Filmrezension: Was wir träumen

Im Film wird klar, dass eigentlich schon allein die Bezeichnung „unbegleitete Minderjährige“ eine Beschönigung der Realität ist, die zwar impliziert, dass sie alleine, vollkommen auf sich gestellt, ohne Eltern/Geschwister oder andere Angehörige sind. Die gefährliche Reise, aber auch der Grund für ihre Flucht aus dem Heimatland wird jedoch außer Acht gelassen, heruntergespielt, negiert. Sie werden als BetrügerInnen und SozialschmarotzerInnen deklariert. Auch diese Thematik findet im Film Erwähnung ‑ die Vorurteile und Diskriminierungen, denen sich die Jugendlichen ausgesetzt sehen.

Diese Odyssee, die die Jugendlichen hinter sich haben, die gefährliche, unsichere und weite Reise, die sie auf sich nehmen mussten, um nach Europa zu kommen, wird im Film ebenfalls thematisiert. Kleine Papierschiffchen aus Servietten gebastelt sowie Papierlampenschirme mit vielen Löchern, die auf der Bühne befestigt sind, erscheinen wie ein Symbol für diese Reise, die für viele noch immer kein Ende gefunden hat. Der Gedanke an die Zukunft, an ein Morgen, ist nach wie vor Luxus. Texte, die von den Jugendlichen während des Theaterstücks vorgetragen werden, geben einen Einblick in diese Odyssee, geben den ZuschauerInnen die Möglichkeit, ein wenig zu verstehen oder mitzufühlen, was diese Jugendlichen durchlebt haben.

Ein imaginäres Ballspiel der Jugendlichen auf der Bühne veranschaulicht ihren insgeheimen Wunsch, so sein zu dürfen wie alle anderen Jugendlichen ihren Alters ‑ frei, sorglos, mit einer Zukunft, Träumen und Visionen. Viel zu jung haben sie ihre Jugend und ihre Zukunft verloren. Aber auch die Sprachlosigkeit der Jugendlichen wird im Film thematisiert diese Unmöglichkeit, sich über die Geschehnisse, die sich im Heimatland, im Krieg, auf der Flucht nach Europa etc. ereignet haben, zu äußern. Das sind Traumata, die tief sitzen und die Jugendlichen sprachlos machen. Sie können darüber nicht reden und werden daher nicht verstanden. Im Film wird dies folgendermaßen ausgedrückt: „Sie tragen Bilder in sich, immer wiederkehrende unhintergehbare Bilder. Sie sprechen kaum darüber. Sie wollen das Vergessen lernen.“ Statt diese Jugendlichen als das zu sehen, was sie sind ‑ junge Menschen, die ein Recht auf eine Zukunft, Träume, Visionen und vor allem ein Leben in Frieden und Unversehrtheit haben ‑, werden sie oft wie Kriminelle behandelt, die unser System ausbeuten und uns unseren Reichtum streitig machen wollen.

„Was wir träumen“ ist ein Dokumentarfilm, der einen Einblick in das Leben „unbegleiteter minderjähriger Jugendlicher“ in Salzburg gibt, in dem sie selbst das Wort ergreifen können, um ihre Träume, Wünsche und Hoffnungen zu artikulieren. Meiner Meinung nach sollte dieser Film einem breiteren Publikum zugänglich gemacht werden, insbesondere auch Bildungseinrichtungen, um ihrer Isolation, Stereotypisierung und Unsichtbarkeit in der Öffentlichkeit entgegenzuwirken, und einen Dialog zu initiieren.

 

Veronika Aqra (2014): Filmrezension: Was wir träumen. In: p/art/icipate – Kultur aktiv gestalten #04 , https://www.p-art-icipate.net/filmrezension-was-wir-traumen/