„Die Anwesenheit von anderen kulturellen Prägungen ist in Salzburg kein Thema.“

Ein Interview mit Karl Zechenter von Persson Perry Baumgartinger und Dilara Akarçeşme

Was bedeutet kulturelle Teilhabe in Salzburg und darüber hinaus? Wie kann sie in Stadt und Land Salzburg umgesetzt werden? Welche Projekte kultureller Teilhabe gibt es bereits und welche Hürden sind noch zu meistern? Das Interviewgespräch mit Karl Zechenter konzentriert sich auf die aktuellen Herausforderungen von Teilhabeprozessen und Förderpolitiken im Kunst- und Kulturbereich in Stadt und Land Salzburg.

Was bedeutet für dich „Kultur für alle“ bzw. kulturelle Teilhabe in Salzburg und darüber hinaus?

Prinzipiell ist es eine gesetzliche Vorgabe und ein gesetzliches Vorhaben. Es ist im besten Sinne von Land und Stadt, dass Kulturförderung gemeinnützig ist, damit dient sie dem Gemeinwohl aller. In der Praxis ist es jedoch noch ein weiter Weg.

Lasst mich mit einer anekdotischen Erzählung beginnen: In der Zeit zwischen 1999 und 2005, als ich in der ARGEkultur Salzburg arbeitete, war die Einrichtung stolz darauf, möglichst viele unterschiedliche Menschen hineinzubringen. Damals bereiteten wir die neue ARGE vor. Eines unserer Anliegen war es, dieses Haus in Hinsicht auf mehr Offenheit gegenüber allen Gesellschaftsgruppen neu aufzustellen. Ein großes Problem waren damals zum Beispiel vergleichsweise banale Dinge wie die Barrierefreiheit. Barrierefreiheit in Kulturzentren ist nach wie vor ein Riesenproblem. Ein anderes Problem war die traurige Erkenntnis, dass bei allem Wunsch, so offen wie möglich zu sein, in Wirklichkeit der Kreis der Menschen, die wir erreichten, ein relativ geringer war. Wir stellten beispielsweise fest, dass wir nur eine ganz bestimmte Zielgruppe von Jugendlichen erreichten, und zwar GymnasiastInnen. HauptschülerInnen haben wir praktisch kaum erreicht. In diesem Fall handelt es sich also um ökonomische Exklusion. Das hat uns dazu gebracht, einiges zu ändern, und ich glaube, dass uns drei Projekte wirklich gelungen sind.

Eines davon war eine Hip-Hop-Veranstaltung bzw. Hip-Hop-Battles, wobei Breakdance ein Teil davon war. Das hatte den Vorteil, dass es quer durch viele Gesellschaftsschichten ging, ganz unterschiedliche Gruppierungen wollten einfach gern kommen. Es ging dabei besonders um die Skill-Ebene. Wir suchten diese Jugendliche auf, wir luden also Menschen persönlich ein, die wiederum andere Menschen mitbrachten. Wir konnten die Jugendlichen jedoch nicht für andere Veranstaltungen gewinnen. Ihnen ging es um Hip-Hop und Breakdance: Solange diese Veranstaltung in dieser Form fortgeführt wurde, kamen sie auch. Dann waren sie wieder weg. Eventuell kann man daraus ableiten, dass man diese Veranstaltungen dauerhafter machen muss.

Das zweite Projekt war die Zusammenarbeit mit Talk Together, die nicht von uns initiiert wurde. Abdullahi A. Osman und Beate Wernegger kamen mit der Idee zu uns. Während dieser Zusammenarbeit haben wir viel gelernt: Beispielsweise wann Veranstaltungen zeitlich gesetzt sein sollten, damit geflüchtete Personen ebenso teilnehmen können, da sie zu bestimmten Zeiten wieder in ihre Unterkünfte zurückkehren müssen. Dafür müssen Veranstaltungen in den Nachmittag verlegt werden. Ein interessanter Punkt, denn es zeigte auf, dass Veranstaltungen in Kulturzentren für die Teilhabe von Geflüchteten nicht immer ideal geplant werden. Es gibt eine Fülle solcher und ähnlicher Kleinigkeiten, die in diesem Rahmen wichtig sind. Außerdem muss gewährleistet werden, dass sich verschiedene Gruppen wohlfühlen, da es nicht die homogene Gruppe der Geflüchteten gibt.

