„Gemeinsam die Stadt zum Blühen bringen“

1. Eine neue Ordnung des Sinnlichen

Ausgehend von Jaques Rancières (2008)star (*3 ) Überlegungen zur „Aufteilung des Sinnlichen“ [= Le partage du sensibel] und den daraus abgeleiteten Bedingungen, die die Teilhabe an einer Gemeinschaft festlegen, befasst sich vorliegender Beitrag mit dem Gemeinschaftsgarten als Format kollektiver kultureller Praxis zwischen Kunst und Politik.

In den letzten zehn Jahren boomten Gartenprojekte in verschiedensten urbanen Räumen. Die Praxen sind auffällig vielfältig und reichen von Basisinitiativen und Kunstprojekten über kommunale Initiativen zur Nachbarschaftsförderung, interkulturelle oder umweltpolitische Projekte von NGOs bis hin zu Guerilla Gardening oder Moos-Graffitis. Dabei bedingen die jeweiligen Anknüpfungspunkte unterschiedliche Stoßrichtungen und produzieren jeweils spezifische Handlungsspielräume und Öffentlichkeiten. Das empirische Beispiel, das in diesem Beitrags analysiert wird, die Initiative „blattform: eine stadt – ein garten“ und ihre erste öffentliche Aktion, die „Aktion Sonnenblume“, ist eine städtische Basisinitiative. Urbanes Gärtnern als Aktionsform, gleich ob von BasisaktivistInnen initiiert oder von KünstlerInnen, trägt zu einer Neuordnung des Sinnlichen bei – so die hier vorangestellte Hypothese. Rancières Überlegungen folgend sind die Funktionen von Politik und Kunst hinsichtlich der Aufteilung und Neuordnung gemeinschaftlichen Handelns bis zu einem gewissen Grad auswechselbar.
Mit der Aufteilung des Sinnlichen bezeichnet Rancière einerseits die Strukturen und Spielregeln in einer Gesellschaft sowie andererseits die Gewohnheiten und Erfahrungen jedes Einzelnen, gelernt zu haben, wer wo wie im gesellschaftlichen Bezugsrahmen seine/ihre Stimme erheben darf und gehört wird bzw. eine Handlung setzen kann, die gesehen wird. In Rancières Theorie sind dabei Kunst und Politik keine voneinander getrennten Wirklichkeiten, sondern zwei Formen der Aufteilung des Sinnlichen. Die Frage „Was ist möglich und wie?“ wird laut Rancière gleichermaßen in Kunst und Politik gestellt:

„Kunst und Politik hängen miteinander als Formen des Dissenses zusammen, als Operationen der Neugestaltung der gemeinsamen Erfahrung des Sinnlichen. Es gibt eine Ästhetik der Politik in dem Sinn, als Akte politischer Subjektivierung das neu bestimmen, was sichtbar ist, was man sagen kann und welche Subjekte dazu fähig sind. Es gibt eine Politik der Ästhetik, in dem Sinn, dass neue Formen der Zirkulation von Wörtern, der Ausstellung des Sichtbaren und der Erzeugung von Affekten neue Fähigkeiten bestimmen, die mit der alten Konfiguration des Möglichen brechen.“ (Rancière 2008: 78)star (* 3 )

In einer Zeit, in der zahlreiche künstlerische Praktiken im Bereich des politischen Eingreifens in den sozialen Raum operieren, agiert Rancières Theorie an dieser Schnittstelle von Kunst und Politik. Seine Theorie fungiert als (Orts-)Bestimmung darüber, „wie ein Gemeinsames sich der Teilhabe öffnet, und wie die einen und die anderen daran teilhaben“ (Ebda: 26). Dabei weist die Existenz eines Gemeinsamen gleichzeitig auf seine Unterteilung hin: „Eine Aufteilung des Sinnlichen legt sowohl ein Gemeinsames, das geteilt wird, fest als auch Teile, die exklusiv bleiben“ (Ebda: 25).
Laut Rancière macht die „Aufteilung des sinnlich Wahrnehmbaren“ sichtbar „wer, je nach dem, was er tut, und je nach Zeit und Raum, indem er etwas tut, am Gemeinsamen teilhaben kann. Eine bestimmte Betätigung legt somit fest, wer fähig oder unfähig zum Gemeinsamen ist“ (Ebda: 27). Er versteht Politik als Dissens, der immer dann entstehe, wenn unterschiedliche Ordnungen der Aufteilung des Sinnlichen aufeinandertreffen und eine neue „Aufteilung des Sichtbaren und des Sagbaren – des sinnlich Wahrnehmbaren – innerhalb der Gesellschaft“ von bestimmten AkteurInnen angestrebt wird (Ebda: 9f.).

