Neue Auftraggeber: Wenn Menschen ganz konkret etwas von der Kunst wollen

Marcel Bleuler im Gespräch mit Alexander Koch über die Potenziale einer Kunstproduktion im Bürger*innen-Auftrag

 

Und wie ging es weiter in Pritzwalk?

Gerrit Gohlke, der Mediator, hat mit vielen Künstler*innen gesprochen, schließlich das Duo Clegg & Guttmann vorgeschlagen, und die Bürger*innen haben sich auf den Vorschlag eingelassen. Clegg & Guttmann eigentlich deshalb, weil sie buchstäblich einen Sinn für den Austausch zwischen Menschen haben. In ihren „Libraries“ tauschen Menschen etwa Bücher und bilden so einen sozialen Querschnitt ihrer Gemeinschaft ab.star (*1) Und dann passierte das, was Neue Auftraggeber so faszinierend macht. Clegg & Guttmann sagten: „Ja, wir wollen die Vielfalt dieser Stadt porträtieren. Aber es kann nicht um einen Atlas gehen in dieser Stadt, um eine Kartographie oder eine „Library“. Es geht um ein Selbstporträt. Wenn wir wissen wollen, was Pritzwalk ausmacht, was die Bürger*innen zu dieser städtischen Mitte beitragen könnten, dann müssen sie sozusagen selbst Modell sitzen, dann müssen die Porträtierten entscheiden, wie ihr Bild aussieht, ganz wie bei alten Herrscherporträts, wenn man so will.“

 

Sie haben den Ball an die Einwohner*innen zurückgespielt?

Ja, weit radikaler, als sich der Mediator das vielleicht getraut hätte. Sie kamen mit einem wirklich verwegenen Vorschlag. Sie haben gesagt: „Wir machen gar nichts. Wir bauen nur den Rahmen für das Bild. Und aus allem, was geschieht, machen wir ein großes Buch. Ganz am Ende wird es das Porträt dieser Stadt sein, lesbar für alle. Und entweder das Porträt der Pritzwalker ist gähnend leer oder voll von Aktivität, Kreativität und so weiter.“ Sie haben dann sechseinhalbtausend Briefe an alle Haushalte bis hinaus in die Dörfer verteilt und haben dazu eingeladen, Projektvorschläge für einen mehrmonatigen Prozess zu machen, der dann in den Ladengeschäften stattfand. Das nannte sich Die Sieben Künste von Pritzwalk. Sieben Ladengeschäfte für sieben Disziplinen, als Theater, Musik, Literatur, bildende Kunst. Dann kamen tatsächlich gut 70 Projektvorschläge: „Ich möchte gerne den Maler so-und-so ausstellen, der malt hier auf dem Land, aber den kennt keiner.“ „Ich möchte eine Bibliothek mit Kinderbüchern aus der DDR-Zeit, damit Enkel und Großeltern über Geschichte reden können.“ „Ich kann Bauchtanz. Ich möchte endlich mal öffentlich zeigen, wie gut ich bauchtanzen kann.“ Also alle möglichen Ideen. Und es führte tatsächlich dazu, dass wie unter einem Brennglas plötzlich kulturelles Leben in die Innenstadt kam und sie sich füllte.

 

Was war genau die Aufgabe der Künstler in diesem Prozess? Hatten sie einfach die initiale Idee oder waren sie weiter beteiligt?

