Culture Jamming und der Kampf um Zugang zur Öffentlichkeit
Die Culture Jamming-Bewegung*1 *( 1 ) kann als weit verzweigtes, und nur lose zusammengehöriges Netzwerk von AktivistInnen, KünstlerInnen und dazugehörigen Medien verstanden werden, die mit Mitteln der „semiotischen Kriegsführung“ (Lloyd 2003: o.S.)
(* 8 ) Kritik an der Kontrolle der Medien und des öffentlichen Raumes durch kapitalistische Unternehmen, aber auch generell an als ungerecht und hegemonial empfundenen Machtverhältnissen üben. Die Medienwissenschaftler Sonia Livingstone und Peter Lunt (1994: 2, zit. in Lloyd 2003)
(* 8 ) fassen die politischen Implikationen der Ausgrenzung von bestimmten Meinungen zusammen: „Communication is politically and ideologically proscribed, allowing some the power to initiate and produce meaning whilst excluding others […], which exacerbates the inequalities of political influence.” Culture Jammer versuchen über eine vielfältiges Arsenal an (oftmals illegalen bzw. semilegalen) Methoden, aktiv die Mitbestimmung über den symbolisch besetzten öffentlichen Raum*2 *( 2 ) und die dort präsenten, medialen Machtinstrumente (wieder) zu erlangen. Folglich wird die Deutungshoheit der Werbung über den physischen, öffentlichen Raum, der als entscheidender Verhandlungsort für öffentliche Meinung begriffen wird, massiv kritisiert. So setzen sich Culture Jammer aus ihrer Perspektive für einen demokratischeren Zugang zu Öffentlichkeit ein und hinterfragen die Verzahnung von medialer Präsenz und politischer Einflussnahme.
Als Bewegung, die eine Art Umkehrung der kapitalistischen Semiotik anstrebt, ist Culture Jamming wiederum speziell im historischen Zusammenhang mit den Situationisten zu sehen (vgl. Lloyd 2003)
(* 8 ). In ihrem Bestreben, die Grenzen zwischen Kunst und „echtem“ Leben aufzuheben, bezogen sich die Situationisten unter anderem auf das „detournement“ als subversive Protestmethode (vgl. Dery 1993, o.S.).
(* 5 ) „Detournement“ steht für eine Umkehrung von Zeichen, wenn beispielsweise die Audiospur einer Fernsehsendung oder Sprechblasen in einem Comic ersetzt oder verändert werden, um deren ideologische Codes und Hintergedanken kenntlich zu machen. Indem die (Zeichen-)Sprache gegen sich selbst gewendet wird, sollen die verschleierten und symbolisch aufgeladenen Systematiken einer passiven, konsumorientierten Mediengesellschaft erkennbar gemacht und deren Ikonen demaskiert werden. Um gefühlte Ungleichgewichte im Zugang zur medialen Öffentlichkeit auszugleichen, werden deren Werbeträger gekapert und besetzt gehalten. Hier lässt sich ein klarer Bezug zur physischen Besetzung des öffentlichen Raums durch die Occupy-Bewegung ziehen, die nicht zufälligerweise vom kanadischen Culture Jamming Magazin „Adbusters“initiiert wurde. Der Slogan „We are the 99%“ kann dabei für das Einfordern von medialer Aufmerksamkeit und Raum für die Themen stehen, die in den Mainstream-Medien einer effekthaschenden Celebrity-Kultur weichen müssen.
Tobias Kösters ( 2013): Money knowledge is power. Künstlerische und mediale Strategien von „Occupy George“. In: p/art/icipate – Kultur aktiv gestalten # 03 , https://www.p-art-icipate.net/money-knowledge-is-power/
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