ohnetitel – netzwerk für theater und kunstprojekte

Es ist uns ein besonderes Anliegen, nicht als artfremde „Künstler“ in den Stadtteil einzubrechen, sondern im Austausch mit den Menschen vor Ort zu sein; stehend für eine Kunst, die nicht abgehoben ist, sondern etwas Spannendes und Aktuelles sein kann; eine Kunst, die aus dem Alltag entführen kann, aber doch ins Alltägliche zurückführt; eine Kunst, die Spaß macht und gleichzeitig eine ernsthafte Auseinandersetzung beinhaltet; eine Kunst, die im Vergangenen gräbt, in die Zukunft schaut und den Bezug zur Gegenwart sucht. (aus dem Konzept zum Grand Hotel Itzling – Broadway Itzling)

 Plakate „ohnetitel“: Für die Motive der Plakatreihe, die ohnetitel im Rahmen seines Erstauftritts mit der Produktion „wellen“ (2008) gestaltet hat, zeichnen folgende Künstlerinnen und Künstler verantwortlich: Hans Pollhammer, Arthur Zgubic, Erik Hable, Fritz Rücker, Peter Haas, Johannes Kubin, Marianne Lang (in dieser Reihenfolge von Plakat 1 bis Plakat 7). Das Plakat mit dem Motiv von Hans Pollhammer konnte beim Kulturplakatpreis 2008 Platz 2 gewinnen.
siehe: www.ohnetitel.at

 

Die Reihe „vorstadt vor ort“

In unregelmäßigen Zeitabständen entstehen in einem leeren Geschäftsraum an der Itzlinger Hauptstraße für kurze Zeit fiktive Geschäfte – als Schnittstelle zwischen Theater und Alltag. Sehr bewusst platziert in die Vorstadt und jeweils verbunden mit genauen thematischen Recherchen vor Ort: in einer Auseinandersetzung mit dem Leben außerhalb des „In“-Zentrums.
Jedes Projekt präsentiert sich als ein außergewöhnliches theatrales Ereignis, in dem ein spezieller Raum entsteht und der kreative Rahmen es ermöglicht, Kunstschaffende aus diversen Sparten miteinzubeziehen und so die Idee einer künstlerischen Plattform ins Konkrete umzusetzen.
Hatte der Warteraum seine ästhetische „Schlagseite“ beim Schauspiel, das Postamt Mitzi bei der Literatur, so lag der ästhetische Schwerpunkt des Grandhotel/Broadway beim Film.

Bisherige Projekte

 

Warteraum für Winterreisende – ein Adventkalender (1.-24. Dezember 2008)
Auftakt der Serie vorstadt vor ort. Ein aufgelassenes Geschäftslokal als Warteraum an der Busstation, zeitentrückt, herzerwärmend, öffnet seine Tür täglich für ein neues „Wunder“, nach dem Prinzip eines Adventkalenders. Mit über 60 Mitwirkenden aus diversen Sparten: Bildende Kunst, Schauspiel, Tanz, Film, Fotografie, Musik usw.
Link: ein Adventkalender auf podium09.at

 

Postamt Mitzi  (6.-14. November 2009)
Im selben Geschäftslokal des Vorjahres eröffnet für zehn Tage ein Postamt der speziellen Art. Außergewöhnliche Dienstleitungen und Postartikel warten auf die Kunden, Briefe werden auf Wunsch verfasst und ausgetragen. Mit Experten aus Literatur, Presse, Theater, Philosophie und zahlreichen Mitwirkenden aus diversen Kunstsparten.
Link: Postamt Mitzi auf podium09.at

