Gestaltung als Forschung

Kooperationspotenziale von Design-Based Research und Artistic Research am Beispiel des Projektes Kunst- und Kulturvermittlung im Brennpunkt

Erste Durchführungsphase

Kunst- und Kulturvermittlung im Brennpunkt startete zu Beginn des Sommersemesters 2015, wobei hintereinander zwei über mehrere Monate verlaufende Workshops von zwei verschiedenen KünstlerInnen abgehalten wurden. Bei den Projektdurchführungen gab es eine klare Rollenverteilung zwischen der kunstvermittelnden und der forschenden Tätigkeit: Im Vorfeld erfolgte ein kurzes Briefing der jeweils beteiligten KünstlerInnen durch den wissenschaftlichen Begleiter und Klassenlehrer (Autor des Beitrags und Leiter des Gesamtvorhabens) zu den theoretischen sowie praktischen Projekthintergründen. Daraufhin fand ein längeres Gespräch statt, in dem die KünstlerInnen ihm ihre Ideen für die Gestaltung des Workshops vorstellten. Diese wurden in Hinblick auf Anpassungs- bzw. Weiterentwicklungspotenziale sowie mögliche (zu vermeidende) Probleme gemeinsam diskutiert. Im Projektverlauf beteiligte sich der Projektleiter nur auf Wunsch der KünstlerInnen in der Funktion des Lehrenden am Unterricht und konzentrierte sich auf die beobachtende Forscherrolle. Zwischen den Unterrichtsphasen führte er nach Bedarf Reflexionsgespräche mit den KünstlerInnen durch. Neben der Video- und/oder Audiodokumentation sämtlicher Prozesse setzte er mehrere weitere Instrumente der (v.a. qualitativen) Sozialforschung ein: Fragebögen zu den Erwartungshaltungen und Erfahrungen der SchülerInnen, Gruppendiskussionen mit allen Beteiligten sowie abschließende Interviews mit ausgewählten Jugendlichen und der/dem jeweiligen KünstlerIn.

Auf die gesamten Forschungsergebnisse kann hier nicht eingegangen werden – einerseits aus Platzgründen und andererseits, weil der Fokus des vorliegenden Artikels sich auf die Entwicklung des Konzepts des Vorhabens richtet. Als dessen gravierende Schwäche stellte sich bald heraus, dass die erste Forschungsfrage im Rahmen des Projekts nicht zu beantworten war. Das Ziel, herauszufinden, welche Zugänge der zeitgenössischen Kunst- und Kulturproduktion die SchülerInnen besonders interessieren, sollte ursprünglich folgenderweise erreicht werden: Zu Beginn jedes Semesters würden mehrere KünstlerInnen eingeladen, um einige ihrer – nach Möglichkeit voneinander stark divergierender – Ansätze und Produktionen zu präsentieren. Von ihnen hätten die Jugendlichen zwei Personen für die Durchführung von Workshops auswählen können. Diese (im Vorfeld durchaus realistisch anmutende) Herangehensweise erwies sich im Projektverlauf als wenig praktikabel. Nicht zuletzt aufgrund der Tatsache, dass viele der KünstlerInnen, mit denen subnet zusammenarbeitet, ihren Tätigkeitsschwerpunkt in anderen Städten als Salzburg haben und deswegen nicht regelmäßig an der Unterrichtsgestaltung teilnehmen hätten können, was die Auswahlmöglichkeiten extrem einschränkte. Auch der Problemlösungsansatz, dass die – durch den Projektleiter und den Obmann von subnet eingebundenen – KünstlerInnen den SchülerInnen mehrere ihrer Zugänge anhand der Vorführung und Erläuterung eigener Arbeitsbeispiele zur Auswahl geben, ging nicht auf. Eine aus den Prozessbeobachtungen und Reflexionsgesprächen mit allen Beteiligten extrahierte Ursache dafür bestand darin, dass es den KünstlerInnen nicht gelang, den Jugendlichen verständlich zu machen, was sie in ihrer schöpferischen Arbeit taten. Deswegen wurde den SchülerInnen nicht klar, was aus den Präsentationen der KünstlerInnen in Hinblick darauf resultierte, was sie konkret im Rahmen ihrer Projekte machen könnten. Das war einer der Gründe dafür, warum beim ersten Workshop eine (Video-) Produktion entstand, mit dessen Qualität sowohl der Projektleiter als auch der beteiligte Künstler wenig zufrieden war und der zweite (ein Computermusikprojekt) mehr oder weniger scheiterte.*5 *(5)

