„Eine Veränderung der Kulturinstitutionen steht an.“

Ivana Pilić im Gespräch mit Anita Moser über kollektive Schaffensprozesse, heterogene Teams und positive Diskriminierung als Strategien kultureller Teilhabe

Was macht ihr neben der Kommunikation, damit möglichst viele an den Projekten teilnehmen können?

Wenn es begrenzte Plätze gibt, wird positiv diskriminiert. Da wird tatsächlich gesteuert, damit man eine soziale Durchmischung schafft. Es gibt ganz viele Formate, die frei sind, da können alle kommen. Beim Brunnenchor aber beispielsweise gibt es eine begrenzte Anzahl von Plätzen. Er besteht aus 120 Leuten, die Warteliste ist aber doppelt so lang. Dass das Programm kostenlos ist, erleichtert es den Menschen sicher, den Zugang zu finden. Es geht aber auch ohne diese Kostenlosigkeit, zum Beispiel mit gestaffelten Beträgen. Eines ist uns auch noch aufgefallen: Menschen, die beispielsweise von 6 Uhr früh bis 7 Uhr abends am Markt arbeiten, können unter der Woche nicht gut am Abendprogramm teilnehmen, weil sie natürlich müde sind. Deshalb sind die Samstags- und Sonntagsprogramme nicht unwesentlich.

Andere Dinge mussten wir selbst erst lernen: Wir hatten eine große Theaterproduktion mit dem Volkstheater in Wien. Eine der Hauptproben wurde im Sommer in den Ramadan gelegt. Da sind drei Leute ausgestiegen. Solche Barrieren berücksichtigt man im Laufe der Zeit immer stärker, weil man sie gelernt hat. Man bekommt das schneller mit, wenn man Leute im Team hat, die darauf achten, weil sie selbst beispielsweise gläubige Muslime sind.

Wer konnte bisher nicht an den Projekten teilnehmen?

Rund um den Brunnenmarkt gibt es eine große türkische Community und auch eine große Community aus dem ex-jugoslawischen Raum. Es gibt punktuelle Veranstaltungen, wo die Community aus dem ex-jugoslawischen Raum gut erreicht wird, aber insgesamt tun wir uns schwerer, sie zu erreichen.

Gibt es Vermutungen warum?

Es gibt einerseits natürlich Ressentiments in den einzelnen Communities anderen Communities gegenüber. Ein anderer Grund könnte sein, dass die ex-jugoslawische Community bereits Lokale hat, in denen man sich abends trifft und isst. Das ist ein Konkurrenzprogramm. Wenn man Filme aus dem ex-jugoslawischen Raum zeigt, bringt man die Leute durchaus her. Man schafft es eben über punktuelle Geschichten. Rund um 50 Jahre Gastarbeiter aus Exjugoslawien hatten wir Veranstaltungen, wo es uns auch wieder gelungen ist. Es funktioniert eher schleppend.

 

Anita Moser, Ivana Pilić (2019): „Eine Veränderung der Kulturinstitutionen steht an.“. Ivana Pilić im Gespräch mit Anita Moser über kollektive Schaffensprozesse, heterogene Teams und positive Diskriminierung als Strategien kultureller Teilhabe . In: p/art/icipate – Kultur aktiv gestalten #10 , https://www.p-art-icipate.net/eine-veraenderung-der-kulturinstitutionen-steht-an/