Grand Hotel Itzling – Broadway Itzling  (24.-31. März 2011)
Das Geschäftslokal wird zu einem Hotelfoyer eines fiktiven Hotels. Und die Hotelzimmer dieses Grand Hotel Itzling: Die umliegenden, leerstehenden Geschäfte entlang der Itzlinger Hauptstraße. In den Schaufenstern: ganzflächige Projektionen. Kurze Filmsequenzen, poetische Einblicke in Geschichte und Leben eines Stadtteils. Das Portrait eines Jahrhunderts. Im Foyer erzählen sich die Itzlinger Geschichten weiter. Real mit den Hotelgästen und BesucherInnen der Hotellounge sowie aktiven Stammtischen aus Itzling. Künstlerisch Mitwirkende aus den Bereichen Film, Musik, Theater, Bildende Kunst u.a.
Link: Grand Hotel Itzling auf podium09.at

 

Intention, Arbeitsweise und Ziele

Viele der Produktionen von ohnetitel sind als Teile einer Reihe gedacht, was unterschiedliche Betrachtungsweisen und Annäherungen an ein übergeordnetes Thema erlaubt – inhaltlich, aber auch formal. So auch vorstadt vor ort. Unter diesem Titel widmet sich ohnetitel mit seinen Interventionen und „theatralen Geschäftsgründungen“ dem Salzburger Stadtteil Itzling. Itzling, einst mit florierender Infrastruktur, Kleingewerbe und Nahversorger, gelebtem öffentlichen Raum und regem Ortsleben, erleidet heute das Schicksal urbaner Verödung durch Abwanderung. Geschäfte in Familientradition schließen. Was nachwächst, sind wechselnde Provisorien ohne Dauer. Itzling: ein blinder Fleck auf der Karte der Städteplaner. Aber von großem Interesse für uns.
Ausgangspunkt war die Beobachtung der Itzlinger Hauptstraße, einer der früheren Haupteinkaufsstraßen von Itzling, die sich mittlerweile charakterisiert durch leerstehende Geschäfte und hinterbliebene Schaufensterauslagen, mit kurzzeitigen Neueröffnungen der unwahrscheinlichsten Arten (vom ebay-Shop, Hundefriseur, etc.) und ebenso schnellen Schließungen mangels Erfolg. So entstand die Idee, sich in den Reigen der sporadischen Geschäftseröffnungen einzufügen, aus der realen Situation heraus eine Kunstform zu entwickeln, die die Unwahrscheinlichkeit von Geschäftsideen bis ins Fiktive treibt und damit gleichzeitig einen neuen Raum öffnet für die Wahrnehmung. Ein Impuls fürs Stehenbleiben und Innehalten, für neuen Austausch und Ortsgespräch.
Begonnen hat unsere „Einmischung“ mit dem Warteraum für Winterreisende in der Itzlinger Hauptstraße 6.  Dabei haben wir uns bewusst für eine sehr unaufdringliche „Geschäftsidee“ entschieden: den offenen Warteraum an der Bushaltestelle, der zum  Aufwärmen und Staunen einlädt. Ein leiser Einstieg in ein kunstfremdes Wohnviertel, das sich zuerst einmal sehr skeptisch gegenüber allem Neuen verhält. Die Form des „Adventkalenders“ sorgte für eine relativ lange Projektdauer. Damit konnten wir dem Ort die nötige Zeit lassen, uns wahrzunehmen, neugierig zu werden und in Kontakt zu treten.
Dieses Projekt, eines unserer ersten, ist in dreierlei Hinsicht programmatisch für die Arbeiten von ohnetitel. Erstens: Raus aus Theaterräumen, rein in Lebensräume! Das leidenschaftliche Interesse für Schnittstellen, an denen sich Kunst und Alltag begegnen. „Bühnen“, wo sich Leben und Theater überschneiden – hier ein ganzer Stadtteil. Weiters: Der Netzwerkgedanke, der auch die künstlerische Denkweise und Ästhetik von ohnetitel prägt. Eine Theatersprache, die sich von Konzepten und Formen der Bildenden Kunst, des Tanzes, der Komposition, der Literatur u.a. inspirieren lässt, immer spartenübergreifend. Drittens: Von „großen“ Produktionen, die 70 Personen involvieren, bis zum leisen Kammerspiel mit einer Person. Von Groß bis Klein, das betrifft auch das Publikum, das wir erreichen wollen. Damit Kunst kein Spektakel ist, originell und schnell vorbei, sondern damit Kunst das ist, was sie wirklich sein kann: verbindend, lebendig und nachhaltig.