Dass es zu Schwierigkeiten in der Kommunikation zwischen SchülerInnen und KünstlerInnen kommen würde, war für den Leiter des Vorhabens nicht ganz unerwartet – siehe Verweis auf den „Brennpunkt“ im Projekttitel sowie Formulierungen in der Beschreibung des Grundkonzepts in Hinblick auf das Ziel des „Annäherungsprozesses unterschiedlicher Welten“. Am Schluss der ersten Projektphase setzte er sich intensiver (als bereits davor) mit auf den Bildungsbereich bezogenen Ungleichheitsforschungen und den damit zusammenhängenden Ambivalenzen von Projekten wie diesem auseinander. Seine entsprechenden Publikationen (v.a. Pasuchin 2015bstar (*17) und Pasuchin 2016star (*18)) legt er ab da den beteiligten KünstlerInnen vor und diskutiert sie mit ihnen im Vorfeld ihrer Mitwirkung am Vorhaben.

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Anderson, Terry/Shattuck, Julie (2012): Design-based research: A decade of progress in educational research? In: Educational Researcher, 41(1), S. 16-25.

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Ars Electronica (Hg.). (o.J.): Art-Based Research. Online unter http://stageofparticipation.org/art-based-research (14.7.2016).

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Borgdorff, Henk (2009): Die Debatte über Forschung in der Kunst. In: Rey, Anton/Schöbi, Stefan (Hg.): Künstlerische Forschung: Positionen und Perspektiven. Zürich: ZHdK, S. 23-51.

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Borgdorff, Henk (2012): The conflict of the faculties: Perspectives on artistic research and academia. Amsterdam: Leiden University Press.

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Cahnmann-Taylor, Melisa/Siegesmund, Richard (Hg.) (2008): Arts-Based Research in Education: Foundations for Practice. New York/London: Routledge.

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Design-Based Research Collective (2003): Design-Based Research: An Emerging Paradigm for Educational Inquiry. In: Educational Researcher, 32(1), S. 5-8.

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Edelson, Daniel C. (2002): Design Research: What We Learn When We Engage in Design. In: The Journal Of The Learning Sciences, 11(1), S. 105-121.

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Euler, Dieter (2014): Design-research – a paradigm under development. In: Euler, Dieter/Sloane, Peter F.E. (Hg.) (2014): Design-Based Research. Stuttgart: Franz Steiner, S. 15-44.

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Euler, Dieter/Sloane, Peter F.E. (Hg.) (2014): Design-Based Research. Stuttgart: Franz Steiner.

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Frayling, Christopher (1994): Research in Art and Design. In: Royal College of Art Research Papers, 1(1), S. 1-5.

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FWF – Der Wissenschaftsfonds (Hg.) (2013): Programm zur Entwicklung und Erschließung der Künste (PEEK). Online unter www.fwf.ac.at/fileadmin/files/Dokumente/FWF-Programme/PEEK/ar_PEEK_dokument.pdf (31.8.2016).

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KUG – Kunstuniversität Graz (Hg.) (o.J.): Arts-based Research. Online unter  www.kug.ac.at/en/arts-science/arts-science/entwicklung-und-erschliessung-der-kuenste.html (30.8.2016).

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McKenney, Susan/Reeves, Thomas C. (2013): Systematic Review of Design-Based Research Progress. Is a Little Knowledge a Dangerous Thing? In: Educational Researcher, 42 (2), S. 97-100.