Rancière postuliert: „Es gibt überall Ausgangspunkte, Kreuzungen und Knoten, die uns etwas Neues zu lernen erlauben, wenn wir erstens die radikale Distanz, zweitens die Verteilung der Rollen und drittens die Grenzen zwischen den Gebieten ablehnen.“ (Rancière 2009: 28)star (* 4 )
In seinem Plädoyer für hemmungsloses Überschreiten hierarchisierender Grenzen setzt er als Ausgangspunkt die Infragestellung und Auflösung der Gegenüberstellungen „Sehen/Wissen; Erscheinung/Wirklichkeit; Aktivität/Passivität“, da diese „keine logischen Gegensätze“ seien, sondern eine spezifische Aufteilung des Sinnlichen, „eine apriorische Verteilung von Positionen und von Fähigkeiten und Unfähigkeiten, die an diese Positionen geknüpft sind“, definieren (Rancière 2009: 22f.)star (* 4 ). Rancière zeichnet hierbei das Bild einer emanzipierten Gesellschaft, die aus einer Gemeinschaft von ErzählerInnen und ÜbersetzerInnen besteht – eine Gesellschaft, in welcher der/ die ZuschauerIn zur „aktiven InterpretIn“ wird bzw. jedem Gesellschaftsmitglied der Raum und die Möglichkeiten, sich selbst zu übersetzen, zugestanden wird: „Es bedarf der Zuschauer, die die Rolle aktiver Interpreten spielen, die ihre eigene Übersetzung ausarbeiten, um sich die „Geschichte“ anzueignen und daraus ihre eigene Geschichte zu machen. Eine emanzipierte Gemeinschaft ist eine Gemeinschaft von Erzählern und von Übersetzern.“ (Ranciere 2009: 33)star (* 4 )
Laut Rancière ist jede/r zugleich ZuschauerIn/BesucherIn des eigenen Milieus, des eigenen Handlungsfeldes – die Kompetenz der Reflexion und politischen Perspektivierung des eigenen Handelns liegt bei den AkteurInnen selbst. Die als besonders legitim erachteten Positionen des Erzählens im Sozialen Raum (KünstlerInnen, WissenschaftlerInnen, PolitikerInnen, etc.) sind demnach kondensierte Positionen, wobei, mit Rancière gesprochen, die Emanzipation der ZuschauerInnen da beginnt, wo sie „ihr eigenes Gedicht zusammenstellen“ (Ranciere 2009: 24)star (* 4 ).

Stellt man die Frage nach einer Gemeinschaft von ErzählerInnen und ÜbersetzerInnen sowohl hinsichtlich der Kunst als auch hinsichtlich der Politik, scheint das Um und Auf im Erproben von Formen der Selbstorganisation zu liegen, die als Grundbedingung ihres Handelns Gleichheit voraussetzen und sich nicht aufgrund der Position im sozialen Raum in ihrem Handeln einschränken lassen, sondern mit den gesellschaftlichen Grenzen produktiv umgehen. Wenn wir also im Sinne Rancières einer neuen Aufteilung des Sinnlichen auf der Spur sind, lohnt es sich, konkreten Praktiken der Selbstorganisation auf der Spielwiese urbanen Gärtnerns nachzugehen.

2. Selbstorganisation in der Stadt. Die Initiative „blattform: eine stadt – eine garten“

2.1. Initialzündung und InitiatorInnen

Als Christine Brandstätter im Juli 2011 den Stadtteilgarten im ArbeiterInnen-BegegnungsZentrum*1 *( 1 )  koordiniert, kommt sie mit Josef Reithofer, einem Mitarbeiter der Stadtplanung Salzburg, zu sprechen. Zuständig für nachhaltige Stadtentwicklung ist er auf der Suche nach unterstützungswürdigen Initiativen im Bereich Gemeinschaftsgärten. Zu diesem Zeitpunkt gibt es in Salzburg neben dem Stadtteilgarten Itzling den Lieferinger Krautgarten sowie ein weiteres Gemeinschaftsgartenprojekt, das allerdings aus unklaren Gründen zum Stocken kam. Von Seiten der Stadtplanung gibt es also Interesse, eine neue gärtnerische Initiative ins Rollen zu bringen und Christine, die zivilgesellschaftlich aktiv und in der Stadt gut vernetzt ist, findet Gefallen an der Idee. In Folge spricht Christine Leute in ihrem Bekanntenkreis an, die in unterschiedlichen zivilgesellschaftlichen und aktivistischen Zusammenhängen tätig sind, ob sie Interesse hätten rund um das Thema Gemeinschaftsgärten eine Initiative zu starten.
Die Leute, die sie versammelt und die in Folge die Initiative „blattform: eine stadt – ein garten“ gründen, sind mit Lukas Uitz vom Verein fairkehr, Christina Pürgy von der Stadtteilkulturarbeit im ABZ-Itzling, Barbara Sieberth, Grüne Aktivistin und Gemeinderätin, sowie Monika Gumpelmair und Elisabeth Rumpl von der Initiative für eine offene Werkstatt, allesamt junge zivilgesellschaftlich aktive StadtbewohnerInnen. Christian Hörbinger, ein junger Stadtplaner, ist von Anfang an dabei und gleichzeitig Verbindungsglied zum Magistrat. Katharina Paulmichl, Ärztin in Ausbildung und Comic-Zeichnerin für die Öffentlichkeitsarbeit der Initiative, stößt etwas später dazu. Diese Mitglieder der Kerngruppe sind in der Stadt gut vernetzt – sie sind zwischen Mitte zwanzig und Ende dreißigund haben in den meisten Fällen einen gewissen Erfahrungsschatz in der zivilgesellschaftlichen Selbstorganisation sowie bestehende Netzwerke, auf die sie zurückgreifen können. Von Herbst 2011 bis Frühjahr 2012 finden Besprechungen mit MitarbeiterInnen der Stadtplanung und des Gartenamtes statt, um auszuloten, wie eine Kooperation oder Unterstützung im Netzwerk aussehen könnte.

