„Gerade in ländlichen Räumen ist es wichtig, mit dem Begriff Feminismus zu arbeiten“

Stefania Pitscheider Soraperra im Gespräch mit Anita Moser über Entwicklungen, Herausforderungen und Teilhabestrategien des Frauenmuseum Hittisau

 

„Kultur ist mindestens so wichtig wie Straßenbau, Mobilität oder Landwirtschaft.“

 

Abgesehen von mehr Geld, was bräuchte es darüber hinaus von der Kulturpolitik?

Es braucht ein breites Bewusstsein auf politischer Ebene, dass Kulturarbeit mehr ist, als Veranstaltungen zu machen. Kultur gehört zu den tiefen Bedürfnissen von Menschen. Es ist sehr wichtig, dahingehend eine Nahversorgung zu sichern. Das muss die Politik begreifen. Kultur ist mindestens so wichtig wie Straßenbau, Mobilität oder Landwirtschaft.

 

Wie kommt ihr zu den Inhalten eurer Ausstellungen oder Projekte? Gibt es Prozesse mit der Bevölkerung, wo diese generiert werden?

Wir sammeln immer Themen, haben aber kein standardisiertes Prozedere dafür, wie das passiert. Eigenproduktionen sind für uns und den Ort wichtiger als Projekte, die wir von außen holen. Weil aber unsere finanziellen und zeitlichen Ressourcen begrenzt sind – für eine gute Ausstellung brauchen wir zwei Jahre –, können wir nicht immer Eigenproduktionen machen. Gerade bei diesen ist es sehr wichtig hinzuhören, was das Team sagt. Wir haben eine Altenpflegerin im Team und sie sagte, dass Pflege ein Thema sei, das hauptsächlich Frauen betrifft. „Können wir da einmal hinschauen?“, fragte sie. Das fing dann an zu gären und daraus entstand die Pflegeausstellung. Prinzipiell werden alle Themen im Team diskutiert, bei den Sonderprojekten gibt es Unterteams.

 

Welche Rolle spielen digitale Möglichkeiten der kulturellen Teilhabe? Gibt es Angebote dazu?

Wir würden in dem Bereich gerne sehr viel machen, aber wir stoßen sehr schnell an unsere Grenzen. Wir merken, dass selbst die Bestückung von sozialen Medien nicht einfach ist. Das Interesse und die Offenheit sind aber absolut da und auch das Bewusstsein, dass es sehr wichtig ist.

 

Gibt es ein Projekt, bei dem Ihrer Meinung nach kulturelle Teilhabe sehr gut funktioniert hat?

Ein sehr gutes Beispiel für ein gelungenes Projekt ist die Pflegeausstellung. Das ist natürlich auch ein Thema, das so viele Menschen betrifft. Das Thema der Ausstellung im Sommer ist die Geburtskultur; da ist es ähnlich. Das ist ein so universelles Thema, ob jung, ob alt, geboren sind wir alle. Wir alle haben eine Vorstellung davon und deswegen gibt es auch ein großes Interesse und eine große Lust, sich da einzubringen.

 

Ausstellung „pflege das leben“. Foto: Ines Agostinelli

 

Meinen Sie mit dem Einbringen, dass die Menschen Objekte zur Verfügung stellen?

Zum Beispiel, aber nicht nur. Wir veranstalten auch Open Spaces, wo es darum geht, die Fragen abzuholen, die die Leute haben. Was interessiert sie wirklich an dem Thema? Wo drückt der Schuh? Wenn es um Geburtskultur geht, geht es um Designerbabys oder Abtreibung oder Hausgeburten? Und um die Frage: Wie sollen unsere Kinder geboren werden? Bei diesen Veranstaltungen ist sehr gut zu sehen, wo es viel Interesse gibt oder wo Menschen viele Ideen haben. Es geht darum, diese abzuholen und zu schauen, wie sie sich mit dem Ausstellungskonzept decken, das parallel entworfen wird. Wir stellen uns immer die Frage, wie wir die angesprochenen Themen integrieren, wie wir sie dokumentieren können und wir die Prozesse in der Ausstellung sichtbar machen können.

Teilhabe passiert auch über Interviews. Gerade bei der Pflege haben wir sehr viele Interviews mit Betroffenen gemacht – Ich glaube, es waren 35.  Pflegerinnen aus der Slowakei waren genauso dabei wie Menschen mit beginnender Demenz oder die Eltern einer Tochter mit Angelman-Syndrom, die ihr Kind schon viele Jahre pflegen. Auch ein Mann, der seine Frau dreißig Jahre lang jeden Abend vom Pflegebett im Wohnzimmer in das gemeinsame Ehebett im Schlafzimmer gebracht hat, hat seine Geschichte erzählt. Wenn es darum geht zu schauen, wer eine Geschichte erzählen kann, spielen die Frauen in unserem Team eine wichtige Rolle, weil sie die Leute kennen, auf sie zugehen, sie motivieren.

 

Wie viele Personen nehmen an so einem Open Space teil?

Beim letzten waren es ungefähr 90. Es war eine große, professionell moderierte Veranstaltung – und die Fragen, die aus diesem Pool von Menschen kamen, waren sehr markant. Aus dem Open Space sind schließlich zwölf Themen hervorgegangen. Jenen Menschen, die aktiv ein Thema einbringen, ist dieses meistens ein großes Anliegen, das sie diskutieren möchten. Es gibt auch Leute, die solche Formate für Informationen nutzen und beispielsweise wissen möchten, ob es eine Möglichkeit gibt, in einer Alten-WG in einem Dorf zu leben, wenn sie in 20 Jahren so weit sind. Das sind auch interessante Fragen und oft kommen auch interessante Lösungsvorschläge.

Anita Moser, Stefania Pitscheider Soraperra (2020): „Gerade in ländlichen Räumen ist es wichtig, mit dem Begriff Feminismus zu arbeiten“. Stefania Pitscheider Soraperra im Gespräch mit Anita Moser über Entwicklungen, Herausforderungen und Teilhabestrategien des Frauenmuseum Hittisau. In: p/art/icipate – Kultur aktiv gestalten #11 , https://www.p-art-icipate.net/gerade-in-laendlichen-raeumen-ist-es-wichtig-mit-dem-begriff-feminismus-zu-arbeiten/