„Es braucht öffentliche Räume, in denen Neues erdacht werden kann!“

Das Konzept der Zukunftswerkstätten
Ein Interview mit Hans Holzinger und Walter Spielmann

Elke Zobl: Die Frage war dahingehend, welches Demokratie- und Politikverständnis euch zugrunde liegt. Was ist genau euer Zugang?

Walter Spielmann: Zu motivieren, sich auch zu trauen, kreativ, schräg und nicht systemkonform zu denken. Hans hat was ganz Wichtiges gesagt: Natürlich haben wir aufgrund unserer Lektüre und unserer Beschäftigung mit Zukunftswerkstätten sehr viel im Hinterkopf und können auch Impulse geben, nur darf man sich selber nicht zur Partei machen und sagen „So muss es gehen“, sondern es muss von der Gruppe kommen.

Elke Zobl: Ich meine, das Verständnis, wie man Demokratie denkt, schlägt sich ja auch darin nieder, wie man die Fragen an die Bürger*innen oder Teilnehmer*innen stellt.

Walter Spielmann: Aber entschuldige, die zentrale Frage wäre aus meiner Sicht immer: „Was ist dir, was ist euch wichtig?“, also die Menschen ernst zu nehmen.

Hans Holzinger: Und auch der Appell, die beengenden Denkräume aufzubrechen, über Wünsche und Sehnsüchte zu phantasieren.

Laila Huber: Denkt ihr, dass man mit der Methode der Zukunftswerkstatt die repräsentative Demokratie auch verändern oder erweitern kann?

Walter Spielmann: Ja, unbedingt.

Laila Huber: Die Frage ist: Wie wird Demokratie verstanden, wie wird Politik verstanden? Ist es nur dieses institutionalisierte System, in dem Expert*innen entscheiden und sprechen, oder kann man sich eine ganz andere Form von direkter Demokratie oder eine stärker partizipative Form des Politikverständnisses vorstellen?

Walter Spielmann: Auf alle Fälle als Ergänzung und ich würde sogar sagen als eine wichtige Grundlage einer lebendigen repräsentativen Demokratie. Diese beiden gehören irgendwie verschraubt oder verzahnt oder in ein fließendes Miteinander gebracht, und das fehlt uns.

Hans Holzinger: Wichtig ist, darauf zu achten, was mit den Ergebnissen passiert. Werden diese nicht ernst genommen, besteht bei allen Partizipationsprozessen die Gefahr, dass es bei einer Art von Dampfablassen bleibt: „Ihr dürft etwas entwickeln, aber letzten Endes wird weitergemacht wie bisher.“ Das ist frustrierend, und es fehlt dann auch der wesentliche Teil. Die Zukunftswerkstatt ist eine Form, gesellschaftspolitisch zu wirken. Ich halte auch liebend gern Vorträge, wo andere sich auf meine Zukunftsvorstellungen einlassen. In beidem geht es zunächst einmal darum, scheinbare Gewissheiten oder Dogmen zu hinterfragen. Denn wenn ich die falschen Fragen stelle, bekomme ich nur zufällig die richtigen Antworten. Die Stärke der direkten Demokratie aus meiner Sicht sind die Debatten davor. Bis jetzt war das Grundeinkommen in der Schweiz kein Thema, aber durch die Volksabstimmung wurde über das Für und Wider intensiv diskutiert und man weiß, dass zumindest 25 Prozent der Abstimmenden sich dieses wünschen.

Elke Zobl, Laila Huber (2016): „Es braucht öffentliche Räume, in denen Neues erdacht werden kann!“. Das Konzept der Zukunftswerkstätten Ein Interview mit Hans Holzinger und Walter Spielmann . In: p/art/icipate – Kultur aktiv gestalten #07 , https://www.p-art-icipate.net/es-braucht-offentliche-raume-in-denen-neues-erdacht-werden-kann/