Vielstimmigkeit und Prozessorientierung in der Vermittlungsarbeit

Ein Interview von Elke Zobl mit Elke Smodics

Was ist dein Hauptinteresse in der Entwicklung von kritischen Vermittlungsmaterialien und -angeboten? Welche Themen und Inhalte haben für dich Bedeutung?

Es gibt über die Jahre einen Fokus, der sich herauskristallisiert hat: Dass man Machtverhältnisse, in denen man sich befindet, dekonstruiert und versucht, in diese mit anderen Diskursen und unterschiedlichem Wissen zu intervenieren. Diese Idee der gemeinsamen Wissensproduktion fasziniert mich. Ich verorte mich sehr stark darin, was Geschlechterkonstruktionen anbelangt. Wie sind die Verteilungen? Wer kommt zu welchen Veranstaltungen? Wie ist die Klasse, die sich an einem Workshopprogramm beteiligt? Wer ist laut? Wer ist dominierend? Welche Rolle nehmen die Mädchen ein? Wenn ich diese Perspektive einnehme, kann ich gut die gesellschaftlichen Verhältnisse und die Transformation von gesellschaftlichen Verhältnissen ablesen. Wenn wir Workshops wie Flic Flac*, den queerfeministischen Workshop, jedes Jahr finanziert bekommen merken wir, dass sich Verhältnisse drehen. Das ist am Habitus, an der Machtverteilung und an Sprechpositionen abzulesen. Das ist ein Aspekt in der Reflexion zu meiner Arbeit.

Ein anderer Aspekt ist die Zusammenarbeit, das Entwickeln neuer Formate, das Verändern von Formaten und die Konzeption von neuen Projekten. Im Grunde genommen ist es immer ein Vorantreiben dessen, was wir bei trafo.K schon sehr lange machen und durch das 20-jährige Bestehen von trafo.K eine Präzisierung gewinnt. Es kommen auch neue Begriffe auf. Den Begriff „Verlernen“ hat es beispielsweise vor 20 Jahren in der Kunstvermittlung noch nicht gegeben. Bestimmten Begriffen aus einer queerfeministischen oder geschichtsvermittlerischen Perspektive nachzugehen ist auch ein Bereich, der nach wie vor ein Praxis-Theorie-Feld aufmacht. Geschichte ist ja einem sehr normativen Lernhabitus ausgesetzt. Daran arbeiten wir. Wie eignet man sich Wissen an und wie gibt man es weiter? Wie kann ich normierte Vorstellungen durchkreuzen? Das ist immer noch das Lustvolle. Es macht Freude, mit Jugendlichen zusammenzuarbeiten, die man durch kleine Momente überraschen kann. Das ist so wie ein symbolisches Kapital. Deshalb mache ich das nach wie vor so gern.

Du hast die Kritik an gesellschaftlichen Verhältnissen erwähnt. Der zweite Aspekt, den ich von euren Projekten kenne, ist das Ausloten von Partizipations- und Teilhabemöglichkeiten, aber auch Ambivalenzen oder Schwierigkeiten, die damit verbunden sind. Jetzt wollte ich noch einmal rückfragen, was Teilhabe oder Partizipation betrifft. Kannst du aus der Praxis Beispiele dazu bringen? Wie arbeitest du mit diesen Begriffen?