Das dritte Projekt war das Festival Osthörweiterung, initiiert von Gottfried Schmuck, rund um den Beitritt weiterer Staaten zur EU im Jahr 2003. Man wollte andere Kulturen vorstellen, allerdings mit dem deutlichen Hinweis darauf, dass diese in Salzburg bereits existent sind, jedoch nicht wahrgenommen werden. Das war ein essenzieller Teil dieses Projekts. Insgesamt waren es drei oder vier Veranstaltungen, in denen wir Staaten wie Bulgarien oder die Türkei thematisierten. Dabei arbeiteten wir zum Beispiel mit dem bulgarischen Kulturverein zusammen, einem Verein, in welchem es darum geht, Traditionen beizubehalten. Außerdem muss hinzugefügt werden, dass Kulturvereine in ihrer Offenheit unterschiedlich sind. Während manche Vereine ein gutes Verhältnis zu ihrer Gesamtcommunity haben, werden andere Vereine aufgrund bestimmter Konfliktlinien abgelehnt. Ein Beispiel dafür ist die kroatische Community: Es gibt unterschiedliche Gruppen von KroatInnen, die aus unterschiedlichen Gründen nach Österreich kamen, einige sind aufgrund des Krieges geflüchtet, andere aufgrund ihrer stark nationalistischen Haltungen weggegangen.

Was sind eure Rückschlüsse daraus?

Unsere Erfahrungen zeigten insgesamt, dass diese Projekte sehr zeitintensiv sind. Auch fehlten auf strategischer Ebene AnsprechpartnerInnen in Stadt oder Land Salzburg, die sich mit diesen Thematiken besser auskennen. Daher mussten wir jedes Mal bei Null anfangen und selber recherchieren. Ich glaube, solche AnsprechpartnerInnen gibt es bis heute nicht.

Ebenso fehlten Programme, die sich ganz spezifisch auf die Förderung von dieser Art von Veranstaltungen bezogen hätten. Das ist durchaus etwas, das man als Problem in ganz Salzburg erlebt. In Salzburg Stadt gab es über lange Zeit einen sehr schleppenden Aufbau von Kulturinstitutionen. Das begann Ende der 1970er Jahre, und das Rockhouse wurde im Jahr 1993 eingeweiht.

Im Vergleich zu deutschen Beispielen fand diese Entwicklung relativ spät statt. In Deutschland passierte die große Institutionalisierung von Häusern zwischen 1965 und 1980, in Salzburg zwischen 1985 und 1995. Das heißt, dass in sehr vielen Häusern noch die ErstgründerInnen oder Gründungsobleute aktiv sind, deren Fokus nicht darauf liegt, wie sie sich neu erfinden können, sondern die sich darüber freuen, dass sie überhaupt existieren. Das heißt aber nicht, dass kein Problembewusstsein herrscht, wir sprechen hier lediglich von einem anderen Status. Mittlerweile hat es sich gebessert und bewegt sich rapide in Richtung Partizipation. So entsteht jetzt langsam ein Bewusstsein dafür, dass kulturelle Teilhabe auch relativ viel Geld kostet, und die Kulturszene wendet sich nach und nach an die Kulturpolitik, damit diese mehr Geld für kulturelle Teilhabe zur Verfügung stellt.

Als Beispiel für ein Teilnahmeprojekt kann Hunger auf Kunst und Kultur genannt werden, das vom Dachverband über lange Zeit mitbetreut wurde. Es ermöglicht ungefähr 10.000 Personen pro Jahr, mit dem Kulturpass gratis Veranstaltungen zu besuchen.

