„Hunt oder Der totale Februar“

2005 startet die Erfolgsgeschichte des Theaters am Hausruck

„Was die widerborstigen Theateraktivisten vom Hausruck für die Region leisten, kann man gar nicht wertvoll genug einschätzen.“
— Edmund Brandner, OÖN 2010

Im Februar 1934 schossen Österreicher auf Österreicher. Sozialdemokraten gegen Christlich-Soziale, Schutzbund gegen Heimwehr. Demokratie gegen Ständestaat. Verzweiflung gegen Verachtung. Tote auf beiden Seiten! Besonders heftig waren die Kämpfe im Hausruck. Furchtbarer und zynischer Höhepunkt war die Erschießung von vier Schutzbund-Sanitätern im Kinosaal des Arbeiterheimes Holzleithen: „Hausruckwald Action“ mit abstoßendem Drehbuch. Eine Ermordung ohne Urteil, seither ungeklärt! Mitten im Fasching Standrecht, Mord auf geschmückter Bühne. Lampions als Totenmonde, Lametta als Orden der Justifizierten! Bis heute ein Aufreger in der Region. – Und Stoff für das bedeutendste Theaterereignis im Jahr 2006 sowie Startschuss für eine kulturelle Erfolgsgeschichte im oberösterreichischen Hausruckviertel!*1 *( 1 )

„hunt oder Der totale Februar“ – Trailer

Die Region !Hausruck“ als Ort des Vergessens

Der sich hinter Gaspoltshofen abrupt auftürmende Bergkamm, der Hausruck, macht seinem Namen alle Ehre. Immer wieder rutschen „Leiden“ (ugs. für Hänge) und Häuser müssen rücken. Diese Bewegungen können, gemeinsam mit den unzähligen Dellen im Wald, verursacht durch Einbruch alter Bergwerksstollen, metaphorisch für die Bewegungen im Umgang mit heimischer Geschichte gelesen werden. Verwerfungen tun sich auf, Risse entstehen. „Unter Tage“, „im (politischen) Alltag untergegangen“. Die dunklen Orte im Hausruck als Allegorie zu bewusst getilgten Ereignissen. Der Versuch, Flurschäden billig zu bereinigen, als Gleichnis für die Handlungsweise von Politik, Gesellschaft und Individuum. Noch bevor die Wahrheiten der Vergangenheit gehoben und geborgen werden können, werden sie unter großer Eile verborgen, verdrängt und zugeschüttet, so werden „Hohlräume der Geschichte“ geschaffen. Jedenfalls funktionierten diese „natürlichen“ Ablenkungstaktiken beinahe 70 Jahre bestens. Bis zum Jahre 2002.

Initiative zur Aufarbeitung einer „vergessenen Geschichte“

In diesem Jahr 2002 wurde in Ottnang durch die Kulturschaffende Ingeborg Aigner die Idee geboren, die blutigen Ereignisse des Februar 1934 in einem dokumentarischen Theaterstück aufzuarbeiten. Diese Idee reifte gegen Ende 2002 zu einem EU-Leader+-Projekt. Trotz Projektgenehmigung des Landes Oberösterreich drohte die Umsetzung an finanziellen Hürden zu scheitern. Roland König, Tourismusverbandsobmann und SPÖ-Mandatar in der Gemeinde Wolfsegg, nahm die Idee auf und trieb sie gemeinsam mit Bürgermeister Söser in der eigenen Fraktion voran. Diese sponserte die erforderlichen Eigenmittel in der Höhe von 7 500 Euro. Die Gründung des Vereins „Theater Hausruck“ erfolgte im Juni 2004.

Hausruck-Region

Ein Kohlebrecher als theatrale Kulisse und thematischer Bezugsraum

In Kohlgrube, einem früher von Bergarbeitern und deren Familien bewohnten Ortsteil von Wolfsegg, bot sich ein einzigartiger und faszinierender Ort für das Theaterprojekt an, der für die Geschichte Pate stehen konnte. Ein Theaterraum, der Monumentalität, Erhabenheit und gleichzeitig schlummernde Brutalität ausstrahlt.
Zu Gesicht bekommt man ihn erst nach Durchschreiten eines ihn umwuchernden Waldstücks am tiefsten Punkt des Dorfs. Der archaisch anmutende Betonsaurier wurde 1922 als 20 Meter hohe, 22 Meter lange und neun Meter breite Kohlebrech- und Sortieranlage errichtet und war bis 1968 als solche im Einsatz. Nach dem Ende des Braunkohlebergbaus verkam der Brecher zum Symbol für den Niedergang der Region. Eine vordergründig sinnentleerte Architekturskulptur, ein Betonskelett, um das sich niemand kümmerte: In keinem Architekturführer erwähnt, aus dem Bewusstsein der Bevölkerung gelöscht, als Schandfleck abgestempelt und im Wald versteckt.