Von der Konzeption zur Realisierung

Finanzierung

Jedes der drei vorstadt vor ort-Projekte wurde im Rahmen des vom Land Salzburg initiierten Wettbewerbs Podium prämiert und konnte erst dadurch realisiert werden. Dieser Wettbewerbssieg – dreimal in Folge, bei einer jeweils neu besetzten und unabhängigen Jury – hat die Umsetzung ermöglicht. Der gewohnte Weg über die öffentlichen Förderungen wäre wohl weniger erfolgreich gewesen und scheint auch in Zukunft fragwürdig, obwohl die Reihe bereits einen besonderen Beitrag für die Stadtteilkultur von Itzling geleistet hat. Der enge Kontakt, den ohnetitel sich zur Bevölkerung (Vereinen, Institutionen und Anwohnenden) aufgebaut hat, wären beste Grundlage für weitere Projekte in und mit Itzling, für einen weiteren starken kulturellen und sozialen Impuls in einem nach wie vor vernachlässigten salzburger Stadtteil. Das für ein Projekt dieser Art grundsätzliche Prinzip des freien Eintritts wird allerdings von der öffentlichen Förderung nicht unterstützt und ist damit nur bei Sonderausschreibungen und Wettbewerben umsetzbar. Damit ist eine Fortsetzung der Reihe, obwohl bereits konzipiert, zur Zeit nicht finanzierbar.

Vorbereitung

Jedes einzelne Projekt bedarf einer zeitintensiven Vorbereitung und Konzeption, von der Erstellung des Konzepts zur Einreichung bis zur konkreten Umsetzungsphase. Der jeweilige Vorlauf hängt von der konkreten Projektidee ab. So gehörte zum Beispiel zum Grand Hotel Itzling  eine zweimonatige Recherchephase in und über Itzling, mit zahlreichen Interviews und Gesprächen mit Bewohnern. Aus diesen lebendigen Erinnerungen erhielten die mitwirkenden Filmemacher/ -innen ihre Anregungen für ihre Kurzfilme.
Zu jedem einzelnen Projekt gehören: die Neugestaltung des Geschäftslokals, die Zusammenstellung aller Mitwirkenden sowie der Entwurf des öffentlichen Auftritts – insgesamt ein Vorlauf von mindestens zwei bis drei Monaten. Die konkrete Planung, Gestaltung und Umsetzung beginnt dann ab ca. vier bis sechs Wochen vor der „Eröffnung“.

Team und Budget

Projektträger ist immer ohnetitel mit dem Kernteam von fünf Personen, wobei die künstlerische Leitung jeweils zwei Personen übernehmen, plus eine technische Leitung. Obwohl über Wettbewerb prämiert, bleiben alle Projekte im „Low-Budget-Bereich“ – bei Förderungen zwischen 14.000 Euro und 18.000 Euro (die eingereichten Budgets wurden jeweils stark gekürzt!). Alle Honorare, vor allem die des Leitungsteams, sind weit unterhalb einer dem Aufwand und der Leistung entsprechenden Höhe. Das bedeutet, dass alle Beteiligten aus persönlichen/ künstlerischen Gründen mitwirken, was alle vorstadt vor ort-Projekte auch spürbar als besondere „Herz“-Projekte auszeichnet.