Im Rahmen der Gespräche, die ich über kulturelle Bildung hatte, ist immer deutlicher geworden, dass das ganze Land neu gedacht werden muss. Zwar gibt es zum Beispiel das Landestheater; es ist jedoch unglaublich teuer, zum Beispiel die SchülerInnen von Radstadt hierherzubringen. Welche Möglichkeiten gäbe es stattdessen? Investiert man mehr Geld, damit VertreterInnen von Kulturinstitutionen woanders hinfahren, um dort aktiv zu werden? Allerdings ist dabei auch zu bedenken, dass die Personen vor Ort Räume und Mittel brauchen, um selber zu gestalten. Das heißt, wir befinden uns an einem Punkt, an dem nicht einmal die passive Teilnahme ansatzweise gewährleistet ist. Von der aktiven Teilnahme sind wir deshalb noch weit weg, da dafür mehr finanzielle Mittel notwendig wären.

Dahinter steht leider die weit verbreitete Ehrenamtlichkeitskultur mit dem Argument: „Die Blasmusik macht es auch gratis, warum braucht ihr plötzlich Geld?“ Die Vorstellung einer ökonomischen Exklusion existiert nicht. Eine andere hinderliche Reaktion ist: „Wenn ich der einen Gruppe, dem einen Projekt hier Geld gebe, dann kommen ja alle.“ Ein Argument, das stärker in Zusammenarbeit mit dem Land Salzburg zu hören ist.

Die Stadt Salzburg hat ansatzweise versucht, Projekte in Stadtteilen wie etwa Lehen oder Schallmoos zu ermöglichen. Es wurden bewusst Kulturpavillons in großen Wohnsiedlungen gefördert, allerdings immer mit zu wenig Finanzierung und zu wenig gemeinsamen Strategien. Wenn Menschen gut organisiert sind, funktioniert das besser. Ein Beispiel dafür ist der Verein Spektrum, der oft eigene Strategien einbringt, während von der Stadt diesbezüglich selten was kommt. So hat die Stadt die städtische Galerie im Stadtwerk Lehen angesiedelt. Es stellt sich die Frage, ob es nicht sinnvoller gewesen wäre, das offene Kulturhaus oder einen Raum, der aktivierend für Menschen in der ganzen Umgebung wirkt, dort anzusiedeln. Allerdings wären dadurch viel höhere Kosten entstanden, die man verhindern wollte.

Ein anderes Beispiel für ein Projekt der kulturellen Teilhabe, dessen Teil ich war, hieß Future Rearview. Das war eine Erzählkarte, in der sich im Wesentlichen Erzählungen aus der Stadt Salzburg befinden, in denen das Kommen und das Gehen eine große Rolle spielen. Wir haben das mit Personen aus unterschiedlichsten Generationen von MigrantInnen verwirklicht, um auch das Thema der sogenannten Second Generation anzusprechen. Das Projekt ermöglichte relativ intensive Diskussionen, doch es war überhaupt nicht einfach, diese Karte über die Projektlaufzeit hinaus auszustellen. Die Anwesenheit von anderen kulturellen Prägungen ist nicht wirklich Thema in Salzburg. Es existiert einfach nicht.

Weiters gibt es die Studie Salzburg 2030 von Stefan Wally von der Robert-Jungk-Bibliothek. Die Studie behandelt das Thema Wohnen und warum es kein erhebliches politisches Thema wird, obwohl es die meisten Menschen betrifft, die finanziell nicht gut ausgestattet sind. Gerade für SchülerInnen aus sogenannten unterprivilegierten Familien stellen sich oft Fragen wie: „Wohin kann ich gehen, denn zuhause sind so viele Leute? Wo kann ich meine Schulaufgaben machen? Gibt es irgendeinen kleinen Raum der Selbstverwirklichung?“ Die Studie zeigte auf, dass das Thema des Wohnens einfach zu wenig wahlentscheidend ist und daher auch kein Wahlkampfthema wird.

Du hast erwähnt, dass das Bewusstsein bezüglich der Relevanz der kulturellen Teilhabe steigt. Woher kommt dieses Bewusstsein?

Früher existierte eine Trennung zwischen Workshop, Kunstprojekt und Aufführung. Diese Sichtweise herrschte nicht nur auf Seiten der KünstlerInnen, sondern auch auf Seiten der finanzierenden BeamtInnen. Es liegt auch in der Verantwortung dieser beiden Seiten, dieses Problem zu lösen.

