„Kunst mit politischem Material ist für mich nur dann interessant, wenn es neue Formen von Theatralität enthält“

Der Künstler Arne Vogelgesang im Gespräch mit Katharina Anzengruber und Anita Moser*1 *(1)

Der Berliner Künstler Arne Vogelgesang ist seit vielen Jahre im Theater- und Performancebereich tätig. Sein Fokus liegt insbesondere auf recherchebasierten, intermedialen Projekten, die er unter dem von ihm 2005 mitbegründeten Label internil umsetzt. Als jemand, der „Theater mit politischem Material“ macht, setzt er sich mit aktuellen gesellschaftlichen Entwicklungen auseinander, wie etwa mit rechter Propaganda im Internet. Dabei ist der im Zuge seiner künstlerischen Arbeit mit dokumentarischem Material entstehende Aspekt der Aufklärung ein Nebeneffekt, wie er im Interview betont. Ein Gespräch über Gamifizierung in rechten Szenen, die Diskrepanz zwischen Kunst mit politischem Material und politischer Kunst, das ästhetische Mittel des Live Reenactments und dessen Potenzial in Bildungskontexten.

 

Können Sie kurz skizzieren, was man unter Gamifizierung versteht und wie und wozu sie eingesetzt wird?

Gamifizierung, oder Spielifizierung in der eingedeutschten Variante, bezeichnet in der gängigsten Definition die Übertragung von Spielelementen in spielfremde Kontexte. Das heißt, Strukturelemente aus Spielen – das können sowohl analoge als auch digitale Spiele sein – werden in andere Zusammenhänge übertragen und dort eingesetzt: Formen von Wettbewerb, etwa das Sammeln von Punkten oder das Erreichen gewisser Level; die Fiktionalisierung bestimmter Sachverhalte und deren Vereinfachung; die Einteilung der sozialen Wirklichkeit in bestimmte Gruppen, die gegeneinander aufgestellt sind und miteinander in den Wettstreit treten etc. Damit können bestimmte Effekte erzielt werden.

Der primäre Effekt, der beim Spielen auftritt, ist die Lusterfahrung. Menschen spielen gerne, unter anderem, weil man im Spiel bestimmte Dinge erproben kann, die in der Realität nicht möglich sind, weil Wettbewerb und Kräftemessen möglich sind, ohne dass reale Konsequenzen damit verbunden wären. Das Sammeln von Punkten oder das Erreichen bestimmter Level sind Belohnungssysteme, die bewirken, in eine Art Flow zu kommen und Menschen bei der Stange zu halten. Das sind verschiedene Effekte, die das Spielen prägen und die sich mit Spielmechaniken auch in anderen Bereichen herstellen lassen, in – moralisch gesprochen – sowohl guter als auch schlechter Absicht und mit dementsprechenden Folgen.

 

Wie erfolgt Gamifizierung im politischen Kontext, um rechtsextreme Propaganda zu betreiben? Sie haben Elemente der Spielmechanik angesprochen. Welche werden dafür übernommen? Können Sie das an einem Beispiel skizzieren? 

Es gibt private Twitterräume, in denen die Weiterverbreitung von Propaganda und Angriffe gegen politische Gegner mit fiktiven Währungen mit Anreiz versehen werden. Es gibt Wettbewerbe bis dahin, wer die meisten Menschen tötet. Es gibt narrative, rollenspielartige Rahmungen, die sprachlich enthemmend wirken sollen. Ein kleines Beispiel, wie an bestehende Spielstrukturen angeknüpft wird, ist eine Art Hack der Spielwelt von Pokémon-Go! vor einigen Jahren. Das ist ein Spiel, das Leute dazu bringt, sehr viel in der Öffentlichkeit unterwegs zu sein, um dort mit einer Augmented-Reality-App fiktive Figuren zu jagen. Dieses Spiel wurde von den Neo-Nazis in den USA genutzt, um möglichst viele Rekrut*innen anzuwerben, und zwar in Trainingshallen, also Gyms, wo gleichzeitig Pokémons waren. Der Gedanke dahinter war sozusagen:„Hier überlagern sich zwei junge Zielgruppen, wir klinken uns mal in dieses Spiel ein.“ Dieses Vorhaben war selbst auch als Wettbewerb konzipiert, als Herausforderung. Die Challenge für alle war: „Ihr legt dort Flyer aus und dann schauen wir, wie viel Return wir haben. Wer am meisten neue Leute bei uns hineinbekommt, bekommt einen Preis.“ Das heißt, sie haben ein Propagandaspiel gemacht, das sich an ein Spiel angedockt hat, das schon existierte und gleichzeitig einen Weg gefunden, damit ihre eigenen Leute zu motivieren. Das war ein bisschen tongue-in-cheek und ironisch gemeint, weil Ironie auch zu den Spielen im weiteren Sinne gehört, die im Internet so wichtig sind. Aber es war trotzdem auch ernst, weil es ja tatsächlich gemacht wurde.

 

Welche Rolle spielt das Internet im Kontext von Gamifizierung? Ist das Phänomen ein eher internetspezifisches?

Ich bin mir nicht sicher, ob es ein internetspezifisches Phänomen ist. Menschen spielen schon seit sehr langer Zeit und dass Spielelemente übertragen werden, ist auch nicht neu. Allerdings sind wir seit mindestens einem Jahrzehnt mit einer gigantischen Spielekulturindustrie konfrontiert, die massive Umsätze macht und Spiele zu einer neuen Art von Leitkultur erhoben hat. Das ist eine digitale Kultur, die sehr stark im Internet verankert ist. Und die neu gebauten digitalen Infrastrukturen im Internet bauen hochgradig auf Mechanismen der Spieleindustrie auf.

Sogenannte soziale Plattformen wie Facebook, die mit Likes, also mit Aufmerksamkeitsökonomien operieren, verwenden Elemente aus dem Spielebereich. Über die Reaktionen der Viewer kann man Aufmerksamkeit sammeln und sich mit anderen vergleichen und messen. Das entfaltet einen spielähnlichen Sog. Bei jenen, die professionell auf Social Media arbeiten – auch politisch – besteht deswegen auch ein Wettbewerb darum, wer beispielsweise die Such- und Empfehlungs-Algorithmen von Plattformen und ihre kollektiven Dynamiken erfolgreicher „gamen“ kann. Aktionen im öffentlichen Raum oder auch parlamentarische Debatten können als Bühne für virale Clips benutzt werden, benutzen Teile der Offline-Welt also als eine Art Spielumgebung für reale Effekte in der Online-Welt. Gerade in diesem sozialmedialen Bereich hat meiner Meinung nach das Internet deutlich zu einer Spielifizierung von Politik beigetragen.

Herzlichen Dank an Elisabeth Klaus für den Austausch und die konstruktiven Anregungen in Bezug auf das Interview.

Als solche bezeichneten beispielsweise die Identitären ihre Stürmung einer Aufführung der Schweigenden Mehrheit im Wiener Audimax.

Katharina Anzengruber, Anita Moser, Arne Vogelgesang (2020): „Kunst mit politischem Material ist für mich nur dann interessant, wenn es neue Formen von Theatralität enthält“. Der Künstler Arne Vogelgesang im Gespräch mit Katharina Anzengruber und Anita Moser[fussnote]1[/fussnote]. In: p/art/icipate – Kultur aktiv gestalten #11 , https://www.p-art-icipate.net/kunst-mit-politischem-material-ist-fuer-mich-nur-dann-interessant-wenn-es-neue-formen-von-theatralitaet-enthaelt/