Bühnenbildgestaltung in Kooperation mit Studierenden der Kunstuniversität Linz und tatkräftigen Helfern von vor Ort

Die ungesühnten Morde des Jahres 1934, der Niedergang des Bergbaus und dieser Betonsolitär, von den aus Wolfsegg stammenden Brüdern Mag. Peter Weinhäupl, kaufmännischer Direktor des Leopold Museum Wien, und Dipl.-Ing. Wolfgang Weinhäupl, Architekt, im Jahre 2000 ersteigert und so vor dem völligen Verfall gerettet, gaben dem Projekt Strahlkraft und waren gleichsam die Initialzündung für die Theaterarbeit am Brechergelände. In monatelanger Arbeit wurde das Areal von StudentInnen der Linzer Kunstuniversität für Franzobels Stück adaptiert. Es wurde entwässert, beschottert und verkabelt. Bühnen-Aufbauten und eine Holztribüne für 700 BesucherInnen wurden geschaffen, Schienen wurden verlegt. Es wurde gemäht, gehämmert, gestemmt und – wie im Hausruck üblich – geflucht. Bergsteiger und Bergmänner, Pensionisten, Arbeitslose, Feuerwehrleute und viele andere Freiwillige aus der Region halfen mit, ein bizarres Naturtheater zu erschaffen, das einen vor schroffer Schönheit erschaudern lässt. Ein Relikt aus einer Zeit, in der Kohleschaufeln noch etwas völlig anderes war als heute. Ein vormaliger „Schandfleck“ sollte sich in der Folge durch dieses gemeinsame Anpacken explosionsartig zum allseits geschätzten Symbol einer Region mit Industrie- und Arbeiterkulturtradition mausern. Von Beginn an wurde der Brecher zum Logo und Banner für das Theater Hausruck.

Zusammenarbeit von Profi-SchauspielerInnen und LaiendarstellerInnen als Basis einer partizipativen Theaterproduktion

Für die Idee eines zeitgeschichtlich-politischen Theaters auf historischem Boden konnten sich Schauspielstar Karl Markovics, Lokalmatador Franz Froschauer und die Burgtheatermimin Stefanie Dvorak auf Anhieb begeistern. Dazu kamen über 250 LaiendarstellerInnen, Bergknappen, MusikerInnen und freiwillige HelferInnen aus der Region. Aus einer Gegend, die nicht nur landschaftlich reizvoll, sondern auch eine sehr geschichtsträchtige ist. Aufgrund des konfliktreichen Nebeneinanders von ländlich-bäuerlicher und bergindustrieller Prägung, der geografischen Lage und der ausgeprägten Freiheitsliebe der tief in ihrer Heimat verwurzelten Menschen barg die jüngere Geschichte viele politische Konflikte und menschliche Tragödien, unzählige HausruckerInnen gerieten unter die Räder politischer Machtkämpfe und wurden unter ihnen zermalmt. Der Hausruck ist damit aber auch ein Ort, der für theaterarchäologische Grabungen wie geschaffen ist. Die vielen, zum Teil vergessenen und gern verdrängten Ereignisse der letzten hundert Jahre stempeln den Hausruck zu einem verwunschenen, fast mystischen Gebiet. Eine Gegend, die Stoff für engagiertes politisches Theater zu bieten weiß.