Das heißt, für ein partizipatives Projekt mit Jugendlichen wurden beispielsweise 200 Euro zur Verfügung gestellt, für die Aufführung XY, die als professionell angesehen wurde, gab es jedoch viel mehr Geld. Ich glaube, das hat sich verändert. Die Vorstellung, dass partizipative Kunstwerke bestehen, die viele verschiedene Personen einschließen, im Rahmen derer unterschiedliche Personen etwas beitragen können und die trotzdem professionelle Kunstwerke sind, wird jetzt eher verstanden. Daher kann das nun mehr gefördert werden. Auf diese Weise passiert letztendlich auch mehr.

Das hat mit einem Bewusstseinswandel zu tun. Ab Mitte der 1990er Jahren gab es einen Push, als die Debatte zwischen Grant Kester und Claire Bishop entflammt ist:„Wie partizipativ darf Kunst sein? Ist es dann noch gute Kunst? Gibt es eine Ästhetik der mit Partizipation entstandenen Künste? Macht der ethische Wert der kulturellen Teilhabe das Kunstwerk in irgendeiner Weise besser?“ Die Basis dafür war die relationale Ästhetik von Nicolas Bourriaud. Die Debatte zwischen Kester und Bishop entspannte sich, als immer mehr partizipative Kunstwerke auf Festivals präsentiert und Kunstfestivals allgemein populärer wurden. Kunstfestivals und eine bestimmte Kategorie von partizipativen Kunstwerken waren ideal, denn sie waren entweder überall in Städten zu sehen, oder es waren Themen, die sich mit gesellschaftlichen Prozessen auseinandersetzten. Selbstverständlich gab es den Part der „disgruntled old artists“, die kritisierten: „Die können überhaupt nicht mehr gescheit malen! Es ist ja deswegen nicht bessere Kunst, nur weil da mehr Menschen dabei sind.“ Trotz dieser Debatte hat sich das Partizipative durchgesetzt und ist in der Zeit zwischen 2000 und 2010 zum Mainstream geworden. Dann verstand man auch in Salzburg schön langsam, dass das akzeptiert werden kann, womit die Finanzierung auch gewachsen ist.

Auch andere Aspekte haben sich geändert, so ist zum Beispiel kulturelle Bildung wichtiger geworden, aber auch das Problembewusstsein für Exklusion beim Zusammenleben verschiedener Kulturen. Die Tatsache, dass es in der Kunst bereits mehr partizipative Projekte gibt, die im Mainstream angelangt sind, sowie neue Ideen aus der kulturellen Bildung, zeigen ein in den letzten fünf Jahren gestiegenes Bewusstsein in Salzburg.

Das heißt, es gibt mittlerweile eine Offenheit für partizipative Projekte. Decken sich Personen, die Offenheit zeigen, mit FördergeberInnen? Bzw. gibt es von Stadt und Land Salzburg AkteurInnen, die Wert darauf legen, diese Projekte zu fördern und aktiv Einfluss zu nehmen?

Sie besitzen genug Einfluss, dass diese Ansätze gefördert werden könnten. Allerdings fördern sie nur Musterprojekte, wovon eine Schulklasse profitiert, aber fünfzehn andere nicht. Das ist problematisch. Nun wird versucht, zum Beispiel sogenannte „Brennpunktschulen“ zu bevorzugen, um dort etwas hineinzubringen. Gerade dort ist mehr Geld notwendig. Es müssten Personen bezahlt werden, um beispielsweise das Vertrauen der Eltern zu gewinnen. Es scheitert meistens an ganz kleinen Dingen: Du machst zum Beispiel ein partizipatives Kunstprojekt mit Abbildungen von SchülerInnen, für die öffentliche Ausstellung ist aber eine Einverständniserklärung notwendig. Auf der einen Seite gibt es verständliche pubertäre Problematiken, wie etwa: „Auf der Aufnahme sehe ich so furchtbar aus.“ Das sind allerdings Themen, wo man im Gespräch mit SchülerInnen weit kommt. Gegen ein Nein der Eltern hingegen, aus Angst, dass diese oder jene Aufnahme ihren zukünftigen Karrieren als Sekretärin oder als Mechaniker schadet, wird es schwierig. Ich nenne ganz bewusst traditionelle Berufsrollen, da diese Problematik der traditionellen Rollenbilder teilweise besteht. Das ändert sich nicht mit einem einmaligen Projekt-Besuch. Das ist Beziehungsarbeit und dafür werden eigene Personen gebraucht. Man könnte nun sagen, das soll die Lehrperson machen, die hat allerdings keine Zeit für zusätzliche Arbeit. Daher braucht es mehr Menschen, die diese Verbindungsarbeit kontinuierlich leisten. Es kostet auch alles viel Geld. Tickets etwa, damit SchülerInnen von A nach B reisen, genügen oft nicht, weil damit gerade mal die passive Teilnahme ermöglicht wird ‑ wenn überhaupt.

