„Die Anwesenheit von anderen kulturellen Prägungen ist in Salzburg kein Thema.“

Ein Interview mit Karl Zechenter von Persson Perry Baumgartinger und Dilara Akarçeşme

Wie schätzt du die Unterschiede zwischen Stadt und Land Salzburg ein?

Vorab muss ich sagen, dass meine Erfahrungen nur punktuell sind. Die Erfahrungen, die ich gemacht habe, habe ich primär im Rahmen des Dachverbands und in Gesprächen mit am Land tätigen KulturveranstalterInnen gemacht.

Es macht etwa einen großen Unterschied, wenn es sich um eine Gemeinde handelt, die sich hauptsächlich bzw. sehr stark als Tourismusgemeinde empfindet. Eine Tourismusgemeinde lebt verkürzt gesagt davon, ein ganz bestimmtes Bild von sich selber oder prinzipiell von Salzburg zu verkaufen. Nicht jede Gemeinde hat Mozart zur Verfügung, aber vielleicht einen Stille-Nacht-Star. Den meisten stehen die schöne Natur mit dem schönen Häuschen zur Verfügung, und dieses Bild muss unangetastet bleiben. Das ist quasi der Wert der Gemeinde und es darf nichts passieren, das stören könnte.

Auf der anderen Seite funktioniert dieses Geschäft so, dass die ganze Familie mit den Kindern in der Früh um vier aufsteht, um das Frühstück für die Gäste zuzubereiten. Man ist freundlich zu den Gästen und kleidet sich in Dirndl oder Lederhose. Dann ziehen sich die Kinder um und gehen schnell in die Schule. Wenn sie von der Schule nach Hause kommen, ziehen sie wieder das Dirndl oder die Lederhose an, um für die Gäste zu servieren. In diesem Fall, glaube ich, haben diese Jugendlichen verschiedene Optionen: Entweder nehmen sie es an als „Das ist halt so“, oder sie überlegen, wie sie so schnell wie möglich aus diesen Umständen fliehen können. Für alternative Jugendkultur oder Ähnliches fehlt neben diesen Tätigkeiten dann auch die Energie.

Natürlich sind nicht alle im Tourismus tätig, allerdings so viele, dass die Masse und die Energie fehlen, um etwas Kulturelles auf die Beine zu stellen. Ebenso fehlen die Räumlichkeiten und dass sich die Leute das überhaupt zutrauen. Es gibt wenige Bürgermeister, die – zugespitzt – in der Hochsaison sagen: „Ich finde es super, dass ihr diesen zwei Meter großen Penis und diese vier Meter große Vagina aufgestellt habt und euer Gangsta-Rap-Festival macht, weil das genau das ist, was die Gäste aus Holland beim Skifahren sehen wollen.“

Trotzdem kann das genau in dieser Banalität durchaus der Wunsch der Jugendlichen sein. Das mag für uns Erwachsene längst abgearbeitet sein, aber Jugendliche müssen sich an solchen Themen erst mal abarbeiten und das findet dort sicher nicht statt. Das sind schwierige Rahmenbedingungen für kulturelle Teilhabe. Eine Studierende hat bei einem Vortrag über die Optionen von freier Kultur einen schönen Satz gesagt: dass man in Zell am See zu gewissen Zeiten besser weggehen kann als in Salzburg. Das habe ich sehr interessant gefunden, denn das trifft es genau auf den Punkt. Dort ist so viel Geld vorhanden und es wird versucht, große Stars in die Gemeinden zu bringen. Allerdings ist den Menschen durchaus bewusst, dass das nicht für sie passiert. Es passiert für die Gäste.

Neben dieser direkten kommerziellen Verwertung existiert kaum ein Raum, in dem sich Jugendliche selbst ausdrücken oder selbst Dinge in Anspruch nehmen können. Der Raum ist stark „verregelt“. Es gibt aber durchaus auch Gemeinden mit fortschrittlichen Bürgermeistern und anderen Zusammenhängen. Goldegg ist dafür ein gutes Beispiel. Man erreicht Goldegg, indem man aus einem Tal mit größeren Orten hinauffährt, woraufhin sich plötzlich eine Tallandschaft eröffnet. Es fühlt sich in etwa so an, als wäre man hinter den sieben Bergen. Im Wesentlichen verkauft sich Goldegg als Golfresort, es ist also jede Menge Geld vorhanden. Sie können es sich dadurch wiederum leisten, über lange Zeit im Schloss Goldegg einen Kulturverein zu finanzieren, der partizipative Projekte durchführt. Beispielsweise hat der Kulturverein Goldegg dort ein Projekt mit KünstlerInnen der Wochenklausur gemacht. Das Ziel des Projektes war, einen Jugendklub zu gründen, wobei der Prozess das Interessante war: Das Kunstwerk war der Prozess, diesen Jugendklub zu installieren.

Ich sehe durchaus Aktivitäten vonseiten des Landes Salzburg. Die ORTung war ursprünglich ein reines Festival der Bildenden Künste. Dann wurde es für verschiedene Kunstformen thematisch geöffnet und Kulturvereine wurden aktiv gebeten, sich mit bestimmten Gemeinden zu bewerben und festzulegen, was der kulturelle Teilhabenutzen für die Gemeinde ist. Es ging stark darum, etwas in der Gemeinde, für die Gemeinde oder für die Menschen in der Gemeinde zu tun. Aktuell ist zum Beispiel die Gemeinde Hintersee ausgewählt worden, ein spannender Ort, denn Hintersee ist schwierig zu erreichen und nicht an der vordersten Front der kulturellen Spitze zu finden. Es wird interessant sein, zu beobachten, wie solche Prozesse gelingen. Die ORTung ist ein Versuch, unterschiedliche Gemeinden mit Kulturvereinen zusammenzuspannen, dort Geld zu investieren und etwas zu machen, das sich bewusst auf die Teilhabe der lokalen Menschen konzentriert.

Eine interessante Rolle nehmen auch die LEADER-ManagerInnen bzw. die LEADER-Projekte ein, einem Förderprogramm der Europäischen Union (http://leader.pongau.org/foerderung/).

Persson Perry Baumgartinger, Dilara Akarçeşme, Karl Zechenter (2018): „Die Anwesenheit von anderen kulturellen Prägungen ist in Salzburg kein Thema.“. Ein Interview mit Karl Zechenter von Persson Perry Baumgartinger und Dilara Akarçeşme . In: p/art/icipate – Kultur aktiv gestalten #09 , https://www.p-art-icipate.net/die-anwesenheit-von-anderen-kulturellen-praegungen-ist-in-salzburg-kein-thema/