Intervenieren – Forschen – Vermitteln

Künstlerisch-edukative Projekte in der Kooperation Universität – Schule.
Reflexionen zum Projekt „Making Art ‑ Taking Part!“

Ausverhandlung von Teilhabe

Elke Smodics: Kritische Kunstvermittlung versteht sich als Praxis, die Institutionen und Verhältnisse, in denen sie stattfindet, nicht unverändert lassen will. Sie hinterfragt einerseits den hegemonialen Kanon in Bildungsinstitutionen und andererseits wird dem Übersehen von Ungleichheitsverhältnissen, Ausschlüssen und Normierungen etwas entgegengesetzt. Wenn aus der Perspektive der kritischen Kunstvermittlung von Partizipation die Rede ist, wird um die Spielregeln gespielt. Nora Sternfeld schlägt vor, Partizipation nicht als bloßes „Mitmachen“ zu begreifen, sondern als eine Form der Teilhabe und Teilnahme, die die Bedingungen des Teilnehmens selbst ins Spiel bringt (vgl. Eckert/Sternfeld 2015: 2).star (*2) Zwei Jahre lang erprobten, reflektierten, diskutierten, befragten, verwarfen, verhandelten wir – ein transdisziplinäres Team – im Rahmen eines partizipativen Forschungsprojekts emanzipatorische Bildungsfragen an der Schnittstelle von Theorie, Praxis und dem Alltag von Jugendlichen. Zwei Jahre lang werden Fragen rund um die Auslegung der Begriffe Partizipation, Intervention und Wissensproduktion aus den Perspektiven Praxis und Theorie, Kunst und Kunstvermittlung sowie Universität und Schule zusammengedacht.

Ein Fokus des kollaborativen Arbeitens wird auf das WIE von Teilhabe im Rahmen von offenen Prozessen mit den Schüler_innen gelegt. Es klingt schön, wenn wir von selbstermächtigenden Zielen sprechen, und darüber, wie die Schüler_innen ihre Teilnahme / Teilhabe mitbestimmen, und die Ausverhandlung der Bedingungen der Spielregeln eine gemeinsame Sache aller Beteiligten ist. Demnach ist die Frage: WIE haben die Schüler_innen den Handlungsraum mit ihren Themen, Interessen, Fragen und Wünschen mitbestimmt? Und inwieweit hat sich das Team auf eine gemeinsame Wissensproduktion eingelassen? Ist es gelungen, alternative Räume, die aber auch von Normen und von Habitus durchdrungen sind, zu imaginieren? Welches minoritäre Wissen kommt nicht vor und fließt nicht in das kollektive Wissen ein? Welches Wissen ist privilegiert und welches marginalisiert?

Die zentralste Frage, die die Jugendlichen im Rahmen des Projekts formulierten, ist: „Gibt es einen konkurrenzfreien Raum?“ Die Frage beinhaltet eine Utopie, die bedauerlicherweise nicht zu einem konkreten Wunschbild ausformuliert wurde, sondern mit einer anderen Frage gekoppelt wurde. „Wie zusammenleben?“ Diese virulente Frage haben sich die Schüler_innen beider Schultypen unabhängig voneinander gestellt. Die Durchdringung des jugendlichen Alltags durch das System Schule und die Abhängigkeiten (Jugendschutz, Aufsichtspflicht, etc.), die in Verbindung mit ihrem Alter stehen, produziert aus ihnen eine homogene Gruppe. Doch wie wiedersetzt man sich dieser Homogenisierung und den damit einhergehenden Einschreibungen? „Kinder, Jugendliche, Pubertierende, Migrant_innen, Burschen, Mädchen, Konsumteufel …“.

Ausgehend von diesen Fragen fand eine Beschäftigung mit emanzipatorischen Strategien in der Auseinandersetzung rund um Themen des „Zusammenlebens“ statt. Mit dem Einsatz von künstlerischen Arbeiten und Ansätzen aus der Aktionsforschung und der kritischen Kunstvermittlung entwickelten die Schüler_innen gemeinsam mit den Künster_innen Moira Zoitl, Marty Huber, Steffi Müller und Klaus Dietl Formate der kritischen Verhandlung und Offenlegung der Bedingungen von Ausschlussmechanismen. Die Dekonstruktion hegemonialer Verhältnisse zeigt, dass es nicht leicht ist auf seine Privilegien zu verzichten. Wie umgehen mit diesem Wissen? Was verlernen?