Bildquelle: Theater Hausruck mit freundlicher Genehmigung von Chris Müller

 

Intensive inhaltliche Auseinandersetzung im Vorfeld der Theaterpremiere

Die Töchter und Söhne dieses Landstrichs wurden aufgerufen, mitzumachen und schließlich gecastet. Um die AkteurInnen auf „Hunt oder der totale Februar“ vorzubereiten, wurden in Workshops ein ganzes Jahr lang Texte geprobt, „die Zeit“ und deren Charaktere von den DarstellerInnen verinnerlicht.
Besonders intensiv war die Auseinandersetzung mit dem zeitgeschichtlichen Hintergrund sowie dem gegenwärtigen politischen Diskurs zum Thema „Bürgerkrieg 1934“. So wurden Zeitzeugenabende, Diskussionsrunden und Lesungen veranstaltet. Der ehemalige sozialdemokratische Spitzenpolitiker Casper Einem las „So starb eine Partei“ von Jura Soyfer und diskutierte anschließend in einem übervollen „Arbeiterheim Thomasroith“. Dr. Thomas Hellmuth, Assistent am Institut für Neuere Geschichte und Zeitgeschichte der Kepler Universität Linz, leitete ein diskursives Wochenende für historisch interessierte Laien in Ottnang, das durchaus brisante Eruptionen parat hatte: So bestieg ein über 80-jähriger Zeitzeuge die Bühne mit einer Stahlrute, erklärte deren Einsatz und Handhabung, dazu kamen jede Menge fiebrige Pro- und Contrabeiträge aus dem Publikum. Zahlreiche Dokumente wurden gesichtet und mit einem schwarz-roten Oldtimerbus, dem sogenannten „Geschichtstaxi“, historische Schauplätze besucht. Die Funde dieser theater-archäologischen Reisen wurden zu Tage gefördert, besprochen und einiges davon in das Vorhaben mit eingewoben.

Auszeichnungen (auch) für Engagement und Risikobereitschaft

Beim traditionsreichsten und begehrtesten österreichischen Theaterpreis Nestroy war „Hunt“ mit dem Spezial- und dem Autorenpreis das erfolgreichste Theaterstück 2005, erfolgreicher als etwa das Burgtheater und sämtliche Festspiele. Im darauf folgenden Jahr wurden dem Stück der Oberösterreichische Bühnenkunstpreis und der regional vergebene VöcklaKultur-Award verliehen. Alles nicht erwartete Auszeichnungen, die zeigen, was mit Engagement und Risikobereitschaft alles möglich ist. Die Theateraufführung von „Hunt oder Der totale Februar“ war aber nicht nur ein preisgekrönter Erfolg bei Presse, Publikum und JurorInnen, sondern ist auch der Beweis dafür, dass Sommertheater kritisch, sperrig, politisch offensiv UND erfolgreich sein kann. Die insgesamt 12 000 BesucherInnen wurden zu GeburtshelferInnen eines neuen Typus von Polittheater. Immer in klarer Abgrenzung zum Schickeria-Treff in Salzburg und zur Nostalgie-Sause in Mörbisch.

Erfolgsrezept: Gelebte Partizipation, Professionalität und angewandte Kunstvermittlung

Der Erfolg des Theater Hausruck basiert nicht zuletzt auf den grandiosen Leistungen der DarstellerInnen – Profis wie Laien. Die Zusammenarbeit namhafter SchauspielerInnen mit spielfreudigen Menschen aus der Region imponiert nicht nur dem Publikum, sondern bewirkt in diesem hochprofessionellen Theaterumfeld auch eine Qualifizierung der LaiendarstellerInnen. Anders formuliert: Angewandte Kunstvermittlung, die weit über das Niveau typischer Sommertheaterunterhaltung hinausgeht.

>> Auszug/Einblick Gastvortrag zu Gelebte Partizipation

C: Genau! Das war das Ganze! Wir haben uns überlegt, wie kann man die Leute einbinden und was ist mehr als Kunst. Also wenn ich jetzt nur Beleuchter und Leute einladen darf, die Profis sind, war uns eine Säule klar: wir nehmen Stars oder Profis, die davon leben und wir nehmen Laien und wir führen die zwei zusammen und wir schauen was passiert. Und da haben Bauern mitgespielt, Ärzte, alle Berufsgruppen, Feuerwehren, die gegen Ausländer waren, dann aber fürs Theater Hausruck; also es haben 200 Leute mitgespielt, die sich noch nie vorher getroffen haben, aber ein gemeinsame Ziel [vor Augen haben], wir machen die Produktion. Und das ist immer gut, weil ihr weniger Werbung braucht, weil die Leute unfassbar viel reden – Richtiges, Falsches, was dazu dichten, du kannst dir jeden Flyer sparen wenn du Leute dazu lässt, die große Fangemeinden haben oder große Organisationen wie Feuerwehren – ist immer ein guter Tipp! Nehmt sie mit! Erzählt es ihnen, auch wenn sie es nicht verstehen, aber schaut, dass sie dabei sind, weil es unglaublich befruchtend ist und es breitet sich unglaublich schnell aus.