Diese großen Begriffe sind permanent auszuloten. Was sind die Machtverhältnisse in Bezug auf Geschlechterverhältnisse? Was ist Partizipation? Was ist Prozess? Die Erfahrungen, die die letzten Jahre mit sich gebracht haben, haben sehr viel mit Partizipation, Voneinander-Lernen und die gemeinsame Wissensproduktion zu tun. Partizipation ist für mich ein schönes Beispiel dafür, wie unterschiedlich der Begriff ausgelegt ist. Ich wiederhole mich schon seit zig Jahren, wenn ich über partizipative Prozesse spreche. Meine Projekte sind alle partizipativ. Bei trafo.K oder überall, wo ich teilhabe, mitgestalte oder anleite, sind die Projekte partizipativ. Das bedeutet aber auch, dass sie einen längeren Zeitraum beanspruchen. Ich kann schon Beteiligungsformate entwickeln, wo man mitmacht, die auch in einer gewissen Form als partizipativ gelten. Schnell und kurz formuliert bedeutet Partizipation für mich Mitgestaltung und Mitbestimmung. In jüngster Zeit kommen diese Begriffe, die ja von institutionsunabhängigen Initiativen als wichtige Methode eingesetzt werden, auch bei den großen Institutionen an und werden Teil von deren Vermittlungsformaten. Beim Begriff der Partizipation bin ich sehr streng. Man unterhält sich mit unterschiedlichen Leuten, die sich eh in der Szene oder Blase befinden und verwendet die gleichen Wörter, meint aber ganz unterschiedliche Dinge. Das finde ich im Moment sehr irritierend. Ich war vor Kurzem bei der Buchpräsentation von Bini Adamczak und sie erwähnt das auch. Sie sagt, dass daraus eben die Missverständnisse entstehen. Wir verwenden die gleichen Wörter und meinen ganz etwas anderes. Partizipation hat für mich viel damit zu tun, dass es keinen Fahrplan gibt und dass es einfach davon bestimmt ist, wer zusammentrifft und gemeinsam ein Projekt realisiert. Da kommen unterschiedliche Akteur*innen aus unterschiedlichen Feldern. Wir bauen unsere Projekte als kleiner Bildungsverein auf und unsere Kapazitäten sind so, dass wir nicht viele Menschen in unserem Verein sind. Daraus hat sich von Beginn an die Methode entwickelt, dass wir projektbezogen aufgrund der budgetären Situation eine Einladungspolitik betreiben. Die Vielstimmigkeit in der Konzeption und der Einbindung war von Anfang an wichtig. Alle Akteur*innen, seien es Schüler*innen, Lehrlinge, Wissenschaftler*innen, Künstler*innen oder Aktivist*innen, kommen aus unterschiedlichen Perspektiven zusammen. Gemeinsam realisiert man dann das Projekt und je nachdem, was das Themenfeld ist, gibt es den einen großen Begriff. Dann werden die Interessensschwerpunkte festgemacht und Wissen wird hineingetragen. Danach beginnt das gemeinsame Aushandeln. Das ist manchmal sehr anstrengend und kontrovers. Diese Dynamiken sind aber auch demokratische Prozesse, in denen der Wunsch entsteht, ein gemeinsames Ergebnis zu haben. Das Ergebnis ist ein wichtiger Bestandteil der heutigen neoliberalen Kultur der Repräsentation. Es muss vor allem gegenüber Fördergeber*innen festzumachen sein und irgendwie legitimiert werden. Der Prozess muss sich abbilden Und geht dadurch aber eigentlich auch verloren, weil er immer gleich im Endergebnis einzementiert ist. Prozesse kann man in dem Sinn nicht abbilden. Jeder kennt den Prozess und durchläuft ihn. Eigentlich wird ihm viel zu wenig Aufmerksamkeit gewidmet. Das bedauere ich.

Siehst du Möglichkeiten, wie man dem Prozess mehr Aufmerksamkeit schenken könnte?

Ich glaube, dass es eine kulturelle Praxis wäre. Als ich angefangen habe, gab es ja nur das Büro für Kulturvermittlung. Das waren die Anfänge dieser Kulturprojekte für Menschen, die von so einer Ausbildung ausgeschlossen sind. Davon kommt auch der Begriff der Lehrlingskulturarbeit. Das Wichtigste war, dass man zwei Arbeitstage mit den Lehrlingen verbringt und dann ein Kulturprojekt mit Künstler*innen und Kunst- und Kulturvermittler*innen macht. Das war von Anfang an als Tandem gebaut. Es waren nie nur Künstler*innen und Schüler*innen bzw. Lehrlinge allein, vor allem auch die Vermittlungskompetenz ist dabei gefragt. Damals hat es gereicht, nur den Prozess mit den Jugendlichen zu durchlaufen. Es musste nichts abgebildet und in Form eines Endergebnisses oder Produktes legitimiert werden. Das wäre eben auch ein Stück Langsamkeit und ein Eingreifen und Intervenieren in eine kulturelle Praxis, die mittlerweile eine Notwendigkeit geworden ist. Die Jugendlichen und Kinder wachsen in diese Art von Legitimierung bestimmter Tätigkeiten hinein. Am Schluss muss etwas da sein, wo man vielleicht applaudiert oder präsentiert. Diese Ergebnisorientierung aufzugeben wäre auch wieder eine Form von Ver_Lernen.

Die Möglichkeiten der Teilhabe haben auch immer mit Ausschlüssen zu tun. Wer adressiert wen und wie? Da würde mich noch interessieren, wie sich das bei euch in der Sprache, der konkreten Gestaltung und auch den Vermittlungsmaterialien niederschlägt. Wie arbeitet ihr damit?

Vor acht Jahren hatten wir einen Auftrag: In Simmering hat die neue Stadtbibliothek eröffnet. Gleichzeitig gab es eine Zentralisierung von Musikschule und Volkshochschule. Wir sind beauftragt worden, eine Vermittlungsveranstaltung zu machen. „Alle, alle, alle“ war das Thema. Es waren ja auch drei Bildungsinitiativen, die angesprochen werden sollten. Es sollte nicht auf das Bildungsbürgertum zugeschnitten sein, sondern es sollte eine Öffnung für viele sein. Da ist dann die Frage entstanden: Was heißt alle? Diese Frage begleitet uns von dem Zeitpunkt an. Das ist auch ein Slogan, den wir auf unsere Gimmicks und Give-aways schreiben. Es ist eigentlich die zentrale Frage, die zu Beginn jedes Projektes steht. Die Herausforderung besteht darin, nicht zielgruppenspezifisch zu denken. Die andere Seite ist uns auch bewusst. Die Frage ist nicht, wen wir ausschließen, weil uns ja bewusst ist, dass wir ausschließen. Die Frage ist, wo die blinden Flecken sind, dass es zu diesen Ausschlüssen kommt. Es geht um die Blickrichtung und Perspektive, wo die Mechanismen dieses Außens sind. Diese Grenzen, die ein Außen hervorruft, nimmt man eher in den Blick und bearbeitet sie.

