig. Ganz von selbst geht nicht so viel. Man muss auch eine relativ hohe Frustrationstoleranz entwickeln, weil es oft so ist, dass gerade die engagierteren Leute einfach viel zu tun haben: Sie haben schon fünf Ehrenämter und damit oft nicht mehr Zeit dazu und Interesse daran, noch ein sechstes anzufangen. Manche Menschen interessiert es auch einfach nicht. Das ist auch ok. Das muss ja nicht jede*r tun. Aber ich glaube, dass es schon wichtig ist, gerade jenen, die schon dabei sind, immer das Gefühl zu geben, dass es Sinn macht und wir ihr Engagement auch anerkennen. Wir versuchen auch, über Feedback und verschiedene andere Aktivitäten, den Leuten das Gefühl zu geben, eine Community zu sein. Das interessiert aber auch nicht alle. Ein Großteil unserer Radiomachenden macht ihre*seine Sendung und geht. Aber es gibt durchaus einen Kreis, der erfreulicherweise wächst, der an mehr interessiert ist, Austausch haben will und etwa auch zu Stammtischen kommt, die wir veranstalten. Nichtsdestotrotz hören aber viele wieder auf. Beispiele dafür sind Projekte wie Willkommen in Salzburg, das gut und erfolgreich war, oder auch das Stadtteilradio. Initiativen gehen oft eine Zeit lang gut, dann sinkt das Interesse und dann ist es wieder vorbei damit. Das ist zwar manchmal traurig, aber es ist so.

Besonders viel haben wir mit Flüchtlingen gemacht. Wir hatten das Glück, dass wir gerade 2015/16 einen EU-Freiwilligen aus Ägypten hatten, dessen Muttersprache Arabisch war, sodass er bei uns sehr früh arabische Basisworkshops anbieten konnte. Wir hatten dann wirklich viele Syrerinnen und Syrer oder Iranerinnen und Iraner bei uns im Programm, was großartig war. Ohne dieses Glück des arabischsprechenden EU-Freiwilligen hätten wir das so nicht leisten können. Die waren dann eine Zeit lang da, das ist aber auch schnell wieder abgeflaut, weil sie woanders hingegangen sind oder weil andere Dinge wichtiger wurden. Die Fluktuation ist einfach sehr hoch. Man denkt sich dann oft: „Jetzt haben wir so viel Zeit und Energie hineingesteckt, es war so toll und jetzt sind sie wieder weg.“ Aber ich glaube, dass man lernen muss, damit zu leben, wenn man nicht in der Frustration landen möchte. Ich glaube, dass wir einem Großteil der Menschen, mit denen wir zusammenarbeiten, durchaus etwas mitgeben können und dass sie nicht gehen, wie sie vorher waren. Ich denke, das macht auch den Sinn dieser Tätigkeit aus.

 

Du hast die Workshops erwähnt. Das Vermitteln von Wissen und Fertigkeiten nimmt bei euch ja einen hohen Stellenwert ein. Könntest du bitte verschiedene Vermittlungsformate, etwa Lehrredaktion oder die Workshops, skizzieren?

Gern. Wir versuchen, diese Ausbildung, wie alles, möglichst niederschwellig zu halten, aber trotzdem einen gewissen Qualitätsstandard zu erreichen. Das ist manchmal auch eine Quadratur des Kreises, aber wir haben die Konzeption so versucht, dass es verschiedene Levels gibt. Es gibt ein Minimum, um bei uns eine Sendung zu starten, oder im Programm mitmachen zu können. Dazu muss man einen Basisworkshop absolvieren, der eineinhalb Tage dauert. Dort lernt man die Grundregeln des Medienrechts. Man lernt, mit dem Studio und mit der Technik umzugehen, man lernt Gestaltungselemente kennen und wie man eine Sendung aufbauen kann. Man geht am Ende dieses Workshops auch gleich das erste Mal gemeinsam live on Air. Das ist das Minimum. Darüber hinaus kann man aus einem recht großen Workshop-Angebot wählen. Es gibt Angebote zu Moderation und Interviewführung, Audioschnitt, etwas zu Stimme, Sprechen und Rhetorik oder Jingle-Produktion. Wenn man will, kann man sich aus diesem großen Angebot etwas heraussuchen, muss man aber nicht. Nach dem Basisworkshop ist nichts mehr verpflichtend, mit Ausnahme des Feedback-Workshops. Wenn man eine Sendung startet, muss man nach den ersten drei bis vier Sendungen zu einem solchen Feedback-Workshop kommen. In diesem setzen wir uns mit ungefähr vier Sendungsmacher*innen gleichzeitig zusammen und besprechen, wie es läuft, was man vielleicht noch besser machen könnte oder wo es noch Fragen gibt. Diese Feedback-Workshops sind großartig, gewissermaßen auch im Sinne einer Bindung, die aufgebaut wird und weil dadurch die Qualität zunimmt. 

