INTERVENE! Künstlerische Interventionen II: Bildung als kritische Praxis

Kunstvermittlung als edukative Praxis und kollektive Wissensproduktion

Welche Rolle kann nun Kunstvermittlung in diesem Kontext spielen? Eva Sturm (2011)star (*17) fragt bezugnehmend auf Gerald Raunig (2000)star (*14) „Wie-weit-können-wir-gehen“ in der Kunst und der Kunstvermittlung und meint, hier würde sich das Eingreifen insbesondere auf die “Brechung hegemonialer Diskurse“ beziehen, die „daneben-, hinein-, dazugestellt werden, die Hegemonialität ankratzend, befragend, störend, unterbrechend, mit Lücken und Löchern bereichernd, auf anderen symbolischen Ebenen als nur dem gesprochenen Wort“ (Sturm 2011: 321).star (*17)
Sturm greift hierbei Jean-François Lyotards Begriff des „Widerstreits“ auf. Ihre Übertragung des Konzepts des Widerstreits auf die Kunstvermittlung definiert sie als das Schaffen von Räumen „in denen Uneinigkeit und Uneinverstandensein kultiviert werden können, in denen neue Ausdrucksformen gefunden werden, um Heterogenes zu schaffen […]“ (Sturm 2011: 323).star (*17)

Seit dem „educational turn in curating“ (Rogoff [2008] 2012)star (*22) sowie dem “educational turn in education” (Jaschke/Sternfeld 2012a: 18)star (*8) geht es laut Jaschke/Sternfeld um die Entwicklung von Kunstvermittlung als kritische Praxis unter Bezugnahme auf kritische und radikale Bildungsansätze. Im Zentrum steht dabei die Frage „Wer spricht?“, das heißt: Wer erhält Sprechraum in den Kunstinstitutionen und wie können die Machtverhältnisse zu Gunsten der Veränderung von Sprechpositionen genutzt werden? (vgl. Jaschke/Sternfeld 2012a: 18f.).star (*8)
In diesen Prozessen der Infragestellung von Sprechpositionen hat die Herstellung von Bedingungen für kollektive Wissensproduktion eine zentrale Bedeutung: Dabei geht es um das Anerkennen einer Gleichwertigkeit unterschiedlicher Wissensformen, wie jener des Erfahrungswissens und des akademischen Wissens sowie um die Thematisierung und einen bewussten Umgang von ungleichen strukturellen Machtverhältnissen der beteiligten AkteurInnen (vgl. Landkammer 2012).star (*10)
Carmen Mörsch hält in diesem Kontext fest, dass „Kunstvermittlung als kritische Praxis […] die Institutionen und Verhältnisse, in denen sie stattfindet, nicht unverändert lassen [will].“ (Mörsch 2012: 67).star (*11) Diese Entwicklung einer kritischen Kunstvermittlung ist laut Mörsch meist mit einer Kritik an der „Ökonomisierung von Bildung, von künstlerischer Ausbildung und von institutionalisierter Wissensproduktion im Zuge des neoliberalen Umbaus westlicher Gesellschaften und ihrer Bildungsinstitutionen“ (Mörsch 2012: 68)star (*11) verbunden. Sie beobachtet dabei neue Allianzenbildungen zwischen kritischen KuratorInnen, KünstlerInnen und VermittlerInnen im Versuch, die Institutionen von innen zu verändern und durch kritische Bildungsansätze Handlungsspielräume zu erweitern (vgl. Mörsch 2012: 69).star (*11)*3 *(3)

Das Verändern der Institution Museum – aber auch der Institutionen Schule und Universität – von innen könnte demnach zur Schaffung einer „kritischen Institution“ führen (vgl. Fraser 2005: 278,star (*3) zit. n. Mörsch 2012: 69)star (*11) und im Sinne von Chantal Mouffes Überlegungen zu agonistischer Politik eine Transformation der bestehenden Institutionen von innen bewirken.