2.2. „Was ist blattform?“

Am Beginn stand die Ideenfindung zur Gründung der Initiative: die Namensfindung, die Formulierung von Ziel und Methode und der Aushandlungsprozess in der Gruppe. Als Methode hat die Initiative das „Garteln“ gewählt, wobei den InitiatorInnen wichtig ist, dass das Garteln in viele Richtungen weitergedacht werden kann und die Themen Energiewende, Gemeinschaftsstärkendes, global denken – lokal handeln, gesunde Mobilität, Artenvielfalt und Klimaschutz mitgedacht werden sowie dieses Spektrum noch erweitert werden kann. Christine betont dabei die Offenheit der Initiative:

[…] die blattform ist einfach eine Plattform, wo viele andocken können, wo wir Leute vernetzen zum Garteln und aus dem heraus wir jetzt einmal vordergründig einfach schauen, dass Gartenaktionen entstehen, die aber in Richtung Guerilla [Gardening] gehen können, die auch in Richtung Gemeinschaftsgärten gehen können, das heißt auf Dauer oder zumindest auf mehrere Jahre und die auch noch viele brachliegende Möglichkeiten sozusagen einfach aufgreifen.“ (CB: 7)star (* 6 )

Auf der Website der Initiative ist u.a. zu lesen, dass sich die blattform für eine Bereicherung und Verschönerung der Stadt einsetzt – über das Garteln im öffentlichen Raum hinaus, soll die Tätigkeit der Initiative „die Vielfalt fördern, zum Nach- und Umdenken anregen und das Bedürfnis der Bevölkerung nach einer Stadt für Menschen jeglicher Lebenslage und Herkunft stärken.“*2 *( 2 )  Die Begriffe „Bereicherung“ und „Verschönerung“ signalisieren hierbei eine lustvolle und friedfertige Herangehensweise, die nicht auf Konfrontation, sondern auf Dialog zielt. Der Untertitel der Initiative, „eine Stadt – ein Garten“, weist auf die Zielrichtung der Initiative hin, Menschen im gemeinsamen Lebensraum Stadt miteinander in Austausch zu bringen und legt die Assoziation nahe, sich um die eigene Stadt wie um einen eigenen Garten zu kümmern. Es geht darum, Verantwortung und Sorge für den gemeinsamen Lebensraum zu übernehmen und dabei den öffentlichen Raum als Allmende anzueignen. Christine erklärt den Untertitel folgendermaßen: „[…] wir haben auch noch einen Untertitel, da haben wir auch noch gemeinsam überlegt: Eine Stadt – ein Garten […] was ich aber so schön finde, weil das Gemeinschaftliche rauskommt, weil dieses freche Klotzen ‚wir nehmen uns die ganze Stadt‘ herauskommt, ja […].“ (CB: 6)star (* 6 )

Als die blattform Gestalt annahm, das Handlungsfeld und die Methode klar waren, brauchte es ein konkretes Projekt, um an die Öffentlichkeit zu treten.

3. Die Aktion Sonnenblume: Handlungsfelder, Formate, Netzwerke

„Und ich hab relativ bald gesagt, ich möchte die Aktion Sonnenblume machen, ich glaub, da können wir gleich loslegen, es hat auch strategisch viele Möglichkeiten, weil du kannst einfach das Gartenamt und Co ins Boot holen, indem du ja nicht die Befürchtung wahr machst, dass du jetzt auf Jahre hinaus jetzt da einen Raum für dich beanspruchst, den sie vielleicht nie wieder kriegen, sondern es geht einfach einmal ums Ausprobieren, um eine Saison, das heißt auch, sobald der Winter kommt, ist das auch vorbei und da kann man natürlich viel schneller einmal sowas zulassen […].“ (CB: 4)star (* 6 )

Als Inspiration für die erste Aktion diente eine Wiener Initiative des Künstlers und grünen Bezirksrats Thomas Rucker, der 2011 in einer gemeinschaftlichen Aktion im Wiener Bezirk Neubau Sonnenblumen pflanzte. Die Wiener Idee aufzugreifen brachte für die Salzburger Initiative mehrere Vorteile mit sich, man hatte sozusagen ein Pilotprojekt vor Augen und konnte sehen, was dort gut oder weniger gut funktionierte und gleichzeitig wurde die Aktion in einen überregionalen Kontext sowie in eine Kontinuität zu anderen aktivistischen Praxen gestellt.
Das Ziel war, die Aktion Sonnenblume so zu konzipieren, dass möglichst viele Leute „andocken“ können und auch dezentral die Idee aufgreifen können. Um das zu erreichen, versuchte das Kernteam für die Aktion einen Bezugs- und Handlungsrahmen herzustellen, in den sich Interessierte unkompliziert und offen einbringen konnten. Der Aktionstag sollte am 12. Mai 2012 stattfinden, mit dem Ziel in der ganzen Stadt Sonnenblumen zu pflanzen. Sowohl in der Vorbereitung des Aktionstages als auch am Aktionstag selbst wurden  unterschiedliche Ebenen und Möglichkeiten der Partizipation angelegt.

3.1. Strukturen und Formate der Teilhabe

„[…] es braucht Plätze, wo Leute sich einbringen können, wie die Rückseite der Fähnchen, die Platzwahl, wo? Dann als Gruppe, alleine, mit wem? Dann das man es auch online wo wertschätzen kann, dass man es vor Ort wertschätzen kann. Dass man die Social Media Freaks und den einfach nur buddeln-wollenden Leuten irgendwie ermöglicht auch anzudocken. Also das ist jetzt eigentlich alles mitgedacht, dass man das auch kommuniziert in Richtung Medien, in Richtung Stadt, [Stadt-]Verwaltung, und dann ist immer aus eigener Sicht oft nicht alles wichtig, was zur Aktion dazu gehört, aber damit das ein großes Ganzes werden kann, eine Stadt – ein Garten, braucht’s diese ganzen unterschiedlichen Seiten.“ (CB: 17)star (* 6 )

