Neue Auftraggeber: Wenn Menschen ganz konkret etwas von der Kunst wollen

Marcel Bleuler im Gespräch mit Alexander Koch über die Potenziale einer Kunstproduktion im Bürger*innen-Auftrag

 

Wie du sagst, steht Neue Auftraggeber in Deutschland und europaweit in einer Aufbauphase. Zugleich gibt es aber auch schon Künstler*innen, die ähnlich arbeiten, dabei jedoch nicht dem Label oder dem Protokoll verpflichtet sind.

Klar. Es gibt Leute, die ganz ähnlich arbeiten. Ich glaube nur, dass Neue Auftraggeber bislang das einzige Modell ist, das tatsächlich systemisch herangeht und nach jetzt 500 Projekten allmählich so etwas wie Institutionscharakter erlangt. Aber es gab zum Beispiel in Deutschland ein ganz wichtiges Projekt: Park Fiction in Hamburg. Christoph Schäfer hatte ich neulich zu einer Veranstaltung von uns eingeladen. Das war in vielen Details ähnlich gebaut, aber ist natürlich ganz singulär entstanden, aus so einer Widerständigkeit gegen die Stadtpolitik und das Immobilienwesen. Wenn es damals in Hamburg Neue Auftraggeber gegeben hätte, wäre es denen vielleicht einfach noch leichter gefallen zu sagen: „Es gibt eine Methode. Es gibt jemanden, den können wir anrufen und der unterstützt uns dabei. Die wissen auch, wie man vielleicht Gelder auftreibt und den*die Bürgermeister*in überzeugt“. Und vor allem entstehen solche Dinge ganz selten da, wo wir jetzt unterwegs sind, zum Beispiel in einer Plattenbausiedlung am Ortsrand von Eberswalde. Oder in einem kleinen Dorf in Mecklenburg-Vorpommern in der Nähe der polnischen Grenze. Da entstehen solche Projektprozesse nicht ohne Weiteres. Und deshalb ist es wertvoll, Neue Auftraggeber als Programm tatsächlich auch zu konsolidieren, ungeachtet dessen, dass andere, die ähnlich arbeiten, natürlich auch Gutes tun.

 

Wie werden die Künstler*innen, die mit euch arbeiten, eigentlich entlohnt?

Klar, sie werden honoriert, aber auf einer Ebene, die nichts mit dem Kunstmarkt zu tun hat. Neue Auftraggeber bewegen sich außerhalb der Kunstmarktökonomie. Das heißt, wenn drei Krankenschwestern, wie in Marseille geschehen, einen multikonfessionellen Andachtsraum in Auftrag geben, und sich als Auftraggeberinnen für Michelangelo Pistoletto entscheiden, entsteht nicht nur ein Raum, der in seiner Funktionsstruktur und Ästhetik einzigartig ist. In der Mitte steht Pistolettos unendlicher Kubus, seine berühmteste Arbeit. Sechs Spiegel, die nach innen schauen, innendrin also einen perfekten unendlichen Raum bilden, den du von außen nicht sehen kannst. Insofern ist das so etwas wie ein spiritueller abstrakter Altar, der aber keiner Religion zuzuordnen ist. Dieser Kubus hatte damals auf dem Kunstmarkt schon einen Wert von Hunderttausenden von Euro. Bei uns kostete er so viel wie sechs Spiegel und ein Bindfaden, und das Honorar für Pistoletto, das aber überschaubar bleibt. Das ist eine ganz andere Ökonomie. Das heißt, du bekommst auch Weltklassekunst zu einem Preis, der entkoppelt ist von dem, was eine Galerie bei einem Ankauf haben wollen würde.

 

Und warum lassen sich die Künstler*innen auf so eine Sache ein?

Weil doch viele Künstler*innen, gerade viele erfolgreiche Künstler*innen, nicht angetreten sind, um nur Galerieausstellungen zu machen. Die haben ja auch eine ambitionierte Praxis in aller Regel und finden es interessant, tatsächlich mit einer Bürger*innengruppe in einen Austausch zu gehen und die Verantwortung zu erleben, was das heißt. Das haben viele Künstler*innen auch beschrieben, was es bedeutet, wenn sie merken, dass das für das Leben von Leuten total wichtig ist, was sie sich ausdenken. Und da geht es dann nicht mehr so sehr um Geld. Natürlich sollen sie für ihr Tun korrekt bezahlt werden, um sich einige Wochen und Monate mit dem Auftrag seriös beschäftigen zu können.

 

Weitere Informationen unter:

www.neueauftraggeber.de

www.nouveauxcommanditaires.eu

 

Die Neuen Auftraggeber von Witstock, mit Antje Majewsky. © Victoria Tomaschko

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Achim Könneke (Hg.): Clegg & Guttmann: die Offene Bibliothek; the Open Public Library. Cantz, Ostfildern 1994.

Marcel Bleuler, Alexander Koch (2020): Neue Auftraggeber: Wenn Menschen ganz konkret etwas von der Kunst wollen. Marcel Bleuler im Gespräch mit Alexander Koch über die Potenziale einer Kunstproduktion im Bürger*innen-Auftrag. In: p/art/icipate – Kultur aktiv gestalten #11 , https://www.p-art-icipate.net/neue-auftraggeber/