It’s the music, stupid!

Warum sollte ich ins Konzert, wenn auf meinem iPod schon jede Musik in perfekter Qualität und zahllosen Interpretationen verfügbar ist?

In einer Zeit der totalen Verfügbarkeit von Musik muss sich jeder Veranstalter diese Frage nach dem Grenznutzen seiner Live-Darbietung stellen. Also was kann das Konzert, was selbst die audiophilste Aufnahmenwiedergabe nicht kann? Meines Erachtens kann das Konzert etwas ganz Wesentliches: Einzigartigkeit schaffen. Jedoch geben wir uns scheinbar mit dem derzeitigen Konzertwesen beste Mühe, jede Form der Einzigartigkeit im Konzertablauf zu unterdrücken: Wir standardisieren, wir ritualisieren, wir automatisieren. Kaum ein Freizeitvergnügen ist derart berechenbar und vorhersehbar wie das klassische Konzert. Und ich meine, dass gerade diese Ereignislosigkeit – die nichts mit der Musik und nur mit der Rezeptionssituation zu tun hat – heute viele Menschen davon abhält, in klassische Konzerte zu gehen. Dabei gibt es schon ganz einfache Tricks, Einzigartigkeit und Aura im Konzert herzustellen. Das Naheliegendste ist: Nähe herstellen. Wenn man nur nah genug dran ist, entfaltet sich die Musik – die ja alles andere als ereignislos ist – von selbst. Die Performanz der Ausübenden und die Unmittelbarkeit der musikalischen Wirkung schafft automatisch und ohne weiteres veranstalterisches Zutun eine Aura, die großen Eindruck hinterlässt. Oft ist die Entfernung und demonstrative Trennung zwischen Bühne und Publikum das größte Problem. Gerade Kammermusik jenseits der Konzertsäle, die diese Distanz und Trennung leider meist in Stein gemeißelt haben, hat hier gewaltiges Potential: Sie ist mobil und kann an allen möglichen Orten, Konstellationen und Kontexten sehr nah an das Publikum heran.

Wie unterstütze ich als Veranstalter den Musikgenuss?

Für den Veranstalter gibt es zahlreiche weitere feine und subtile Möglichkeiten, das Konzert zu einem einmaligen Ereignis, das es eigentlich seinem Wesen nach sein sollte, zu machen. Der Ablauf eines klassischen Konzerts ist in der Regel sehr stark standardisiert. Schon das Aufbrechen dieses formalen Rahmens kann das Publikum aus der einschläfernden Routine herausreißen und die gewünschte Offenohrigkeit für das musikalische Geschehen herstellen. Warum nicht die Sitzunterlage hinterfragen (zum Beispiel Sitzbälle im ganzen Raum statt Stuhlreihen) oder Programme dramaturgisch durchgestalten (zum Beispiel durch thematische Bezüge und Einbezug von Lyrik oder Multimedia) oder durch Entanonymisierung der Künstler (zum Beispiel durch Jam-Formate, Moderationen und After-Show-Partys etc.)?

Insgesamt lässt sich sagen, dass die „Nummer sicher“ – also das gewohnte alte „Concert as usual“ – sich nicht automatisch für immer weitertragen wird. Wir müssen kreativer sein, offener für die Strömungen unserer Zeit. Wir müssen uns zurückbesinnen auf die Musik selbst – dann wird uns einleuchten, dass vieles am klassischen Konzert eher den Zugang zur Musik blockiert, sozusagen „Musik-fremd“ ist. Es muss gelingen, dass wir endlich die ungeheuer vielfältige Musiktradition vom bürgerlichen Konzertformat, das ihr übergestülpt wurde, zu trennen. Und wir können und dürfen uns nicht darauf verlassen, dass dieses Änderungen und Anpassungen von „oben“, von der hochkulturellen Infrastruktur kommen werden. Sie müssen von unten in Form einer Grassroots-Bewegung von kommunikativen Musikern und innovativen Kulturmanagern angestoßen werden.

Darstellungen von Zeitkunst, die ein Museum über sich selbst sind, verlieren zwangläufig ihre Relevanz. Wir erleben ein klassisches Musiksterben – wollen gerade wir Nachwuchskräfte aber auch in Zukunft ein klassisches Musikleben, so müssen wir Initiative ergreifen und die Szene in Bewegung bringen. Dabei läuft es ab wie immer: Zunächst wird man belächelt, später angefeindet und zuletzt kopiert. Dabei sollten große Institutionen und die freie Szene sich eigentlich unbedingt als Partner sehen, wobei vielleicht in diesem Prozess die eine oder andere heilige Kuh der Kulturpolitik (und auch das auf derselben Weide grasende „Konzert-Wesen“ selbst) in Frage gestellt wird.

Im US Wahlkampf hieß es: Bring the troops home! Hier muss es heißen: Bring the music home! Also: zurück zu den Menschen, musikalische Nähe herstellen, soziale Kontexte schaffen und jedes Konzert als ein Ereignis in der heutigen Welt sehen, nicht als eine Wiederherstellung vergangener Bedingungen.

 

Siehe auch Interview mit Steven Walter.

Steven Walter (2013): It’s the music, stupid!. In: p/art/icipate – Kultur aktiv gestalten #03 , https://www.p-art-icipate.net/its-the-music-stupid/