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Mörsch, Carmen (2005): Kinder, Lehrende, KünstlerInnen und BegleitforscherInnen machen keine Kunst (wen kümmert´s, wer das, was sie machen, wie bezeichnet) mit Medien – digitalen und analogen (mit was auch sonst). In: Mörsch, Carmen/Lüth, Nanna (Hg.): Kinder machen Kunst mit Medien: Ein/e ArbeitsbDVchD. München: kopead, S. 12-19.

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Mörsch, Carmen (2015): Undisziplinierte Forschung. In: Badura, Jens et al. (Hg.): Künstlerische Forschung. Ein Handbuch. Zürich: Diaphanes, S. 77-80.

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Pasuchin, Iwan (2015a): Kunst- und Kulturvermittlung im Brennpunkt. Online unter www.w-k.sbg.ac.at/zeitgenoessische-kunst-und-kulturproduktion/forschung/drittmittelprojekte/p-art.html (25.8.2016).

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Pasuchin, Iwan (2015b): Kunst- und Kulturvermittlung im Brennpunkt. Ambivalenzen einer (vermeintlich) unprätentiösen Zielsetzung. In: p/art/icipate – Kultur aktiv gestalten, 6. Online unter https://www.p-art-icipate.net/kunst-und-kulturvermittlung-im-brennpunkt(25.8.2016).

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Pasuchin, Iwan (2016): „Diplomatenkinder sind doch keine Ausländer!“ Grenzen des Klassenkampfes vom Klassenzimmer aus am Beispiel des medienpädagogischen Projektes Lehen Style. In Kronberger, Silvia/Kühberger, Christoph/Oberlechner, Manfred (Hg.): Diversitätskategorien in der Lehramtsausbildung. Innsbruck: Studienverlag, S. 136-143.

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Peters, Maria/Roviró, Bàrbara (2017): Fachdidaktischer Forschungsverbund FaBiT: Erforschung von Wandel im Fachunterricht mit dem Bremer Modell des Design-Based Research. In: Doff, Sabine/Komoss, Regine (Hg.): Making Change Happen: Wandel im Fachunterricht analysieren und gestalten. Wiesbaden: VS, S. 19-32.

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Peters, Sibylle (2013): Das Forschen aller – Ein Vorwort. In: Peters, Sibylle (Hg.): Das Forschen aller. Artistic Research als Wissensproduktion zwischen Kunst, Wissenschaft und Gesellschaft. Bielefeld: transcript, S. 7-21.

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Reinmann, Gabi (2005): Innovation ohne Forschung? Ein Plädoyer für den Design-Based Research-Ansatz in der Lehr-Lernforschung. In: Unterrichtswissenschaft, 33(1), 52-69.

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Reinmann, Gabi (2014): Welchen Stellenwert hat die Entwicklung im Kontext von Design Research? Wie wird Entwicklung zu einem wissenschaftlichen Akt? In: Euler, Dieter/Sloane, Peter F.E. (Hg.): Design-Based Research. Stuttgart: Franz Steiner, S. 45-61.

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Reinmann, Gabi (2015): Reader zum Thema entwicklungsorientierte Bildungsforschung. Online unter http://gabi-reinmann.de/wp-content/uploads/2013/05/Reader_Entwicklungsforschung_Jan2015.pdf(15.8.2016).

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Reinmann, Gabi/Sesink, Werner (2011): Entwicklungsorientierte Bildungsforschung (Diskussionspapier). Online unter http://gabi-reinmann.de/wp-content/uploads/2011/11/Sesink-Reinmann_Entwicklungsforschung_v05_20_11_2011.pdf(15.8.2016).

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Reinwand-Weiss, Vanessa-Isabelle (2013): Einführung: Forschung in der Kulturellen Bildung. Online unter www.kubi-online.de/artikel/einfuehrung-forschung-kulturellen-bildung (30.8.2016).

