„Hunt oder Der totale Februar“

2005 startet die Erfolgsgeschichte des Theaters am Hausruck

Auszug aus dem Gastgespräch mit Chris Müller zu Theater am Hausruck

Gastgespräch mit Chris Müller am 9.3. 2012 im Rahmen der Lehrveranstaltung „Berufsfeld Kulturmanagement“

© Pia Streicher

Im Interview haben wir Chris Müller speziell zu der Entstehung jener Theaterproduktionen befragt, die aus aktuellen Themenstellungen und stets in Bezug auf lokale Kontexte entwickelt und realisiert worden sind. Dass dabei – die sonst zumeist bevorzugt voneinander getrennte – organisatorische und künstlerischen Konzeption und Umsetzung eng miteinander verwoben ist, beschreibt Chris Müller als den Mehrwert des Theaters am Hausruck.

Seit 2005, aber vor allem ab 2008, habt ihr jedes Jahr eine aktuelle gesellschaftliche Fragestellung thematisch aufgegriffen: Wie hat sich der Prozess der Ideenentwicklung für die Theaterproduktion gestaltet?
Zuerst gab es zumeist die Phase der Ideengeburt. Grundideen sind aus meiner Auseinandersetzung mit aktuellen Geschehnissen in der Region, in der ich ja selbst lebe, entstanden. Dann sprach ich meine Idee und den gedanklich skizzierten möglichen Inhalt (mit Georg Schmidleitner, unserem Regisseur) ab. Georg forderte dann stets: „Gib mir Bilder, Bilder, Bilder“. Er verlangte nach Metaphern. Es folgten sehr intensive Gespräche, die ich als die politische und konzeptionelle Ebene beschreiben würde. Wir suchten gemeinsam nach Vergleichen und Differenzen zu anderen Theaterstücken, um die Idee theatral einzufassen und mit bereits bekannten Projekten abzugleichen. So entwickelten wir unsere Idee gemeinsam weiter. Wenn dann ein erstes konzeptionelles Gerüst stand, tauchten wir rasch – es bestanden ja keine langen Vorlaufzeiten – in die organisatorische Ebene. Ab hier arbeiteten wir sehr prozesshaft.

Was bedeutet „prozesshaft arbeiten“ in diesem Zusammenhang?
Bis 2008 gab es die beiden Autorenstücke „Hunt“ und „Zipf“. Ab 2008 haben wir gerade diese Autorenschaft zu zerbrechen gesucht. Das hat sich als unser Konzept für das Theater entwickelt. Wir wollten sozusagen selber „Theatergeschichte schreiben“. Wir versuchten Geschichten zu finden – meinerseits vor allem regional recherchierte Geschichten und Bezüge. Georg begab sich dann oft auf die Suche nach kontextuellen Bezügen aus der Mythologie oder Kulturgeschichte. Diese beiden Ausrichtungen haben sich dann oft bestens zusammengefügt. In Folge war es meine Aufgabe, all diese Gedanken und Bezüge in die Konzeption mit einzufassen. Die Details, die Gestaltung vor Ort und konkrete Abstimmung waren dann wieder Georgs Part. Generell: ein gutes Doppelpassspiel zwischen Georg und mir.

Und wie hat sich dieser Prozess weiterentwickelt?
In einem nächsten Schritt hat sich vor allem Stefan Brandtmayr, der als Stage-Designer für die Bühnengestaltung zuständig war, mit seinen Ideen und Vorstellungen eingebracht. Und ab hier hat sich der Prozess stets überlappend und überschneidend gestaltet: Reale und gegebene Fakten wie z.B. Schauplätze, regionale Strukturen oder auch zeitliche Abläufe mussten kontinuierlich mit der Fiktion, unserer ursprünglichen Idee, abgeglichen werden. Wir konnten mit unserem Konzept nicht einfach wie auf einer Bühne einen Ablauf nach konzeptionellen Vorgaben umsetzen. Der Organisationsprozess ist eng mit dem inhaltlichen Substrat verbunden und verschränkt. Die Ebene der Realität ist somit ein wesentlicher Faktor. Dieses Konzentrat aus Realität und Fiktion ist dann das Theater am Hausruck.

Das Ganze ist dann mehr als die Summe seiner Teile?
Exakt. Die gesamte Produktion ist wie ein Zusammenziehen von verschiedenen Tauen. Zahlreiche verschiedene Stränge – fiktional und real – fließen zusammen. Und als Koordinator drehst und wendest du diese Taue, ziehst sie schließlich zusammen und irgendwann sind diese Taue als Strang so stark verbunden, dass du exakt den roten Faden hast. Das ist das Prozesshafte in der Produktion.

Nochmals anders gefragt: Inwiefern hat der gesamte Organisationsprozess – im Zuge von Kooperationen, möglichen Fördergeldern, Zu- und Absagen bei z.B. Räumen oder Genehmigungen für öffentliche Plätze – Einfluss auf die rein künstlerische Gestaltung und Produktion?
Wir versuchen gleich von Beginn an beide Ebenen mitzudenken. Denn Organisation und künstlerische Produktion sind nicht zu trennen. Wir arbeiten mit einer Vision, mit einem großen leuchtenden Bild. Und dann gleichen wir – durch organisatorische Entwicklungen sowie gestalterische Ideen – bestehende und sich entwickelnde Gegebenheiten mit und auf dieses Bild ab. Diese Abstimmung gilt es als künstlerischer und organisatorischer Leiter stets im Kopf zu behalten.