 

Diese Workshops sind für Leute, die beim Verein dabei sind, gratis, oder?

Teilweise ja. Der Feedback-Workshop ist Teil des Basisworkshops. Das heißt, der kostet zusätzlich nichts. Der Basisworkshop kostet für Mitglieder 40 Euro, was für eineinhalb Tage sehr wenig ist, auch im Sinne von Niederschwelligkeit. Für Besitzer*innen des Passes Hunger auf Kunst und Kultur sind alle Workshops gratis. Die Workshops haben unterschiedliche Preise für Mitglieder und Nicht-Mitglieder und gerade die Mitglieder-Preise sind wirklich niedrig. Man kann einen eintägigen Stimmworkshop, glaube ich, für 25 Euro besuchen. Die Kosten sind wirklich so gering wie möglich gehalten. Die Meisterklasse unserer Ausbildung ist die Lehrredaktion, die wir jetzt seit zwei Jahren haben. Das ist ein Lehrgang, in dem im Rahmen von sieben Wochenendmodule, verteilt auf ein paar Monate, wirklich umfassende journalistische Grundkenntnisse vermittelt werden. Sowohl im Radio- als auch im Fernsehbereich, weil auch FS1 eingebunden ist. Er beinhaltet auch die volle Bandbreite an Crossmedia-Formaten. Einen Teil der Arbeit in der Lehrredaktion umfasst auch die laufende Mitarbeit an der Redaktion unseres Info-Nahversorgers namens unerhört!. Die Inhalte, die in dieser Sendung vermittelt werden, werden gänzlich von Lehrredaktionsabsolvent*innen gestaltet.

 

Wie kommt ihr zu den Teilnehmenden der Lehrredaktion? Sind es ehemalige Radiomachende, oder sprecht ihr sie direkt an? Es gibt ja einen Call, oder?

Genau. Wir schreiben sie jährlich im Frühjahr aus, 2019 zum zweiten Mal. Wir bewerben sie auf allen Kanälen, die uns zugänglich sind, und man kann sich bis zum Sommer bewerben. Es war bisher beide Male so, dass wir immer etwas mehr Bewerber*innen hatten, als wir aufnehmen konnten. In drei oder vier Fällen haben sich tatsächlich auch Sendungsmachende beworben, die schon länger bei uns sind. Alle anderen waren ganz neu und erfreulicherweise auch aus ziemlich unterschiedlichen Umfeldern. Wir haben auch versucht, nicht nur Kommunikationswissenschaft-Studierende drinnen zu haben, sondern die für die Radiofabrik charakteristische Buntheit auch in der Lehrredaktion zu schaffen. Generell ist es erfreulicherweise so, dass der Andrang, also das Interesse am Radio, durchaus immer noch vorhanden ist. Wir fürchten uns nämlich schon seit ein paar Jahren davor, dass man sagt: „Wir haben Podcasts im Internet ‑ wir brauchen kein Radio.“ Ich will zwar nichts verschreien, aber bis jetzt scheint das nicht zu passieren. Die Themen Radio und Radiomachen interessieren die Leute nach wir vor. Wir kriegen auch unsere Basisworkshops so gut wie immer voll. Im Moment scheint es demnach noch nicht so zu sein, dass Community-Medien überflüssig werden, weil es Social Media gibt.