Sie waren weiter beteiligt insofern, als sie einzelne Formate mitgestaltet haben. Aber vor allem schufen sie einen symbolischen Rahmen, der den ganzen Prozess als ein künstlerisches Projekt markierte und auch bei den Bürger*innen die Ambitionen weckte, selber in künstlerischen Formaten zu denken. Du hast vorher gefragt, ob Künstler*innen manchmal etwas Anderes tun als sonst, und Clegg & Guttmann sagen, obwohl sie zwei Jahre mit dem Projekt beschäftigt waren, dass sie bis heute nicht wissen, ob sie eigentlich ein Kunstprojekt gemacht haben oder irgendwas Anderes. Also für sie war das auch eine erweiterte Praxis, die abwich von dem, was sie sonst tun. Aus künstlerischer Sicht aber ist entscheidend, dass abschließend das Buch und auch eine Ausstellung entstanden, die in Pritzwalk durchaus großes Interesse fanden. Man konnte es ja jetzt sehen. Gedruckt. In einer mächtigen Chronik sah man, was sie „das soziale Porträt einer Stadt“ nannten und was man sich gleichzeitig als enormen Motivationsschub vorstellen muss, die sichtbar gewordene Vielfalt und Kraft, die es ja offensichtlich gab, weiterleben zu lassen.

 

Und war der Mediator nur beim Aufgleisen der Zusammenarbeit oder dann auch weiter involviert?

Ganz stark, weil er diese ganzen Prozesse koordiniert hat. Also logistisch, aber auch als Narrativ. Solche Projekte leben ja davon, dass es auch eine Geschichte gibt, hinter die sich alle stellen können und die man auch der Presse oder den Verwandten erzählt. Mediator*innen machen auch die Öffentlichkeitsarbeit oder versuchen, den Bürgermeister zu überzeugen. Sie halten die Auftraggeber*innen-Gruppe zusammen, vermitteln im Falle von Konflikten. Das ist ganz wichtig. Sie beschützen die Interessen der Bürger*innen einerseits und die der Künstler*innen andererseits, falls die sich mal in die Haare kriegen oder übergriffig werden, oder eine der beiden Seiten zu viel Autorität für sich reklamiert. Deshalb ist die Mediation tatsächlich der alles entscheidende Faktor.

 

Was passierte in Pritzwalk, als die Zusammenarbeit vorbei war?

Es passierte etwas völlig Unvorhergesehenes, das dieses Projekt zum Erfolgsfall gemacht hat. Eine Gruppe von Bürgern*innen gründete selbstständig einen Kunstverein, den es vorher im Ort nie gab, die Kunstfreunde Pritzwalk. Sie hatten bald 50 Mitglieder, wachsen seither stetig weiter, und haben vor wenigen Monaten ihr fünfjähriges Bestehen gefeiert. In den ersten Jahren haben sie in der Innenstadt ein Ladenlokal als Ausstellungsraum betrieben. Sie waren also jetzt der Anziehungsfaktor, den sie sich von den Skulpturen gewünscht hatten. Mittlerweile haben sie im lokalen Museum einen eigenen Ort bekommen. Sie sind etabliert und machen nennenswerte Ausstellungen. Das heißt, das Projekt hatte tatsächlich einen Nachhaltigkeitseffekt. Und das hat damit zu tun, dass die Leute überhaupt durch das Projekt gemerkt haben: „Wir können ja hier selber etwas auf die Beine stellen, wenn wir es nur wollen.“ Die Auftragsarbeit hat somit für das Selbstbild der Stadt viel getan. Es gibt eine neue Institution und kulturelles Leben, das es in dieser Form vorher nicht gab, und die Leute aus Pritzwalk sind stolz darauf und erzählen bis heute die Geschichte des Sommers der Sieben Künste von Pritzwalk. So etwas kannst du nicht induzieren, das kannst du dir nicht vorher ausdenken. Auch deshalb müssen unsere Projekte so zeitoffen sein.

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Achim Könneke (Hg.): Clegg & Guttmann: die Offene Bibliothek; the Open Public Library. Cantz, Ostfildern 1994.

Marcel Bleuler, Alexander Koch (2020): Neue Auftraggeber: Wenn Menschen ganz konkret etwas von der Kunst wollen. Marcel Bleuler im Gespräch mit Alexander Koch über die Potenziale einer Kunstproduktion im Bürger*innen-Auftrag. In: p/art/icipate – Kultur aktiv gestalten #11 , https://www.p-art-icipate.net/neue-auftraggeber/