Wie würdest du deine Rolle beim Theater am Hausruck nachträglich beschreiben?
Mittelfeldmotor. Also – wie im Fußball – derjenige der nach vor und nach hinten arbeitet und den Laden im Zaum hält (lacht).

Welches Ziel hat das Kernteam mit dem Theater Hausruck verfolgt?
Dem Publikum die Hand geben und gemeinsam dorthin gehen, wo bisher noch keiner war. Mir persönlich ging es eigentlich niemals primär um das Theater. Es hätte auch eine andere künstlerische Form sein können. Mir, aber ich denke uns allen, ging es vor allem darum, Neuland zu betreten. Georg hat dabei natürlich die Entwicklung des Theaters interessiert. Und Roland, aber auch mir, ging es natürlich auch ganz stark um eine regionale Entwicklung.

Der lokale Kontext und die aktive Mitgestaltung durch BewohnerInnen der Region hat jede eurer Produktionen geprägt. Wer konnte sich wie an euren Projekten beteiligen?
Es gab zahlreiche Möglichkeiten sich zu beteiligen. In der Mitwirkung als DarstellerIn und HelferIn. Aber auch als BotschafterIn und Generator. Durch die Einbindung in die Produktion waren viele als Sprachrohr, ja als lebendiger Flyer für das Stück unterwegs. Das hat sich auch als sehr positiver PR-Effekt herausgestellt.

Wie habt ihr darüber hinaus mit und in der Region das Projekt kommuniziert?
Vor allem auf einer persönlichen, aber auch politischen Ebene: Wir haben Vorträge in Wirtshäusern, bei regionalen Veranstaltungen, bei Festen, in Vereinshäusern, bei der Feuerwehr usw. gehalten. Wir sind von Ort zu Ort gezogen, damit auch in der Region spürbar wird: Da passiert was! Es wurden auch sogenannte „Botschafter“ ernannt, die praktisch jeden in der Region kennen und mit den Leuten bereits vorab über das Projekt, die Idee sprechen. Auch die Laiendarsteller entsprachen diesem Botschaftersystem. Wir sagten immer: Ihr und wir – das ist Theater Hausruck. Als Bestandteil des Projektes kommunizierten Beteiligte dann aus ihren persönlichen Erfahrungen heraus nach außen. Dann gab es Versammlungen, da wurde die Presse eingeladen, einzelne Geschichten wurden vorab lanciert. Und vieles mehr. Aus der Region heraus haben wir die Kreise der Kommunikation dann laufend erweitert.

Kannst du abschätzen welche finanziellen Auswirkungen das Projekt für die Region hatte?
Etwa 2,1 Millionen Euro sind seit 2005 nachweislich durchgerechnet in der Region geblieben – an Umweg-Rentabilität sowie an direkten Zahlungen an Kooperationspartner und Partner vor Ort. Wir haben immer darauf geschaut, dass der Großteil, rund 90 %, an Schlossereien geht, an Grafiker, etc.

Und wie würdest du den Effekt auf die Bewohner vor Ort beschreiben?
So eine ausgedünnte, vergessene Region wie der Hausruck wird öffentlich zumeist negativ rezipiert: Als eine Region, in der die Leute wegziehen. Dort wird auf einmal dann ein Gefühl kreiert. Dieses Gefühl würde ich mit Stolz beschreiben.star (* 1 )

Chris Müller, geb. 1973 in Gmunden. Studium der Bildhauerei/Transmedialer Raum an der Kunstuniversität Linz.
Freischaffender Konzeptkünstler und Kulturmanager mit ausgeprägtem politischem Bewusstsein. 2005 bis 2011 Intendant des Theater am Hausruck, seit 2012 Künstlerischer Leiter der Tavakfabrik Linz.

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Weiterführende Links:

Theater Hausruck: http://www.theaterhausruck.at/

Hunt oder Der totale Februar: http://de.wikipedia.org/wiki/Hunt_oder_Der_totale_Februar

Hunt oder Der totale Februar – Trailer: http://www.youtube.com/watch?v=mYQP3OjRycw

Chris Müller: http://www.chrismueller.at/?p=1385

Der Artikel ist eine gekürzte und überarbeitete Ausgabe von: Müller Chris: Von den Schmauchspuren des Bürgerkriegs zum Theaternebel. Online unter: http://www.theaterhausruck.at/html/?p=486.

Siglinde Lang (2012): „Hunt oder Der totale Februar“. 2005 startet die Erfolgsgeschichte des Theaters am Hausruck. In: p/art/icipate – Kultur aktiv gestalten #01 , https://www.p-art-icipate.net/hunt-oder-der-totale-februar-2005-startet-die-erfolgsgeschichte-des-theaters-am-hausruck/