Wie schätzt du die Unterschiede zwischen Stadt und Land Salzburg ein?

Vorab muss ich sagen, dass meine Erfahrungen nur punktuell sind. Die Erfahrungen, die ich gemacht habe, habe ich primär im Rahmen des Dachverbands und in Gesprächen mit am Land tätigen KulturveranstalterInnen gemacht.

Es macht etwa einen großen Unterschied, wenn es sich um eine Gemeinde handelt, die sich hauptsächlich bzw. sehr stark als Tourismusgemeinde empfindet. Eine Tourismusgemeinde lebt verkürzt gesagt davon, ein ganz bestimmtes Bild von sich selber oder prinzipiell von Salzburg zu verkaufen. Nicht jede Gemeinde hat Mozart zur Verfügung, aber vielleicht einen Stille-Nacht-Star. Den meisten stehen die schöne Natur mit dem schönen Häuschen zur Verfügung, und dieses Bild muss unangetastet bleiben. Das ist quasi der Wert der Gemeinde und es darf nichts passieren, das stören könnte.

Auf der anderen Seite funktioniert dieses Geschäft so, dass die ganze Familie mit den Kindern in der Früh um vier aufsteht, um das Frühstück für die Gäste zuzubereiten. Man ist freundlich zu den Gästen und kleidet sich in Dirndl oder Lederhose. Dann ziehen sich die Kinder um und gehen schnell in die Schule. Wenn sie von der Schule nach Hause kommen, ziehen sie wieder das Dirndl oder die Lederhose an, um für die Gäste zu servieren. In diesem Fall, glaube ich, haben diese Jugendlichen verschiedene Optionen: Entweder nehmen sie es an als „Das ist halt so“, oder sie überlegen, wie sie so schnell wie möglich aus diesen Umständen fliehen können. Für alternative Jugendkultur oder Ähnliches fehlt neben diesen Tätigkeiten dann auch die Energie.

Natürlich sind nicht alle im Tourismus tätig, allerdings so viele, dass die Masse und die Energie fehlen, um etwas Kulturelles auf die Beine zu stellen. Ebenso fehlen die Räumlichkeiten und dass sich die Leute das überhaupt zutrauen. Es gibt wenige Bürgermeister, die – zugespitzt – in der Hochsaison sagen: „Ich finde es super, dass ihr diesen zwei Meter großen Penis und diese vier Meter große Vagina aufgestellt habt und euer Gangsta-Rap-Festival macht, weil das genau das ist, was die Gäste aus Holland beim Skifahren sehen wollen.“

Trotzdem kann das genau in dieser Banalität durchaus der Wunsch der Jugendlichen sein. Das mag für uns Erwachsene längst abgearbeitet sein, aber Jugendliche müssen sich an solchen Themen erst mal abarbeiten und das findet dort sicher nicht statt. Das sind schwierige Rahmenbedingungen für kulturelle Teilhabe. Eine Studierende hat bei einem Vortrag über die Optionen von freier Kultur einen schönen Satz gesagt: dass man in Zell am See zu gewissen Zeiten besser weggehen kann als in Salzburg. Das habe ich sehr interessant gefunden, denn das trifft es genau auf den Punkt. Dort ist so viel Geld vorhanden und es wird versucht, große Stars in die Gemeinden zu bringen. Allerdings ist den Menschen durchaus bewusst, dass das nicht für sie passiert. Es passiert für die Gäste.