Das betrifft auch die Einbindung regionaler Musikschaffender (Komposition der Theatermusik durch den ortsansässigen Musikers Rupert Schusterbauer und Live-Darbietung durch regionale Ensembles) und Theaterbegeisterter (Dramaturgie, Mitarbeit Bühnenbau, Bühnenbild, Maske und Kostüm). Der Kunstvermittlungs-Ansatz des Theater Hausruck ist ein bewusst integrativer: Jugendliche, Erwachsene, SeniorInnen, Menschen mit Behinderung entwickeln und tragen die Produktionen in bedeutendem Ausmaß mit. Hier vollzieht das Theater Hausruck Pendelbewegungen zwischen Realität und Fiktion, zwischen Gegenwart und Vergangenheit, Mahnmal und Volksstück. Vor und hinter den Kulissen stemmen sich AkteurInnen mit politischem Bewusstsein gegen das Vergessen, betätigen sich gleichsam als BildhauerInnen und formen eine soziale Skulptur, die trotz oder wegen ihrer bewusst regionalen Verankerung internationales Aufsehen hervorruft. Sie setzten 2005 einen vibrierenden Dynamo in Gang, der in den Folgejahren nicht nur einen Strom von BesucherInnen erzeugt, sondern auch regionalwirtschaftlich wichtige Impulse gegeben hat.

Theater gegen das Vergessen – aus und mit der Region!

Durch den Mut der Theaterverein-Verantwortlichen und durch den Einsatz hunderter engagierter Menschen war und ist es möglich, an einem verloren geglaubten Ort die allzu nahe Geschichte freizulegen und die Frage des Umgangs mit den historischen Ereignissen aufzuwerfen. Auch bei den Folgeproduktionen – wie etwa „Zipf“, „A Hetz“ oder „€AT“ wurde interdisziplinär, ganzjährig und zum großen Teil ehrenamtlich geforscht. Das Team folgte weiterhin dem Grundprinzip: Theater gegen das Vergessen aus und vor allem mit der Region zu machen. Und das höchst erfolgreich!

Auszug aus dem Gastgespräch mit Chris Müller zu Theater am Hausruck

Gastgespräch mit Chris Müller am 9.3. 2012 im Rahmen der Lehrveranstaltung „Berufsfeld Kulturmanagement“

© Pia Streicher

Im Interview haben wir Chris Müller speziell zu der Entstehung jener Theaterproduktionen befragt, die aus aktuellen Themenstellungen und stets in Bezug auf lokale Kontexte entwickelt und realisiert worden sind. Dass dabei – die sonst zumeist bevorzugt voneinander getrennte – organisatorische und künstlerischen Konzeption und Umsetzung eng miteinander verwoben ist, beschreibt Chris Müller als den Mehrwert des Theaters am Hausruck.

Seit 2005, aber vor allem ab 2008, habt ihr jedes Jahr eine aktuelle gesellschaftliche Fragestellung thematisch aufgegriffen: Wie hat sich der Prozess der Ideenentwicklung für die Theaterproduktion gestaltet?
Zuerst gab es zumeist die Phase der Ideengeburt. Grundideen sind aus meiner Auseinandersetzung mit aktuellen Geschehnissen in der Region, in der ich ja selbst lebe, entstanden. Dann sprach ich meine Idee und den gedanklich skizzierten möglichen Inhalt (mit Georg Schmidleitner, unserem Regisseur) ab. Georg forderte dann stets: „Gib mir Bilder, Bilder, Bilder“. Er verlangte nach Metaphern. Es folgten sehr intensive Gespräche, die ich als die politische und konzeptionelle Ebene beschreiben würde. Wir suchten gemeinsam nach Vergleichen und Differenzen zu anderen Theaterstücken, um die Idee theatral einzufassen und mit bereits bekannten Projekten abzugleichen. So entwickelten wir unsere Idee gemeinsam weiter. Wenn dann ein erstes konzeptionelles Gerüst stand, tauchten wir rasch – es bestanden ja keine langen Vorlaufzeiten – in die organisatorische Ebene. Ab hier arbeiteten wir sehr prozesshaft.