Öffentlichkeit und Publikum
Die drei veranstalteten vorstadt vor ort-Projekte haben mit ihrem jeweils unterschiedlichen Schwerpunkt einen jeweils unterschiedlichen Pool an Ansprechpartner/ -innen mit sich gebracht. Im Warteraum waren es vorrangig Kunstschaffende aus Salzburg (und darüber hinaus), die in das Projekt miteinbezogen wurden, mit einem klaren Auftrag: eine wiederholbare Sequenz von ca. zehn Minuten zu entwickeln, die für das Publikum als „Wunder“ während der Wartezeit zwischen zwei Bussen erlebt werden konnte. Für vierundzwanzig Tage eine stattliche Anzahl an eigenständig mitwirkenden Künstler/ -innen/ -gruppen, die durch ihre Mitarbeit auch für einen großen Verbreitungssradius gesorgt haben.
Beim Postamt Mitzi war der Mitarbeiterstamm einerseits aus dem Bereich der „Wortexperten“ (für den Schalterdienst), andererseits aus der Bildenden Kunst (für Postshop-Artikel) – damit waren neben künstlerischen auch ganz andere Berufsfelder in das Projekt involviert, wie JournalistInnen, PhilosophInnen, BuchhändlerInnen.
Im Lauf dieser beiden ersten „Geschäfte“ entstanden zunehmend Begegnungen mit der lokalen Bevölkerung – Laufkundschaft, interessierte Vereine und Institutionen – und mit dem dritten Teil Grand Hotel Itzling – Broadway Itzling wurde der Kontakt in den Ort schließlich zu einem besonderen Bestandteil des Projekts.
Ausgehend von der Anfrage der „Kaufmannschaft Itzling“, eine Idee für die Gestaltung der leeren Schaufenster zu entwickeln, entstand das Konzept für das Hotel mit den ausgelagerten Zimmern, die Geschichte des Ortes in Filmen und Erinnerungen.
Damit war das dritte Projekt ganz nah bei den Menschen angesiedelt und wurde während der Durchführung auch mit besonders starkem Interesse, gerade von der lokalen Bevölkerung, besucht. Jeder Veranstaltungstag wurde von einem Itzlinger Stammtisch eröffnet („Damen-“ und „Herrenrunde“, Junioren, GärtnerInnen…) Im anschließenden „Hotelbetrieb“ (mit Barmusik und Service) führten sowohl der Zimmerrundgang (Führung entlang der Filme mit Audiosoundtrack) als auch das „Gästebuch“ an der Rezeption zu regem Erinnerungsaustausch.
Gerade mit diesem letzten Projekt ist eine enge Verbindung zum Ortsleben entstanden – über die Beteiligung der Geschäfte, von denen etliche ihr Schaufenster auch bei laufendem Betrieb für die abendliche Filmprojektion zur Verfügung gestellt haben, Vereine wie das ABZ Itzling oder die „Kinderfreunde Keck“, GastwirtInnen, Privatpersonen und öffentlich engagierte Persönlichkeiten Itzlings.
Eine weitere große Öffentlichkeit entstand natürlich über zahlreiche Presseberichte in Zeitung, Fernsehen und Radio, regional und überregional, sowie über eigene Werbemittel wie Postkarten, Plakate und einen für jedes Projekt speziell konzipierten Internetauftritt.
Aus der für das Postamt Mitzi gestalteten siebenteiligen Plakatreihe wurde eines mit dem ersten Preis beim Salzburger Kulturplakatpreis ausgezeichnet.

Kommunikationsprozesse

Projektplanung und -durchführung mit einem kleinen Team ohne betriebliche Infrastruktur unter den Bedingungen der freien Szene bedeutet immer eine immense Herausforderung und ein Überstrapazieren der Kräfte aller Beteiligten. Ohne die ständige Bereitschaft für kreative Lösungen bei spontanen Veränderungen undenkbar. Grundsätzlich findet die gesamte Projektplanung und -präsentation im Kernteam von ohnetitel statt, von wo aus die Fäden nach außen gespannt werden, zum erweiterten bis schließlich zum ganz großen Kreis der Beteiligten.
Die stattfindenden Kommunikationsprozesse sind dabei sehr unterschiedlich, je nach Ansprechpartner und Inhalt, eine Einbindung von anderen Personen kann von einer sehr klar eingegrenzten bis zu einer flexiblen und stark eigenverantwortlichen Struktur reichen.
Mit den künstlerisch Beteiligten werden nach Möglichkeit ein bis zwei gemeinsame Termine vor Ort organisiert, um Projekt und Ambiente ausführlich vorzustellen. Es gibt jeweils eine präzise thematische Vorgabe; für die künstlerische Umsetzung steht das Team bei Bedarf zur Verfügung, ansonsten findet keine inhaltliche Einmischung statt. Wichtig ist hier die dramaturgische Gesamtübersicht- und koordination. Die technische Planung und Einrichtung läuft parallel, unter Einbeziehung aller Kontakte innerhalb der Salzburger Veranstaltungsszene – ohne deren Unterstützung derartige Projekte finanziell nicht umsetzbar wären. Im Fall des Grand Hotels wurden für den Kontakt mit den Privatpersonen und den Kaufleuten eigene Briefe entworfen, in denen wir uns als Gruppe vorgestellt haben und unser Anliegen und die Projektidee zum Nachzulesen präsentiert wurde.