Laila Huber: Den Partizipationsbegriff haben wir im Laufe des Projektes viel diskutiert und die ihn begleitenden Ambivalenzen thematisiert (s. dazu Milevska in dieser eJournal-Ausgabe). Partizipation ist ein umkämpfter Begriff. Daher haben wir begonnen, von „Partizipation als kritische Praxis“ zu sprechen, um unser Selbstverständnis einer eingreifenden kollaborativen Praxis zu benennen. Doch was heißt genau „Partizipation als kritische Praxis“ im Kontext künstlerischer und kultureller Produktion?

Bezugnehmend auf Chantal Mouffe verstehen wir kritische künstlerische und kulturelle Praktiken als wichtigen Ansatzpunkt, um gegenhegemoniale Öffentlichkeiten (oder agonistische öffentliche Räume) herzustellen: Mouffe hält fest, dass „künstlerische und kulturelle Praktiken Räume des Widerstands schaffen können, die das gesellschaftliche Imaginäre untergraben, das für die Reproduktion des Kapitalismus notwendig ist“ (Mouffe 2014: 136).star (*6)

Unser Ziel einer Partizipation als kritische Praxis im Kontext kultureller Produktion war es, im Projekt das hegemonial Imaginäre – also normiertes Denken und Handeln – zu hinterfragen und zu dekonstruieren. Und damit wurde ein Denken von Möglichkeiten sowie ein kollaboratives Imaginieren und Umsetzen von künstlerischen und kulturellen Interventionen angestrebt. Partizipation als kritische Praxis im Kontext kultureller Produktion verstehen wir darauf aufbauend als Verhandlungsfeld radikaldemokratischer Prozesse. Mouffe versteht als Bedingung demokratischer Politik den zwischen zwei oder mehreren Parteien bestehenden konflikthaften Konsens, den sie als Agonismus bezeichnet.

Unser Begriff von Partizipation als kritische Praxis beinhaltet den Aspekt der Intervention, welcher in unserem Verständnis wiederum mit dem Herstellen von Öffentlichkeit in Verbindung steht. Mit Mouffe (2014)star (*6) gesprochen ging es uns im Projekt darum, „agonistische öffentliche Räume“ herzustellen – also Räume des Widerstreits unterschiedlicher Positionen und Interessen und des gemeinsamen Verhandelns und Auslotens von Teilhabe.

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Sternfeld, Nora (2013): Kontaktzonen der Geschichtsvermittlung – Transnationales Lernen über Holocaust in der postnazistischen Migrationsgesellschaft, Seite 49 – 55, Wien.

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Eckert, Constanze/ Sternfeld, Nora (2015): Constanze Eckert im Gespräch mit Nora Sternfeld, in Mission Kulturagenten – Onlinepublikation des Modellprogramms „Kulturagenten für kreative Schulen 2011-2015“, Berlin.

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hooks, bell (1996): Yearning – Sehnsucht und Widerstand. Kultur, Ethnie, Geschlecht. Berlin.

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Klaus, Elisabeth (2013): Öffentlichkeit als gesellschaftlicher Selbstverständigungsprozess und das 3-Ebenen-Modell von Öffentlichkeit. Manuskript zur Tagung: Das 3-Ebenen-Modell von Öffentlichkeit, Universität Salzburg.

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Lefebvre, Henri (1991 [1974]): The Production of Space, 3. Aufl. Oxford, UK/Cambridge, USA: Blackwell.

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Mouffe, Chantal (2014): Agonistik. Die Welt politisch denken. 1. Auf. Berlin: Suhrkamp.

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Zobl, Elke/Laila Huber (2016): Making Art – Taking Part! Negotiating participation and the playful opening of liminal spaces in a collaborative process, in: Conjunctions. Transdisciplinary Journal of Cultural Participation, Volume 1 2016 „Playful Participation“. (peer reviewed) http://www.conjunctions-tjcp.com/article/view/23644

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Zobl, Elke (im Erscheinen): Künstlerische Interventionen und gesellschaftliche Aushandlungsprozesse: Das Drei-Ebenen-Modell von Öffentlichkeit in künstlerisch-edukativen Kontexten. In: Klaus, Elisabeth und Ricarda Drüeke: 3-Ebenen Modell von Öffentlichkeit, Bielefeld: transcript.

Allerdings bleibt in der Analyse des konkreten Projektes offen, welche Rolle die dritte Ebene von Öffentlichkeit spielt. Dazu hätte das Projekt anders und langfristig angelegt sein müssen.

Veronika Aqra  Laila Huber  Elke Smodics  Elke Zobl  : (2016) Intervenieren – Forschen – Vermitteln.

Künstlerisch-edukative Projekte in der Kooperation Universität – Schule.
Reflexionen zum Projekt „Making Art ‑ Taking Part!“

In: p/art/icipate – Kultur aktiv gestalten #07 , https://www.p-art-icipate.net/cms/intervenieren-forschen-vermitteln/

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