„Enter now“: Digitalisierung, virtuelle Kunst und Partizipation

David Röthler im Gespräch mit Dilara Akarçeşme

Zentral für unsere Forschungsprojekt sind die Potenziale der Digitalisierung für die Teilhabe marginalisierter Personen. Hast du Erfahrung dazu, welche Zuschauer*innen-Gruppen von digitalen Angeboten profitieren?

Wo der Habitus eine Rolle spielt, schafft Digitalisierung bestimmt neue Zugangsmöglichkeiten. Für Personen, die in das Burgtheater, in die Staatsoper oder zu den Salzburger Festspielen gehen möchten, kann man über digitale Vermittlungsangebote versuchen zu zeigen, wie es dort aussieht, wie es dort zugeht und was man anziehen soll. Solange diese Veranstaltungen im Musikverein, im Festspielhaus etc. stattfinden, bleibt die Schwelle trotzdem sehr hoch. Es bieten aber beispielsweise die Berliner Philharmoniker Konzerte per Livestream oder auch als Aufzeichnung in sehr guter Qualität an. Das kostet dann einfach Geld, was auch wieder eine Hürde darstellt. Ich nehme allerdings an, dass die Personen, die diese Angebote wahrnehmen, ohnehin dem angestammten Publikum angehören und solche Angebote zu Hause zusätzlich in Anspruch nehmen, etwa dann, wenn sie Konzerte nicht physisch besuchen können. Auch werden sie wahrscheinlich von den vielen Fans der Berliner Philharmoniker in Japan wahrgenommen, die natürlich nicht jedes Mal nach Deutschland kommen können. Es wäre jedenfalls interessant zu sehen, ob sich das Publikum der digitalen Philharmonie vom Livepublikum unterscheidet.

 

Ein weiteres Thema ist das Stadt-Land-Gefälle in Salzburg. Könntest du dir vorstellen, dass Digitalisierung diesem Gefälle entgegenwirken könnte?

Wenn bei Kulturproduktionen oder Beteiligungsprojekten der digitale Raum im Fokus steht, besteht die gleiche Distanz, egal ob am Land oder in der Stadt. Wir hatten einmal überlegt, Atelierbesuche zu veranstalten, um dort interaktive Künstlerinnen- und Künstlergespräche zu führen. Dann macht es keinen Unterschied, wo man sich befindet. Gerade heute hatten wir zum Beispiel eine schöne Workshop-Schaltung mit einer Gruppe in Indien. Unter der Leitung von Elke Zobl wurden gemeinsam mit Studierenden in Mumbai Zines produziert. So können Menschen theoretisch an jedem Ort gemeinsam Theater spielen, ihre Gedichte vorlesen oder Fotos zeigen. Damit ist die geographische Distanz kein Problem mehr. Natürlich bleiben andere Herausforderungen. Einrichtungen müssen wissen, wie die Videoverbindung hergestellt werden kann und müssen sich trauen, das auszuprobieren. Wer von zu Hause teilnimmt, muss einerseits über das technische Equipment verfügen, andererseits benötigt man auch etwas Erfahrung im Umgang damit. Man kann sich aber verschiedenste Maßnahmen überlegen, wie man Hürden reduzieren kann.

 

Wie schätzt du den Umgang mit dem Thema der Digitalisierung in der Kulturlandschaft Salzburgs allgemein ein?

Die Frage ist, an wen man dabei denkt. Ist das die Kulturverwaltung des Landes, sind es Kulturpolitiker_innen oder Menschen in der Kulturarbeit? Es gibt beispielsweise eine Person in der Kulturabteilung des Landes, die sehr begeistert von diesen Ideen ist und Projekte dieser Art unterstützt hat. Das waren etwa Kulturgespräche aus Kultureinrichtungen im Land Salzburg. Dieses Projekt könnte man auch ganz anders denken, nämlich mehr in Richtung gemeinsames kulturelles Produzieren. Interesse und Bewusstsein sind durchaus vorhanden, aber mit Sicherheit nicht bei allen in der Kulturabteilung, beziehungsweise in der Kulturpolitik. In der Kulturszene selbst gibt es zum Teil sicher auch ein Bewusstsein für diese Art von Konzepten und Ideen.

