Neue Auftraggeber: Wenn Menschen ganz konkret etwas von der Kunst wollen

Marcel Bleuler im Gespräch mit Alexander Koch über die Potenziale einer Kunstproduktion im Bürger*innen-Auftrag

 

Der Auftraggeber von Berlin Tempelhof

 

Mir gefällt die Idee, dass ihr euch von den Leuten leiten lasst, die Interesse und Zeit haben, sich in so einen Prozess zu involvieren. Was aber, wenn das nur eine Person bleibt, wenn also keine weiteren dazukommen? Würdet ihr auch mit nur mit eine*r Auftraggeber*in arbeiten?

Da kann ich von einem Projekt erzählen, bei dem ich selber Mediator bin. In einer Kooperation mit dem Auswärtigen Amt und dem Institut für Auslandsbeziehungen hatte ich vorgeschlagen, dass man in Berlin ein Pilotprojekt machen könnte. Das Handlungsfeld war das damals neu eröffnete Auffanglager für Geflüchtete am Flughafen Tempelhof, das größte Berliner Auffanglager, ein verdammt harter Ort. Ich habe zwei Co-Mediator*innen ins Projekt geholt, eine Urbanistin mit palästinensischem Hintergrund und einen Künstler mit kurdischen Wurzeln. Sie sprachen Kurdisch und Arabisch, kannten die entsprechenden Kulturen und konnten, anders als ich, mit den Geflüchteten in ein vertrauensvolles Gespräch kommen. Sie arbeiteten bei der Essensausgabe, bei der Kleiderausgabe, sprachen informell mit den Leuten: „Was ist hier los? Wie erlebt man die Situation? Wie sind die Befindlichkeiten, Bedürfnislagen? Gibt es Leute, die gerne aktiv werden würden, während sie warten, bis ihr Asylantrag durch ist?“ und so weiter. Dieses Nachfragen führte letztlich dazu, dass wir gemeinsam mit einer Gruppe von acht jungen kurdischen Männern, die sich untereinander nicht kannten und durch die Medaitor*innen zusammengefunden hatten, auf der Wiese saßen. Wir gerieten in ein Gespräch darüber, dass ihre Wünsche immer wieder um das Gleiche kreisen würden: „Ich will eine Freundin“, „Ich will einen Job“ und „Ich will eine Wohnung“. Sie beschrieben, dass ihr Vorstellungshorizont, verständlicherweise, nicht viel weiter reiche, dass sie dabei aber auch allmählich immer deprimierter würden, weil das die drei Dinge seien, die wirklich schwer zu bekommen seien. Plötzlich sagte einer von ihnen: “Naja, also wenn ich jetzt an Kunst denke, dann würde das heißen, dass ich mir alles wünschen kann. Dann hätte ich gerne meine eigene Apotheke mit alten schönen Holzschränken und dahinter einen Botanischen Garten mit seltenen Tieren, den nur ich alleine betreten kann. Das wäre meine Wunschwelt.“ Und plötzlich war das Eis gebrochen und jeder entwickelte seine eigenen Fantasien. Nach mehreren Gesprächen kam dann aber plötzlich nur noch einer von ihnen, Satep Namiq, damals 23 Jahre alt. Er sagte: „Die anderen entschuldigen sich, aber sie haben einfach keine Kraft mehr. Sie sind zum Teil depressiv, der eine will wieder zurück nach Hause laufen, weil er nicht mehr glaubt, dass das hier klappt.“ Da waren die jungen Männer schon zwölf Monate in Tempelhof. Sartep sagte: „Ich finde, wir müssen was machen. Ich will ein Projekt in Auftrag geben, auch für alle anderen, die nicht die Kraft haben, denn ich habe sie.“

 

Und daraufhin habt ihr mit ihm allein weitergearbeitet?

