„Eine Veränderung der Kulturinstitutionen steht an.“

Ivana Pilić im Gespräch mit Anita Moser über kollektive Schaffensprozesse, heterogene Teams und positive Diskriminierung als Strategien kultureller Teilhabe

Wie würdest du die Förderlandschaft in Österreich beurteilen? Welche Erfahrungen gibt es da?

Das ist tatsächlich – natürlich verschärft 2018 durch die neue Regierung, aber auch davor – eher ernüchternd. In Deutschland gibt es mittlerweile flächendeckendere Programme, wo beispielsweise von der Kulturstiftung des Bundes im Programm 360° für eine große Kulturinstitution Personal zur Verfügung gestellt wird, um über zwei, drei Jahre einen Diversitätsprozess innerhalb der Institution durchzumachen. Da stehen wir in Österreich noch bei null. Es gibt beispielsweise auch Konzepte, um alte Stadtbüchereien in neue Orte von Teilhabe und Teilnahme zu transformieren. Diese neuen Konzepte haben wir in Österreich noch nicht. In Deutschland gibt es auch ein viel stärkeres Bewusstsein für Think- und Do-Tanks im Sinne von strategischen Projekten oder Institutionen, die sich systematisch und strategisch anschauen, wo Geld in die Hand genommen wird oder werden muss. Diese Ebene fehlt bei uns völlig.

Was schon passiert, ist, dass in Wien in den letzten Jahren neue Programme entstanden sind: Durch die Grünen in der Stadtregierung ist ein Festival wie die Wienwoche dazugekommen. Kültür gemma!*1 *(1) ist ein weiteres Beispiel. Dort werden junge migrantische Künstler*innen unterstützt und sie bekommen finanzielle Stipendien, damit sie künstlerisch weiterarbeiten können. Das sind aber noch zarte Pflänzchen.

Mir ist auch aufgefallen, dass seit 2015, dem Sommer der Migration, zunehmend Projekte mit und für Geflüchtete finanziert werden, auch im Kulturbereich. Ich sehe das sehr ambivalent, weil das alles unter dem Interkultur-Label läuft. Das sind feigenblattartige Token-Projekte: Es gibt eine kurze Einbeziehung von marginalisierten Gruppen, die dann im Theater vielleicht noch ihre traurigen Schicksale einem bürgerlichen Publikum vortragen. Solche Sachen helfen uns eigentlich gar nicht, Strukturen zu verändern. Ich sage nicht, dass alle Projekte deswegen schlecht sind. Es gibt ganz viele, die großartig sind. Es hat aber nicht dazu geführt, dass man diese Heterogenität der Bevölkerung als Maßstab nimmt.

 

Umverteilung von innen nach außen und Konzepte, die aus dem selbstreferenziellen Rahmen von Kunst- und Kulturproduktion hinausgehen

Welche Empfehlungen oder Forderungen hast du an die Kulturpolitik?

Ich glaube, die erschließen sich aus dem, was ich schon gesagt habe: Es bräuchte tatsächlich für die großen, staatlich finanzierten Kulturinstitutionen Vorgaben, was diskriminierungssensibles Arbeiten bezüglich ihres Personals bedeutet, welche Quoten es braucht, wie die Programmzusammensetzung sein muss, mit welchen Künstler*innen man zusammenarbeitet und so weiter. Letztlich haben die etablierten Häuser einen öffentlichen Auftrag und den würde ich nachschärfen. Abseits davon braucht es eine Umverteilung von innen nach außen. In Wien ist das Kulturangebot unglaublich stark in den inneren Bezirken konzentriert und kaum in den Außenbezirken. Es bräuchte auch stärkere Impulse in den ländlichen Regionen, was natürlich eine Umverteilung bedeutet.

Leute, deren soziale Distanz zu den großen Kulturhäusern am größten ist, sind auch räumlich am weitesten von ihnen entfernt. Da muss man dagegensteuern. Ich habe über das Arbeitertheater in den 1920er Jahren gelesen. Damals war auch schon der Aufruf da, dass wir in die Regionen und den ländlichen Raum hinaus müssen. Es ist also keine neue Debatte.

Es geht auch darum, womit man rausgeht. Es gibt in den soziokulturellen Institutionen immer diesen Anspruch auf Kunst und Kultur für alle. Das ist ein rhetorisches Mantra. Wenn man sich anschaut, was in der freien Szene passiert, ist vieles davon auch nicht viel offener als das, was in den etablierten, großen Kulturhäusern passiert. Es braucht mehr Konzepte, die aus dem selbstreferenziellen Rahmen hinausgehen, in dem sich Kunst- und Kulturproduktion gerade bewegt, und die sich für mehr Menschen erschließen.

Anita Moser, Ivana Pilić (2019): „Eine Veränderung der Kulturinstitutionen steht an.“. Ivana Pilić im Gespräch mit Anita Moser über kollektive Schaffensprozesse, heterogene Teams und positive Diskriminierung als Strategien kultureller Teilhabe . In: p/art/icipate – Kultur aktiv gestalten #10 , https://www.p-art-icipate.net/eine-veraenderung-der-kulturinstitutionen-steht-an/