Unterschiedliche Formate der Teilhabe sind wichtig, um ein breites Spektrum an Interessierten anzusprechen. Gerade daraus erklärt sich das Verhältnis aus Offenheit und Vorgabe, das die Initiative charakterisiert. Die Organisationsform der Initiative blattform und der Aktion Sonnenblume beinhaltet sowohl Top-down-Elemente, beispielsweise wenn die Kerngruppe im Vorfeld die Website plant und das Konzept der Gartenkarte entwirft, als auch Bottom-up-Elemente, wie beispielsweise die Stadtteilgruppen, die sich teilweise selbst organisieren.
Die Kerngruppe verfolgt dabei einen gewissen Servicegedanken, der sich mit dem Do-it-yourself-Gedanken auf Stadtteilebene ergänzt. Es wird ein Rahmen hergestellt und koordiniert, was für ein gemeinsames Auftreten und kollektives Erleben erforderlich ist, im Übrigen sind alle Interessierten dazu aufgerufen, sich mit ihren Ideen und Vorhaben einzubringen und die Initiative so zu vervielfältigen. Christine beschreibt die Strukturfindung zwischen Vorgabe und Offenheit als einen herausfordernden Prozess:

„Also das ist dann so ein Punkt, der auch herausfordernd ist, also wie weit stellt man sich vorne hin und die Leute wollen das auch, die wollen auch wissen: Was ist zu tun? Wie funktioniert das? Und andererseits will man den Leuten erlauben, Plätze einzunehmen und Platz zu nehmen und sich einzubringen und für das brauchen sie aber auch viel Info, und das nimmt ihnen aber auch wieder gleichzeitig einen Platz weg, also, weil dann ist es ja schon vorgegeben. Und das ist ein bisschen so eine delikate Herausforderung.“ (CB: 11)star (* 6 )

In diesem Prozess spielt klare Kommunikation eine wesentliche Rolle, insbesondere um Leute außerhalb des persönlichen Netzwerks zu erreichen. Zu diesem Zweck haben die blattform-AktivistInnen einen Flyer gestaltet, der auf vier Seiten im DinA5-Format die Ziele und Methoden von blattform erklärt und für die Aktion Sonnenblume eine genaue Anleitung zu Pflanzmodalitäten und einer Teilnahme an der Aktion vermittelt.
Neben den Möglichkeiten sich in Treffen zu vernetzen und auszutauschen ist die Online-Kommunikation wesentlich. Als zentrales Kommunikationstool nennt Christine den E-Mail-Verteiler, den sie zum Zeitpunkt des Interviews auf rund 50 – 80 Personen schätzt. Der soziale Raum online, der insbesondere durch die Facebookseite der blattform sowie die Online-Gartenkarte entsteht, wird von Christine ganz selbstverständlich als „Materialisierung“ der Initiative bezeichnet, was ob der Digitalität des Mediums zum Schmunzeln verleiten mag.
Neben der Facebookseite bilden die Gartenkarte und die Gießpatenschaften sowie die „Bitte g(en)ieß mich!“-Fähnchen und selbstgemachten Buttons Formate der Teilhabe und dienen gleichzeitig der (Selbst-)Repräsentation der Aktion und der AktivistInnen.
Neben diesen Formaten der Teilhabe waren für das Gelingen der Aktion insbesondere strategische Kommunikation und Kooperation von Relevanz – diese geben wiederum Aufschluss über das Selbstverständnis der Initiative.

3.2. Strategische Kommunikation und Kooperation

Eine Besonderheit der Initiative blattform ist zweifelsohne der Versuch, das Netzwerk als in die kommunalen Strukturen hineinreichend zu begreifen, also nicht das Magistrat als einen Gegenspieler wahrzunehmen sondern als kooperativen Mitspieler.

„Und das war mir wichtig, von Anfang an, dass wir da so quasi nicht jetzt gegen das Magistrat oder gegen die Leute da oben, sondern, dass man einfach schaut – man klopft wo an, und die Türen gehen auf. Also wenn du dich da vorstellst bei den Amtsleitern, nehmen sie sich schon Zeit. Natürlich haben die wenig Zeit, aber sie nehmen sich Zeit. Und das war eine schöne Erfahrung und das war mir eigentlich von Anfang an wichtig von dem, wie man das jetzt einfädelt, dass es niedrigschwellig möglich ist teilzunehmen, aber dass auch die Schwellen zwischen den verschiedenen Gruppierungen in der Stadt, also die Stadtverwaltung, BürgerInnen, AktivistInnen, dass die eher niedriger werden. Und dass man da auch einfach eine Basis hat, wie man da vielleicht auch zukünftig, für andere Sachen zusammenarbeiten kann.“ (CB:22)star (* 6 )

Dabei sind der persönliche Austausch und das gegenseitige Kennenlernen sowie die persönliche Präsenz wichtige Bestandteile für eine vertrauensvolle Kooperationsbasis. Christine fungiert im Netzwerk in mehrfacher Weise als Kommunikations-Schnittstelle, sowohl zwischen Stadtplanung sowie Gartenamt und der Kerngruppe der blattform, als auch für die Weiterleitung relevanter Informationen an die Interessierten und AktivistInnen im blattform-Netzwerk. Durch die intensive Kommunikation ist ein Netzwerk über die gewöhnlich bestehenden Grenzen zwischen Verwaltungseinheiten und Zivilgesellschaft hinaus entstanden, das gegenseitiges Vertrauen fördert und die Stadt als geteilten gemeinschaftlichen Raum spürbar macht. Ob ein Handeln abseits der institutionalisierten Abläufe ausprobiert wird und gegebenenfalls funktioniert, hängt davon ab, ob es AkteurInnen mit Interesse an der Erprobung neuer Wege und Formate im kommunalen Setting gibt. Ein gewisses Maß an Risikobereitschaft sowie auch an Bereitschaft sich auf einen kommunikativen Mehraufwand einzulassen, sind dafür Voraussetzung.
Christine liegt daran, dass diese erste Aktion möglichst gut funktioniert, auch um beim Kooperationspartner Stadtverwaltung das Vertrauen zu stärken und gegebenenfalls zukünftige Aktionen erneut kooperativ durchführen zu können: „Es geht schon um viel, es ist so ein bisschen das, wenn’s jetzt funktioniert, dann heißt das auch, dass in Zukunft vielleicht noch viel mehr geht.“ (CB: 24f.)star (* 6 )