 

Du hast jetzt einen Bereich angeschnitten, den ich noch ansprechen wollte, und zwar den Aspekt der Diversität. Der ist ja bei euch generell, auch bei der Lehrredaktion, wichtig. Auf welche Weise geht ihr da vor?

Ich denke, es gibt einen ganz anderen Blick auf die Welt, wenn man in einem Radio Stimmen von ganz vielen verschiedenen Menschen hört und deren unterschiedliche Perspektiven kennenlernt. Wenn ich immer nur mehr oder weniger die gleichen Menschen hören möchte, dann schalte ich den ORF ein. Da habe ich die öffentlich-rechtliche Zugangsweise, die auch absolut ihre Berechtigung hat. Aber was Freies Radio eher möchte, ist, verschiedene Stimmen hörbar zu machen und den Hörer*innen zu ermöglichen, sich anhand dieser verschiedenen Stimmen ein eigenes Bild machen zu können. Die Wahrnehmung verändert sich, wenn ich beispielsweise auch mal Leute höre, die sonst gar nicht oder nur sehr gefiltert in den Medien auftauchen. Gerade im Rahmen unseres Infomagazins, wo unsere Ansprüche an die Qualität und an die Inhalte noch einmal deutlich höher sind als im Rahmen des offenen Zugangs, ist es uns wichtig, möglichst viele Perspektiven originalgetreu abzubilden. Von alt bis jung, mit oder ohne Migrationshintergrund, mit oder ohne Beeinträchtigung, ländliches Umfeld, städtisches Umfeld und alle Varianten, die uns einfallen. Je mehr Vielfalt, desto besser. Das ist auch nicht immer einfach, weil man sich trotzdem in der Redaktion darauf einigen muss, was man denn jeweils tut und wie man auf ein Thema ‚schaut‘. Aber ich glaube, dass man durch die Buntheit der Gruppe, die Radio macht, mehr Multiperspektivität in der Berichterstattung erreicht.

 

Du hast auch den digitalen Raum erwähnt, etwa die Website. Ein starker Aspekt ist ja auch das Community-Building online mit euren Aktivitäten dort. Welche Bedeutung hat der digitale Raum für euch? Beobachtet ihr in Bezug darauf Veränderungen?

Natürlich hat sich sehr viel verändert. Als wir 1998 angetreten sind, war das Radio wirklich noch die einzige Möglichkeit, sozusagen eine Öffentlichkeit für eine Privatperson herzustellen. Natürlich hieß es zwischendurch immer wieder: „Das brauchen wir jetzt nicht mehr“, oder „Social Media ist unser Tod.“ Bis jetzt ist es aber nicht so. Wir haben allerdings versucht, das Internet zu integrieren. Das gelingt mal besser, mal schlechter. Wir machen zum Beispiel crossmediale Publikationen. Das heißt, was bei uns im Radio ausgestrahlt wird, darf mittlerweile sogar unbefristet und inklusive der gesamten Musik online gespeichert bleiben. Beim ORF muss das Material immer noch nach sieben Tagen heruntergenommen werden. Wir können es hingegen endlos speichern und überall einbinden. Den Podcast, der in den letzten Jahren ‚in‘ geworden ist, machen wir im Grunde schon lange.

Ein großes Defizit, das wir immer schon spüren, ist unsere mangelnde Bekanntheit. Da hilft uns Social Media. Wir haben mittlerweile eine gar nicht so kleine Facebook-Seite mit etwa 9500 Followern. Dort tut sich schon etwas und darüber haben wir auch die Möglichkeit, mehr Leute mit unseren Inhalten zu erreichen. Wir haben rund 180 neue Sendungen pro Monat. Aufgrund dieser großen Anzahl geht dann vieles ein bisschen unter und das ist eine Möglichkeit, die man nutzen kann, um Inhalte unter die Menschen zu bringen. Seit einigen Jahren haben wir auch eine eigene App, über die man Sendungen abonnieren kann. Das Smartphone erinnert dann daran, wann die jeweils abonnierte Sendung läuft. Das ist auch wichtig, vor allem, wenn eine Sendung nur alle paar Wochen stattfindet. Wir haben mittlerweile auch erkannt, dass das Bild wichtiger wird. Man kann das beurteilen wie man will, aber unsere Programmtipps und all diese Dinge sind zumindest mit einem Foto versehen. Vielleicht schaffen wir es, in Zukunft noch mehr Kurzvideos als Trailer für bestimmte Sendungen zu machen. Ein paarmal haben wir das schon getan und gute Erfahrungen damit gemacht. Unsere Strategie ist sozusagen, Social Media und Co. einfach in unsere Aktivitäten zu integrieren, soweit es uns nützt. Das ist oft auch für die Sendungsmachenden selbst spannend. Nicht alle, aber viele sind auf Facebook und dort entsteht eine ganz eigene Dynamik, die man nur mit Druckerzeugnissen oder Flyern, die man verteilt, wesentlich schwerer erzeugen kann.