Im Rückblick

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass jedes einzelne der drei durchgeführten Projekte aus künstlerischer Sicht ein voller Erfolg war und das Erscheinen von ohnetitel in der Öffentlichkeit und innerhalb der Kulturszene positiv geprägt und positioniert hat.
Zeitliche Engpässe und organisatorische Überlastungen sind immer verbesserungsfähig, aber wahrscheinlich unter den bestehenden Verhältnissen nicht zu vermeiden. Bedauerlich ist bei allen Projekten, dass für eine angemessene Nacharbeit der Antrieb nicht mehr ausreicht, beziehungsweise keine verfügbare Zeit mehr bleibt. Das betrifft sowohl die Dokumentation als auch die Vermarktung der Projektideen, die durchaus an andere Orte übertragbar wären. Was vor allem bleibt, sind Spuren in privaten Biografien – durch Begegnungen mit anderen und auch in der eigenen Sicht auf die gesteckten Ziele.

Dorit Ehlers – Ausbildung an der Scuola Teatro Dimitri (CH). Freischaffende künstlerische Tätigkeit im Bereich Theater und zunehmend darüber hinaus. Seit 2000 in Salzburg, erste eigene Produktionen (Solostücke und Regie) am Toihaus Theater. 2007 Gründung von ohnetitel, netzwerk für theater-und kunstprojekte und seitdem als Schauspielerin, Projektleiterin und vieles mehr mitverantwortlich für zahlreiche Produktionen in unterschiedlichsten Formaten, vom Salon bis zum Stadtteilprojekt, mit allen künstlerischen Ausdrucksmitteln.

 

Dorit Ehlers – Gastvortrag, Gespräch und Diskussion zu vorstadt vorort/ ohnetitel

Im Rahmen der Lehrveranstaltung „Berufsfeld Kulturmanagement“ des Studienbereichs „Cultural Production und Arts Management“ im März 2012

© Pia Streicher

Herzensprojekte, die nicht nur lokal Wärme spenden: „Leise“, persönlich und  perfekt durchkomponiert sind die als temporäre vor ort-Projekte realisierten Theaterminiaturen des Künstlernetzwerks ohnetitel. Sie sind eine beeindruckende und sehr willkommene Alternative zu einer oft lauten und auf Effekt zielenden Kunst-/ Kulturwelt. Im Gastvortrag von Dorit Ehlers war deutlich zu spüren, wie sehr ihr die Begegnung mit Mitmenschen  „vor ort“  und die aus der Kunst entstehenden gesellschaftlichen und persönlichen Prozesse ein Anliegen sind – trotz zumeist schwieriger finanzieller Bedingungen. Dementsprechend hat sich auch die anschließende Diskussion, die in unserem internen Blog weitergeführt wurde, vor allem um ein Thema gedreht: Es soll viele weitere Aktionen von ohnetitel geben, denn gerade Kulturprojekte dieser Art können den aktuell geführten Diskurs über Nivellierung und Barrierenabbau in der kulturellen Partizipation positiv mitbestimmen und veranschaulichen, wie die aktuell geforderte Nivellierung gesellschaftlicher Unterschiede (siehe Kommentar Siglinde Lang) durch künstlerische Interventionen und Prozesse aktiv initiiert werden kann. Denn es sind exakt jene Impulse, die durch das künstlerische Schaffen von ohnetitel ausgelöst werden (siehe Auszüge Gastgespräch),  die Diskussionsprozesse innerhalb unterschiedlicher gesellschaftlichen Gruppierungen auslösen und veränderte Zugänge zu Kunst und Kultur generieren können.