Ja, ich habe gesagt: „Dann erzähl mir. Dann bist du der Auftraggeber und ich will verstehen, was du tun willst.“ Und das führte dazu, dass er ein Comic-Buch in Auftrag gab, in dem die Fantasiewelten, über die die Gruppe gesprochen hatte, Wirklichkeit werden, und sich die Grenzen zwischen Geflüchteten und Einheimischen wie magisch auflösen würden. Es ging ihm und auch mir darum, zu einer progressiven Perspektive auf geflüchtete Menschen beizutragen und zu zeigen, dass sie kein Problem sind und keine Bittsteller*innen, sondern Menschen, die viel Potenzial mitbringen, Kompetenzen, Eigenwünsche, Eigenfantasien, eigene Fähigkeiten. In einem recht langwierigen Prozess haben wir zunächst Bruce Sterling eingeladen, einer der beiden Erfinder der Cyberpunk-Literatur, der dann ein erstes Skript für diesen Comic geschrieben hat. Dann gab es weitere Autoren, die dieses Skript verfeinert haben, immer wieder im Feedbackprozess mit dem Auftraggeber und mit anderen Geflüchteten. „Was soll die Geschichte, an der wir arbeiten, können? Was ist der Kern? Was ist eure Realität, und wie lässt sie sich erzählen?“ Und dann stieß ich nach langer Recherche auf Felix Mertikat, einen der besten jüngeren deutschen Comiczeichner. Ich lud ihn ein, Satep Namiq in Berlin zu besuchen, die beiden mochten sich, und Sartep fand Felix‘ Comics gut. Also beauftragte er ihn. Und nun sitzt Felix Mertikat gerade und zeichnet die Geschichte fertig, in der Sartep selbst der Held ist. In den nächsten Monaten kommt das Comic-Buch heraus. Und Satep Namiq beschreibt auf Nachfrage, dass dieses Projekt die erste Tür war, die für ihn nach seiner Flucht wieder aufgegangen sei. Es war das erste Mal, dass er wieder etwas Wirkliches tun konnte, endlich mit Deutschen an einem Tisch saß und an einem echten Projekt arbeitete. Er sagt, es hat ihm unglaublichen Mut gegeben. Und er sagt auch immer: „Das ist mein Buch.“

 

Unter wessen Namen wird es publiziert werden?

Felix Mertikat im Wesentlichen und die Autoren. Im Auftrag von Satep Namiq.

 

„Es zeichnet sich ein Bild der Bedürfnislagen von Regionen mit speziellen strukturellen Herausforderungen“

 

Du hast zu Beginn unseres Gesprächs gesagt, dass die Auftraggeber*innen auf euch zukommen, in diesem Fall des Auftraggebers von Tempelhof seid ihr aber auf den Kontext zugegangen. Einfach, weil ihr selbst dachtet, da müsste man was machen?

Genau. Manchmal gibt es das. In unserer Startphase mussten wir überhaupt erst mal Praxisbeispiele erzeugen, um Stiftungen und Politiklandschaft zu zeigen, wie das Modell an welchen Orten, mit welchen Leuten funktioniert. Wir sind immer noch in einer Pilotphase, finanziert von der Kulturstiftung des Bundes. Die fünf Mediator*innen, die im Moment hier in Deutschland Projekte machen, haben sich vor zwei Jahren in bestimmte Suchräume begeben, wie wir das genannt haben. In Regionen mit speziellen strukturellen Herausforderungen. Das ist einmal in ländlichen Räumen in Mecklenburg-Vorpommern und in Brandenburg und in Klein- und Mittelstädten im Ruhrgebiet. Das sind zwei völlig unterschiedliche Transformationsregionen, wo man anhand verschiedener Fallbeispiele erkennen kann, was die Menschen vor Ort besonders bewegt.

 

Und die Mediator*innen haben sich in diesen Räumen auf die Suche nach Notwendigkeiten und Bedarfen der Zivilbevölkerung gemacht?

Sie haben im Schneeballsystem mit allen möglichen Menschen gesprochen. Mit dem Landrat, mit Regionalentwickler*innen, mit Dorfpfarrer*innen, mit dem Sportverein, mit Kneipen-Betreiber*innen, mit dem Kulturverein. Und so zeichnet sich mit der Zeit das Bild einer Region und ihrer Bedürfnislagen, und man trifft irgendwann auf Menschen, bei denen man spürt, dass sie etwas tun wollen, dass sie Initiativgeist haben und ein Thema. Ihnen liegt etwas auf der Seele. Oder vielleicht sind sie auch stolz und wollen ein Zeichen setzen, dass zum Beispiel Leben auf dem Dorf super funktionieren kann, anstatt immer nur als miserabel beschrieben zu werden. Irgendwann verfestigen sich Gruppen von Akteur*innen. In der Regel sind es fünf bis acht Leute.

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Achim Könneke (Hg.): Clegg & Guttmann: die Offene Bibliothek; the Open Public Library. Cantz, Ostfildern 1994.

Marcel Bleuler, Alexander Koch (2020): Neue Auftraggeber: Wenn Menschen ganz konkret etwas von der Kunst wollen. Marcel Bleuler im Gespräch mit Alexander Koch über die Potenziale einer Kunstproduktion im Bürger*innen-Auftrag. In: p/art/icipate – Kultur aktiv gestalten #11 , https://www.p-art-icipate.net/neue-auftraggeber/