Über Körper, kulturelle Normierung und die Anforderung einer „Kultur für alle“ im Kontext von Dis_ability

III. Was bedeutet „Kultur und Teilhabe für Alle und mit Allen“? Gedanken zu einer Umsetzung

Das Recht auf Teilhabe an Kultur steht allen Bürger_innen in allen Bereichen in gleichem Ausmaß zu. Das betrifft die Teilhabe am Kulturgut und organisatorische Zugänge gleichermaßen (vgl. Hoffmann 1981: 46).star (*5) Das wurde bereits in den 1970er Jahren festgestellt.

Die größten Barrieren sind die Barrieren in den Köpfen der Menschen!

Das Konzept der Inklusion verspricht Teilhabe für alle. Die Umsetzung und Inklusionspolitik ist jedoch noch immer sehr stark von den Grundprinzipien der Exklusion bzw. dem Grundgedanken der Integration getragen; einem Verständnis, das davon ausgeht, dass das zu integrierende Individuum bzw. die zu integrierende Personengruppe homogen sei und einer Mehrheitsgesellschaft gegenüberstünde (vgl. Georgi 2015: 25;star (*2) s.a. Rathgeb 2012: 10;star (*25) Wansing 2015: 50).star (*19)

Inklusion ist im Gegenteil dazu ein offener, komplexer und multidimensionaler Prozess. Denn der Grundgedanke der Inklusion verwirft Einteilungen und Etikettierungen jeglicher Art und setzt auf die Achtung der Individualität und der Bedürfnisse jedes einzelnen Individuums im Sinne der Menschen- und Bürger_innenrechte. In diesem Prozess geht es um Individualität in einer pluralen, also vielfältigen Lebenswelt. Dabei ist es von zentraler Wichtigkeit, vielfältige strukturelle Ungleichheiten und institutionelle Diskriminierungen, die sich nicht nur auf Behinderung* beziehen, kritisch zu beleuchten (vgl. Georgi 2015: 26;star (*2) Köbsell 2012: 46;star (*10) Rathgeb 2012: 11 f.; 15 f.).star (*25) Reguläre Institutionen und Strukturen müssen geöffnet, sensibilisiert und für Diversität zugänglich gemacht werden, so dass die Teilhabe und Selbstbestimmung jeder einzelnen Person gewährleistet ist. Inklusion ist im Gegensatz zur Integration mit einem Rechtsanspruch verbunden. Hier wird der Ausgleich von Nachteilen, die aus der benachteiligenden Gesellschaftsstruktur entstehen, rechtlich verbindlich hervorgehoben (vgl. Georgi 2015: 27).star (*2)

Um meine Überlegungen und den vorliegenden Artikel abzuschließen, möchte ich zum Schluss neue Denkansätze auf dem Weg in eine vielfältige Gesellschaft vorstellen.

 

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Bee, Melanie (2013): Das Problem mit “Critical Whiteness”. In: an.schläge. Das feministische Magazin. H. 11/13, Jg. 27, S. 28-30.

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Georgi, Viola B. (2015): Integration, Diversität, Inklusion: Anmerkungen zu aktuellen Debatten mit der deutschen Migrationsgesellschaft. In: DIE-Zeitschrift für Erwachsenenbildung, Ausgabe 2, S. 25-27. Online unter: https://www.die-bonn.de/id/31360/about/html (31.07.2018)

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Hinz, Andreas (2015): Inklusion – mehr als nur ein neues Wort?! Integrationsbegriff – selbstverständlich und unklar. In: Heinrich-Böll-Stiftung (Hrsg.): Inklusion. Wege in die Teilhabegesellschaft. Frankfurt/New York: Campus Verl., S. 286-291.

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Hoffmann, Hilmar (1981): Kultur für Alle. Perspektiven und Modelle. Frankfurt am Main: Fischer Taschenbuch-Verl.

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Quix-Kollektiv (2016) (Hrsg.): Inter*/ Trans*. In: Broschüre Gender_Sexualitäten_Begehren. Wien: Quix-Kollektiv für kritische Bildungsarbeit in der machtkritischen und entwicklungspolitischen Bildungsarbeit. Online unter: https://www.quixkollektiv.org/publikationen (31.07.2018).

