Nicht wie ein UFO in einer Region landen

Andrea Hummer im Gespräch mit Anita Moser über Möglichkeiten und Grenzen kultureller Teilhabe beim Festival der Regionen

 

Es sollte ermöglicht werden, dass Geflüchtete leben, überleben und arbeiten können. Das ist nicht gegeben und Kultur ist nicht der zentrale Anker, wo man ansetzen kann.“

 

Die Einbindung hat auf der Projektebene nicht so gut funktioniert. Gibt es Vermutungen wieso?

Einerseits liegt es daran, dass Geflüchtete noch immer in Heimen untergebracht sind. Es ist relativ schwierig, sie aus den Heimen ‚herauszuholen‘ und sie für Kultur zu begeistern. Wir haben versucht, etwas mit der „Bewusstseinsregion“ zu entwickeln und die Geflüchteten in die Erarbeitung eines Projekts einzubeziehen. Es war uns wichtig, nicht nur etwas mit Geflüchteten oder gar nur für sie etwas zu machen, sondern es sollte etwas aus ihren Bedürfnissen, die sie selbst artikulieren entstehen. Dass dabei nichts herausgekommen ist, ist teilweise ein Scheitern unsererseits, aber auch dem geschuldet, dass die Situation von Geflüchteten in Österreich immer noch katastrophal ist. Man kann nicht hergehen und sagen: „Jetzt sind wir mit dem Festival da und alles ist super.“ Grundsätzlich ist es eher das Ziel der Geflüchteten, am Leben teilhaben zu dürfen und in die Arbeitswelt integriert zu sein. Es sollte ermöglicht werden, dass Geflüchtete leben, überleben und arbeiten können. Das ist nicht gegeben und Kultur ist nicht der zentrale Anker, wo man ansetzen kann. Wir können nach Kräften auf die Situation der Geflüchteten aufmerksam machen. Aber in ihrer Situation ein volles Interesse am kulturellen Leben zu erwarten, wäre etwas viel verlangt.

 

„Genau“ – Eröffnungskonzert der Bürger*innen von Ondamarela. Foto: Nick Mangafas

 

Bleiben wir bei der letzten Ausgabe des Festivals: Wo funktionierte Teilhabe gut?

Wir haben viele Künstlerinnen und Künstler eingeladen, die partizipativ arbeiten. Wir hatten über 100 Workshops im Vorfeld des Festivals und haben mit den Leuten vor Ort Projekte auf verschiedenen Ebenen entwickelt. Teilhabe kann in unterschiedlichen Intensitäten und auf mehreren Ebenen stattfinden.

Es sollte zum Beispiel ein Männerchor beim Theaterstück Die Gütigen mitmachen. Es war relativ schwierig, einen dafür zu begeistern, aber mit viel Überzeugungsarbeit ist es uns gelungen. Das war eine Form der Partizipation, bei der vorgegeben war, was der Chor unter Anleitung einer Künstlerin und eines Künstlers zu tun hat. Die Mitglieder konnten in Bezug auf Einzelheiten schon mitsprechen, diskutieren und etwas verändern, aber im Wesentlichen war der Rahmen vorgegeben.

Anders war es zum Beispiel bei Ondamarela, unserem Eröffnungskonzert. Die beiden Künstler – einer aus Portugal, einer aus England – setzten auf eine intensivere Form der Partizipation: Sie haben in zahlreichen Workshops im Vorfeld gemeinsam mit Mitwirkenden aus der Bevölkerung die Texte, die Musik und den gesamten Ablauf entwickelt. Das heißt, da war tatsächlich jede Person, die mitgemacht hat, sowohl in den Gestaltungsprozess als auch in die Aufführung eingebunden. Das ist eine sehr intensive Form der Partizipation.

Anita Moser, Andrea Hummer (2020): Nicht wie ein UFO in einer Region landen. Andrea Hummer im Gespräch mit Anita Moser über Möglichkeiten und Grenzen kultureller Teilhabe beim Festival der Regionen. In: p/art/icipate – Kultur aktiv gestalten #11 , https://www.p-art-icipate.net/nicht-wie-ein-ufo-in-einer-region-landen/