„Es ist an der Zeit, zu schauen, was unabhängig von Staat oder Institutionen möglich ist.“

Marissa Lôbo und Catrin Seefranz im Interview mit Persson Perry Baumgartinger und Dilara Akarçeşme.

Marissa Lôbo: Ich sehe das auch so. Ich bin jetzt nicht so pessimistisch, dass ich aufgegeben hätte, finde aber schon, dass unsere Kraft zu sehr auf Institutionen konzentriert war. Es hat durchaus etwas bewirkt und auch eine Utopie inspiriert. Es gibt schließlich auch eine neue Generation und einen neuen Diskurs von PoC und BIPoC, den es vor zehn Jahren nicht gab. Aber meine Arbeiten und Performances in solchen Organisationen oder auch als Künstlerin selbst waren fokussiert auf Kritik und auf Interventionen gegen weiße Vorherrschaft, gegen Kolonialgeschichten, für queernormative und queerhegemoniale Orte und für das Erarbeiten von Queer of Color-Produktionen.

Jetzt gerade befinden wir uns an einem wichtigen politischen Moment. Es ist an der Zeit, zu schauen, was unabhängig von Staat oder der Macht von Institutionen möglich ist. Eine Utopie zu haben ist wichtig. Es ist aber auch wichtig, zu überlegen, in welchem Moment wir uns gerade befinden und was in den letzten Jahren passiert ist. Es ist wirklich entscheidend, an selbstorganisierte autonome Orte als Möglichkeit mit weniger Abhängigkeit zu denken und zu arbeiten. maiz*2 *(2) ist dafür ein gutes Beispiel.

Catrin Seefranz: Vor allem in der aktuellen politischen und kulturpolitischen Situation ist das so wichtig, weil ich glaube, dass die neue Regierung*3 *(3)  noch viel mehr in Richtung Repräsentationskultur geht und die großen Player noch mehr fördert. Kleine politische Projekte werden sehr in Frage gestellt und das wird Folgen haben. Es ist ganz pragmatisch wichtig, sich alternative Formen zu überlegen, wie man kulturelle Praxis organisieren kann, ohne sich von Subventionen abhängig zu machen.

Marissa, würdest du sagen, dass es eine antirassistische Kulturpraxis ist, die sich in den letzten Jahren formiert hat?

Marissa Lôbo: Ja, sicher. In den letzten zehn Jahren waren wir sehr präsent, und das mussten wir auch sein. Wir hatten wirklich einen kritischen Diskurs und es wurde sehr viel Kunst- und Kulturarbeit aus einer dekolonialen Perspektive gemacht, die queer und antirassistisch ist. Es ist jetzt schon fast die zweite, dritte Generation. Für mich ist es aber im Allgemeinen schwierig, meine Arbeit von maiz zu trennen. Auch wenn ich als Künstlerin selbst politische Arbeit mache, sehe ich mich deshalb nicht allein. Wir waren viele, die in den letzten zehn Jahren wirklich mit Bilderpolitik, Diskurs und Performances sehr präsent in Medien wie auf Facebook waren.

Catrin Seefranz: Davon ist im so genannten Feuilleton aber unglaublich wenig angekommen. Der Umgang mit den Wiener Festwochen 2017 in der medialen Öffentlichkeit war erschreckend. Klar kann man sie kritisieren, man kann und muss ohnehin alles kritisieren. Aber es ist sehr schnell in einen Anti-Political-Correctness-Diskurs gekippt. Es war eine deutliche Aversion erkennbar, die massive Folgen hatte. Der Direktor konnte sich kaum retten und hat seine Hauptkurator_innen fristlos gekündigt. Das Programm der Festwochen ist folglich wieder mehr in Richtung einer sehr bekannten Repräsentationskultur gerückt und viele Sachen, die sie sehr forciert haben, wie post- oder dekoloniale Positionen, sind im Diskurs nicht mehr zu hören.

Das ist einerseits wenig überraschend, weil man weiß, wie kulturelle Hegemonie verteidigt wird. Andererseits fand ich es in dieser Heftigkeit doch überraschend und es zeigt, wie sich dieser Diskurs um Jahrzehnte zurückbewegt. Ich habe mir gerade die Literaturbeilage des Falter angesehen. Ich schätze die Literaturkritik dort zwar, aber ein immenser Sektor an Literatur kommt überhaupt nicht vor. Es sind immer nur die gleichen großen Verlage und die gleichen großen Schriftsteller_innen. Das ist eigentlich unglaublich. Da denke ich, hat sich an den Machtverhältnissen nicht viel verändert. Es gibt sehr viel an kritischer Praxis, aber in einer bestimmten Mehrheit ist diese nicht angekommen oder wird einfach ignoriert.

Marissa Lôbo: Ich sehe diese Aversion eigentlich als Resultat unserer Präsenz in den letzten Jahren. Die Ablehnung ist genau deshalb da, weil ein Diskurs um Political-Correctness und antirassistische oder queere Positionen im kulturellen Feld existiert. Diese Sichtbarkeit entstand nicht zuletzt durch eine Identitätspolitik in der Kunst- und Kulturarbeit. Das war eine große Störung.

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Ahmed, Sara. 2012. On being included: Racism and Diversity in Institutional Life. Durham: Duke University Press.

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Akarçeşme, Dilara. 2017. Die ‚Night School‘ bei den Wiener Festwochen 2017. Raum für Verhandlung und Produktion dekolonialisierten Wissens und Denkens in ‚weißen‘ Kontexten. In: p/art/icipate – Kultur aktiv gestalten #08. Online unter https://www.p-art-icipate.net/die-night-school-bei-den-wiener-festwochen-2017/ 

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maiz. o.J. maiz ist… Abgerufen von https://www.maiz.at/maiz/maiz-ist am 08.03.2019

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kültüř gemma! o.J. Projekt. Abgerufen von http://www.kueltuergemma.at/de/startpage/ am 08.03.2019

maiz ist ein unabhängiger Verein von und für Migrantinnen mit dem Ziel, die Lebens- und Arbeitssituation von Migrantinnen in Österreich zu verbessern, ihre politische und kulturelle Partizipation zu fördern sowie eine Veränderung der bestehenden, ungerechten gesellschaftlichen Verhältnisse zu bewirken. (vgl. https://www.maiz.at/maiz/maiz-ist )

Die damals neue ÖVP-FPÖ-Regierung ist mittlerweile bereits nicht mehr im Amt.

Persson Perry Baumgartinger, Dilara Akarçeşme, Marissa Lôbo, Catrin Seefranz (2019): „Es ist an der Zeit, zu schauen, was unabhängig von Staat oder Institutionen möglich ist.“. Marissa Lôbo und Catrin Seefranz im Interview mit Persson Perry Baumgartinger und Dilara Akarçeşme.. In: p/art/icipate – Kultur aktiv gestalten #10 , https://www.p-art-icipate.net/es-ist-an-der-zeit-zu-schauen-was-unabhaengig-von-der-macht-des-staates-oder-von-institutionen-moeglich-ist/