Was bedeutet „prozesshaft arbeiten“ in diesem Zusammenhang?
Bis 2008 gab es die beiden Autorenstücke „Hunt“ und „Zipf“. Ab 2008 haben wir gerade diese Autorenschaft zu zerbrechen gesucht. Das hat sich als unser Konzept für das Theater entwickelt. Wir wollten sozusagen selber „Theatergeschichte schreiben“. Wir versuchten Geschichten zu finden – meinerseits vor allem regional recherchierte Geschichten und Bezüge. Georg begab sich dann oft auf die Suche nach kontextuellen Bezügen aus der Mythologie oder Kulturgeschichte. Diese beiden Ausrichtungen haben sich dann oft bestens zusammengefügt. In Folge war es meine Aufgabe, all diese Gedanken und Bezüge in die Konzeption mit einzufassen. Die Details, die Gestaltung vor Ort und konkrete Abstimmung waren dann wieder Georgs Part. Generell: ein gutes Doppelpassspiel zwischen Georg und mir.

Und wie hat sich dieser Prozess weiterentwickelt?
In einem nächsten Schritt hat sich vor allem Stefan Brandtmayr, der als Stage-Designer für die Bühnengestaltung zuständig war, mit seinen Ideen und Vorstellungen eingebracht. Und ab hier hat sich der Prozess stets überlappend und überschneidend gestaltet: Reale und gegebene Fakten wie z.B. Schauplätze, regionale Strukturen oder auch zeitliche Abläufe mussten kontinuierlich mit der Fiktion, unserer ursprünglichen Idee, abgeglichen werden. Wir konnten mit unserem Konzept nicht einfach wie auf einer Bühne einen Ablauf nach konzeptionellen Vorgaben umsetzen. Der Organisationsprozess ist eng mit dem inhaltlichen Substrat verbunden und verschränkt. Die Ebene der Realität ist somit ein wesentlicher Faktor. Dieses Konzentrat aus Realität und Fiktion ist dann das Theater am Hausruck.

Das Ganze ist dann mehr als die Summe seiner Teile?
Exakt. Die gesamte Produktion ist wie ein Zusammenziehen von verschiedenen Tauen. Zahlreiche verschiedene Stränge – fiktional und real – fließen zusammen. Und als Koordinator drehst und wendest du diese Taue, ziehst sie schließlich zusammen und irgendwann sind diese Taue als Strang so stark verbunden, dass du exakt den roten Faden hast. Das ist das Prozesshafte in der Produktion.

Nochmals anders gefragt: Inwiefern hat der gesamte Organisationsprozess – im Zuge von Kooperationen, möglichen Fördergeldern, Zu- und Absagen bei z.B. Räumen oder Genehmigungen für öffentliche Plätze – Einfluss auf die rein künstlerische Gestaltung und Produktion?
Wir versuchen gleich von Beginn an beide Ebenen mitzudenken. Denn Organisation und künstlerische Produktion sind nicht zu trennen. Wir arbeiten mit einer Vision, mit einem großen leuchtenden Bild. Und dann gleichen wir – durch organisatorische Entwicklungen sowie gestalterische Ideen – bestehende und sich entwickelnde Gegebenheiten mit und auf dieses Bild ab. Diese Abstimmung gilt es als künstlerischer und organisatorischer Leiter stets im Kopf zu behalten.

Wie würdest du deine Rolle beim Theater am Hausruck nachträglich beschreiben?
Mittelfeldmotor. Also – wie im Fußball – derjenige der nach vor und nach hinten arbeitet und den Laden im Zaum hält (lacht).

