„Die Anwesenheit von anderen kulturellen Prägungen ist in Salzburg kein Thema.“

Ein Interview mit Karl Zechenter von Persson Perry Baumgartinger und Dilara Akarçeşme

Was sind eure Rückschlüsse daraus?

Unsere Erfahrungen zeigten insgesamt, dass diese Projekte sehr zeitintensiv sind. Auch fehlten auf strategischer Ebene AnsprechpartnerInnen in Stadt oder Land Salzburg, die sich mit diesen Thematiken besser auskennen. Daher mussten wir jedes Mal bei Null anfangen und selber recherchieren. Ich glaube, solche AnsprechpartnerInnen gibt es bis heute nicht.

Ebenso fehlten Programme, die sich ganz spezifisch auf die Förderung von dieser Art von Veranstaltungen bezogen hätten. Das ist durchaus etwas, das man als Problem in ganz Salzburg erlebt. In Salzburg Stadt gab es über lange Zeit einen sehr schleppenden Aufbau von Kulturinstitutionen. Das begann Ende der 1970er Jahre, und das Rockhouse wurde im Jahr 1993 eingeweiht.

Im Vergleich zu deutschen Beispielen fand diese Entwicklung relativ spät statt. In Deutschland passierte die große Institutionalisierung von Häusern zwischen 1965 und 1980, in Salzburg zwischen 1985 und 1995. Das heißt, dass in sehr vielen Häusern noch die ErstgründerInnen oder Gründungsobleute aktiv sind, deren Fokus nicht darauf liegt, wie sie sich neu erfinden können, sondern die sich darüber freuen, dass sie überhaupt existieren. Das heißt aber nicht, dass kein Problembewusstsein herrscht, wir sprechen hier lediglich von einem anderen Status. Mittlerweile hat es sich gebessert und bewegt sich rapide in Richtung Partizipation. So entsteht jetzt langsam ein Bewusstsein dafür, dass kulturelle Teilhabe auch relativ viel Geld kostet, und die Kulturszene wendet sich nach und nach an die Kulturpolitik, damit diese mehr Geld für kulturelle Teilhabe zur Verfügung stellt.

Als Beispiel für ein Teilnahmeprojekt kann Hunger auf Kunst und Kultur genannt werden, das vom Dachverband über lange Zeit mitbetreut wurde. Es ermöglicht ungefähr 10.000 Personen pro Jahr, mit dem Kulturpass gratis Veranstaltungen zu besuchen.

Im Rahmen der Gespräche, die ich über kulturelle Bildung hatte, ist immer deutlicher geworden, dass das ganze Land neu gedacht werden muss. Zwar gibt es zum Beispiel das Landestheater; es ist jedoch unglaublich teuer, zum Beispiel die SchülerInnen von Radstadt hierherzubringen. Welche Möglichkeiten gäbe es stattdessen? Investiert man mehr Geld, damit VertreterInnen von Kulturinstitutionen woanders hinfahren, um dort aktiv zu werden? Allerdings ist dabei auch zu bedenken, dass die Personen vor Ort Räume und Mittel brauchen, um selber zu gestalten. Das heißt, wir befinden uns an einem Punkt, an dem nicht einmal die passive Teilnahme ansatzweise gewährleistet ist. Von der aktiven Teilnahme sind wir deshalb noch weit weg, da dafür mehr finanzielle Mittel notwendig wären.

Dahinter steht leider die weit verbreitete Ehrenamtlichkeitskultur mit dem Argument: „Die Blasmusik macht es auch gratis, warum braucht ihr plötzlich Geld?“ Die Vorstellung einer ökonomischen Exklusion existiert nicht. Eine andere hinderliche Reaktion ist: „Wenn ich der einen Gruppe, dem einen Projekt hier Geld gebe, dann kommen ja alle.“ Ein Argument, das stärker in Zusammenarbeit mit dem Land Salzburg zu hören ist.

Die Stadt Salzburg hat ansatzweise versucht, Projekte in Stadtteilen wie etwa Lehen oder Schallmoos zu ermöglichen. Es wurden bewusst Kulturpavillons in großen Wohnsiedlungen gefördert, allerdings immer mit zu wenig Finanzierung und zu wenig gemeinsamen Strategien. Wenn Menschen gut organisiert sind, funktioniert das besser. Ein Beispiel dafür ist der Verein Spektrum, der oft eigene Strategien einbringt, während von der Stadt diesbezüglich selten was kommt. So hat die Stadt die städtische Galerie im Stadtwerk Lehen angesiedelt. Es stellt sich die Frage, ob es nicht sinnvoller gewesen wäre, das offene Kulturhaus oder einen Raum, der aktivierend für Menschen in der ganzen Umgebung wirkt, dort anzusiedeln. Allerdings wären dadurch viel höhere Kosten entstanden, die man verhindern wollte.

Ein anderes Beispiel für ein Projekt der kulturellen Teilhabe, dessen Teil ich war, hieß Future Rearview. Das war eine Erzählkarte, in der sich im Wesentlichen Erzählungen aus der Stadt Salzburg befinden, in denen das Kommen und das Gehen eine große Rolle spielen. Wir haben das mit Personen aus unterschiedlichsten Generationen von MigrantInnen verwirklicht, um auch das Thema der sogenannten Second Generation anzusprechen. Das Projekt ermöglichte relativ intensive Diskussionen, doch es war überhaupt nicht einfach, diese Karte über die Projektlaufzeit hinaus auszustellen. Die Anwesenheit von anderen kulturellen Prägungen ist nicht wirklich Thema in Salzburg. Es existiert einfach nicht.

Weiters gibt es die Studie Salzburg 2030 von Stefan Wally von der Robert-Jungk-Bibliothek. Die Studie behandelt das Thema Wohnen und warum es kein erhebliches politisches Thema wird, obwohl es die meisten Menschen betrifft, die finanziell nicht gut ausgestattet sind. Gerade für SchülerInnen aus sogenannten unterprivilegierten Familien stellen sich oft Fragen wie: „Wohin kann ich gehen, denn zuhause sind so viele Leute? Wo kann ich meine Schulaufgaben machen? Gibt es irgendeinen kleinen Raum der Selbstverwirklichung?“ Die Studie zeigte auf, dass das Thema des Wohnens einfach zu wenig wahlentscheidend ist und daher auch kein Wahlkampfthema wird.

Persson Perry Baumgartinger, Dilara Akarçeşme, Karl Zechenter (2018): „Die Anwesenheit von anderen kulturellen Prägungen ist in Salzburg kein Thema.“. Ein Interview mit Karl Zechenter von Persson Perry Baumgartinger und Dilara Akarçeşme . In: p/art/icipate – Kultur aktiv gestalten #09 , https://www.p-art-icipate.net/die-anwesenheit-von-anderen-kulturellen-praegungen-ist-in-salzburg-kein-thema/