„Die Anwesenheit von anderen kulturellen Prägungen ist in Salzburg kein Thema.“

Ein Interview mit Karl Zechenter von Persson Perry Baumgartinger und Dilara Akarçeşme

Du hast erwähnt, dass das Bewusstsein bezüglich der Relevanz der kulturellen Teilhabe steigt. Woher kommt dieses Bewusstsein?

Früher existierte eine Trennung zwischen Workshop, Kunstprojekt und Aufführung. Diese Sichtweise herrschte nicht nur auf Seiten der KünstlerInnen, sondern auch auf Seiten der finanzierenden BeamtInnen. Es liegt auch in der Verantwortung dieser beiden Seiten, dieses Problem zu lösen.

Das heißt, für ein partizipatives Projekt mit Jugendlichen wurden beispielsweise 200 Euro zur Verfügung gestellt, für die Aufführung XY, die als professionell angesehen wurde, gab es jedoch viel mehr Geld. Ich glaube, das hat sich verändert. Die Vorstellung, dass partizipative Kunstwerke bestehen, die viele verschiedene Personen einschließen, im Rahmen derer unterschiedliche Personen etwas beitragen können und die trotzdem professionelle Kunstwerke sind, wird jetzt eher verstanden. Daher kann das nun mehr gefördert werden. Auf diese Weise passiert letztendlich auch mehr.

Das hat mit einem Bewusstseinswandel zu tun. Ab Mitte der 1990er Jahren gab es einen Push, als die Debatte zwischen Grant Kester und Claire Bishop entflammt ist:„Wie partizipativ darf Kunst sein? Ist es dann noch gute Kunst? Gibt es eine Ästhetik der mit Partizipation entstandenen Künste? Macht der ethische Wert der kulturellen Teilhabe das Kunstwerk in irgendeiner Weise besser?“ Die Basis dafür war die relationale Ästhetik von Nicolas Bourriaud. Die Debatte zwischen Kester und Bishop entspannte sich, als immer mehr partizipative Kunstwerke auf Festivals präsentiert und Kunstfestivals allgemein populärer wurden. Kunstfestivals und eine bestimmte Kategorie von partizipativen Kunstwerken waren ideal, denn sie waren entweder überall in Städten zu sehen, oder es waren Themen, die sich mit gesellschaftlichen Prozessen auseinandersetzten. Selbstverständlich gab es den Part der „disgruntled old artists“, die kritisierten: „Die können überhaupt nicht mehr gescheit malen! Es ist ja deswegen nicht bessere Kunst, nur weil da mehr Menschen dabei sind.“ Trotz dieser Debatte hat sich das Partizipative durchgesetzt und ist in der Zeit zwischen 2000 und 2010 zum Mainstream geworden. Dann verstand man auch in Salzburg schön langsam, dass das akzeptiert werden kann, womit die Finanzierung auch gewachsen ist.

Auch andere Aspekte haben sich geändert, so ist zum Beispiel kulturelle Bildung wichtiger geworden, aber auch das Problembewusstsein für Exklusion beim Zusammenleben verschiedener Kulturen. Die Tatsache, dass es in der Kunst bereits mehr partizipative Projekte gibt, die im Mainstream angelangt sind, sowie neue Ideen aus der kulturellen Bildung, zeigen ein in den letzten fünf Jahren gestiegenes Bewusstsein in Salzburg.

Das heißt, es gibt mittlerweile eine Offenheit für partizipative Projekte. Decken sich Personen, die Offenheit zeigen, mit FördergeberInnen? Bzw. gibt es von Stadt und Land Salzburg AkteurInnen, die Wert darauf legen, diese Projekte zu fördern und aktiv Einfluss zu nehmen?

Sie besitzen genug Einfluss, dass diese Ansätze gefördert werden könnten. Allerdings fördern sie nur Musterprojekte, wovon eine Schulklasse profitiert, aber fünfzehn andere nicht. Das ist problematisch. Nun wird versucht, zum Beispiel sogenannte „Brennpunktschulen“ zu bevorzugen, um dort etwas hineinzubringen. Gerade dort ist mehr Geld notwendig. Es müssten Personen bezahlt werden, um beispielsweise das Vertrauen der Eltern zu gewinnen. Es scheitert meistens an ganz kleinen Dingen: Du machst zum Beispiel ein partizipatives Kunstprojekt mit Abbildungen von SchülerInnen, für die öffentliche Ausstellung ist aber eine Einverständniserklärung notwendig. Auf der einen Seite gibt es verständliche pubertäre Problematiken, wie etwa: „Auf der Aufnahme sehe ich so furchtbar aus.“ Das sind allerdings Themen, wo man im Gespräch mit SchülerInnen weit kommt. Gegen ein Nein der Eltern hingegen, aus Angst, dass diese oder jene Aufnahme ihren zukünftigen Karrieren als Sekretärin oder als Mechaniker schadet, wird es schwierig. Ich nenne ganz bewusst traditionelle Berufsrollen, da diese Problematik der traditionellen Rollenbilder teilweise besteht. Das ändert sich nicht mit einem einmaligen Projekt-Besuch. Das ist Beziehungsarbeit und dafür werden eigene Personen gebraucht. Man könnte nun sagen, das soll die Lehrperson machen, die hat allerdings keine Zeit für zusätzliche Arbeit. Daher braucht es mehr Menschen, die diese Verbindungsarbeit kontinuierlich leisten. Es kostet auch alles viel Geld. Tickets etwa, damit SchülerInnen von A nach B reisen, genügen oft nicht, weil damit gerade mal die passive Teilnahme ermöglicht wird ‑ wenn überhaupt.

Persson Perry Baumgartinger, Dilara Akarçeşme, Karl Zechenter (2018): „Die Anwesenheit von anderen kulturellen Prägungen ist in Salzburg kein Thema.“. Ein Interview mit Karl Zechenter von Persson Perry Baumgartinger und Dilara Akarçeşme . In: p/art/icipate – Kultur aktiv gestalten #09 , https://www.p-art-icipate.net/die-anwesenheit-von-anderen-kulturellen-praegungen-ist-in-salzburg-kein-thema/