„Es braucht öffentliche Räume, in denen Neues erdacht werden kann!“

Das Konzept der Zukunftswerkstätten
Ein Interview mit Hans Holzinger und Walter Spielmann

Laila Huber: Aber entlasst ihr die Leute dann nach der Zukunftswerkstatt sozusagen und überlasst ihnen die weitere Umsetzung oder gibt es Hilfestellungen?

Hans Holzinger: Im Grunde bräuchte es eine Weiterbetreuung nach der Zukunftswerkstatt. Ich wurde bisher ein paar Mal zu Evaluierungen des Umsetzungsprozesses eingeladen. Aber das passiert zu wenig.

Walter Spielmann: Wir erstellen grundsätzlich zu jeder Zukunftswerkstatt eine Dokumentation. Diese präzise schriftliche Zusammenfassung aller Inhalte wird den Teilnehmenden zur Verfügung gestellt. Normalerweise nimmt man sich von den vielen Ideen drei, vier Sachen vor, aber der ganze andere Schatz an Dingen, die auch angesprochen wurden, ist zumindest dokumentiert und man kann darauf zurückgreifen. Dieses Protokoll gibt es, aber sonstige Begleitung darüber hinaus findet selten statt. Das wird auch eher nicht nachgefragt, habe ich den Eindruck.

Hans Holzinger: Wirklich emanzipatorisch sind Zukunftswerkstätten, wenn aus diesen Prozesse entstehen, in denen Menschen wieder zusammenkommen und gemeinsam an etwas arbeiten. Denn es fehlen uns heute Versammlungskulturen, Menschen leben sehr vereinzelt. Wir haben dadurch an politischer Kraft verloren. Hoffnung geben die an Zahl und Kraft gewinnenden Nichtregierungsorganisationen.

Walter Spielmann: Wir haben in unserer Bibliothek eine Fülle an Wissen. Doch Bücher alleine sind es nicht. Jetzt gehen wir offensiv mit dem, was uns wichtig ist, an die Öffentlichkeit. Es braucht öffentliche Räume, in denen diskutiert wird. In denen Menschen zusammenkommen, um sich regelmäßig austauschen zu können.

Hans Holzinger: Das Bedürfnis ist gestiegen, ganz konkret irgendwo mitarbeiten zu wollen. In einer neuen Reihe „Projekte des gelingenden Wandels“ geben wir Initiativen ein Forum, sich vorzustellen. Auf dem „Salzburger Nachhaltigkeitsatlas“ werden die Projekte vorgestellt. Es geht um neue Wohnformen, Gemeinschaftsgärten, Foodkoops, Reparaturcafés, Carsharing etc. Diese Initiativen haben etwas Politisierendes, weil Menschen gemeinsam etwas anpacken. Sie könnten zu Inseln des Übergangs werden. Neue Dinge werden erprobt und können möglicherweise Routinen für die Gesellschaft insgesamt werden.

Wir danken herzlich für das Interview!


Mag. Hans Holzinger hat an der Universität Salzburg Germanistik und Geographie studiert. Er ist seit 1992 wissenschaftlicher Mitarbeiter und seit 2016 pädagogischer Leiter der Robert‐Jungk‐Bibliothek für Zukunftsfragen (JBZ). Er moderiert seit über 20 Jahren Zukunftswerkstätten und hat vor zwei Jahren die JBZ-MethodenAkademie ins Leben gerufen. 2010-2014 war er Lektor an der Alpen-Adria-Universität Klagenfurt zum Thema „Partizipative Zukunftsgestaltung“. Seine wissenschaftlichen Arbeitsschwerunkte sind Nachhaltigkeit, Zukunft der Arbeit und sozialen Sicherung, Partizipation und Demokratie sowie neue Wohlstandsmodelle. 2016 ist sein neues Buch „Von nichts zu viel – für alle genug. Perspektiven eines neuen Wohlstands“ (oekom, München) erschienen. Er ist Mitherausgeber der Zeitschrift „ProZukunft“.
Mehr: www.jungk‐bibliothek.org bzw. www.hans‐holzinger.org

Dr. Walter Spielmann hat an der Universität Salzburg Germanistik und Geschichte studiert. Er war bis zu seiner Pensionierung am 30. Juni 2016 Geschäftsführer der Robert-Jungk-Bibliothek für Zukunftsfragen. Er hat ab 1985 mit Robert Jungk die „Zukunftsbibliothek“ aufgebaut und dazu beigetragen, die Methode Zukunftswerkstatt in Salzburg zu verankern. Zu seinen inhaltlichen Schwerpunkten zählen Bildung und Wissensgesellschaft sowie die Rolle von Kunst und Kultur für eine kreative Zukunftsgestaltung. 2009 ist sein Buch „Die Einübung des anderen Blicks. Gespräche über Kunst und Nachhaltigkeit“ (JBZ-Verlag) erschienen. 2013 hat er gemeinsam mit Klaus Firlei den Band „Projekt Zukunft. 14 Beiträge zur Aktualität von Robert Jungk (Otto Müller-Verlag) herausgegeben. Er war 30 Jahre Herausgeber der Zeitschrift „ProZukunft“. Mehr: www.jungk‐bibliothek.org


Für die Transkription bedanken wir uns bei Dilara Akarcesme.

Elke Zobl, Laila Huber (2016): „Es braucht öffentliche Räume, in denen Neues erdacht werden kann!“. Das Konzept der Zukunftswerkstätten Ein Interview mit Hans Holzinger und Walter Spielmann . In: p/art/icipate – Kultur aktiv gestalten #07 , https://www.p-art-icipate.net/es-braucht-offentliche-raume-in-denen-neues-erdacht-werden-kann/