Auszüge aus dem Gastgespräch: Dorit Ehlers über…


… ihre Rolle beziehungsweise Figur, die sie im Netzwerk von ohnetitel einnimmt…

Die Gastgeberin, die sich um alles kümmert und auf andere zugeht.

…das Zusammenarbeiten im Kollektiv und den Arbeitsprozess …
Die Projektleitung übernimmt zumeist der- oder diejenige, der/ die die Idee hat und wir teilen uns dann die Aufgaben zu. Dann bringt jeder von uns noch seine spezifischen Kompetenzen – z.B. Dramaturgie, grafische Gestaltung, Vernetzung – ein. In der künstlerischen Produktion arbeiten wir dann fast stets im dreier-Team, sodass jedeR von uns dann theatrale Rollen übernimmt.

…die größte Schwierigkeit in der Projektentwicklung…
Größte Herausforderung ist technische Abläufe mit künstlerischen Produktionsprozessen in Einklang zu bringen. Das ist dann oft die sogenannte „Burn-Out“- Phase in allen Projekte.

…über die Ziele von ohnetitel
Die Schnittstelle zwischen Theater und Alltag finden. Eigentlich neue Theaterräume eröffnen, entdecken. Poesie in den Alltag bringen. Das Ganze ist ein Statement über Kunst.

…die Vielfalt der involvierten Teilöffentlichkeiten…
Es ist immer wieder erstaunlich, welche Gruppierungen an unseren Projekten teilnehmen – oft in sehr unterschiedlicher Form. Da kommen MigrantInnen, SchülerInnen, natürlich AnrainerInnen, auch SeniorInnen und dann auch sehr viele aus der Kunst- und Kulturszene. Das Publikum vermischt sich sehr.

..über die Prozesse, die innerhalb des „Publikums“ entstehen…
Erstens eine Art Annäherungsprozess, zweitens das Kennenlernen durch das Dabei-Sein, drittens ein (möglicher) Wiederfindungs- und Identitätsprozess durch und mit dem Projekt und oft viertens eine nachträgliche Verbundenheit…

..über den temporären Charakter der Projekte…
Wir sind Impulsgeber. Wir übernehmen während der Umsetzungsphase eine Art Rolle, sind für alle Geschichten und Prozesse da, aber danach obliegt es nicht mehr uns, weitere Prozesse zu steuern oder  aktiv mitzutragen. Wir sind und bleiben Kunstschaffende.

Kommentar Siglinde Lang

Nicht nur seit dem „Kulturinfarkt“  ist die bestimmende Frage in aktuellen Kulturmanagementdiskursen, welchen Beitrag Kunst und Kultur zur Nivellierung gesellschaftlicher Unterschiede leisten können. Damit diese Nivellierungsprozesse in Gang gesetzt werden können, ist die Ermöglichung eines Zugangs zu Kunst- und Kulturangeboten für unterschiedlich gesellschaftliche Gruppierungen Voraussetzung. Die Vorsitzende des Fachverbands Kulturmanagement, Birgit Mandel, sieht als zentralen Aspekt eines „nachhaltigen Kulturmanagement“ an, dass nicht nur die „Interessen der Anbieterseite, sondern ebenso die der Nachfrageseite, der potentiellen Rezipienten“ (Mandel 2010: S. 17) ins Blickfeld des Kulturangebots rutschen.  Denn nur so kann der Einflussbereich von Kunst und Kultur ausgeweitet werden, können Verbindungen „zwischen unterschiedlichen gesellschaftlichen Gruppierungen und Kunst als Katalysator in unterschiedlichen Bereichen des gesellschaftlichen Lebens“ (Mandel 2010: ebda) eingebracht werden. Die Mitglieder von ohnetitel sind und bleiben stets Kunstschaffende, aber realisieren exakt jene Anforderungen, die Mandel stellvertretend für zahlreiche KulturakteurInnen – „TheoretikerInnen“ wie auch „PraktikerInnen“ – formuliert, damit „über den Kunstsektor hinaus auf Gestaltungs- und Meinungsbildungsprozesse des kulturellen Lebens“ (Mandel 2010: ebda) eingewirkt werden kann.

