Politischer Antirassismus und Kunstinterventionen

Interventionen im Rahmen des Politischen Antirassismus

Interventionen sind, abhängig vom Zusammenhang, in dem sie eingesetzt werden, und ob sie sich auf etwas Vorangegangenes beziehen und/oder einen tradierbaren Zusammenhang aufweisen, Formen im Sinne von festgelegten Bewegungsabläufe, Techniken im Sinne von Können und Wissen sowie taktische und strategische Vorgangswesen und politische Instrumente. Im Rahmen des politischen Antirassismus wurden mehrere Bereiche identifiziert, in denen Interventionen, zwecks Erzielung von Wirksamkeiten, möglich und erwünscht sind. Das Wirken gegen Rassismen in der Gesellschaft erfordert eine ständige Auseinandersetzung auf mehreren Ebenen. Diese Ebenen und die entsprechenden Instrumente des politischen Antirassismus werden im Folgenden vorgestellt.

Das Instrumentarium „Normalität begreifen“ wird eingesetzt, um die bestehenden Konsensverhältnisse als sozial produziert zu entlarven. Ein Teil dieses Verfahrens ist es daher, die Naturalisierungsverfahren der konsensual vermittelten Herrschaftsverhältnisse nachvollziehbar zu machen, um zu zeigen, dass Selbstverständlichkeiten eben nicht selbstverständlich sind, sondern hergestellt und gesellschaftlich produziert werden. Der Konsens ist keine Bedingung der Demokratie, sondern lediglich eine Form ihrer Artikulation, die in unserer Gesellschaft dazu geführt hat, dass alles Konsensuale entsprechend der vorgegebenen Richtlinien zu erfolgen hat. Was ist aber, wenn diese Richtlinien solche sind, die viele Gruppen in der Gesellschaft ausschließen? Für diese Gruppen gibt es dann nur die Möglichkeit, aus ihrer politischen Isolationszelle aufzubrechen und den herrschenden Konsens in Frage zu stellen. Diese Infragestellung durch politisch tätige Subjekte kann jedoch nicht in einem leeren Raum erfolgen, sondern erfordert Vorarbeiten. An diesem Punkt kommt ein weiteres Interventionsinstrumentarium zum Tragen. Es wird als „alternative Modelle entwickeln“ bezeichnet und beinhaltet eine kritische Auseinandersetzung mit vielen anderen möglichen Weltverständnissen und ihrer möglichen Realisierung. Letzten Endes bedeutet dieses Instrument auch ein „Denken der Utopistik“ (Wallerstein 2002)star (*10) und der utopistischen Räume, in denen das Begehren von allen einen legitimen Platz einnehmen kann. Die Wiederentdeckung des Gedankens der Gleichheit gehört zu diesem Begehren. In diesem Zusammenhang ist auch das Instrument der „Historisierung als Strategie“ zu verorten: Es ist ein Blick zurück auf das eigene Begehren und die Kontinuitäten, die außerhalb der eigenen Subjektposition erfolgt sind. Den Versuch, die Gesellschaft im Allgemeinen und die eigene Lage in der Gesellschaft im Besonderen zu verändern, haben viele Generationen vor uns unternommen. „Historisierung als Strategie“ meint in diesem Zusammenhang, diese Versuche und die Geschichte dieser Versuche sicht-, hör- und begreifbar zu machen und ihnen die notwendige Anerkennung zu zollen. Die Geschichte wird demnach als eine gute Lehrerin im Hinblick auf eine mögliche Stärkung der eigenen politischen Subjektposition verstanden. Ein Beispiel für die „Historisierung als Strategie“ sind die derzeit laufenden Bemühungen um ein „Archiv der Migration“*3 *(3).

Ein weiteres für unmittelbare politische Aktivitäten wichtiges Interventionsinstrument ist die „Allianzenbildung“, die entlang des Versuchs erfolgt, die eigene Position in der Gesellschaft zu stärken. Sie hat einen kurzfristigen Charakter, hinterlässt aber Spuren, die von verschiedenen anderen AkteurInnen an anderen Orten verfolgt werden (können).

Zu den weiteren konkreten politischen Instrumenten des politischen Antirassismus gehören (Self-)Empowerment, also die Stärkung der Positionen der Diskriminierten in vielen sich konkret vollziehenden Situationen, wie zum Beispiel die Unterstützung von Protestaktionen der schwarzen Community anlässlich der Tötung von Marcus Omofuma am 1. Mai. 1999 mit notwendiger und unbedingter Distanz zu Entscheidungsebenen, um eine AdvokatInnenposition zu vermeiden. Diesen positiven Ansatz verfolgen die UnterstützerInnen der Refugeebewegung*4 *( 4 ), die sich 2012 in Wien formiert hat.

