„Die Frage ist ganz einfach: Wer spricht in der Kunst …“

Ein Interview mit Ljubomir Bratić von Laila Huber und Elke Zobl

Wer sind die AkteurInnen des Chor des 29. November? Aus welchem Hintergrund kommen die Leute, die sich in dem Chor engagieren?

Das ist sehr verschieden. Die Fluktuation, das ständige Kommen und Gehen, ist ein integrale Bestandteil des Projektes. Es gibt Leute, die von Anfang an regelmäßig kommen; es gibt Leute, die alle sechs Monate mal vorbeischauen; und es gibt Blöcke, die kommen und dann gehen sie wieder und dann kommen wieder neue. Seit neuestem dirigiert eine Frau, weil der vorherige Dirigent nach Amsterdam ausgewandert ist. Die neue Dirigentin kommt aus Zagreb, schreibt ihre Dissertation in Wien, und ist musikalisch gut ausgebildet, insofern wird das, was das Singen betrifft, ein Vorteil sein, aber es macht natürlich auch etwas mit dem Kollektiv. Ansonsten funktioniert es so, dass es bestimmte VerantwortungsträgerInnen gibt, die bestimmte Aufgaben übernehmen. Zu den Chorproben kommen in letzter Zeit jedes Mal so zwischen 15 und 25 Menschen, mit einem derzeitigen Überschuss an Frauen. Das ist interessant, denn es gab einmal eine Zeit, in der es einen Überschuss an Männern gab. Am Anfang waren noch mehr mit einem jugoslawischen Hintergrund dabei, das ist jetzt nicht mehr der Fall und hat sich inzwischen sehr diversifiziert, obwohl wir auch am Anfang Leute aus Italien, Spanien, Bulgarien etc. gehabt haben.

Es gibt einen politischen Kern, der in Richtung politische Aktionen denkt, und dann gibt es noch einen weiteren Kreis an Menschen, die einfach Freude am Singen haben, in Verbindung mit Partisanen- und Arbeiterkampfliedern, aber auch sonstigen Protestliedern oder „Gastarbeiterliedern“: Derzeit wird zum Beispiel Cem Karacas „Es kamen Menschen an“ geprobt. Die hegemoniale Rolle, die manche der Lieder in Jugoslawien eingenommen haben, ist uns natürlich nicht entgangen, weswegen wir sie auch verfremden, z.B. indem wir in die Lieder eingreifen, die Sprachen vermischen. Einige Lieder singen wir auf Spanisch und auf Serbokroatisch; wir haben eine Zeitlang international in sechs Sprachen gesungen. Sprachen sind ganz wichtig. Wir haben entdeckt, dass man eine Sprache nicht verstehen muss, um sie singen zu können. Das sind solche Experimente, die da laufen, die sich ergeben, und dann entsteht daraus eine Choreographie, die sich entwickelt und auch wieder vergeht. Dann möchte man wieder was Neues, abhängig von den Leuten, die gerade dabei sind, und abhängig von den Situationen, die bewältigt werden müssen.

Es ist erstaunlich, dass es das Projekt nach wie vor gibt, weil wie gesagt am 29. November der vierte Geburtstag gefeiert wird. Es wird ein Konzert geben und auch eine Aufnahme auf CD, obwohl wir eher ein Straßenchor sind, was nur auf der Straße oder in Konzerthallen wirkt, wo wir das Publikum direkt vor uns haben und die Atmosphäre einatmen können. Am Anfang haben wir es mit einer Studioaufnahme versucht, das hat fürchterlich geklungen. Aber es gibt eben doch Überlegungen in diese Richtung, um den Chor auch breiter präsentieren zu können.

Herzlichen Dank für das Interview!

 

Leider sind in den PDF-Versionen einige Sonderzeichen nicht richtig umgewandelt. Wir entschuldigen uns dafür!

Elke Zobl, Laila Huber (2014): „Die Frage ist ganz einfach: Wer spricht in der Kunst …“. Ein Interview mit Ljubomir Bratić von Laila Huber und Elke Zobl. In: p/art/icipate – Kultur aktiv gestalten #04 , https://www.p-art-icipate.net/die-frage-ist-ganz-einfach-wer-spricht-in-der-kunst/