Auch unser Programmbereich Contemporary Arts & Cultural Production befasst sich in Lehre und Forschung mit der Themenstellung des Verhältnisses von zeitgenössischer Kunstproduktion und kultureller Entwicklung (siehe Investigating the Matrix of Cultural Production). Wir vertreten u.a. die These, dass zeitgenössische Kunstpraxen in der Auseinandersetzung mit und der Reflexion des kulturellen Status quo, in der Analyse und Beobachtung bestehender gesellschaftlicher Zusammenhänge und Missstände neue Sichtweisen ermöglichen und generieren können (vgl. Zobl/Lang 2012: online)star (* 2 ). Die Projektreihe vorstadt vor ort ermöglicht das Entstehen neuer Sichtweisen auf eine sehr subtile und vor allem sehr „menschliche“  Art und Weise. Dadurch dass ohnetitel die Kunst zu Menschen bringt, vor allem zu jenen, die oftmals sonst kaum Zugang zu – vor allem zeitgenössischer – Kunst haben würden, wird der erste wesentliche und notwendige Schritt um Prozesse kultureller Produktion zu initiieren erfüllt. Partizipation, also eine aktive Mitgestaltung kultureller Bedeutungsprozesse, wird folglich genau dort ermöglicht, wo Kultur – im Sinne der Cultural Studies – stattfindet beziehungsweise sich manifestiert: im Alltagsleben und Lebenskontext von Bürgern und Bürgerinnen. Das Besondere an der Projektreihe vorstadt vor ort ist jedoch, dass diese nicht als effektvolle oder provokative Intervention, sondern als Impuls, der ein aktives und bewussteres Miteinander unter lokalen Bevölkerungsschichten thematisiert und evoziert, konzipiert und realisiert werden. Und gerade in dieser künstlerischen Sprache und Methodik der persönlichen, eher „leisen“ und spielerischen temporären Prozessgestaltung zeigt sich das Potential, wie zeitgenössische Kunstproduktion nachhaltig Prozesse kultureller Mitsprache initiieren und ermöglichen kann: Künstlerische Produktion wird in seiner  Konzeption und  Realisation als Teil des Alltagsleben verstanden, der auf die BürgerInnen zugeht und ihnen Wahrnehmungsprozesse ermöglicht, die direkt in ihre alltäglichen Erfahrungen eingebunden sind.

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Mandel, Birgit (2010): PR für Kunst und Kultur. Handbuch für Theorie und Praxis, 3. Aufl., Bielefeld: transcript Verlag.

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Zobl Elke/Lang, Siglinde (2012): P/ART/ICIPATE– The Matrix of Cultural Production. Künstlerische Interventionen im Spannungsfeld von zeitgenössischer Kunst, partizipativer Kulturproduktion und kulturellen Managementprozessen. Ein Werkstattbericht über ein Forschungsprojekt. In: kommunikation.medien, Ausgabe 1. Online unter: http://www.journal.kommunikation-medien.at

ohnetitel – Netzwerk für Theater- und Kunstprojekte (2012): ohnetitel – netzwerk für theater und kunstprojekte. In: p/art/icipate – Kultur aktiv gestalten #01 , https://www.p-art-icipate.net/ohnetitel-netzwerk-fur-theater-und-kunstprojekte/