Nicht wie ein UFO in einer Region landen

Andrea Hummer im Gespräch mit Anita Moser über Möglichkeiten und Grenzen kultureller Teilhabe beim Festival der Regionen

Beim letzten Festival beispielsweise, das unter dem Motto Soziale Wärme in der Region Perg-Strudengau stattfand, war das Thema ein wenig abstrakter als in manchen anderen Regionen. Dort befindet sich die „Bewusstseinsregion“ um die Konzentrationslager Mauthausen und Gusen, in der versucht wird, die Erinnerung an die Verbrechen des Nationalsozialismus aufrechtzuerhalten und auf Kontinuitäten hinzuweisen. Das war für uns ein zentraler Ausgangspunkt der Überlegungen in Bezug auf das Thema. Die „Bewusstseinsregion“ hat sich in der Flüchtlingsfrage 2015 bis heute sehr hervorgetan. Viele haben die Geflüchteten wohlwollend empfangen und begleitet und tun es immer noch. Das war für uns ein besonderer Ausdruck sozialer Wärme und es war naheliegend, dieses Thema in der Region zu platzieren. Gleichzeitig war uns dieses Thema gesellschaftspolitisch ein Anliegen, in einer Zeit, in der soziale Kälte überhandnimmt. Wie kann man dem entgegensteuern? Wie fühlen sich die Menschen in einem Klima sozialer Kälte? Dabei haben wir die Erkenntnis gewonnen, dass die Menschen sich nach sozialer Wärme sehnen – nicht nur für sich selbst, sondern durchaus in einem solidarischen Sinn auch für andere. Das hat uns eigentlich überrascht, weil wir das aufgrund der politischen Entwicklung der vergangenen Jahre in Österreich und darüber hinaus anders eingeschätzt hätten.

 

„Die Gütigen“ (hier mit Rosa Prodromou) von Elli Papakonstantinou. Foto: Nick Mangafas

 

„Wir haben Menschen, die Geld haben, aufgefordert großzügig zu sein und etwas mehr zu geben, um denjenigen den Besuch zu ermöglichen, die nichts oder wenig geben können.“

 

Der Dialog mit der Bevölkerung ist ein wichtiger Aspekt. Durch welche Aktivitäten, Angebote und Formate ermöglicht das Festival Teilhabe für verschiedene Anspruchsgruppen?

Uns ist wichtig, Barrierefreiheit – die oft auf Rollstuhlgerechtigkeit enggeführt wird – in einem erweiterten Sinn zu begreifen und Bedürfnisse verschiedenster Personengruppen aufzugreifen. Zum einen versuchen wir, darauf Rücksicht zu nehmen, dass Menschen oft deshalb nicht in der Lage sind, kulturelle Veranstaltungen zu besuchen, weil sie am oder unter dem Existenzminimum leben. Wir wollen niemanden ausschließen, unsere Veranstaltungen zu besuchen, weil er oder sie kein Geld hat. Daher haben wir 2019 erstmals das Pay-as-you-can-Prinzip eingeführt. Das heißt, wir haben Menschen, die Geld haben, aufgefordert großzügig zu sein und etwas mehr zu geben, um denjenigen den Besuch zu ermöglichen, die nichts oder wenig geben können.

Ein wesentlicher Punkt dabei war, dass sich niemand beobachtet fühlen oder seine Armut outen musste. Wir haben einfach Spendenboxen aufgestellt. Dabei haben wir bewusst nicht von Spenden gesprochen, weil wir eine soziale Verantwortung mit ansprechen und das Bewusstsein dafür wecken wollten, dass es bestimmte Gründe hat, wenn jemand mehr Geld hat als andere. Dieser Aspekt war uns wichtig. Die Erfahrung hat jedenfalls gezeigt, dass wir mehr eingenommen haben als beim Festival davor, wo es noch fixe Veranstaltungspreise gab. Vielleicht lag es auch am Thema. Vielleicht funktioniert es bei einem anderen Thema nicht so gut. Das wissen wir zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht.

Eine wichtige Frage war und ist für uns auch, wie wir Menschen erreichen können, die physisch oder psychisch besondere Bedürfnisse haben. Wir haben beispielsweise bei jedem Informationsabend und auch bei Aufführungen eine Übersetzung in ÖGS (Österreichische Gebärdensprache) angeboten. Es war uns klar, dass eine solche Initiative nicht sofort dazu führt, dass die Gehörlosen voll mitmachen, aber wir wollten auf diese – oft vergessene – Personengruppe aufmerksam machen und ihr die Möglichkeit zur Beteiligung geben. Punktuell haben wir Gehörlose damit erreicht, was wir als wunderbaren Erfolg verbuchen. Natürlich gab es ihrerseits Vorbehalte, die man nicht von einem Tag auf den anderen auflösen kann. Im Bereich der Kultur gibt es noch nicht sehr viele Initiativen, die ihre Bedürfnisse aufgreifen. Wir wollen einen Beitrag leisten, das zu erreichen.

Darüber hinaus haben wir fast alle Veranstaltungsorte für Rollstühle zugänglich gemacht. Bis auf das Stadttheater Grein, wo das aus Denkmalschutzgründen nicht möglich war, haben wir sämtliche Veranstaltungsorte so ausgestattet, dass es für Rollstuhlfahrer*innen möglich war, diese zu besuchen. Wir hatten auch Behindertenbusse bei unseren Projektfahrten. Diese sind nicht über die Maßen angenommen worden, aber ich glaube, es sollte Grundprinzip sein, an verschiedenste Bedürfnisse zu denken.

Zusätzlich haben wir versucht, Geflüchtete auf der Projektebene einzubinden, was uns allerdings nicht wirklich gelungen ist. Wir hätten auch die Möglichkeit der Übersetzung in Farsi oder Paschto angeboten. Da kann man sich durchaus noch weitere Strategien überlegen. Auf der Ebene der Zusammenarbeit ist es uns aber sehr wohl gelungen, Geflüchtete anzusprechen. Sie haben uns unterstützt und auch Kulturveranstaltungen besucht. Das hat zum Beispiel beim Volxfest zu einem wunderbaren Bild geführt: Dort wurde stark mit traditionellen Gruppen vor Ort zusammengearbeitet und zahlreiche Menschen sind in Tracht erschienen. Auch Personen in afghanischer Tracht waren dabei.

Anita Moser, Andrea Hummer (2020): Nicht wie ein UFO in einer Region landen. Andrea Hummer im Gespräch mit Anita Moser über Möglichkeiten und Grenzen kultureller Teilhabe beim Festival der Regionen. In: p/art/icipate – Kultur aktiv gestalten #11 , https://www.p-art-icipate.net/nicht-wie-ein-ufo-in-einer-region-landen/