Kannst du das mit einem konkreten Beispiel illustrieren? Zum Beispiel die Änderung der Blickrichtung oder andere Zugangsweisen zu wählen.

Wir sind immer in Prozessen. Wir sind ja in einer postmigrantischen Gesellschaft. Ich bringe europäisches, weißes, bürgerliches, universitäres, intellektuelles, linkes Wissen mit und arbeite mit jungen Menschen zusammen, die von überall herkommen, wie jetzt auch mit Geflüchteten. Für mich ist es ein Lern- und Verlernprozess. Es ist ein Herantasten, wie auch jetzt mit den Squad of Queer Artists. Die sind künstlerisch tätig und wenden in ihrem künstlerischen Schaffen und ihrer Artikulation Stile und Techniken an, wo mein Rezeptionsverfahren klar in der westlichen Kunstgeschichte verortet ist. Das rezipiert man dann auch so und sieht das auch so, weil das mein Vokabular ist. Jetzt geht es darum, mein Vokabular zu erweitern und auch die Offenheit zu haben, es zu erweitern, zu lernen und Gespräche zu initiieren. Es ist ein langsames Herantasten und ein gegenseitiges Kennenlernen. Es geht auch darum, meine Dominanz zu verlernen. Die Geflüchteten spiegeln das extrem, weil sie dich immer wieder durch ihre Dankbarkeit in Verlegenheit bringen. Jede Tätigkeit, die ich mache, wird mit einer unglaublichen Dankbarkeit beantwortet und das ist eigentlich schlimm. Sie spiegeln mir etwas damit. Wie interveniere ich in so eine Perspektive, die klar auch durch die Politik hervorgerufen wird? Es stellt sich die Frage, wie diesen paternalistischen Vorannahmen entgegen zu wirken. Jedes Projekt ist Beziehungsarbeit, somit ambivalent ‑wie der Partizipationsbegriff. Es gibt natürlich Machtverhältnisse und Manipulationen.

Kommen wir zur nächsten Frage, die da ganz gut anschließt: Welche Bedeutung oder Konsequenzen hat die inhaltliche Rahmung, dass wir das jetzt Kunst nennen oder dass im Kontext der Kunst die Vermittlung stattfindet? Schränkt das in gewissen Kontexten ein? Öffnet das etwas? Welche Bedeutung hat das Etikett Kunst? Sollten wir einen anderen Begriff verwenden?

Nein. Ich denke, dass man es nur präzisieren muss. Kunst ist auch sehr normierten Vorstellungen unterworfen. Kunst wird an sich politisch nicht wahrgenommen. Künstler*innen werden mit unglaublichen Stereotypen und einer stereotypen Wahrnehmung behaftet. Das tut teilweise schon richtig weh. Wir verhandeln mit einer Kunst, die gesellschaftskritisch ist und künstlerische Praktiken und Strategien verwendet, die mit zeitgenössischen Medien in Verbindung stehen. Das sind politische Künstler*innen, die in Öffentlichkeiten intervenieren, die Medienkunst machen, ohnehin in Kontakt mit der Außenwelt sind und in diese nicht nur intervenieren, sondern auch Gegenbilder produzieren. Ich halte das für unsere Wissensproduktion für sehr relevant und es hat für mich einen hohen Stellenwert. Ohne das würden wir gar keine visionären Vorstellungen entwickeln können.

Da wäre jetzt abschließend die Frage: Welche Forderungen, Ideen und Vorschläge hättest du an die Kulturpolitik?

Das ist jetzt nicht dein Ernst (lacht).

Das ist jetzt mein Ernst (lacht). Vielleicht hast du ein, zwei Forderungen …

Bildung möglich machen und nicht einschränken, Fördermittel nicht kappen, Bildungsinitiativen wie LEFÖ und maiz fördern, die sich an der Schnittstelle kritischer Wissensproduktion und kultureller Praxis befinden, Mittel zur Verfügung stellen und die Leute weitermachen lassen. Wir werden zurückversetzt in Jahre, wo wir schon längst waren. Man sollte diese Errungenschaften nicht zerstören, sondern auf das stolz sein und weiter visionär in die Zukunft gehen, was Wissensproduktion bedeutet. Abschließend muss ich ganz ehrlich sagen, dass ich mittlerweile erschrecke und nicht weiß, wie lange ich dieses Konzept des Voneinander-Lernens im Rahmen der Partizipation noch machen möchte. Ich möchte mich jedenfalls nicht mit rechten Ideologien auseinandersetzen. Das wird ein Problem sein. Also eine Notbremse ziehen und scharf nach links abbiegen (lacht). Das wäre mein Wunsch.

Danke für das Interview!

Elke Zobl, Elke Smodics (2019): Vielstimmigkeit und Prozessorientierung in der Vermittlungsarbeit. Ein Interview von Elke Zobl mit Elke Smodics. In: p/art/icipate – Kultur aktiv gestalten #10 , https://www.p-art-icipate.net/vielstimmigkeit-und-prozessorientierung-in-der-vermittlungsarbeit/