„Es braucht die Zeit, um über Wertschätzung, Anerkennung und Verantwortung zu sprechen.“

Zentrale Aspekte und Herausforderungen in der Reallabor-Arbeit.
Hanna Noller im Gespräch mit Katharina Anzengruber

Welche Rolle haben künstlerische Zugänge im Zuge des Projektes bzw. für einzelne Realexperimente gespielt? Haben Sie auch mit Künstler:innen zusammengearbeitet?

Da würde ich sagen, wir als Architekt:innen sehen uns ja ein Stück weit selbst als Künstler:innen. Deshalb waren auf jeden Fall der Einfluss und auch die Kontakte da. Es haben auch einige zivilgesellschaftliche Akteur:innen, die als Künstler:innen arbeiten, an Realexperimenten mitgewirkt. Auch die Studierenden hatten in ihrer Rolle als angehende Architekt:innen in ihren Experimenten künstlerische Ansprüche. Es war ihnen wichtig, dass sie nicht nur funktionieren, sondern auch die Ästhetik stimmt. Die ansprechende Aufbereitung der Experimente war auch ein wichtiger Punkt in der Kommunikation nach außen. Wir arbeiteten von Anfang an mit einem Studio für visuelle Kommunikation zusammen, das Grafik und Website usw. gestaltete. Darauf zu achten, ist aus meiner Sicht auch besonders wichtig für die Kommunikation mit den Akteur*innen, da es Wertschätzung ihrer Arbeit gegenüber vermittelt. Dabei ist die Herausforderung, trotzdem die Offenheit dafür zu bewahren, sich selbst einzubringen und nicht mit fertig designten Projekten in die Öffentlichkeit zu gehen. Ein wichtiger Aspekt ist, die Balance zu finden, zwischen „Wie viel gibt man vor?“ „Wie viel gestalten wir schon selbst?“ und „Wie viel kann dann aber auch noch eingebracht werden?“ Die Kunst spielt auf jeden Fall eine unglaublich wichtige Rolle, damit Inhalten das Trockene, Wissenschaftliche, Technologische genommen wird. Auch bietet die Kunst eine Chance, auf einer anderen Ebene Diskussionsräume zu öffnen.

Finden Sie wichtig, dass die Kunst sich in die Vermittlung von gesellschaftlich relevanten Themen einbringt?

Ich glaube, das, was Künstler:innen sehr gut können, ist zu irritieren und Menschen in ihren alltäglichen Diskussionen, Handlungen einmal durcheinanderzubringen, etwas aufzubrechen und Menschen sozusagen aufzuwecken, zu fragen: „Moment einmal, warum machst du das eigentlich?“ Im Reallabor wünscht man sich ja inter- und transdisziplinären Austausch. Aber das bedeutet auch, dass sich erstmal alle von ihren bequemen Stühlen aufbewegen und alltägliche Handlungen hinterfragen müssen. Kunst kann, finde ich, dabei helfen und dazu inspirieren, etwas aus einem anderen Blickwinkel heraus zu betrachten. Sie kann einer Gesellschaft den Spiegel vorhalten und das ist ja auch ihre Aufgabe, zumindest ein Stück weit.

Ich komme jetzt zu einem Begriff, der für unser Forschungsprojekt ganz zentral ist: die Vermittlung. Was bedeutet Vermittlung für Sie? Was ist dabei zentral zu bedenken? – Vielleicht gerade dann, wenn es darum geht, spezifische Themen wie etwa die nachhaltige Mobilität zu vermitteln?

In Bezug auf die Reallabor-Arbeit muss einem in diesem Zusammenhang bewusst sein – und das ist eine weitere Herausforderung –, dass man immer wieder von vorne beginnen muss, weil laufend neue Akteur:innen, neue Studierende, neue Menschen dazukommen, die ‚auf einen Stand‘ gebracht werden müssen. Man startet und versucht sich zu öffnen, alle mitzunehmen, aber mit der Zeit festigt sich dann ein Akteur:innennetzwerk, bestehend aus Menschen, die sich schon auskennen, die gelernt haben, eine Sprache zu sprechen. Diese festen Strukturen immer wieder aufzubrechen und zu öffnen, bedarf immer wieder neuer Veranstaltungen und Workshops. Es passiert dann auch, dass die Teilnehmer:innen aus den ersten Phasen ungeduldig werden. „Warum sprechen wir denn schon wieder darüber? Das ist doch eigentlich klar! Wir müssen radikalere Entscheidungen treffen!“ – Sätze wie diese kamen auch in unserem Reallabor immer wieder in der Diskussion auf. Von daher: Ein zentraler und zugleich herausfordernder Aspekt der Vermittlungsarbeit in einem Reallabor ist meiner Meinung nach, zu vermitteln, dass die Vermittlung zu jedem Zeitpunkt eine große und wichtige Rolle spielt und dafür auch die Voraussetzungen zu schaffen.

Wenn man Ihre Website betrachtet, dann sieht man, dass ganz unterschiedliche, vielfältige Vermittlungsräume in den Realexperimenten realisiert wurden. Gibt es hier oder gab es hier einen konkreten Ort oder konkrete Orte, die Sie zur Verfügung hatten bzw. zur Verfügung stellen konnten? Also gab es beispielsweise so etwas wie mobile Räume?

Zum einen konnten wir die Räumlichkeiten der Uni nutzen, auch die Werkstätten, in denen die Studierenden arbeiten konnten. Aber auch da waren immer wieder Fragen der Versicherung und Betreuung zu regeln. Zum anderen war es aufgrund der engen Zusammenarbeit mit der Verwaltung der Stadt Stuttgart möglich, einige Aktivitäten im Rathaus stattfinden zu lassen. Auch im Stadtpalais beziehungsweise im Stadtmuseum Stuttgart, oder im Kunstverein Baden-Württemberg konnten immer wieder öffentliche Veranstaltungen, Workshops oder Ausstellungen stattfinden. Es war uns sehr wichtig, regelmäßig die Uni zu verlassen, um eben nicht im Elfenbeinturm der Wissenschaft zu bleiben und so niederschwellig wie möglich zu sein. Wir bemühten uns, raus in die Stadt, in den öffentlichen Raum zu gehen, denn nur dort ist es für alle möglich, Zugang zu Themen zu finden, die ja auch alle betreffen – in unserem Fall die Mobilität. Durch die Zusammenarbeit mit der Initiative Stadtlücken konnten wir beispielsweise auf den ehemaligen Parkplatz Österreichischer Platz zugreifen und dort Realexperimente umsetzen. Man konnte dort auch zufällig vorbeikommen. Es war uns also möglich, an verschiedenen Orten zu sein. Das war uns auch von Anfang an sehr wichtig.

Hanna Noller, Katharina Anzengruber (2021): „Es braucht die Zeit, um über Wertschätzung, Anerkennung und Verantwortung zu sprechen.“. Zentrale Aspekte und Herausforderungen in der Reallabor-Arbeit.
Hanna Noller im Gespräch mit Katharina Anzengruber . In: p/art/icipate – Kultur aktiv gestalten #12 , https://www.p-art-icipate.net/es-braucht-die-zeit-um-ueber-wertschaetzung-anerkennung-und-verantwortung-zu-sprechen/