 

Die Einschätzung von unserem Forschungsteam ist es, dass dennoch viele Kultureinrichtungen gerade auch in Bezug auf ihren Webauftritt die Barrierefreiheit erhöhen könnten. Wie siehst du das?

Ich glaube, dass sich mittlerweile auch nicht sehr barrierefreie Webseiten gut mit Spracherkennung, Braille-Zeilen oder anderen Tools auslesen lassen. Das heißt, es gibt Tools, die die Defizite nicht-barrierefreier Webseiten weitgehend ausgleichen können. Zum Beispiel gibt es darunter einige für Bilderkennung, für den Fall, dass vergessen wird, ein Bild zu beschriften. So kann trotzdem erkannt werden, was abgebildet ist. Aber selbstverständlich ist es besser, wenn man das selber eingibt.

 

Dennoch bedeutet das, dass es größtenteils an den User*innen liegt, sich Skills und technische Tools anzueignen, um Barrieren zu überwinden. Diesbezüglich sind Jugendlichen wohl im Vorteil, da sie mittlerweile Digital Natives sind. Denkst du, dass Kultureinrichtungen darauf zählen können, dass mit ihnen eine neue Generation an digitalen Kultur-Rezipient*innen oder -Teilhaber*innen heranwächst?

Gerade wenn es um kulturelle Produktion oder die Darstellung und Vernetzung des eigenen Lebensraums geht, oder darum, dass Jugendliche über den digitalen Raum erreichbar sind, birgt die Gewandtheit der Digital Natives große Potenziale. Die Jugendlichen werden aber auch nicht zufällig auf die Website des Festspielhauses gehen und schauen, welche Angebote es für sie gibt. Ich glaube, die Jugendlichen, die zum Festspielhaus kommen, sind jene, die über ihre Eltern dorthin kommen. Ein Arbeiterkind wird wahrscheinlich nur schwer von den Salzburger Festspielen erreicht, unabhängig davon, ob sie online sind oder nicht. Daher müssen andere Angebote und andere Arten von Erreichbarkeit geschaffen werden. Das heißt konkret, dass es viel mehr Vermittlungstätigkeit braucht. Die Einrichtungen müssen an die Schulen oder an die Jugendzentren herantreten, oder umgekehrt müssen die Jugendzentren zum Beispiel Exkursionen zu Kultureinrichtungen organisieren. Angebote alleine genügen nicht.

Wenn es darum geht, Jugendliche an etwas heranzuführen, kann das natürlich über das Spielerische oder über Wettbewerbe gut funktionieren. Es gibt ein großartiges Beispiel im Bereich der Musikvermittlung aus Berlin. Das Konzerthaus Berlin hat gemeinsam mit der Hochschule für Technik und Wirtschaft Berlin das sogenannte Virtuelle Quartett und eine App dazu entwickelt, die kostenlos ist und die Möglichkeit bietet, durch VR und AR mit Musik zu experimentieren. Es wurde als Kulturvermittlungsprojekt entworfen, um Musik auf spielerische Art und Weise zugänglicher zu machen. Das ist zwar nicht Gamification im eigentlichen Sinne, aber der spielerische Zugang ist hier sehr zentral.

 

Werbevideo – Das Virtuelle Quarett

 

Ein weiteres Beispiel, ebenso aus Berlin, ist die Komische Oper. Dort wurden im Publikumsbereich bei allen Stuhllehnen kleine Displays angebracht, auf denen Erklärungen oder Untertitel eingeblendet werden. Neben den Sprachen Deutsch, Englisch und Französisch wird in Anbetracht der großen türkischen Community in Berlin auch Türkisch angeboten

Dilara Akarçeşme, David Röthler (2020): „Enter now“: Digitalisierung, virtuelle Kunst und Partizipation. David Röthler im Gespräch mit Dilara Akarçeşme. In: p/art/icipate – Kultur aktiv gestalten #11 , https://www.p-art-icipate.net/enter-now/