3.3. Netzwerke und Handlungsfelder

Wer machte nun bei der Aktion Sonnenblume mit? Wer „dockte“ an? Und wie wurde „angedockt“? Im Vorfeld des Aktionstages hatten sich verschiedene Kooperationen mit sozialen Einrichtungen wie der Lebenshilfe, Volksschulen, dem Jugendzentrum Iglu oder der Lernwerkstatt Natur und Umwelt ergeben. Neben den Kooperationen mit sozialen Einrichtungen und Gemeinschaftsstrukturen „dockten“ insbesondere Jungfamilien und Einzelpersonen aus unterschiedlichsten Bereichen an.
Das Netzwerk spannt sich dabei auf unterschiedlichen Ebenen: Einerseits kooperierten die InitiatorInnen mit dem Magistrat und erhielten auch Unterstützung von befreundeten Vereinen oder Initiativen, etwa in Form von Räumen und Infrastruktur, die zur Verfügung gestellt wurden. Andererseits entfaltet sich das Netzwerk über die beteiligten AktivistInnen, die vor, am und nach dem Aktionstag Setzlinge ziehen, setzen und hegen und untereinander in Austausch treten. Christine beschreibt die verschiedenen Verknüpfungen und Bezüge als ein wucherndes Netzwerk.
Auch kommt es dabei teilweise zu Überschneidungen von Kooperation und Partizipation, wie beispielsweise bei der Lebenshilfe, einem Verein für Menschen mit Beeinträchtigungen. Das „Andocken“ der Lebenshilfe umfasste einerseits den Arbeitsbereich der dort betreuten Personen, indem in den Werkstätten rund 600 Fähnchen für die Aktion Sonnenblume hergestellt wurden. Andererseits zogen die KlientInnen der Lebenshilfe auch Setzlinge, um an der Aktion teilzunehmen und Gießpatenschaften zu übernehmen – also selbst zu partizipieren.

Eine weitere Ebene des Netzwerks ist jene der Kontakte in den Medienbereich. Von Seiten der blattform wurde auf Grund knapper zeitlicher Ressourcen keine offensive Medienarbeit betrieben, dennoch erhielt die Aktion Sonnenblume eine relativ hohe Medienaufmerksamkeit*3 *( 3 ), was sich zum Teil aus der regen Netzwerkaktivität erklärt. Christine erinnert sich: Das ist eigentlich jetzt nicht so, dass wir den großen Plan gehabt haben, aber ich glaube einfach, dass wir mit wenigen Ressourcen voll viel geschafft haben.“ (CB: 20f.)star (* 6 )
Das rege Medieninteresse erklärt sie sich dabei aus unterschiedlichen Aspekten der Aktion: sowohl das Thema „Garteln“ bzw. „Urban Gardening“ sei zur Zeit ein angesagtes Thema, als auch das zivilgesellschaftliche Engagement sowie der für Salzburg unkonventionelle Ansatz der Raumaneignung seien auf mediales Interesse gestoßen. Das „wuchernde Netzwerk“ lässt sich also auf mehreren Ebenen verfolgen, und dabei schafft die Initiative blattform einen neuen Sinnzusammenhang zwischen Gartenprojekten in der Stadt. Insgesamt betont Christine, dass alleine die Zusammenarbeit einer Vielzahl von AkteurInnen im Vorfeld des Pflanztages die Aktion Sonnenblume bereits zu einer großen gemeinschaftlichen Aktion machte: „[…] also das war nicht [nur] am Samstag [dem Aktionstag] selber, aber einfach diese vielen Leute, die das möglich gemacht haben. Das ist echt ein riesen Gemeinschaftsding schon gewesen, ja, ohne, dass die überhaupt blühen die Sonnenblumen.“ (CB: 31)star (* 6 ) Durch die Netzwerke in unterschiedlichen Bereichen des städtischen Lebens eröffnen sich auch unterschiedliche Handlungsfelder, wobei dabei als verbindendes Thema neben der Methode des Gartelns das Motiv bzw. der Topos der nachhaltigen Stadt fungiert.

3.3.1. Handlungsfeld Nachhaltigkeit

Das Thema Nachhaltigkeit tritt auf unterschiedlichen Ebenen in Erscheinung. Neben dem umweltpolitischen Nachhaltigkeitsgedanken geht es auch um nachhaltige soziale Beziehungen.
Das Ziehen und Weitergeben von Setzlingen unter den AktivistInnen sowie das Ausprobieren innovativer Pflanzbehälter – beispielsweise aus Tetrapak-Packungen oder Eierschachteln – stellen hierbei eine Basis für Austausch und Kommunikation dar und verbinden umweltpolitische Nachhaltigkeit mit dem Herstellen potenziell nachhaltiger sozialer Beziehungen: Wissen, Know-how und Erfahrungen werden ausgetauscht, durch das gemeinsame Erproben und Experimentieren entstehen soziale Beziehungen und Gemeinschaftsbildung.
Nachhaltige soziale Beziehungen entstehen potentiell auch dort, wo Aktivistinnen mit BesitzerInnen von Brach- oder Grünflächen über eine gemeinsame Nutzung in Kontakt treten. So setzte beispielsweise die Volksschule St. Andrä rund um die gegenüberliegende Kirche der Pfarre St. Andrä Sonnenblumen. Diese Kooperation beschreibt Christine als klassische Win-Win-Situation: Die oft vermüllten Grünfläche werden verschönert und somit umgewertet, die Schule erhält Platz zum Pflanzen ihrer Sonnenblumen.