Neben dieser direkten kommerziellen Verwertung existiert kaum ein Raum, in dem sich Jugendliche selbst ausdrücken oder selbst Dinge in Anspruch nehmen können. Der Raum ist stark „verregelt“. Es gibt aber durchaus auch Gemeinden mit fortschrittlichen Bürgermeistern und anderen Zusammenhängen. Goldegg ist dafür ein gutes Beispiel. Man erreicht Goldegg, indem man aus einem Tal mit größeren Orten hinauffährt, woraufhin sich plötzlich eine Tallandschaft eröffnet. Es fühlt sich in etwa so an, als wäre man hinter den sieben Bergen. Im Wesentlichen verkauft sich Goldegg als Golfresort, es ist also jede Menge Geld vorhanden. Sie können es sich dadurch wiederum leisten, über lange Zeit im Schloss Goldegg einen Kulturverein zu finanzieren, der partizipative Projekte durchführt. Beispielsweise hat der Kulturverein Goldegg dort ein Projekt mit KünstlerInnen der Wochenklausur gemacht. Das Ziel des Projektes war, einen Jugendklub zu gründen, wobei der Prozess das Interessante war: Das Kunstwerk war der Prozess, diesen Jugendklub zu installieren.

Ich sehe durchaus Aktivitäten vonseiten des Landes Salzburg. Die ORTung war ursprünglich ein reines Festival der Bildenden Künste. Dann wurde es für verschiedene Kunstformen thematisch geöffnet und Kulturvereine wurden aktiv gebeten, sich mit bestimmten Gemeinden zu bewerben und festzulegen, was der kulturelle Teilhabenutzen für die Gemeinde ist. Es ging stark darum, etwas in der Gemeinde, für die Gemeinde oder für die Menschen in der Gemeinde zu tun. Aktuell ist zum Beispiel die Gemeinde Hintersee ausgewählt worden, ein spannender Ort, denn Hintersee ist schwierig zu erreichen und nicht an der vordersten Front der kulturellen Spitze zu finden. Es wird interessant sein, zu beobachten, wie solche Prozesse gelingen. Die ORTung ist ein Versuch, unterschiedliche Gemeinden mit Kulturvereinen zusammenzuspannen, dort Geld zu investieren und etwas zu machen, das sich bewusst auf die Teilhabe der lokalen Menschen konzentriert.

Eine interessante Rolle nehmen auch die LEADER-ManagerInnen bzw. die LEADER-Projekte ein, einem Förderprogramm der Europäischen Union (http://leader.pongau.org/foerderung/).

Was ist das Besondere an diesen Projekten?

Das Programm hat in den letzten zehn, fünfzehn Jahren ‑ unabhängig von der Stadt Salzburg ‑ immer stärker in den verschiedenen Regionen Salzburgs gegriffen. Dabei müssen Gemeinden, wenn sie mehr Geld erhalten wollen, zusammenarbeiten, was sie sonst fast nie machen, außer bei Themen wie Abwasserentsorgung. Sie müssen kooperieren, um an zusätzliche Gelder zu kommen ‑ dies ist der große Ansporn. Dabei werden hauptsächlich Kulturprojekte gefördert.

Das Problem ist dabei der hohe bürokratische Aufwand, der vor der Finanzierungszusage gestemmt werden muss. Abgesehen davon stellt sich die Frage, was mit diesem Projekt nach dem Ablauf der Finanzierungsperiode geschieht. Die einzige Möglichkeit einer Projektweiterführung wäre die Übernahme durch das Land, denn die Gemeinden zeigen in den meisten Fällen wenig Interesse.

Wir haben in der Hinsicht als Dachverband versucht, die Initiativen dahingehend zu unterstützen, dass sie für die Projektansuchenszeit finanzielle Mittel bekommen. Auch wenn es schwierig ist, Finanzierung aus dem Kulturtopf zu erhalten, wenn noch nichts produziert wurde. Hier muss kontrolliert werden, ob das nicht dem Gesetzestext zur Kulturförderung widerspricht.