 

Beobachtest du, dass Leute, die mit Social Media aufwachsen, diese partizipativen Medien als selbstverständlicher betrachten? Hat sich in den Menschen dadurch, dass diese Schranke zwischen Rezeption und Produktion weg ist, etwas geändert?

Grundsätzlich glaube ich schon, dass dem so ist. Ich überlege nur, ob es bei uns im Radio so auffällt. Ich glaube nicht, dass die jungen Leute, die sich in allen möglichen Social-Media-Kanälen tummeln, unbedingt auch den Weg zu uns finden. Sie sind nicht mehr geworden. Ich glaube, es ist ihnen oft ein bisschen zu mühsam, weil es bei uns gewisse Strukturen und Regeln gibt, die es im Netz nicht gibt, Richtlinien, an die man sich halten muss. Probleme mit Fake News, Hate Speeches oder dergleichen gibt es bei uns in der Regel nicht. Sollte so etwas auftauchen, behandeln wir es entsprechend. Das geht in unserem Rahmen natürlich wesentlich leichter.

 

Jetzt komme ich zu meiner letzten, sehr umfassenden Frage, die auch ein großes Thema im Rahmen unserer Forschung ist. Welche Forderungen, Ideen oder Vorschläge hast du oder habt ihr an die Kulturpolitik?

Ich habe schon den Eindruck, dass durchaus einiges passiert. Ich glaube, dass der KEP [Kulturentwicklungsplan], der in Salzburg entstanden ist, sowohl was den Zugang als auch was die Ergebnisse betrifft, eine tolle Sache ist. Ich glaube, dass die Grundherausforderung, mit der der KEP im Allgemeinen und Einrichtungen wie die Radiofabrik konfrontiert sind, darin besteht, dass man immer in einer Art Filterblase bleibt. Der Anspruch besteht darin, über die Gruppe von Menschen, die sich ohnehin schon für Kunst und Kultur interessiert und ohnehin schon in verschiedenen Bereichen aktiv ist, hinaus diese Blase zu öffnen und jene Menschen zu gewinnen, die sich außerhalb befinden. Das fände ich einerseits wichtig. Auf der anderen Seite denke ich oft, dass es wohl nicht unbedingt für alle Menschen dieses Planeten das einzig Glückbringende ist, sich irgendwo aktiv zu beteiligen. Trotzdem wäre eine Öffnung im Sinne der Vielfalt und Vielseitigkeit dessen, was passiert und auch aus der Idee heraus, dass Partizipation im einzelnen Menschen und in der Gesellschaft etwas verändert, wünschenswert. Dieses Thema ist sehr komplex. Aber ich glaube, dass das wichtig wäre und die Kulturpolitik mit dem KEP auf einem ganz guten Weg ist. Da ist sehr viel von dem drinnen, was ich gesagt habe. Die Frage ist, wie man es jetzt schafft, das Festgeschriebene auch zu realisieren. Da bleibt der Optimismus.

Elke Zobl, Eva Schmidhuber (2020): „Wir haben den Anspruch, in unserem Programm die Gesellschaft in all ihrer Vielfalt abzubilden“. Eva Schmidhuber im Gespräch mit Elke Zobl. In: p/art/icipate – Kultur aktiv gestalten #11 , https://www.p-art-icipate.net/wir-haben-den-anspruch-in-unserem-programm-die-gesellschaft-in-all-ihrer-vielfalt-abzubilden/