Das Thema Nachhaltigkeit war auch beim Mittagsbuffet am Aktionstag manifest: Mit Hilfe eines Volxküche-Aktivisten, der regelmäßig im Jugendkulturzentrum mark aus teils „gedumpsterten“ Lebensmitteln für einen geringen Unkostenbeitrag kocht, wurde für das Mittagessen sowie Kaffee und Kuchen zur Nachmittagspause gesorgt. Das Konzept der Volxküche*4 *( 4 )  und des „Mülltauchens“ ist dem Recycling- und Nachhaltigkeits-Gedanken verpflichtet und steht somit der Zielrichtung der Aktion Sonnenblume für ein nachhaltiges Leben in der Stadt auch ideologisch nahe.
Die unterschiedlichen Ebenen von Nachhaltigkeit können hier nur angerissen werden, doch bilden sie zusammen ein dichtes Gewebe oder, wenn man so will, das Skelett, das der Gesamtaktion Bestand gibt. Diese Ansätze der Nachhaltigkeit organisieren sich rund um den Aktionstag, als vorläufiger Höhepunkt und erste kollektive Veröffentlichung des Netzwerks. Wie das gemeinsame Ziel des Aktionstags und des kollektiven Setzens der Sonnenblumen sich nach einem guten halben Jahr der Vorbereitungen am 12. Mai 2012 in die Realität pflanzte, wird insbesondere entlang der Route der Pflanzkarawane sichtbar.

3.4. Partizipation als gelebte kulturelle Praxis: Der Pflanztag

3.4.1. Die Route der Pflanzkarawane

Sowohl die Route, die durch bestimmte Stadtteile ging, als auch die Wahl der Aktionsform – als Pflanzkarawane durch die Stadt zu ziehen und kollektiv zu gärtnern – geben Aufschluss über das Selbstverständnis der Initiative.
In der Routenplanung der Pflanzkarawane lässt sich ablesen für welche Stadt die Initiative sich stark macht. Die Route hat dabei Repräsentationscharakter, sie wurde nicht zufällig gewählt, sondern es spielten verschiedene Überlegungen eine Rolle: In einer Ankündigung des Aktionstages ist auf der Webseite der blattform zu lesen: „Wir ziehen am Pflanztag als ‚Pflanzkarawane‘ von Ost nach West quer durch die Stadt Salzburg – von Schallmoos über Andrä nach Lehen.“star (* 7 )
Das evozierte Bild einer Karawane vermag hierbei wiederum ein kollektives Imaginäres anzukurbeln, das wichtiger Bestandteil gemeinschaftlicher Aktionen ist. Die Karawane ist Sinnbild eines gemeinsamen Weges, hin zu einem gemeinsamen Ziel und demonstriert dabei Zusammengehörigkeit. Konkret setzte sich die Pflanzkarawane aus Lastenrädern und Scheibtruhen sowie normalen Fahrrädern mit Anhängern und AktivistInnen, die zu Fuß unterwegs waren, zusammen. Die Lastenräder und Scheibtruhen transportierten das Gartenwerkzeug und die Setzlinge und schufen zugleich, verstärkt durch A3-Schilder mit dem Logo der blattform und dem Sonnenblumen-Icon, einen gewissen Grad der Inszenierung und Sichtbarkeit der Gruppe. Für die Route war u. a. ausschlaggebend, dass die Pflanzplätze entlang alltäglicher Routen der AktivistInnen liegen sollten, um eine Betreuung der Pflanzen gewährleisten zu können. So wurde in jenen Stadtteilen gepflanzt, in denen zum einen die Mitglieder der Kerngruppe wohnen oder beruflich tätig sind, sowie jene Stadtteile, die sich bei den Interessiertentreffen als Aktionsfelder herausstellten.
Die Karawane startete im Stadtteil Schallmoos, wo nach der zeremoniellen Pflanzung der ersten Sonnenblume und einem „Familienfoto“ der versammelten AktivistInnen, Kleingruppen im Stadtteil ausschwärmten und nach Belieben Sonnenblumen pflanzten.
Der Stadtteil Schallmoos steht seit einiger Zeit im Interesse der Stadtentwicklung: Nach Fertigstellung des neuen Bahnhofs wird für das angrenzende Gebiet „SchallmoosWeststar (* 8 )“ ein Aufschwung erwartet. Ausgehend von der historisch gewachsenen sehr heterogenen Bebauung – bspw. sind Einfamilienhäuser neben Gewerbeflächen zu finden – sollen neue Visionen für den Stadtteil entwickelt werden. Im März 2012 hatte die Stadtplanung daher eine Ideenwerkstatt zu BürgerInnenbeteiligung am Entwicklungsprozess initiiert. Die Ideenwerkstatt konnte von im Stadtteil wohnenden blattform-AktivistInnen als Forum genutzt werden.
An Schallmoos angrenzend liegt der Stadtteil Andrä, der durch gründerzeitliche Bauten und kleinunternehmerische Strukturen, u.a. im kreativwirtschaftlichen Bereich, geprägt ist. Die Initiative blattform ist hier gut vernetzt, und konnte u.a. über den Verein „Forum Andräviertel“*5 *( 5 ), insbesondere Gewerbetreibende auf die Aktion Sonnenblume aufmerksam machen und auch hier einige SympathisantInnen gewinnen.
Der dritte von der Karawane aufgesuchte Stadtteil, Lehen, ist ein migrantisch geprägter ehemaliger Arbeiterbezirk, der seit mehreren Jahren stadtplanerisch aufgewertet wird, wie bspw. durch den Bau der neuen Stadtbibliothek oder den Einzug der Stadtgalerie, der Galerie Fotohof und der Volkshochschule im neu bebauten ehemaligen Stadtwerkeareal.