Gatekeeper sind Tourismusverband, BürgermeisterInnen, traditionalistische Kreise der ÖVP, zum Teil Land Salzburg und die mittlere Verwaltungsebene. Der Bund spielt eine sehr geringe Rolle, obwohl er in einzelnen Fällen sehr wohl eine positivere Rolle spielen könnte. Gerade bei modernen Kunstformen oder Teilhabe will der Bund keine Verantwortung wahrnehmen. Wir haben das des Öfteren in Gesprächen mit dem Bund angesprochen, ob sie bestimmte Initiativen unterstützen wollen, um einen Impuls zu setzen, doch man lehnte ab mit der Begründung, das bliebe ewig an ihnen hängen.

Das ist eine Gefahr, die viele sehen, wenn es um Finanzierung geht: „Wenn wir einmal etwas finanzieren, müssen wir das immer tun. Und alle anderen würden sich dann zurücklehnen.“ Das führt zu einem dauernden Warten. In Prinzip wird dann darauf gewartet, dass eine ältere Person in der Gemeinde, die bald in Pension geht, beschließt, einen Verein vernünftig zu führen. So ungefähr geht das vonstatten.

Also ist es schwierig, als Einzelperson gegen diese GatekeeperInnen durchzukommen?

Es ist extrem schwierig. Die Unterstützung ist immer nur bis zu einem gewissen Punkt vorhanden. Ich habe aber durchaus ‑ rund um die Entwicklung von „New Public Management“ in den 2000er Jahren ‑ eine Redefinition der Rolle der Verwaltung miterlebt. Dabei ging es in erster Linie darum, die Accountability zu verstärken. Im Zuge dessen sind zu Beginn einige Sachen schief gelaufen. Beispielsweise hieß es dann: „Wir geben euch so viel Geld und ihr habt wenig ZuschauerInnen. Was ist das für ein furchtbares Verhältnis!“ Nur um festzustellen, dass es in dieser Logik nicht funktionieren kann. Willkommen in Teilhabeprozessen! Daraufhin wurden einerseits Kulturleitbildprozesse gestartet und andererseits wurde intern versucht, Prozesse zu finden, mit denen geförderte Projekte evaluiert werden können. Dies hatte wiederum Rückwirkungen auf die Art und Weise, wie die Verwaltung ihre eigene Rolle versteht, also nicht nur als strenge KontrolleurInnen, sondern immer mehr in Richtung Serviceeinrichtung. Das heißt, wenn man von Krimml nach Salzburg kommt, erhält man ein ganz gutes Coaching von BeamtInnen, die versuchen weiterzuhelfen und Tipps geben, was wie ausprobiert werden könnte. Damit verabschiedete man sich von einem Bild, in dem bei BeamtInnen nur Förderanträge abgegeben werden.

Gibt es für dich noch weitere wichtige Aspekte kultureller Teilhabe?

Ich habe mich in diesem Gespräch eher auf persönliche Erfahrung gestützt, allerdings gibt es noch wichtige Hard Facts, die nicht vergessen werden dürfen. Erstens liegt der Schwerpunkt bei Förderungen in Salzburg auf der Bewahrung des kulturellen Erbes und volkskultureller Tradition. Das ist im Kulturselbstbild Salzburgs zu finden, wenn man zum Beispiel in den Tourismusplan oder auf die Website des Landes blickt. Aber wie viel Platz hat kulturelle Teilhabe? Oder kommt sie überhaupt vor? Eher nicht, allerdings wird sich das ändern. Wenn man jetzt aber noch nachsieht, kann ziemlich genau abgebildet werden, was der gängige Diskurs seit 1990 ist. Zweitens werden 70 Prozent des Kulturbudgets in Salzburg für große Institutionen eingesetzt, wo gesetzlich notwendigerweise Geld ausgegeben werden muss. Wie viel bleibt dann tatsächlich für Projekte im Bereich der kulturellen Teilhabe über? Nicht viel.

Vielen Dank für das Interview!

Persson Perry Baumgartinger, Dilara Akarçeşme, Karl Zechenter (2018): „Die Anwesenheit von anderen kulturellen Prägungen ist in Salzburg kein Thema.“. Ein Interview mit Karl Zechenter von Persson Perry Baumgartinger und Dilara Akarçeşme . In: p/art/icipate – Kultur aktiv gestalten #09 , https://www.p-art-icipate.net/die-anwesenheit-von-anderen-kulturellen-praegungen-ist-in-salzburg-kein-thema/