Felder zeichnen als künstlerisch-wissenschaftliche Praxis

Elke Bippus im Gespräch

BK: Wie würden Sie ein Feld definieren bzw. es von der Landschaft abgrenzen? Was ist der Unterschied zwischen Feld und Landschaft?

EB: In meinem Text habe ich von der Malerei her argumentiert. Eine Landschaft, die man ‚vor sich bringen’ möchte, eine Landschaft also, die als Bild konnotiert ist. Ein Bild, das einen dreidimensionalen Raum vorgibt, sich aber als Fläche zeigt. Etwas, das ich auf Distanz bringen kann. Diese Landschaft kann ich genießen, ohne in Bewegung sein zu müssen. Ich bewege mich durch das Bildliche einer Landschaft. Beim Feld ist es das Durchgehen.

BK: Und bei einer Karte?

EB: Bei der Karte habe ich nochmals eine andere Perspektive. Bei der Landschaft ist es ein Gegenüber und bei der Karte ist es eine Draufsicht. Bei einem Feld stehe ich im Feld und bin vom Raum umfangen. In den jeweiligen Perspektiven oder auch in den jeweiligen Beziehungen zu Landschaft, Karte oder Feld formulieren sich Unterschiede. Um das Feld zu erfassen, bin ich gezwungen mich zu bewegen. Auch um die Grenzen des Felds erfassen zu können. Damit erfahre ich das Feld immer durch eine sich stets veränderte und sich verändernde Bezüglichkeit.

BK: Sie haben auch über die Nähe und Distanz des Forschenden im Feld geschrieben. Geht es dabei um eine/n forschende/n Künstler/n, der/die eine Doppelfunktion einnimmt?

EB: Die künstlerische Forschung ist ein schon lange verfolgtes Thema von mir, aber auch ein schwieriges Thema, weil sich die Konstellationen in diesem Feld immer wieder verändern: dementsprechend gibt es Reaktionen etwa auf die Institutionalisierungen von künstlerischer Forschung, auf neue Diskurse und Sichtweisen. Zurzeit versuche ich künstlerische Forschung sehr eng zu führen, damit es nicht alles und nichts ist und möchte ein Forschen in den Künsten davon unterscheiden. Künstlerische Forschung verbinde ich mit künstlerisch-wissenschaftlichen Methoden und dem Anliegen der Wissensproduktion. Von KünstlerInnen, die ihre Arbeitsweise als künstlerisches Forschen verstehen, erwarte ich, dass sie sich von der gängigen Arbeitsteilung in Praxis und Theorie distanzieren und eine Selbstdiskursivierung betreiben. Ich habe mich vor kurzem mit Group Material befasst. Ihre Arbeitsweise begreife ich als künstlerische Forschung, weil sie aktiv die Diskursivierung ihrer Arbeit betreiben: durch Publikationen und Symposien. Der Aspekt der Wissensproduktion ist in ihrer Arbeit zentral. Ebenso die teilnehmende Beobachtung, die sich zwischen Nähe und Ferne bewegt, einer Annäherung an den Gegenstand, ein sich Einlassen und eine Distanznahme, oder die Verschränkung von sinnlicher Erfahrung und Reflexion. Auch als Wissenschaftlerin begegnet mir diese Bewegung: Ich verliere mich in Texten und stoße zufällig auf den Text, von diesem aus auf einen anderen und ebenso auf andere künstlerische Arbeiten, d.h. ich folge nicht notwendig einer vorgängigen Systematik, diese bildet sich vielmehr mit dem Material. Insofern wird man von dem Material, das man untersucht, geführt und lässt sich treiben. Dann versuche ich in die Distanz zu gehen, bringe die mir wichtigen Kriterien und Fokussierungen ein. Ich denke, es gibt vergleichbare Prozesse in der künstlerischen Arbeit, die Bewegung zwischen Nähe und Ferne.

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de Certeau, Michel (1988): Kunst des Handelns, Berlin: Merve, insb. 87–92.

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Foucault, Michel (2003): Das Denken des Außen. In: Defert, Daniel/ Erwald, François (Hg.): Schriften zur Literatur. Frankfurt am Main: Suhrkamp, S. 208–233.

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Bruno Latour (2002): Zirkulierende Referenz. Bodenstichproben aus dem Urwald am Amazonas. In: Ders.: Die Hoffnung der Pandora. Frankfurt/Main, S. 36–95.

Auszug aus dem Gespräch zwischen Elke Bippus und Brigitte Kovacs vom 2.5.2016 in Salzburg.

Brigitte Kovacs, Elke Bippus (2017): Felder zeichnen als künstlerisch-wissenschaftliche Praxis. Elke Bippus im Gespräch. In: p/art/icipate – Kultur aktiv gestalten #08 , https://www.p-art-icipate.net/felder-zeichnen-als-kunstlerisch-wissenschaftliche-praxis/