Welches Ziel hat das Kernteam mit dem Theater Hausruck verfolgt?
Dem Publikum die Hand geben und gemeinsam dorthin gehen, wo bisher noch keiner war. Mir persönlich ging es eigentlich niemals primär um das Theater. Es hätte auch eine andere künstlerische Form sein können. Mir, aber ich denke uns allen, ging es vor allem darum, Neuland zu betreten. Georg hat dabei natürlich die Entwicklung des Theaters interessiert. Und Roland, aber auch mir, ging es natürlich auch ganz stark um eine regionale Entwicklung.

Der lokale Kontext und die aktive Mitgestaltung durch BewohnerInnen der Region hat jede eurer Produktionen geprägt. Wer konnte sich wie an euren Projekten beteiligen?
Es gab zahlreiche Möglichkeiten sich zu beteiligen. In der Mitwirkung als DarstellerIn und HelferIn. Aber auch als BotschafterIn und Generator. Durch die Einbindung in die Produktion waren viele als Sprachrohr, ja als lebendiger Flyer für das Stück unterwegs. Das hat sich auch als sehr positiver PR-Effekt herausgestellt.

Wie habt ihr darüber hinaus mit und in der Region das Projekt kommuniziert?
Vor allem auf einer persönlichen, aber auch politischen Ebene: Wir haben Vorträge in Wirtshäusern, bei regionalen Veranstaltungen, bei Festen, in Vereinshäusern, bei der Feuerwehr usw. gehalten. Wir sind von Ort zu Ort gezogen, damit auch in der Region spürbar wird: Da passiert was! Es wurden auch sogenannte „Botschafter“ ernannt, die praktisch jeden in der Region kennen und mit den Leuten bereits vorab über das Projekt, die Idee sprechen. Auch die Laiendarsteller entsprachen diesem Botschaftersystem. Wir sagten immer: Ihr und wir – das ist Theater Hausruck. Als Bestandteil des Projektes kommunizierten Beteiligte dann aus ihren persönlichen Erfahrungen heraus nach außen. Dann gab es Versammlungen, da wurde die Presse eingeladen, einzelne Geschichten wurden vorab lanciert. Und vieles mehr. Aus der Region heraus haben wir die Kreise der Kommunikation dann laufend erweitert.

Kannst du abschätzen welche finanziellen Auswirkungen das Projekt für die Region hatte?
Etwa 2,1 Millionen Euro sind seit 2005 nachweislich durchgerechnet in der Region geblieben – an Umweg-Rentabilität sowie an direkten Zahlungen an Kooperationspartner und Partner vor Ort. Wir haben immer darauf geschaut, dass der Großteil, rund 90 %, an Schlossereien geht, an Grafiker, etc.

Und wie würdest du den Effekt auf die Bewohner vor Ort beschreiben?
So eine ausgedünnte, vergessene Region wie der Hausruck wird öffentlich zumeist negativ rezipiert: Als eine Region, in der die Leute wegziehen. Dort wird auf einmal dann ein Gefühl kreiert. Dieses Gefühl würde ich mit Stolz beschreiben.star (* 1 )

Chris Müller, geb. 1973 in Gmunden. Studium der Bildhauerei/Transmedialer Raum an der Kunstuniversität Linz.
Freischaffender Konzeptkünstler und Kulturmanager mit ausgeprägtem politischem Bewusstsein. 2005 bis 2011 Intendant des Theater am Hausruck, seit 2012 Künstlerischer Leiter der Tavakfabrik Linz.

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Weiterführende Links:

Theater Hausruck: http://www.theaterhausruck.at/

Hunt oder Der totale Februar: http://de.wikipedia.org/wiki/Hunt_oder_Der_totale_Februar

Hunt oder Der totale Februar – Trailer: http://www.youtube.com/watch?v=mYQP3OjRycw

Chris Müller: http://www.chrismueller.at/?p=1385

Der Artikel ist eine gekürzte und überarbeitete Ausgabe von: Müller Chris: Von den Schmauchspuren des Bürgerkriegs zum Theaternebel. Online unter: http://www.theaterhausruck.at/html/?p=486.

Siglinde Lang (2012): „Hunt oder Der totale Februar“. 2005 startet die Erfolgsgeschichte des Theaters am Hausruck. In: p/art/icipate – Kultur aktiv gestalten #01 , https://www.p-art-icipate.net/hunt-oder-der-totale-februar-2005-startet-die-erfolgsgeschichte-des-theaters-am-hausruck/