 

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Seufert, Sabine (2014): Potenziale von Design Research aus der Perspektive der Innovationsforschung. In: Euler, Dieter/Sloane, Peter F.E. (Hg.): Design-Based Research. Stuttgart: Franz Steiner, S. 79-96.

Für einen Ein- und Überblick zu dieser Thematik siehe Reinwand-Weiss (2013) und die damit zusammenhängenden Texte.

Nicht zuletzt damit wird argumentiert, dass bei Design-Based Research „trotz allen praktischen Problemlösewillens die Frage der Wissenschaftlichkeit nicht zu kurz“ kommt (Reinmann 2005: 67). Das dient auch als Begründung, warum dieser Zugang „mehr Chancen hat als bisherige Versuche integrativer Ansätze, sich in der wissenschaftlichen Landschaft einen Platz zu erobern“ (ebd.: 66).

Das bedeutet nicht, dass im DBR keine Formulierung von Hypothesen stattfindet. Jedoch werden diese im Falle, dass sie sich als nicht zutreffend erweisen, nicht verworfen, sondern als Ausgangspunkt für die Entwicklung modifizierter forschungsleitender Annahmen betrachtet (Euler 2014: 19).

Lehen ist einer jener Stadtteile der Stadt Salzburg, die prozentuell den höchsten Anteil sozio-ökonomisch exkludierter BürgerInnen bzw. solcher mit Migrationshintergrund aufweisen. Entsprechend ist auch die Zusammensetzung der SchülerInnenschaft an der Neuen Mittelschule Lehen.

Eine detaillierte Analyse aller Ursachen der Probleme kann im vorliegenden Artikel aus Platzgründen nicht vorgenommen werden. Da eine oberflächliche Darstellung der Projektverläufe sowohl den teilnehmenden SchülerInnen als auch den beteiligten KünstlerInnen nicht gerecht werden würde, wird hier darauf fast gänzlich verzichtet. Deswegen erfolgt ebenso lediglich die namentliche Erwähnung jener am Projekt beteiligten KünstlerInnen, die intensiv in die (Weiter-)Entwicklung des Gesamtkonzepts eingebunden waren.

Der Projektleiter ist zwar selbst (auch von der Grundausbildung her) Künstler und hat zahlreiche (medien-) künstlerische Projekte an Schulen durchgeführt. Mit Ansätzen der künstlerischen Forschung kam er aber erst im Verlauf der vorerst letzten Phase des hier beschriebenen Vorhabens in Berührung.

Bisher wurden solche Präsentationen im Bestreben nach der Herstellung eines „geschützten Rahmens“ nicht veranstaltet. Denn bei allen Vorteilen des Arbeitens auf eine Vorführung hin (v.a. in Hinblick auf den Aspekt der Motivation und des Engagements) besteht in Vermittlungskontexten mit „benachteiligten“ Kindern immer auch die Gefahr ihrer öffentlichen Zurschau- bzw. Bloßstellung. Um diesem Problem entgegenzuwirken, fühlen sich die beteiligten KünstlerInnen oft dazu verpflichtet, massiv in die Gestaltung der Endproduktionen einzugreifen, was im Widerspruch zu selbsttätigkeitsorientierten didaktischen Ansätzen steht (vgl. Mörsch 2005: 18). Der Lösungsansatz im vorliegenden Projekt besteht darin, nicht nur die Produkte, sondern auch die dahinter stehenden Prozesse (v.a. jene im Bereich der künstlerischen Forschung) zu präsentieren und mit dem Publikum zu diskutieren.

Iwan Pasuchin (2016): Gestaltung als Forschung. Kooperationspotenziale von Design-Based Research und Artistic Research am Beispiel des Projektes Kunst- und Kulturvermittlung im Brennpunkt . In: p/art/icipate – Kultur aktiv gestalten #07 , https://www.p-art-icipate.net/gestaltung-als-forschung/