Nicht wie ein UFO in einer Region landen

Andrea Hummer im Gespräch mit Anita Moser über Möglichkeiten und Grenzen kultureller Teilhabe beim Festival der Regionen

Ein weiterer Punkt ist, dass es ein reichhaltiges Angebot an Kunst und Kultur gibt, auch am Land. Die Leute sind sehr aktiv, etwa in Gesangsvereinen oder in der Blasmusik. Unser Festival findet in einem Zeitraum statt, in dem viele Aktivitäten wie Blasmusikwettbewerbe oder Gesangsvereinstreffen stattfinden. Das ist natürlich ein Ausschlussgrund, weil die Menschen dann weder an den Projekten teilnehmen können noch als Publikum erscheinen. Damit hat man sowohl in der Stadt als auch am Land zu kämpfen. Am Land vielleicht noch mehr, weil so viele Menschen in Vereinen aktiv sind. Das war mir so nicht bewusst.

Außerdem gibt es natürlich Leute in der Region, die zum Arbeiten in die Stadt fahren, in die VOEST zum Beispiel. Sie fangen in der Früh an zu arbeiten und kommen dann heim zum Essen und Schlafen. Sie haben oft nicht mehr die Energie, Kulturveranstaltungen zu besuchen.

 

Wenn man als Festivalveranstalter*in über Teilhabe nachdenkt, auf welchen Ebenen passiert das? Wir haben vom Publikum gesprochen, vom Thema und von den Projekten. In der Organisation selbst spielt Teilhabe vermutlich auch eine wichtige Rolle?

Man sollte immer die Frage mitdenken, welche gesellschaftlichen Gruppierungen in der eigenen Organisation repräsentiert sind. Mittlerweile sind in Kulturorganisationen viele Frauen eingebunden. Aber immer noch gibt es ein Gefälle, auf welchen Ebenen sie mitwirken. Selbst im Kulturbereich sind sie weniger an den gut bezahlten Schaltstellen zu finden als bei ausführenden bzw. unbezahlten Tätigkeiten. Auch Migrant*innen oder Geflüchtete sind viel zu selten in die Organisationen eingebunden – oft nicht einmal in den unbezahlten Bereichen wie zum Beispiel Vorstandstätigkeiten und noch weniger in bezahlten oder gar gut bezahlten Positionen. Bei einer Organisation in der Größenordnung des Festivals der Regionen hat man nicht sehr viel Spielraum. Aber wir versuchen, diese Dinge zu berücksichtigen, also dass auch Frauen in Entscheidungspositionen sitzen, dass wir Menschen mit Migrationshintergrund miteinbeziehen und Ähnliches. Aber natürlich ist das ein Anliegen, das noch lange nicht erfüllt ist bzw. das immer im Werden bleiben wird.

 

„Vor lauter Feigheit gibt es kein Erbarmen“ von Andreas Gruber. Foto: Nick Mangafas

 

„Eine andere Herausforderung ist die Erreichbarkeit. An der sind wir sehr oft gescheitert.“

 

Wo siehst du die größten Unterschiede zwischen dem städtischen und dem ländlichen Raum?

Ich glaube, dass es in Ballungszentren mehr Publikum gibt, also mehr Personen, die am Abend Zeit und Lust haben, auf eine Kulturveranstaltung zu gehen, während es am Land mehr Menschen gibt, die selbst Produzentinnen und Produzenten sind. Dort gibt es aber aus unterschiedlichen Gründen, wie vorher schon gesagt, weniger Publikum.

Eine andere Herausforderung ist die Erreichbarkeit. An der sind wir sehr oft gescheitert. Zum Beispiel haben wir für unser Eröffnungskonzert im Rahmen von Soziale Wärme viele Workshops an Schulen durchgeführt, wo wir großartige Erfahrungen mit den Schülerinnen und Schülern gemacht haben. Es war unglaublich, wie schnell sie von Ondamarela begeistert waren. Es hätten sicher viele bei diesem Projekt mitgemacht, wäre da nicht die Frage der Erreichbarkeit gewesen. Am Land müssen Schülerinnen und Schüler oft von ihren Eltern irgendwohin gebracht werden. Man kann zwar im Vorfeld, in der Schule, mit ihnen arbeiten, aber ob sie dann tatsächlich zur Aufführung kommen können, ist fraglich. Die Eltern sind verständlicherweise nicht immer bereit, sie – zusätzlich zum Reitunterricht oder Kindertheater – zu noch einer weiteren Veranstaltung zu bringen. Mobilität ist ein großes Thema am Land.

Anita Moser, Andrea Hummer (2020): Nicht wie ein UFO in einer Region landen. Andrea Hummer im Gespräch mit Anita Moser über Möglichkeiten und Grenzen kultureller Teilhabe beim Festival der Regionen. In: p/art/icipate – Kultur aktiv gestalten #11 , https://www.p-art-icipate.net/nicht-wie-ein-ufo-in-einer-region-landen/