Das Wissen über eine erfolgreiche Initiierung und Inszenierung eines Konflikts gehört ebenfalls zu den Interventionsinstrumenten des politischen Antirassismus. Ein Konflikt ist ein Raum, der viele Ebenen und gesellschaftliche Positionen fokussiert und vieles, was zumeist (bewusst) verborgen und unterdrückt wird, zum Vorschein bringen kann. Dieses Potential von Konflikten ist darauf zurückzuführen, dass er entlang der Konfliktlinie die gesellschaftliche und persönliche Aufmerksamkeit sensibilisieren kann.

Nicht zuletzt gehört zu den Instrumenten des politischen Antirassismus auch die Hinterfragung der eigenen gesellschaftlichen Position. Wir stehen nicht abseits der rassistisch organisierten Gesellschaft, sondern sind ein Teil von ihr. Demnach wäre zu fragen: Welche Position nimmt jeder und jede einzelne von uns in der Gesellschaft ein? Wie erfolgen gesellschaftliche Prozesse, an denen wir uns beteiligen? Wer profitiert bei diesen Prozessen und wer verstummt? etc. Diese Fragen haben, ebenso wie die verschiedenen Interventionsinstrumente, ihre Dauer, ihre Orte und auch ihre Traditionen.

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Bourdieu, Pierre (2013) Politik. Frankfurt a. M.: Suhrkamp

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Bourdieu, Pierre (1993) Sozialer Sinn. Frankfurt a. M.: Suhrkamp

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Bratić, Ljubomir (2012) Politischer Antirassismus. Wien: Löcker

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GEMMI (2005) 1000 Jahre Haft, Wien, Eigenverlag. Verfügbar unter: http://no-racism.net/upload/424899865.pdf (18.01.2014)

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Marx, Karl (1962) Kapital. Band I. Berlin: Dietz. Verfügbar unter: http://www.mlwerke.de/me/me23/me23_000.htm (20.01.2014)

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Moulier Boutang, Yann (2002) Nicht länger Reservearmee. Thesen zur Autonomie der Migration und zum notwendigen Ende des Regimes der Arbeitsmigration. In: subtropen / Jungle World Nr. 28, 5. Verfügbar unter: http://jungle-world.com/artikel/2002/14/24171.html (18.01.2014)

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Ranciére, Jacques (2002) Das Unvernehmen. Frankfurt a. M.: Suhrkamp

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Schroer, Markus (2006) Räume, Orte, Grenzen. Frankfurt a. M.: Suhrkamp.

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Wallerstein, Immanuel (2002) Utopistik. Wien: Promedia

1964 wurde der Anwerbevertrag zwischen Österreich und der Türkei und 1966 zwischen Österreich und Jugoslawien unterzeichnet. Wie befinden uns im Jahr 2014, also in einem Jubiläumsjahr: 50 Jahre nach der offiziellen Anwerbung von Arbeitskräften aus der Türkei. Allerdings scheint ein halbes Jahrhundert Migration nach Österreich für die offiziellen Stellen in Österreich nicht sehr inspirierend zu sein, um mit den üblichen Feierlichkeiten an das Jubiläum zu erinnern.

Praxis wird hier im Sinne von Bourdieus „Praxeologie“ (Bourdieu 2003) gedacht. Diese ist folglich unumkehrbar, dringlich und zeitlich bedingt. Sie erfolgt durch Leiblichkeit und sie ist distanzlos. Ein Beispiel aus der antirassistischen Praxis sind die Protestmaßnahmen gegen Abschiebungen oder die in Jahren 2000 und 2001 erfolgten Aktionen bei Gerichtsprozessen gegen 127 Personen, die während der „Aktion Spring“ (GEMMI 2005) verhaftet wurden.

Unter Politik wird hier die gesellschaftliche Ebene der Verwaltung, der Parteien und Interessensvertretungen, also alles das, was Jacques Ranciére (2002) Polizei nennt, verstanden.

Leider sind in den PDF-Versionen einige Sonderzeichen nicht richtig umgewandelt. Wir entschuldigen uns dafür!

Ljubomir Bratić (2014): Politischer Antirassismus und Kunstinterventionen. In: p/art/icipate – Kultur aktiv gestalten #04 , https://www.p-art-icipate.net/politischer-antirassismus-und-kunstinterventionen/