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Köbsell, Swantje (2012): Integration/Inklusion aus Sicht der Disability Studies: Aspekte aus der internationalen und der deutschen Diskussion. In: Rathgeb, Kerstin (Hrsg.): Disability Studies. Kritische Perspektiven für die Arbeit am Sozialen (Band 14). Wiesbaden: Springer VS-Verl., S. 39-54.

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Löhrmann, Sylvia (2015): Inklusion als gesellschaftliche Herausforderung Chancen und Risiken der zukünftigen Gesellschaft. In: Heinrich-Böll-Stiftung (Hg.): Inklusion. Wege in die Teilhabegesellschaft. – Frankfurt/New York: Campus Verl., S. 292.

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Mayer, Stefanie (2013): Situierte Kritik. In: an.schläge. Das feministische Magazin. H. 11/13, Jg. 27, S. 26-27.

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Magdlener, Elisabeth (2017): It’s Time for Crip Feminism! In: an.schläge. Das feministische Magazin. H. 4/17, Jg. 31, S. 18-19.

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Magdlener, Elisabeth (2015): Dis_ability und der Umgang mit Normvorstellungen – Queer Dis_ability Studies und Crip Theory. In: Fiber-Kollektiv (Hrsg.): Wien – Fiber_ Feminismus. Zaglossus-Verl., S. 186-195.

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McRuer, Robert (2006b): Crip Theory. Cultural Signs of Queerness and Disability. New York/London: New York University Press.

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Rathgeb, Kerstin (2012) (Hrsg.): Disability Studies. Kritische Perspektiven für die Arbeit am Sozialen. (Bd. 14). Wiesbaden: Springer Verlag.

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Rebl, Vera (2008): DanceAbility. Im Tanz – wo Sprache endet wird Bewegung zur Kommunikation. In: Wege miteinander. H. 1, Jg. 22, S. 54-55.

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Röggla, Katharina (2013): Critical Feelgood-Faktor. In: an.schläge. Das feministische Magazin. H. 2/13, Jg. 27, S. 8-9.

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Sierck, Udo (1991): Integration oder Aussonderung? Neue Perspektiven für alte Themen in der Behindertenpolitik. In: Dr. med. Mabuse. Zeitschrift für das Gesundheitswesen. H. 70, S. 29.

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Waldschmidt, Anne et al. (2017) (Hrsg.): Disability Goes Cultural: The Cultural Model of Disability as an Analytical Tool. In: Culture – Theory – Disability. Encounters between Disability Studies and Cultural Studies. Bielefeld: transcript, S. 19-29.

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Wansing, Gudrun (2015): Was bedeutet Inklusion? Annäherungen an einen vielschichtigen Begriff. In: Degener, Theresia/Diehl, Elke (Hrsg.): Handbuch Behindertenrechtskonvention. Teilhabe als Menschenrecht – Inklusion als gesellschaftliche Aufgabe. Bonn: Bundeszentrale für politische Bildung, S. 43-51.

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Baumgartinger-Seiringer, Persson,  P. (2008): Lieb[schtean] Les[schtean], [schtean] du das gerade liest… Von Emanzipation und Pathologisierung, Ermächtigung und Sprachveränderungen. In: Liminalis. Zeitschrift für geschlechtliche Emanzipation. Online unter: www.liminalis.de/2008_02/Liminalis-2008-Baumgartinger.pdf (31.07.2018)

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Herrmann, s_he (2003): Performing the Gap. Online unter: http://arranca.org/ausgabe/28/performing-the-gap (31.07.2018)

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Pineda, Pablo (2009): Europas erster Lehrer mit Downsyndrom. In: Welt Online. Online unter: http://www.welt.de/gesundheit/article3901173/Europas-erster-Lehrer-mit-Downsyndrom.html (10.06.2009).