Die Herstellung von Räumen agonistischer Öffentlichkeit durch kollektive Wissensproduktion und kritische Praxis mit den Mitteln künstlerischer, gegenhegemonialer Interventionen scheint in den Beiträgen dieser eJournal-Ausgabe in unterschiedlichen Facetten auf und kann jeweils auf spezifische Weise weitergedacht werden.

Zentrale Fragen, die wir uns im Kontext der Symposien und in dieser eJournal-Ausgabe gestellt haben, sind: Mit welche Strategien künstlerischer Interventionen arbeiten KünstlerInnen und KulturarbeiterInnen an den Schnittstellen von Bildung, Forschung und Pädagogik? Wie gehen sie mit dem Begriff der Intervention um? Wie positionieren sich solche Projekte in Bezug auf Aktivismus und soziale Bewegungen? Wie initiieren, entwickeln und setzen KünstlerInnen und KulturarbeiterInnen Projekte in Solidarität mit verschiedenen Communities um? Wie gestalten sie dabei die pädagogischen Prozesse als kritische Praxis? Und was zeichnet eine kritische Praxis überhaupt aus? Diese und weitere Fragen werden in den Beiträgen aufgegriffen und diskutiert.

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Benjamin, Walter ([1934] 1991): Der Autor als Produzent. Ansprache am Institut zum Studium des Fascismus in Paris am 27. April 1934. In: Ders.: Gesammelte Schriften. Unter mitw. Theodor W. Adorno u. Gershom Scholem. Hg. v. Rolf Tiededmann/Hermann Schweppenhäuser. Bd. 2., 2. Teil. Frankfurt am Main: Suhrkamp, S. 83-701.

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Bourdieu, Pierre (1997): Die verborgenen Mechanismen der Macht enthüllen. (Schriften zu Politik und Kultur). Hamburg: VSA-Verlag.

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Fraser, Andrea (2005): From the Critique of Institutions to an Institution of Critique. In: Artforum, Jg. 44, Nr.1. New York, S. 278–283.

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Freire, Paulo ([1970] 1978): Pädagogik der Unterdrückten. Bildung als Praxis der Freiheit. Reinbek b. Hamburg: Rowohlt.

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hooks, bell (1994): Teaching to Transgress. Education as the practice of freedom. New York: Routledge.

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Huber, Laila (2009): Kunst der Intervention. Die Rolle Kunstschaffender im gesellschaftlichen Wandel. Marburg: Tectum.

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Jaschke, Beatrice/Sternfeld, Nora (Hg.) (2012): educational turn. Handlungsräume der Kunst- und Kulturvermittlung. (Ausstellungstheorie & Praxis Bd. 5). Wien: Turia + Kant.

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Jaschke, Beatrice/Sternfeld, Nora (2012a): Einleitung. Ein educational turn in der Vermittlung. In: Diess.: educational turn. Handlungsräume der Kunst- und Kulturvermittlung. (Ausstellungstheorie & Praxis Bd. 5). Wien: Turia + Kant, S. 13-23.

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Kastner, Jens (2009): Die Ästhetische Disposition. Eine Einführung in die Kunsttheorie Pierre Bourdieus. Wien: Turia + Kant.

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Landkammer, Nora (2012): Vermittlung als kollaborative Wissensproduktion und Modelle der Aktionsforschung. In: Settele, Bernadett/Mörsch, Carmen (Hg.): Kunstvermittlung in Transformation, Zürich: Scheidegger&Spiess. S. 199-211.

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Mörsch, Carmen (2012): Sich selbst widersprechen. Kunstvermittlung als kritische Praxis innerhalb des educational turn incurating. In: Jaschke, Beatrice/Sternfeld, Nora (Hg.): educational turn. Handlungsräume der Kunst- und Kulturvermittlung. (Ausstellungstheorie & Praxis Bd. 5). Wien: Turia + Kant, S. 55-77.