In Christines Ausführungen wird sichtbar, dass mit der Wahl genau dieser Stadtteile auch eine Stimmung und inhaltliche Orientierung der Initiative blattform sichtbar und kommuniziert wird. Sowohl ein gewisser Bezug zur Kreativbranche und ihren AkteurInnen sowie die Thematik sozialer Inklusion im städtischen Gefüge werden durch die Bezugspunkte in den Stadtteilen signalisiert.
Interessant ist auch zu fragen wo die Route nicht verlief, denn hier werden die unterschiedlichen Interessen im Stadtraum sichtbar: Die Altstadt beispielsweise, die der Stadtraum mit der größten öffentlichen Aufmerksamkeit ist und sich demnach für eine solche Aktion besonders gut eignen würde, wurde vermieden. Sie ist als touristisches Zentrum nicht nur symbolisch das Zentrum der ökonomischen Elite und demnach ein heißes Pflaster, auf dem jedwede Aktion in besonderer Weise exponiert ist.
Zu den wichtigsten touristischen Attraktionen zählt ebenfalls der Mirabellgarten und dieser wurde im Rahmen der Vorbereitungen der Aktion Sonnenblume als no-go-area definiert. Mit dem Gartenamt wurde vereinbart, historische oder mit großem Aufwand gepflegte Zonen  nicht zu bepflanzen. Sehr wohl wurde den AktivistInnen zugesagt im Kurgarten pflanzen zu dürfen, der an den Mirabellgarten angrenzt, aber nicht zum Schlossgarten zählt und weniger im machtpolitischen Blickfeld steht. Christine erklärt, dass es dem Kernteam wichtig war, das gerade im Aufbau befindliche Vertrauensverhältnis mit dem Stadtgartenamt nicht gleich zu Beginn überzustrapazieren. Sie spricht zwei Bereiche an, die wichtige Bestandteile der kooperativen Strategie sind: einerseits den Versuch städtische Konfliktzonen für den Start zu vermeiden sowie andererseits die Wichtigkeit einer gegenseitigen Wertschätzung auch der Arbeit des Gartenamtes. Bei der Routenwahl und den möglichen Konfliktzonen wird hierbei die Stadt in ihrer Eigenlogik und ihren Spielregeln sichtbar.

4. Fazit & Ausblick: Die Eigenlogik einer neuen Ordnung des Sinnlichen

Durch die Eigenlogik der Stadt (Berking/Löw 2008)star (* 1 ) gibt es sowohl spezifische Möglichkeiten als auch spezifische Einschränkungen für das urbane Handeln.
Die Möglichkeiten, die in Salzburg entstehen, scheinen insbesondere mit der überschaubaren Größe der Stadt Salzburg zusammenzuhängen. Das Potenzial zum direkten Kontakt zwischen AkteurInnen in den städtischen Strukturen sowie in der Zivilgesellschaft und die Möglichkeit dadurch vertrauensvolle Beziehungen aufbauen zu können, gründet zum Teil in dieser lokalen Verfasstheit. Die Netzwerkdichte, die sich ebenfalls durch die Größe der Stadt erklärt, macht es möglich, dass AkteurInnen zuweilen in mehreren Feldern tätig sind und relativ bald einen Überblick über AnsprechpartnerInnen haben können. Außerdem können sie durch ihre Mehrfachfunktionen spezifische Kommunikationskanäle und Kooperationsmöglichkeiten nutzen. In Stadt und Land Salzburg wird gerne der gebürtige Salzburger Philosoph Leopold Kohr zitiert, der berühmt für seine Philosophie der kleinen Einheiten ist.*6 *( 6 )  Auch Christine meint, die Stadt Salzburg sei insbesondere auf Grund ihrer Größe ein ideales Feld für kooperatives Handeln:

„Ich finde das einfach schön, dass man, sobald man loslegt, sieht, dass das wirklich möglich ist und das ist aber vielleicht schon auch Salzburg, dass es von der Größe so groß ist, dass da das Vertrauen da ist, […] ich habe das Gefühl, das ist gerade so eine richtige Größe und das hat der Leopold Kohr eigentlich auch gesagt: … dass Salzburg echt eine gute Größe hat, weil es ja ums menschliche Maß immer auch geht und da kann man solche Sachen super machen.“ (CB: 33)star (* 6 )

Jeder Ort bringt auch einen spezifischen diskursiven Rahmen, eine Bedeutungsebene mit sich, die aus den Inhalten und AkteurInnen sowie aus der lokalen Geschichte zusammengesetzt ist. Diese Ortseffekte (Bourdieu 1997)star (* 2 ) wirken sich wiederum auf die Möglichkeiten der  Herstellung von Gemeinschaft und kollektiver Identität im Lebensraum Stadt aus.
Welche Route am Pflanztag für die Aktion Sonnenblume gewählt wurde, ist u. a. Ausdruck der lokalen Ortseffekte der Stadt Salzburg. Die Altstadt wurde vermieden und Stadtteile wurden ins Zentrum der Aufmerksamkeit gerückt, die im innerstädtischen Gefüge das „andere Salzburg“ repräsentieren – nicht das touristische oder hochkulturelle, sondern ein kreativwirtschaftlich und migrantisch geprägtes Salzburg, das für Veränderung und Aufbruch steht. Die Belastung der Altstadt als ökonomisches Zentrum von Tourismus und hochkultureller Vermarktung stellt für das Handeln im urbanen Raum eine relativ massive Einschränkung, die aus der Eigenlogik der Stadt Salzburg erwächst, dar.