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Vorweg möchte ich festhalten, dass ich den Begriff „Dis_ability“, also „Behinderung“ in diesem Artikel stellenweise sehr stark auf körperliche Behinderung* beziehen werde. Der Inhalt des Beitrags betrifft jedoch gleichermaßen Ability in Bezug auf psychische und mentale Zusammenhänge sowie chronische Erkrankung* u.v.m. Die Schreibweise des Unterstrichs wird im Sinne einer Widerständigkeit synonym mit jener des Sternchens verwendet, um einseitige gesellschaftliche Zuschreibungen und Bewertungen hinsichtlich Behinderung, Geschlecht etc. sichtbar und flexibler zu machen und damit aufzuweichen. Dabei verwende ich den Unterstrich sowie das Sternchen auch in Bezug auf Behinderung etc., um auch dies gebräuchlich zu machen (vgl. Baumgartinger 2008 insbes. S. 26 ff., 34; Herrmann aka s_he 2003).

Im Verlauf dieses Artikels werde ich, im Gegensatz zu den Gebräuchlichkeiten, Begriffe kursiv bzw. unter Anführungszeichen schreiben, um gesellschaftlich existierende Normen hervorzuheben.

Dis_ability kann unterschiedlich geschrieben werden: DisAbility, Dis/ability, Dis_Ability. Ich möchte im folgenden Text durch die unterschiedliche Schreibweise die verschiedenen Möglichkeiten betonen und gleichzeitig auf die vielen „Fähigkeiten“ von Menschen mit DisAbility hinweisen.

Der vorliegende Text ist auf Basis eines Vortrags im Rahmen der Gesprächsreihe „Kultur für alle und mit allen“ am Schwerpunkt Wissenschaft & Kunst, einer Kooperation der Universität Salzburg mit dem Mozarteum Salzburg, entstanden.

Integration wird von unterschiedlichen Personengruppen schon seit den 1970er-Jahren heftig als Anpassung an die Normen und Vorstellungen der Mehrheitsgesellschaft kritisiert und problematisiert. Die nicht-behinderte Mehrheit ist es beispielweise dann, die über die Integration von behinderten* Menschen entscheidet, nicht aber diese selbst. Integration müsse also immer ein gesellschaftliches Machtgefälle beinhalten, denn die nicht-behinderte gesellschaftliche Mehrheit entscheidet, welche Menschen als „integrierbar“ gelten und welche „nicht“ und welche Integration „gelungen“ ist (vgl. Köbsell 2012: 43; Georgi 2015: 25; Sierck 1991: 29).

Der Begriff Trans*-Person bezeichnet Personen, die nicht das bei der Geburt zugewiesene Geschlecht leben. Mann-zu-Frau = Trans*Frau oder Frau-zu-Mann = Trans*Mann. Manche Trans*-Personen finden sich in der sich gegenseitig ausschließenden Zuordnung von Mann und Frau nicht wieder. Sie erweitern die Vielfalt der Geschlechter jenseits von Mann und Frau (s.a. Quix-Kollektiv 2016: 93). Der Begriff Inter* beschreibt „Menschen, deren Genitalien, Hormonproduktion oder Chromosomen nicht der medizinischen Norm von ‚eindeutig männlichen‘ oder ‚weiblichen‘ Körpern zugeordnet werden können.“ (ebd.)

Aktuell werden diese beschönigend als Tagesstrukturen bezeichnet.

Einzelne Passagen dieses Textes sind aus der Masterarbeit „Cripping Dance and dancing Crips? Über die Verhandlung des Körpers im inklusiven Tanz und das Potenzial des Aufbrechens der Kategorie Disability am Beispiel des Kontakttanzes DanceAbility“, Universität Wien, entnommen und auf die Thematik des Artikels bezogen.

Elisabeth Magdlener (2018): Über Körper, kulturelle Normierung und die Anforderung einer „Kultur für alle“ im Kontext von Dis_ability. In: p/art/icipate – Kultur aktiv gestalten #09 , https://www.p-art-icipate.net/ueber-koerper-kulturelle-normierung-und-die-anforderung-einer-kultur-fuer-alle-im-kontext-von-dis_ability/