Politischer Antirassismus und Kunstinterventionen

Das politische Feld und die Kultur- und Kunstfelder stehen in einem wechselseitigen Verhältnis zueinander. Die PolitikerInnen in ihrer gezwungenen hinterhältigen Mittelmäßigkeit können höchstens Begriffe und verkürzte, vereinfachte Inhalte transportieren. Vor diesem Hintergrund ist es nie ein „naiver Zufall“, welche Worte von wem und wo verwendet und geprägt werden. Es sind bewusst gewählte Handlungen, wenn an bestimmten, für die Öffentlichkeit zentralen Orten, wie im Parlament, viele Male Worte und Diskurse wiederholt werden. Mit der Differenzierung des Inhaltsgehalts der Begriffe die auch die Funktion hat, andere mögliche Inhalte auszuschließen befassen sich die Kultur- und KunstproduzentInnen. Sie liefern die Argumente, warum ein Sachverhalt gegenwärtig so ist und nicht anders sein kann.

Eine Intervention der Kunst, ein Eingriff in die Zusammenhänge des politischen Felds seitens der KunstproduzentInnen, erfolgt entlang dieser Ausschlusslinien: Beispielsweise die Hinterfragung der diskursiven Selbstverständlichkeiten wie etwa die jahrzehntelange öffentliche Annahme, dass der Name „Kolaric“*6 *( 6 ) für die Bezeichnung der MigrantInnen aus Jugoslawien steht. Eine Intervention ist eine Parteinahme für eine bestimmte Denkweise. Intervenieren im Kultur- und Kunstfeld heißt Diskursarbeit zu leisten mit dem Ziel, an Verschiebungen der bestehenden Normalitäten zu arbeiten und demzufolge das politische Moment in der Kunst zu bejahen. Politisch-antirassistisch handelnde KünstlerInnen intervenieren in die Gesellschaft entlang der Handlungs- und Denklinien, die im Text bereits angesprochen wurden. Sie ermöglichen es, die Normalität zu begreifen. Sie leisten eine Historisierung bestimmter bisher verborgener Sachverhalte und eine Arbeit an der Utopie. Diese Momente künstlerischer Interventionen zeigen sich am Beispiel des in Wien ansässigen Chors Hor 29 Novembar, der am 14. August 2013 eine öffentliche Probe im Wiener Augarten veranstaltete. Der Anlass dafür war, dass sich am gleichen Tag im Jahr 1972 in diesem Park mehrere Tausende MigrantInnen, die durch die österreichische „Gastarbeiter“-Politik von Jugoslawien nach Österreich geholt wurden, versammelten, um gemeinsam zu singen, zu tanzen und zu essen. Die MigrantInnen, die in den 1960er und 1970er Jahren lediglich als „GastarbeiterInnen“ wahrgenommen und denen kaum Freizeit und die selbstbestimmte Nutzung von öffentlichen Räumen zugestanden wurde, hatten sich einen Teil der Parkfläche angeeignet. Die Reaktion seitens der Behörden war ihre Verdrängung auf die damals noch nicht erbaute Donauinsel. Von diesem Ereignis wissen die wenigsten Menschen in Österreich, nicht zuletzt, weil die kulturellen und politischen Aktivitäten von MigrantInnen nicht Teil der dominanten österreichische Geschichtsschreibung sind. Der Chor 29 Novembar thematisiert mit seinem Auftritt im Augarten die Aktivitäten von MigrantInnen und macht sie dadurch als kulturell und politisch handelnde Subjekte sichtbar.

Foto: Michael Kalivoda

Foto: Michael Kalivoda

Anhand dieses Beispiels wird deutlich, wie der Chor 29 Novembar als singendes und intervenierendes Kollektiv in bestehende Diskurse eingreift und die Frage nach der Konstruktion von nationaler Geschichte und Identität zu einem Thema macht, das öffentlich und unter Berücksichtigung der minorisierten Geschichten stattfinden soll. Der Chor interveniert folglich zugunsten der Geschichten der Migration und der kulturellen und politischen Aktivitäten von MigrantInnen. So gesehen ist jede Kultur- und Kunstproduktion, die sich am politischen Antirassismus orientiert, immer auch politisch.

 

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Bourdieu, Pierre (2013) Politik. Frankfurt a. M.: Suhrkamp

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Bourdieu, Pierre (1993) Sozialer Sinn. Frankfurt a. M.: Suhrkamp

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Bratić, Ljubomir (2012) Politischer Antirassismus. Wien: Löcker

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GEMMI (2005) 1000 Jahre Haft, Wien, Eigenverlag. Verfügbar unter: http://no-racism.net/upload/424899865.pdf (18.01.2014)

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Marx, Karl (1962) Kapital. Band I. Berlin: Dietz. Verfügbar unter: http://www.mlwerke.de/me/me23/me23_000.htm (20.01.2014)

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Moulier Boutang, Yann (2002) Nicht länger Reservearmee. Thesen zur Autonomie der Migration und zum notwendigen Ende des Regimes der Arbeitsmigration. In: subtropen / Jungle World Nr. 28, 5. Verfügbar unter: http://jungle-world.com/artikel/2002/14/24171.html (18.01.2014)

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Ranciére, Jacques (2002) Das Unvernehmen. Frankfurt a. M.: Suhrkamp

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Schroer, Markus (2006) Räume, Orte, Grenzen. Frankfurt a. M.: Suhrkamp.

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Wallerstein, Immanuel (2002) Utopistik. Wien: Promedia

1964 wurde der Anwerbevertrag zwischen Österreich und der Türkei und 1966 zwischen Österreich und Jugoslawien unterzeichnet. Wie befinden uns im Jahr 2014, also in einem Jubiläumsjahr: 50 Jahre nach der offiziellen Anwerbung von Arbeitskräften aus der Türkei. Allerdings scheint ein halbes Jahrhundert Migration nach Österreich für die offiziellen Stellen in Österreich nicht sehr inspirierend zu sein, um mit den üblichen Feierlichkeiten an das Jubiläum zu erinnern.

Praxis wird hier im Sinne von Bourdieus „Praxeologie“ (Bourdieu 2003) gedacht. Diese ist folglich unumkehrbar, dringlich und zeitlich bedingt. Sie erfolgt durch Leiblichkeit und sie ist distanzlos. Ein Beispiel aus der antirassistischen Praxis sind die Protestmaßnahmen gegen Abschiebungen oder die in Jahren 2000 und 2001 erfolgten Aktionen bei Gerichtsprozessen gegen 127 Personen, die während der „Aktion Spring“ (GEMMI 2005) verhaftet wurden.

Unter Politik wird hier die gesellschaftliche Ebene der Verwaltung, der Parteien und Interessensvertretungen, also alles das, was Jacques Ranciére (2002) Polizei nennt, verstanden.

Leider sind in den PDF-Versionen einige Sonderzeichen nicht richtig umgewandelt. Wir entschuldigen uns dafür!

Ljubomir Bratić (2014): Politischer Antirassismus und Kunstinterventionen. In: p/art/icipate – Kultur aktiv gestalten #04 , https://www.p-art-icipate.net/politischer-antirassismus-und-kunstinterventionen/