Die lokalen Strukturen und Eigenlogiken ermöglichen also spezifische Formen von Teilhabe, die sich wiederum – um auf Rancières Überlegungen der Aufteilung des Sinnlichen zurückzukommen – in der Herstellung spezifischer Räume und Zeiten kollektiver Neudefinitionen manifestieren. Die Praktiken der Selbstorganisation zwischen kommunalen Strukturen und Zivilgesellschaft, die hier beleuchtet wurden, zeigen auf, wie im konkreten die „Aufteilung des Sinnlichen“ ein Feld kollektiver Gestaltung ist und wie es die Kooperation von AkteurInnen unterschiedlicher Positionen im sozialen Raum braucht, um eine Neugestaltung zu erzielen.
Als ein Effekt der regen Netzwerktätigkeit der Initiative blattform rund um die Aktion Sonnenblume ist u. a. die beginnende Herausbildung eines neues Feldes in der Stadt Salzburg zu beobachten: eines Feldes, das über die strukturellen Abgrenzungen vom kommunalen Apparat und StadtbewohnerInnen hinaus reicht bzw. die Grenze als solche verwirft und einen gemeinsamen Handlungsraum etabliert. Nach Bourdieu konstituieren sich Felder durch die in ihnen agierenden AkteurInnen, die je relevanten Institutionen sowie vor allem durch die Bewegung der einzelnen AkteurInnen zwischen den Bezugspunkten eines Feldes und unterschiedlichen Feldern einer Stadt.
Als möglicher Netzwerkknotenpunkt zukünftiger Initiativen, Projekte oder Einzelvorhaben urbanen Gärtnerns in der Stadt Salzburg wurde über die Aktion bereits ein neuer städtischer  Diskurs- und Handlungsraum geöffnet. Wie im Interview mit der Initiatorin der Aktion Sonnenblume immer wieder erwähnt wird, haben sich bereits viele Möglichkeiten für weitere Projekte und Kooperationen dargestellt, ob alle „Ästchen“ weiter verfolgt werden, ist dabei eine Frage der Ressourcen und der Dringlichkeit des jeweiligen Themas für die einzelnen AkteurInnen. Dazu meint sie: „Um welche Ästchen kümmert man sich besonders drum und hegt das und pflegt das, weil man das besonders wichtig empfindet und welche wären schön, aber geht sich halt leider nicht aus… und was passiert eh von alleine? Viele Dinge entstehen alleweil mittlerweile schon ohne uns…“. (CB: 23)star (* 6 )

Zum Schluss…

Christine: „[…] ich glaube, ich könnte mich nicht mehr auf die private Rolle zurückziehen, also ich glaube, soviel bin ich Bürgerin und nicht mehr Privatperson in der Stadt Salzburg, dass ich einfach das Gefühl habe, mein Handeln ist politisch.“ (CB: 34)star (* 6 )

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Berking, H. and M. Löw, Eds. (2008). Die Eigenlogik der Städte. Neue Wege für die Stadtforschung. Interdisziplinäre Stadtforschung. Frankfurt/Main, New York.

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Bourdieu, Pierre: Ortseffekte, in: Ders. et al (Hg.): Das Elend der Welt. Zeugnisse und Diagnosen alltäglichen Leidens an der Gesellschaft, UVK Universitätsverlag Konstanz, 1997, S. 117-127.

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Rancière, Jacques: Die Aufteilung des Sinnlichen. Die Politik der Kunst und ihre Paradoxien, Berlin: b_books, 2008, 2. Auflage (Originalausgabe „Le Partage du sensible. Esthétique et politique, Paris: La Fabrique Éditions, 2000).

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Ders.: Der emanzipierte Zuschauer, (aus dem Französischen von Richard Steurer orig. Titel: Le spectateur émancipé, Editions La fabrique, Paris, 2008); Wien: Passagen Verlag, 2009.

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Spielmann, Walter: Gartenglück auf 19 mal 36 m² (Barbara Reisinger und Gerold Tusch), in: Spielmann, Walter /Robert-Jungk-Bibliothek für Zukunftsfragen /Lebensministerium (Hg.): Die Einübung des anderen Blicks. Gespräche über Kunst und Nachhaltigkeit, S. 63-76.

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Andere Quellen:

Interview mit Christine Brandstätter, Salzburg, 30.5.2012

 

Das ABZ ist eine Einrichtung der Katholischen Aktion im Salzburger Stadtteil Itzling.

Es berichteten ORF-Radio-Salzburg, Salzburger Nachrichten, Stadtnachrichten, Krone, Standard, basics und Woman.

Mit Volxküche wird eine Praxis des kollektiven Kochens bezeichnet, bei der zum Selbstkostenpreis oder auch darunter Essen, meist vegetarisch oder vegan, zubereitet und ausgegeben wird. Volxküchen gibt es in unterschiedlichen Formen, und sie sind Teil linksalternativer Alltagspraxen. Vgl. u. a. http://de.wikipedia.org/wiki/Volxk%C3%BCche, 7.8.2012.

Das Forum Andräviertel ist ein Stadtteilverein, in dem UnternehmerInnen, Kulturschaffende und BewohnerInnen organisiert sind und ein besonderer Fokus in der Kreativbranche liegt.

Vergleiche dazu beispielsweise Walter Spielmann (2009: 64), der in einer Einleitung zum Interview über das gemeinschaftsgärtnerische Kunstprojekt in Oberndorf, „Spielwiese/Gartenglück“ der KünstlerInnen Barbara Reisinger und Gerold Tusch, ebenfalls auf den Philosophen Kohr verweist.

Laila Huber (2012): „Gemeinsam die Stadt zum Blühen bringen“. In: p/art/icipate – Kultur aktiv gestalten #01 , https://www.p-art-icipate.net/gemeinsam-die-stadt-zum-bluhen-bringen/