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Mouffe, Chantal (2014): Agonistik. Die Welt politisch denken. 1. Auf. Berlin: Suhrkamp.

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Rancière Jacques ([2000] 2008a): Die Aufteilung des Sinnlichen. Die Politik der Kunst und ihre Paradoxien, 2. überarb. Aufl. Berlin: b_books.

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Raunig, Gerald (2000): Wien Feber Null. Eine Ästhetik des Widerstands. Wien: T uria + Kant.

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Schmutzhard, Harald (2003): Kunst als Werkzeug. Linz: Kunstuniversität Linz.

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Schwingel, Markus (1998): Pierre Bourdieu zur Einführung, Hamburg: Junius.

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Sturm, Eva (2011): Von Kunst aus. Kunstvermittlung mit Gilles Deleuze. Wien: Turia + Kant.

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Virno, Paolo (2005): Die Grammatik der Multitude. Öffentlichkeit, Intellekt und Arbeit als Lebensformen. (Es kommt darauf an, Bd.4) Wien: Turia + Kant.

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Von Borries, Friedrich/Wegner, Friederike/Wenzel, Anna-Lena (2012): Ästhetische und politische Interventionen im urbanen Raum. In: Hartmann, Doreen/Lemke, Inga/Nitsche, Jessica (Hg.): Interventionen. Grenzüberschreitungen in Ästhetik, Politik und Ökonomie. München: Wilhelm Fink Verlag, S. 95-103.

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Wege, Astrid (2001): „Eines Tages werden die Wünsche die Wohnungen verlassen und auf die Straße gehen“: Zu interventionistischer und aktivstischer Kunst. In: Schütz, Heinz (Hg.): Stadt.Kunst. 1. Aufl. Regenburg: Lindinger + Schmid, S. 23-31.

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Zukin, Sharon (1998): Städte und die Ökonomie der Symbole. In: Volker Kircherg /Göschel, Albrecht (Hg.): Kultur in der Stadt. Stadtsoziologische Analysen zur Kultur. Opladen: Leske + Budrich.

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Rogoff, Irit ([2008] 2012): Wenden. In: Jaschke, Beatrice/Sternfeld, Nora (Hg.): educational turn. Handlungsräume der Kunst- und Kulturvermittlung. (Ausstellungstheorie & Praxis Bd. 5). Wien: Turia + Kant, S. 27-53.

Die Auseinandersetzung mit dem Themenfeld künstlerischer Interventionen in Bildungskontexten und als kritische Praxis im Rahmen vorliegender eJournal-Ausgabe dient uns als Vorarbeit für das vom Bundesministerium für Wissenschaft, Forschung und Wirtschaft geförderte Sparkling-Science-Projekt „Making Art – Taking Part! Künstlerische und kulturelle Interventionen von und mit Jugendlichen zur Herstellung partizipativer Öffentlichkeiten“ das von Oktober 2014 bis September 2016 am Programmbereich Zeitgenössische Kunst und Kulturproduktion durchgeführt wird.

Symposium „Artistic Interventions and Education as Critical Practice. (Un)learning Processes, Community  Engagement and Solidarity” April 2014; Symposienreihe “Artistic Interventions and collaboration in anti-racist and Feminist  artistic-educational projects“ Oktober-Dezember 2013.

Dabei kann von einer zunehmenden Homologie der Positionen zwischen den drei professionellen Feldern des „Kuratierens, der auf Partizipation und Bildung ausgerichteten Kunstproduktion und der Vermittlung“ (vgl. Mörsch 2012: 76) gesprochen werden.

Laila Huber  Elke Zobl  : (2014) INTERVENE! Künstlerische Interventionen II: Bildung als kritische Praxis.

In: p/art/icipate – Kultur aktiv gestalten #05 , https://www.p-art-icipate.net/cms/intervene-kunstlerische-interventionen-ii-bildung-als-kritische-praxis/

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